Gestresst, aggressiv, hoffnungslos – was läuft falsch mit unseren Kindern?

Friedrich Hölderlin dichtete im Gehen. Für seine rhythmisch anspruchsvollen Verse war der große Lyriker stundenlang unterwegs, über Stock und Stein, bei Wind und Wetter. Nur so fanden Körper und Geist zu einer Einheit, nur so konnte er dem Leid der Liebe und dem Schrecken des Alltags schöpferisch trotzen.

Der Primarschullehrer Eduard Buser (62) aus Solothurn (Schweiz) hat das Hölderlinsche Vorbild auf seine Fünft- und Sechstklässler übertragen. "Kinder", sagt er, "brauchen zum Lernen Bewegung. Immer stillzusitzen ist überholt. Wenn sich Schüler während des Unterrichts bewegen, lernen sie leichter und sind motiviert."

In der Umsetzung mag das ein wenig komisch wirken, wenn etwa auf einem Holzbalken balancierend Rechnungen gelöst oder mit Bällen jonglierend Goethe-Gedichte aufgesagt werden. Doch die Wissenschaft ist ganz bei Buser und anderen Verfechtern des bewegten Unterrichts. Das sogenannte "mehrkanalige Lernen" fördere die Aufnahme von Informationen über mehrere Sinne, was wiederum dazu führe, dass die Eindrücke besser im Gedächtnis haften bleiben. Sport tut not.

In einer Gesellschaft, in der die Kinder selbst für simpelste Verabredungen mit Klassenkameraden von einem Elternteil chauffiert werden müssen, weil in der unmittelbaren Umgebung kaum gleichaltrige und gleichschulige Kinder zu finden sind, wird jede körperliche Aktivität zu einer wertvollen Entwicklungseinheit.

Umso schlimmer, wenn der Sportunterricht nur zwei- oder dreimal pro Woche eher beiläufig ins Unterrichtspensum eingeschoben wird. Mens sana in corpore sano, wussten die alten Römer – ein leistungsfähiger Geist bedarf der körperlichen Voraussetzung.

Doch in vielen Ländern der westlichen Zivilisation des 21. Jahrhunderts müssen Pädagogen immer noch (oder mehr denn je) darum kämpfen, dass Sport an ihrer Schule ernstgenommen wird.

Wissenschaftliche Belege für positive Auswirkungen von Sport auf Gehirnfunktionen und Lernfähigkeit existieren zuhauf. Zum Beispiel hat das Transferzentrum der Universität Ulm in einer Studie gezeigt, dass körperliche Bewegung im Kraft- und Ausdauerbereich die "exekutiven Funktionen" anrege. Soll heißen, das Arbeitsgedächtnis wird gestärkt und der Antrieb, sich zu motivieren und etwas zu leisten, erhöht sich.

Von einer täglichen Stunde Sport in der Schule, und sei es vor Beginn des Paukunterrichts, sind wir dennoch weiter denn je entfernt. Warum? Weil immer mehr Lernstoff in den Unterricht gepackt wird und in immer kürzerer Zeit zu bewältigen ist.

Das hat Folgen. Laut einer Umfrage der Universität Bielefeld im Auftrag der "Bepanthen"-Kinderförderung beginnt der Stress in Deutschland im Kinderzimmer. Jedes sechste Kind (6 bis 11 Jahre) und jeder fünfte Jugendliche (12 bis 16 Jahre) leidet unter Stress. Die negativen Folgen sind enorm. Gestresste Kinder entwickeln Versagensängste und Depressionen, woraus sich oft eine Neigung zu Aggressionen ergibt.

Bei der Ursachenforschung gelangen besonders deutsche Medien selten über absurde Randerscheinungen hinaus. Da werden autoritäre Mütter ("Tiger-Muttis") mal zur guten, mal zur schlechten Seite hin diskutiert. Entweder treiben sie ihr Kind mit unerbittlicher Strenge zur Höchstleistung (was den Stress wohl nur potenziert), oder sie manipulieren ihre Kinder aus weiblicher Herrschsucht in eine Mama-Abhängigkeit.

Andere Familientherapeuten fordern "mehr Leitwolfmentalität" der Eltern, was immer das sein mag. Dann wieder wird daran erinnert, dass ein "behütetes Aufwachsen" nichts als negative Konsequenzen für das spätere Leben habe.

Die sprudelnden Erziehungskonzepte, die schnell in Buchform gegossen sind und bereitwillig von Illustrierten nachgeplappert werden, werfen den Ball des Anstoßes zurück ins Elternhaus und lenken vom Schulsystem und seinen Ungereimtheiten ab.

Es ist ja nicht nur der Sport, der auf fahrlässige Weise verkümmert, es ist die Schullogik selbst. In den meisten Bundesländern wurde das Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt – bei gesteigertem Lehrstoff-Pensum. Wie soll das gehen?

Überdies lauern hinter den klassischen Fächern die Forderungen nach Kompetenzerweiterung: Finanzkompetenz, Digitalkompetenz, Sozialkompetenz, Mediensicherheit, Fremdsprachen, je mehr desto besser. Das Musische, das zum Gymnasium gehört wie der Kranz zum Advent, wird schnell mal an den Rand gedrückt. Der Sport erst recht.

Mittlerweile existieren mehr "Gyms" als brauchbare Gymnasialturnhallen, aber in den Muckibuden wird ordentlich abkassiert. In Deutschland hat man sich, anders als im europäischen Umland, die Sache einfach gemacht: Unendlich viel Stoff wird in den Vormittag gepresst, der notwendige Schritt zur Ganztagsschule (mit längeren Pausen zwischen den Unterrichtsstunden, Schulaufgabenräumen und Kantinen, die den Namen verdienen) aber eingespart. Kein Geld. Leidtragende sind die Kinder.

Man denke, und das nicht nur nebenbei, an Hauptschüler der fünften Klasse, an die Zurückgebliebenen, für die erst kürzlich jeder Zug in ein besseres Leben abgefahren ist. Für viele Lehrer ist dies ein "Horror-Jahrgang" voll aggressiver Hoffnungslosigkeit. Die Politik interessiert sich nicht dafür.

Die "Bepanthen"-Studie berichtet von einem weiteren Kreis Jugendlicher mit extremer Belastung: Sie übernehmen die Aufgaben von abwesenden oder handlungsunfähigen Eltern – Kinder im Hamsterrad.

Sie erziehen ihre Geschwister, deichseln Behördengänge, managen den Haushalt. Kinder mitten in Deutschland, für die ein Stündchen Unbeschwertheit bei Spiel und Sport wie Geburtstag wäre.