Eremiten, Schiffbrüchige und Aussteiger haben gefälligst einen langen, verfilzten Bart zu tragen. Sie müssen in zerrissener Kleidung rumlaufen, ungepflegt aussehen und am besten auch ein wenig wild. So will es das Gesetz der Geschichten rund um solche Menschen – von Robinson Crusoe über Chuck Noland und Kaspar Hauser bis hin zu Christopher Mc-Candless.

Als der US-Bürger Christopher Knight jedoch 2013 von der Polizei bei einem nächtlichen Einbruch ertappt und verhaftet wird, wirkt er alles andere als ungepflegt und wild. Zwar hat Knight einen langen Bart, aber vor den Polizisten steht ein ansonsten unauffälliger Endvierziger mit einer schmalen Brille, sauber gekleidet, äußerlich ruhig. Dabei hatte Knight die vorangegangenen 27 Jahre in den dichten Wäldern des US-Bundesstaates Maine verbracht, in absoluter Einsamkeit. Ernährt hatte er sich durch kleinere Einbrüche, bei denen er sich auch Kleidung und Ausrüstung besorgte, gelebt hatte er in einem einfachen Zelt – sommers wie winters. In der Gegend von North Pond war Knight durchaus bekannt, schließlich gab es kaum einen Hausbesitzer, bei dem Knight noch nicht eingebrochen war. Doch gesehen hatte ihn bis jetzt niemand – mit Ausnahme eines Wanderers, wie Knight später zu Protokoll geben wird.

Der als "North Pond Hermit" bekannt gewordene Knight war 1986 bei einem Ausflug einfach verschwunden. Die Gründe dafür: bis heute unklar. Doch Autor Michael Finkel hat Knight mehrfach getroffen und mit ihm gesprochen und erzählt seine Geschichte jetzt in einem dichten, manchmal erstaunlich sachlichen Buch. Darin schildert er aus dem Alltag dieses so seltsamen Eremiten, aber auch von den Reaktionen der Einheimischen in North Pond, er berichtet von den wenigen Begegnungen mit Knight ebenso wie von dessen Alltag zwischen dürren Bäumen und ohne menschlichen Kontakt. Ohne Sprache, ohne Liebe, ohne die Gesellschaft.

Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Leben von strengster Disziplin, Abgeschiedenheit und dem Wunsch nach Freiheit geprägt war. Und der trotz dieses Buchs ein Mysterium bleibt. Michael Finkel ist mit "Der Ruf der Stille" (hier bei Amazon bestellbar) ein fesselndes Porträt gelungen, das im Leser aber auch etwas weckt: nicht nur Neugier auf die Beweggründe dieses Christopher Knight und seine Gedanken, sondern vielleicht auch so etwas wie Bewunderung.

Titel: Der Ruf der Stille

Autor: Michael Finkel

Verlag: Goldmann

Seitenzahl: 256

Preis: 18 Euro