Jacques Tati

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Jacques Tati in seiner Paraderolle als Monsieur Hulot
Jacques Tatischeff
Geboren: 09.10.1907 in Le Pecq, Yvelines, Frankreich
Gestorben: 05.11.1982 in Paris, Frankreich

Als Jacques Tati im Alter von 75 Jahren stirbt, hinterlässt er nur fünf Kinofilme und einen Fersehfilm, und doch ist dieser sanfte, melancholisch heitere Beschützer der bedrohten Idyllen einer der ganz Großen der Filmgeschichte. Buster Keaton sagte: "Tati knüpft an dem Punkt an, wo wir vor 40 Jahren stehengeblieben waren".

"Die Ordnung der Dinge und die Geometrie des Lebens waren seine natürlichen Feinde. Im Chaos hat die Figur des Monsieur Hulot ihren vollkommensten Ausdruck gefunden", schreibt Michael Schwarze im Nachruf auf den Künstler. "Ich bin", sagt Tati, "ein wenig Don Quichotte, der mit Humor gegen die Windmühlen anrennt. Die Windmühlen, das sind die Rotlichter, Grünlichter, Pfeile, Spuren, Über- und Unterführungen, Umfahrungen und Ausfahrten. Mit all diesen Vorschriften und Regeln, Verboten und Hinweisen kommt man ja überhaupt nicht mehr zurecht. Es herrscht totale Konfusion."

Tati ist Clown wie Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd. Wie Chaplin seinen Tramp, so hat er den Monsieur Hulot erfunden, diesen träumerischen Trottel mit Regenmantel, Pfeife und viel zu kurzer Hose. Er ist kein Grimassenschneider, keiner, der sich bemüht, ständig lustig zu ein: Hulot ist das Opfer des Alltäglichen. Er eckt an, weil er nicht maßstabgerecht in seine Umwelt passt, er gerät ständig mit dem ganz Alltäglichen aneinander, weil seine Maße nicht ganz stimmen, seine Bewegungen asynchron laufen.

Tati wird als Sohn des russischen Bilderrahmers Tatischeff im Örtchen Le Pecq geboren, besucht das Licée de Saint-Germain-en-Laye und wächst in Paris auf. Er lernt den Beruf des Vaters, interessiert sich aber immer mehr für Sport. Er reitet, boxt, spielt Tennis und ist ein hervorragender Rugbyspieler. Er ist aber auch ein brillanter Beobachter und Imitator; das schließlich bringt ihn zu seinem Beruf. "Dank einer ausgeprägten Beobachtungsgabe, die vielleicht stärker ist als mein Sinn für Humor, möchte ich das Überleben des Individuums in einer Umwelt hervorheben, die mehr und mehr entmenschlicht wird."

Wer erinnert sich nicht an den Postboten Tati, der mit dem Fahrrad durch den lustigen Schwarzweißfilm mit hübsch ironischen Farbtupfern fährt, da die blauweiße Trikolore, dort ein gelber Luftballon und das rote Schlußlicht des Fahrrads? Ursprünglich war "Tatis Schützenfest" (1947) als Farbfilm geplant, kam dann aber schwarzweiß ins Kino. Später hat man in Frankreich mit viel Liebe und Kunstverstand die wiedergefundene Farb-Fassung restauriert und 20 Jahre nach Tatis Tod erstmals ins Kino gebracht. Sie ist wunderbar, zart, kunstvoll und dennoch - man sehnt sich nach den Farbtupfern.

"Die Ferien des Monsieur Hulot" (1953) zeigt eine Folge von Situationen, deren besonderer Witz es ist, dass die kleinen Katastrophen fast wie selbstverständlich geschehen. Herr Hulot, der liebenswerte, völlig unbeholfene Kauz, macht in einem Badeort Urlaub, bringt, ohne selbst viel dazu beizutragen, so ziemlich alles durcheinander und verursacht die vertracktesten Situationen. Tourismus wird zum Albtraum. Mit diesem Film erschuf Jacques Tati die Figur des Monsieur Hulot, die er später in allen seinen Filmen beibehielt.

"Mein Onkel" (1958) zeigt Monsieur Hulot diesmal in einer Vorstadt-Idylle. Eine vollautomatisierte Welt und die Diskrepanz zwischen Herz und Technik, zwischen Gefühl und Computer-Verstand. Ein visionärer Film, der andeutet, "was morgen geschah": Hulot ist der Angepasste, der frei ist, weil er sich frei fühlt und traurig ist angesichts einer Welt, in der Kinder weder schmutzig noch glücklich sein können. Das Prestige- und Renommiergehabe von Villen-Bewohnern ist nie auf eine so herrliche Metapher gebracht worden wie hier: Der wasserspeiende Blechfisch im Garten der Arpels wird nur angestellt, wenn ein "wichtiger Besucher" auftaucht.

"Playtime" (1967) zeigt Monsieur Hulot, den bescheidenen Feriengast, den skurrilen Onkel aus der hochtechnisierten Villengegend, verirrt zwischen gigantischen Großbauten, unpersönlichen Büros und ungemütlich steifen Hotels und Restaurants. Mit Riesenbudget, das seine Kapazität überschritt, hatte Jacques Tati diesen faszinierenden 70-mm-Film gedreht, der an der Kinokasse ein totaler Reinfall wurde. Dennoch: es ist vielleicht der genialste Kino-Flop, den man sich vorstellen kann.

"Trafic" von 1969 ist eine sanft witzige Satire auf den Straßenverkehr und menschliche Kommunikation, fürs Fernsehen drehte er 1973 noch den Kinderfilm "Parade", der 1975 in Moskau ausgezeichnet wurde.

Außerdem hatte Tati Auftritte in weiteren Werken. So in den Kurzfilmen "Oscar, champion de tennis" (1932, auch Regie), "Fröhlicher Sonntag" (1935, Co-Regie und Buch), René Cléments "Achte auf deine Linke" (1936, auch Buch), "Retour à la terre" (1938, auch Buch), "Die Schule der Briefträger" (1947, auch Regie) - eine Vorstufe zu "Schützenfest" - und "Abendschule" (1967, auch Buch), der als Teil von "Playtime" gedacht war.

Außerdem trat er noch in Langfilmen auf: "On demande une brute" (1934, auch Buch), Claude Autant-Laras "Sylvia und das Gespenst" (1945) und "Teufel im Leib" (1946, ungenannt), sowie ein Gastauftritt in François Truffauts "Geraubte Küsse" (1968). In der jugoslawischen TV-Serie "Obraz uz obraz" hatte er 1972 ebenfalls einen Auftritt. .


Zur Filmografie von Jacques Tatischeff
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