So sieht er wohl aus, der Albtraum eines jeden Schriftstellers: Eine kleine Buchhandlung in der Provinz, darin dicht gedrängt eine Handvoll Frauen, die artig, aber doch ein wenig gelangweilt der Lesung lauschen. "Ihre letzten Bücher, die sind mir irgendwie zu ironisch, zu kalt", muss sich der Autor dann auch noch anhören. Da hilft nur ein großer Schluck aus dem gut gefüllten Rotweinglas. Henry Hübchen spielt diese bemitleidenswerte Gestalt, Paul Bacher heißt er, im sympathischen Mittwochsfilm "Spätwerk". Einen besseren Hauptdarsteller hätte Regisseur Andreas Kleinert kaum finden können.

Natürlich ist die Geschichte, die der Film über weite Teile erzählt, ein einziges Klischee: Paul Bacher ist einer, der seine großen Jahre schon hinter sich hat und nun mit einer Schreibblockade kämpft. Wie oft hat man das schon gesehen im Kino oder im Fernsehen! Dass man aus dieser ausgelutschten Prämisse dennoch einen guten Film machen kann, ist vor allem das Verdienst von Hübchen. Wie er sich durch diesen Film grantelt, ist eine wahre Schau. Schade aber, dass das Drehbuch von Karl-Heinz Käfer ("Herr Lenz reist in den Frühling") nicht so recht weiß, wo es hinwill. Denn in die Story vom abgehalfterten Schriftsteller wird noch eine Art Kriminalfall gemischt.

Auf der Heimreise von jener unangenehmen Lesung nimmt der Schriftsteller einen jungen Anhalter (Jordan Dwyer) mit, einen hochgradig nervigen Kerl, den Bacher alsbald wieder aus seinem Wagen wirft, anschließend aus Versehen zu Tode fährt und schließlich in polnischer Erde verbuddelt. Das ungewollte Verbrechen bricht Bachers Schreibblockade, inspiriert ihn zu einem neuen Roman. Er beginnt, im Leben des Toten herumzuschnüffeln, betritt dessen Wohnung. Allerdings bleibt diese an sich hochinteressante Überlegung nur Hintergrundrauschen, während "Spätwerk" vor allem die Erzählung einer sehr späten Midlife-Crisis und das Sittengemälde einer dekadent-gelangweilten Schriftstellerelite ist.

Kurz vor der Todesfahrt hatte Paul Bacher noch eine Frau kennengelernt, einen One-Night-Stand ohne Sex zunächst, aus dem bald aber doch mehr wird. Teresa Flößer (Patrycia Ziolkowska) ist selbst erklärte Literaturliebhaberin ("Ich kann sogar riechen, aus welchem Verlag ein Buch kommt"), in der Welt der Schreibenden, in die sie Paul einführt, aber doch fehl am Platze. Den beiden dabei zuzusehen, wie sie einander finden, hat zwar etwas von einer Altherrenfantasie, ist hier aber wunderbar unkitschig inszeniert.

"Ich bin nicht masochistisch genug für die Ehe" – mit solchen Sprüchen tötet Hübchen jeden Anflug von zu viel Herzschmerz rechtzeitig ab. Nur seltsam, dass der Film sich immer nur sporadisch daran erinnert, dass Hauptfigur Paul Bacher ja eigentlich einen Mord begangen hat.


Quelle: teleschau – der Mediendienst