Queen Esther Marrow, ein Superstar in der internationalen Gospelszene, wird sich gemeinsam mit den legendären Harlem Gospel Singers ab Mitte Dezember von ihren Fans in Deutschland mit einer fulminanten "Best-Of-Show" verabschieden. Im prisma-Interview blickt die Königin des Gospels zurück auf ihre einzigartige Karriere.

Wie hat sich die Show und die Musik der Harlem Gospel Singers in den vergangenen 25 Jahren verändert? Ich habe den Eindruck, es ist wesentlich poppiger und souliger geworden...

Die Musik hat sich in den letzten 25 Jahren genauso verändert wie unser Publikum. Gospel ist und bleibt als Musik die Basis unserer Show. Aber insbesondere für junge Leute zelebrieren wir auch das afrikanische und amerikanische Musik-Erbe, den Jazz und den Blues und alle anderen Arten der Musik! "Afrikanische Amerikaner" beeinflussen alle Genres der Musik. Wir wollen das widerspiegeln.

Eine schöne Kirchenstimme zu haben, reicht nicht aus, um die enorme Bühnenpräsenz der Harlem Gospel Singers zu erklären. Was müssen Ihre Sängerinnen und Sänger sonst noch mitbringen?

Unsere Sänger bringen natürlich große Stimmen mit, das ist Grundvoraussetzung. Genauso wichtig ist aber auch die Liebe zur Performance und der Wunsch, mit dem Publikum eins zu sein.

Nach welchen Kriterien wurden die Songs der "Best of"-Tour ausgewählt?

Das Publikum kann sich auf die Lieder freuen, die sie über die Jahre hinweg mit den Harlem Gospel Singers verbinden. Wir bringen aber auch authentische Spirituals und einige Überraschungen auf die Bühne.

Gibt es einen Song, der Sie in Ihrer Karriere besonders berührt hat?

Oh, da gibt es so viele Lieder, die meine Karriere berührt haben. Sie bedeuten mir alle viel. Ich denke da vor allem an Duke Ellingtons "In My Solitude" und "Come Sunday". Die beiden Songs sind mir wichtig zu erwähnen, da sie mit Ellington zusammen gemacht wurden. Das bedeutet mit sehr viel.

Was macht einen guten Gospel-Song aus?

Ein großer Gospel-Song sollte dein Herz berühren und mit der Seele verbunden sein. Er sollte Dich inspirieren. Und er ist eine perfekte Verbindung von Lyrik und Melodie.

Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der allen Songs der Harlem Gospel Singers gemein ist, eine Botschaft?

Der rote Faden ist in allen unseren Liedern zu erkennen. Er ist die Verbindung mit Gottes Liebe und wie diese unser Leben beeinflussen kann.

Entdeckt wurden Sie vom Jazz-Musiker Duke Ellington. Können Sie sich noch an die erste Begegnung erinnern?

Oh ja, ich sang Duke Ellington in seinem Wohnzimmer "How great Thou Art" mit Billy Strafhorn am Klavier vor. Ich war wirklich nervös und werde diesen Tag niemals vergessen.

Ella Fitzgerald, Harry Belafonte, Ray Charles, Chick Corea, Bob Dylan: Sie haben mit dem "who is who" der jüngeren Musikgeschichte zusammen gearbeitet. Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Jede Erfahrung, die ich mit anderen Künstlern machte, gab mir sehr viel. Vor allem die Erfahrung mit Duke Ellington beeinflusste mich sehr. Ich sehr jung war und saugte alles auf wie ein Schwamm.

Sie haben für den Papst und drei amerikanische Präsidenten gesungen, Sie haben den Bürgerrechtler Martin Luther King im Kampf gegen Unterdrückung unterstützt. Welche Persönlichkeit hat Sie am meisten beeindruckt?

Das Treffen mit Martin Luther King war ein Highlight meiner Karriere. Aber da sind wirklich so viele Leute, die mich im Laufe meiner Karriere beeinflusst haben. Musiker, Autoren, Papst Johannes Paul II., ich könnte stundenlang die Namen aufzählen. Ich habe so viele bedeutende Menschen getroffen, die mich nachhaltig geprägt haben.

Hand auf's Herz, wer von den amerikanischen Präsidenten hat bei Ihnen mitgeswingt und war der musikalischste?

Bill Clinton war der musikalischste. Er hat eine herzliche Ausstrahlung und liebt alle Arten der Musik. Ja, man kann sagen, er verfolgt wirklich die Musik-Szene.

Tourneen kosten viel Kraft. Wie tanken Sie auf einer Tournee Kraft?

Du musst lieben, was du tust. Meine Energie kommt von der Liebe zur Musik und der Liebe zu den Menschen. Ich bekomme viel Kraft von meinem Publikum und ich liebe die Performance auf der Bühne.

Wie schalten Sie ab, wenn die Scheinwerfer nach dem Auftritt erloschen sind?

Klar, durch die Energie, die mir mein Publikum gibt, dauert es eine ganze Weile herunterzukommen. Wenn ich in meinem Hotelzimmer bin, dann lese ich, höre Musik oder telefoniere mit meinen Freunden und meiner Familie zu Hause.

Sie waren sehr oft in Deutschland zu Gast. Gibt es etwas, dass Sie an Deutschland lieb gewonnen haben und künftig vermissen werden?

Ich lernte die Deutschen zu lieben und ich werde sie vermissen. Sie sind wie eine Familie für mich.

In Deutschland haben Sie mit Xavier Naidoo für das Album "Legend" zusammen gearbeitet ...

Es hat mir Freude gemacht, mit Xavier zusammen zu arbeiten. Ich mag seine Kreativität und seine Texte sehr. Die Arbeit mit ihm kam durch meine Freundin und Produzentin der Harlem Gospel Singers, Roseanne Kirk, zustande.

Abschiedstourneen haben ja schon viele Künstler gemacht – um nach drei, vier Jahren zurück zu kommen. Ist bei Ihnen jetzt definitiv Schluss?

Dies ist wirklich meine Abschiedstour, da ich danach in eine neue Phase meines Lebens starte. Ich werde mich auf meine Solokarriere in den USA konzentrieren. Das ist eine neue, aufregende Erfahrung. Ich möchte Jazz singen und mit meiner Mutter mehr Zeit verbringen. Ich liebe das Reisen und die Arbeit mit den Harlem Gospel Singers, aber nun ist die rechte Zeit, um Lebewohl zu sagen.

Das Interview führte Matthias M. Machan.