"Hubert ohne Staller": Kritik zum ARD-Wohlfühlkrimi mit Christian Tramitz
Echte Provinzserien-Fans kennen das Phänomen: Es kommt selten vor, aber von manchen Produktionen geht ein solches Wohlgefühl aus, dass sie am liebsten direkt einziehen würden in die fiktionale Welt, die einem da regelmäßig im Fernsehen präsentiert wird. "Mord mit Aussicht" (ARD), das Original mit seiner grandiosen Figurenzeichnung und Caroline Peters als Kommissarin Sophie Haas, war so ein Kleinod. Aus nur etwas anders gelagerten Gründen darf man auch die "Rosenheim-Cops" im ZDF nennen, wo die Mörder zwar im Akkord, aber in einer sonst nirgends auf der Welt zu findenden gemütlichen Beiläufigkeit "gejagt" werden.
Auch in den Kosmos von "Hubert ohne Staller" würden sich manche Serienfans gewiss gerne beamen, wenn sie nur könnten, so schön sind die Kulissen des oberbayerischen Fünfseenlandes, so witzig sind die Fälle der chaotischen Cops, die natürlich mit echter Polizeiarbeit ungefähr so viel zu tun haben, wie ein Tafelwasser mit einer Maß Bier. Weil dann doch niemand in eine Fernsehserie einziehen kann, freuen wir uns über die Nachricht, dass es endlich wieder neue Folgen gibt, die von der Couch aus verfolgt werden können.
"Hubert ohne Staller": Neue Folgen, Jubiläum und Staffel 14
Es ist die volle Dröhnung: Zunächst sind sieben noch nicht ausgestrahlte Episoden der 13. Staffel zu sehen (ab Mittwoch, 14. Oktober, 18.50 Uhr, im Ersten und in der ARD Mediathek). Am Mittwoch, 25. November, gibt es zur gewohnten Zeit ein Jubiläum: Dann läuft die 200. Folge der Serie, die seit 2011, also seit 15 Jahren, produziert wird und sieben Staffeln lang, bis zum Ausstieg des Staller-Darstellers Helmfried von Lüttichau, "Hubert und Staller" hieß. Die 14. Staffel startet schließlich ganz offiziell am Mittwoch, 2. Dezember.
Im bayerischen Voralpenland, wo das Gras grüner und die Welt vielleicht, so zumindest das gängige Vorurteil, noch ein bisschen weniger durchgeknallt ist als anderswo, sind die Wohlfühl-Krimis dahoam – und hier wird vor saftigen Wiesenkulissen ein herrlich trockener Humor gepflegt: "Hubert ohne Staller" macht natürlich dort weiter, wo man im Winter aufgehört hat. Hubert (Christian Tramitz) und Girwidz (Michael Brandner) werden bei ihrer "Arbeit", die mit Ermittlungen im eigentlichen Sinn oft erstaunlich wenig zu tun hat, wieder zuverlässig unterstützt von Martin Riedl (Paul Sedlmeir), Christina Bayer (Mitsou Jung), Revierchefin Sabine Kaiser (Katharina Müller-Elmau), Pathologin Dr. Fuchs (Susu Padotzke) und Yazid (Hannes Ringlstetter), dem Mann für alle Fälle.
"Zimmer ohne Aussicht": Girwidz wird zum Entführungsopfer
Die Headautoren Philip Kaetner und Oliver Mielke nehmen sich erneut alle möglichen Freiheiten. Warum Realitätsbezug, wenn man, wie in der ersten neuen Folge ("Zimmer ohne Aussicht"), auch mal einen tollkühnen Thrillerplot raushauen kann! Girwidz nämlich, eigentlich am wohlverdienten Feierabend gerade dabei, sich vor dem Cafe Rattlinger noch eine späte Nussschnecke einzuverleiben, hört die Rufe einer Frau: "Hilfe! Ist da jemand? Hallo?" – Der Mann, der in besseren Zeiten, vor seiner Degradierung, einmal Polizeirat war, macht sich auf die Suche – und wird selbst zum Opfer: Hinterrücks wird er mit einem offenbar in Äther getränkten Tuch in die Ohnmacht geschickt und entführt. Girwidz erwacht in einem Zimmer ohne Fenster, und er ist nicht alleine. Mit ihm im Raum ist eine blinde Frau, die dort offenbar schon viel länger eingesperrt ist. "Ich glaube, so ein Jahr", sagt sie ... Na, immerhin ist der Kühlschrank gut gefüllt.
