"Familien" ist der neue Kölner "Tatort" überschrieben. Wohl wissend, dass dieser Titel der Spannung des Films nicht gut tut. Denn eines ist von Anfang an klar: Es wird wohl nicht der geheimnisvolle Unbekannte gewesen sein, der für die Entführung der jungen Charlotte Ritter verantwortlich war. Das Buch von Christoph Wortberg versteht sich vielmehr als klassische Familientragödie. Was genau geschehen ist an diesem Abend, als die Frau verschwand, offenbart sich tatsächlich erst spät. Bis dahin darf der Zuschauer eifrig mitsuchen nach Täter und Motiv. Ein "Tatort" also für all jene, die sich am Sonntagabend nach der eher klassischen Krimi-Unterhaltung sehnen und mit den künstlerischen und erzählerischen Experimenten im Rahmen der populären Reihe nur wenig anzufangen wissen.

Dass die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) überhaupt von der Entführung erfahren, ist einem Zufall geschuldet. Ivo Klein (Christoph Bertram) ist sturzbetrunken am Ende seines Junggesellenabschieds. Am frühen Kölner Morgen entdeckt er in einem Papierkorb nahe einer Bushaltestelle zufällig eine Tasche, gefüllt mit einer halben Million. Er nimmt sie an sich, torkelt die Straße entlang und wird überfahren. Ganz offensichtlich vom Entführer, der zu spät kam, um sein Geld abzuholen und durchdrehte.

Ein paar Fingerabdrücke später stehen die Ermittler Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig) gegenüber. Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt mit nicht ganz sauberer Vergangenheit hat gezahlt, um seine Enkelin zurückzubekommen, die seit einigen Tagen in den Händen von Entführern ist. Ballauf und Schenk dringen ein in ein komplexes Familiengeflecht.

Da sind die besorgten Eltern von Charlotte, Ines (Nicole Marischka) und Ludwig (Harald Schrott), die in finanziellen Schwierigkeiten sind. Dazu ihr Sohn Paul (Johannes Franke). Er war am Abend der Entführung zusammen mit seiner Schwester Charlotte in einer Bar. Mit dabei war auch Kasper Fröhlich (Anton von Lucke), Charlottes Freund. Es floss eine Menge Alkohol, und irgendwann tauchte dann Philipp Weigel (Simon Böer) auf, ein deutlich älterer Mann, der die junge Charlotte umgarnte, aber zügig wieder vertrieben wurde.

Was anschließend an diesem Abend geschah, bleibt lange im Dunkeln. Charlotte soll allein mit der S-Bahn nach Hause gefahren sein, aber auf den Überwachungsvideos findet sich keine Spur von dem Mädchen, das eine große Zukunft vor Augen hatte. Am gleichen Tag war der Einser-Abiturientin mitgeteilt worden, dass sie ein Studium in den USA würde beginnen können. Sah das ihr Freund womöglich nicht gern?

Über weite Strecken ist dieser WDR-Krimi ein ziemlich konservativ erzählter Entführungsfall, wie es schon so einige im TV zu sehen gab. Dann jedoch führt die erfahrene Krimi-Regisseurin Christine Hartmann den Betrachter tief hinein in ein ziemlich konstruiert wirkendes, aber interessantes Familiengeflecht. Es geht, sagt sie selbst, um "ein Dominosteinchen, das vor Jahren schief gestellt wurde und das nun kippt und alle anderen mit ins Verderben zieht".

Auch wenn einige Dialoge und Monologe eher referierenden Charakter haben, präsentiert der "Tatort" doch eine ganze Reihe interessanter und glaubwürdig gespielter Charaktere. In irgendeiner Weise schuldig sind am Ende erstaunlich viele von ihnen.

Charmant fortgeschrieben wird parallel dazu die neue Figur des dritten Kölners im Bunde. Jütte (Roland Riebeling) fügt sich als fleißiger und ewig hungriger Büro-Assistent gut ein im Kölner Kommissariat. Er wird auch wieder dabei sein im neuen "Tatort: Tiefer Sturz", dessen Dreharbeiten in diesen Tagen zu Ende gehen. Ballauf und Schenk müssen in dem Fall die Hintergründe des Todes eines jungen Drogendealers aufklären.


Quelle: teleschau – der Mediendienst