Charles Burnett

Einer der aggresivsten afroamerikanischen cineastischen Sprachrohre Amerikas: Charles Burnett Vergrößern
Einer der aggresivsten afroamerikanischen cineastischen Sprachrohre Amerikas: Charles Burnett
Fotoquelle: Photo Works/shutterstock.com
Charles Burnett
Geboren: 13.04.1944 in Vicksbury, Mississippi, USA

Ein geheimnisvoller Schwarzer sitzt reglos im Zimmer. Flammen züngeln um ihn herum, können ihm aber nichts anhaben. Harry ist der schwarze Engel, der eines Tages beim Pensionär Gideon auftaucht und sich im Hause einnistet. Harry ist eine Art Kontrapunkt im Hause der Mittelstandsfamilie, die sich mit den üblichen Konflikten zwischen Tradition und modernem Leben zu orientieren versucht. Aus dem Untergrund des Anti-Hollywood-Kinos sind sie hervorgegangen die neuen Kultfilmer Amerikas: Jim Jarmush und Spike Lee und jetzt Charles Burnett, der nach Filmen wie "The Horse" und "Schafe töten" vom Independent-Film abrückt. "Zorniger Schlaf" von 1990, der auch bei uns in den Kinos zu sehen war, ist - verglichen mit anderen "schwarzen Filmen" eher konventionell und bieder.

Charles Burnett gehört wohl zu den aggresivsten afroamerikanischen cineastischen Sprachrohren Amerikas. Die stereotype Darstellung der farbigen Gesellschaft in den Hollywood-Produktionen animierte ihn in tiefgründigeren Portraits das Leben der zeitgenössischen Afro-Amerikaner einzufangen. Obwohl seine Filme erstklassige Werke sind, erhielten sie nie die kommerzielle Aufmerksamkeit wie die Produktionen seines Kollegen Spike Lee. Geboren 1944 in Mississippi wächst Burnett in Los Angeles auf, im Brennpunkt der Konflikte zwischen farbig und weiß. Anfang der Siebziger beendet er seine cineastische Ausbildung an der UCLA und arbeitet als Kameramann.

Nach der Produktion "Bush Mama" (1976) von Haile Gerima macht er sich an seine erste Regiearbeit. Mit einem Budget von 10000 Dollar dreht er seine Debütarbeit "Schafe töten" und ist gleich in fünf Funktionen gleichzeitig tätig: Regisseur, Autor, Kameramann, Produzent, und er ist für den Sound zuständig. Sein Kurzfilm "The Horse" und der schwarzweiße Film "Schafe töten" gehören heute noch zu seinen besten Arbeiten und darüber hinaus zu den wichtigsten Selbstdarstellungen des farbigen amerikanischen Kinos. Obwohl der Spielfilm seinerzeit vom US-Government zur wichtigsten Produktion erklärt wurde, kam er nicht ins Kino. Dafür wurde er im Ausland - vor allem auf internationalen Festivals - mit großem Erfolg gezeigt.

Seine Filme schildern meist Kinder, die den Geschehnissen zuschauen, handelt von den Erwachsenen, den Taten, und den Sorgen, in die diese Kinder hereinwachsen. Ein Motiv, das in seinen Streifen wiederkehrt. Der Zuschauer betrachtet das Geschehen oft aus dem Blickwinkel von Kindern. Sie reden nicht viel, schauen, imitieren, lernen. Kinder sind die Zuschauenden, die ausgeliefert der Welt der Erwachsenen, erschrecken. Burnett berichtet als Farbiger von den Jobs, von dem Milieu so, wie er es kennen lernte, von den niederen Arbeiten, die Negern zugedacht werden. Und Burnett arbeitet in seinen Filmen mit ganz harten Schnitten, mit Einstellungen, die in der Abfolge Schichten freilegen, Bezüge darlegen, Gegensätze erhärten. In seinen späteren Filmen wendet er weiter diese Methoden an, doch dann wirken sie äußerlicher, ästhetischer.

In "Segne ihre kleinen Herzen" (1983) sind es überraschend ähnliche Einstellungen: der Mann, der Gelegenheitsjobs übernimmt, die Frau, die Geld verdient und die drei Kinder, die von der aufgesetzten Autorität des Vaters erzogen werden - sie bleibt um jeden Preis erhalten: Die Frau drückt ihm das Geld in die Hand, das er einem jeden Kind für die Sonntagsschule gibt. Auch hier eine lange Einstellung von Mann und Frau am Küchentisch, sprachlos sich gegenübersitzend. Minutiös werden die Vorgänge gezeigt, langsames Vorführen der Tätigkeiten, und in ihrer Genauigkeit, in ihrer Ausführlichkeit sind sie es, die Einsichten beim Zuschauer herstellen.

In "Zorniger Schlaf" (1990) ist der Ablauf routinierter, glatter. Zwar auch hier harte Schnitte, doch die Handlungsteile sind nicht mehr so genau und präzis beschrieben: Es sind die Kinder, die herausgeschickt werden, Kinder die sich unter den Tisch verkriechen, die das, was geschieht nicht wahrnehmen sollen. Die Kamera folgt ihnen, verweilt bei ihnen, um sich dann wieder dem Geschehen zuzuwenden. Burnett wird von Film zu Film professioneller, die Geschichten wirken konstruierter, die Handlung mehr abgerundet, schwungvoll, mit retardierenden Momenten, einer Art Suspense; die Musik ist nicht mehr Stimmung, sondern Emotion. Doch immer bleibt etwas Eigenwilliges, das Milieu, das auf die eigentlichen Ursachen des Bösen hinweist, in dem ganzen Erziehungs- und Lebensgebilde angesiedelt, wenngleich in der Gestaltung nicht die gleiche Konsequenz wie bei den frühen Filmen vorhanden ist.

Wie Spike Lee und Jim Jarmush arbeitet Burnett jetzt auch in Hollywood. Ob dann von seinem persönlichen Stil, von seiner Art, Geschichten anzugehen, etwas übrigbleibt, wird man abwarten müssen. Weitere Filme von Charles Burnett: "Auf Ehre und Gewissen" (1994), "Das Ende der Nacht" (1996), "The Wedding" (Serie), "Dr. Endesha Ida Mae Holland" (beide 1998), "The Annihilation of Fish", "Buck McHenry - Baseball ist sein Leben", "Selma Alabama" (alle 1999), "Olivia's Story", "Finding Buck McHenry" (beide 2000), "Nat Turner: A Troublesome Property", "For Reel?" (beide 2003), "Namibia: The Struggle for Liberation" (2007).


Zur Filmografie von Charles Burnett
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