Thriller-Alarm am Wohlfühl-Vorabend im Ersten?! – Nun, bevor die Fans jetzt in brennender Sorge um Girwidz hektische Flecken kriegen, darf man Entwarnung geben. Dem Polizisten und seiner Leidensgenossin geht es gar nicht mal so schlecht in ihrem Kabuff, und bevor Girwidz das Wort Stockholm-Syndrom auch nur denken kann, holen ihn die Kollegen schon wieder raus aus dem Schlamassel. Das ist keine Frage in einem Spaß-Krimi, der sich phasenweise als eine Art Kammerspiel geriert.
"Hubert ohne Staller" zwischen Comedy und Fernsehkult
Das alles ist federleicht und absurd. Aber hier ist absolut nichts zu unterschätzen: Derzeit gibt es kaum ein besseres Comedyformat im deutschen TV. "Hubert ohne Staller" ist nicht ohne Grund beliebt, und spätestens nach der so niemals für möglich gehaltenen erfolgreichen Neuausrichtung ein Stück Fernsehkult. Hier arbeitet ein Ensemble mit Hingabe und Empathie an einem Figurenkabinett, das bei allem Witz und Chaos erstaunlich nah dran ist am Wahnsinn des echten Lebens. Vielleicht sollten die Macher nur über eine abermalige Titelanpassung nachdenken: "Hubert und Girwidz" – Michael Brandner und sein so wunderbar menschelnder Nur-noch-Polizeiobermeister hätten es verdient.
Michael Brandner über das Erfolgsrezept von Girwidz
Christoph Schmidt, Geschäftsführer ARD Vorabend, kennt natürlich das Erfolgsrezept seiner Vorzeige-Vorabendkrimiserie der ARD: Es sind auch für ihn die Protagonisten. "Die skurrilen Mordfälle in und um Wolfratshausen lösen sie verlässlich, wenn auch zugegebenermaßen eher zufällig", weiß der Chef. "Mindestens genauso begeistert verfolgen wir aber ihren alltäglichen Kampf mit sich und der Welt. Dabei leiden wir mit unseren Helden und sind gleichzeitig auch dankbar, dass es zwei Menschen gibt, die sich noch ungeschickter anstellen als man selbst – so geht es mir zumindest."
Michael Brandner wurde im Interview mit der Agentur teleschau einmal nach dem Motiv seiner Figur gefragt: Warum macht ein Mann immer weiter, der alles verloren hat: seinen Dienstgrad, seine Stellung als Chef, seine Ehefrau – sogar seine Selbstachtung. Die Antwort sagt viel über die hier praktizierte Figurenliebe aus: "Weil er keinen anderen Weg sieht. Der kann ja nichts. Also macht er weiter – absurderweise mit der Hoffnung, wieder an seinen alten Posten zu gelangen. Der verzweifelt jeden Tag und schläft jede Nacht mit dem gleichen Mantra ein: 'Alles wird wieder gut!' Wird es natürlich nicht – aber genau so funktioniert Komik." Man spiele da natürlich auch "mit dem oft verschobenen männlichen Selbstbild", erklärt Brandner, der zunächst nicht daran glaubte, dass eine Fortsetzung ohne Helmfried von Lüttichau alias Staller erfolgreich werden könnte. "Aber dann kam die glorreiche Idee auf, eine Frau als Boss zu installieren und Girwidz künftig mit Hubert in den Streifenwagen zu setzen. Ich glaubte daran, und die phänomenalen Quoten der ersten Staffel ohne Staller gaben uns recht."
Warum Michael Brandner an den Wohlfühlkrimi glaubt
Dass das noch nicht offiziell definierte Genre des "Wohlfühlkrimis" ungebrochen gefragt ist, hat auch für Brandner "mit diesen Zeiten zu tun: Alle sind irgendwie gestresst oder überfordert – da kommt so eine Stunde Entspannung mit ein paar Trotteln, die sich vor landschaftlich reizvoller Kulisse ein bisschen im Weg stehen, gerade recht." Der Schauspieler versichert: "Heutzutage die Leute zum Schmunzeln zu bringen, ist das Beste, was man für sein Karma tun kann. Mich macht der Job glücklich."
Hubert ohne Staller – Mi. 14.10. – ARD: 18.50 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH