Im Interview

Peri Baumeister über Hass im Netz: "Ich habe das körperlich gespürt"

17.03.2026, 10.06 Uhr
In „Eine bessere Welt“ spielt Peri Baumeister eine Wissenschaftlerin, die nach einem TV-Auftritt, bei dem sie eine in gewissen Kreisen unpopuläre These vertritt, von Iternet-Trollen terrorisiert wird. prisma sprach mit ihr über den allgegenwärtigen Hass im Netz.
Peri Baumeister im Spiegel mit verzweifeltem Blick.
Elena (Peri Baumeister) ist Opfer von Hate Speech. Fotoquelle: ZDF und Julia Feldhagen

prisma: Wie hat sich Kritik in den vergangenen Jahren verändert, und wann ist das Thema Hate Speech bei Ihnen zum ersten Mal aufgetaucht?

Peri Baumeister: Meine Oma ist tatsächlich jemand, die noch Leserbriefe schreibt, wenn sie sich über etwas aufregt, das gesellschaftlich kritisch oder politisch schwierig für sie ist. Allerdings hatte das einen persönlichen Bezug. Die Hemmschwelle, etwas wirklich Bedrohliches zu schreiben, ist durch die Anonymität im Internet überschritten worden. Während meine Oma an der Schreibmaschine saß, sich ehrliche substantielle Gedanken über ihren Text gemacht und eine Briefmarke auf einen Brief geklebt hat, setzen sich Internettrolle einfach an ihren Computer und schreiben anonym darauf los. –

Anonym ist dabei ein gutes und wichtiges Stichwort. Ihre Oma hat ihren Brief ja auch sicherlich mit Namen und Adresse versehen, weil sie auf einen Dialog gehofft hat. Sind Sie einmal persönlich mit Hate Speech konfrontiert worden?

Ja, ich habe das tatsächlich einmal persönlich erlebt. Mein Handy war kaputt, und ich hatte nicht den vollen Zugang zu Social Media, Ich habe die Kommentare dann sozusagen in kleineren Wellen gelesen. Es ging mir sehr ähnlich wie meiner Figur Elena in „Eine bessere Welt“. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Es gab einen absurden Sog, Das ist keine Hygiene der Psyche, immer wieder dieselben teilweise wirklich detaillierten Schrecklichkeiten zu konsumieren. Und trotzdem kann man das Handy nicht zur Seite legen. Das fand ich erschreckend. In der Vorbereitung auf den Film, haben wir sehr viel mit „Hate Aid“ zusammengearbeitet, der Hilfsorganisation, die sich um Betroffene von digitaler Gewalt kümmert. Hate Aid bringt Fälle auch zur Anzeige und sorgt für strafrechtliche Verfolgung. Was daran eindrücklich für mich war: Gewalt ist Gewalt –ob sie digital ist oder analog, der Körper macht keinen Unterschied. Es fühlt sich beides an wie Gewalt. Und ich muss sagen, dass ich diese Erfahrung selbst gemacht hatte. Obwohl ich nicht mit physischer Gewalt konfrontiert war, habe ich das körperlich gespürt. Beides ist Gewalt und fühlt sich auch genauso an,

Sie spielen die Wissenschaftlerin Elena, die eine These zur Klimakrise vorstellt, die in einer Talkshow , ziemlich überzeichnet auseinandergerupft wird. Gleich im Anschluss geht das Haten los.

Wir zeichnen ja eine Frau, die eine Wissenschaftlerin eigentlich gar nicht in der Öffentlichkeit steht. Dann schreibt sie ein Buch, das vielleicht ein wenig kritisch ist und landet in einer Talkshow. Und dann geht es los. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass Frauen, die sich in der Öffentlichkeit kritisch äußern, immer eine Zielscheibe sind. Elena bekommt das unmittelbar im Anschluss an die Talkshow geballt zu spüren.

Und das macht etwas mit ihr.

Genau, das ist ja auch das, was wir mit dem Film zeigen wollen. Wir wollten vermeiden, bloß eine „Person vor Bildschirmen“ zu zeigen. Dem inneren Vorgang haben wir dafür eine körperliche Dimension entgegengesetzt. Es wurde also viel gerannt, gestürzt, geschrien und geklettert, das war herausfordernd, hat aber auch viel Spaß gemacht. Während der Arbeit habe ich das Bild so eines Komposthaufens vor mir gehabt, der langsam anwächst. Die Flüssigkeit, die zu gären beginnt und langsam aber unaufhaltsam von unten nach oben zu stinken beginnt und sich ihren Weg bannt. Diese Flüssigkeit ist der Hass, der ihr durch den Bildschirm entgegenkommt. Sie mundtot zu machen, sie kaputt zu machen ist ein Ziel der Angreifer und diese Angst wollten wir fühlbar und erlebbar machen. Das musste gut dosiert werden, wie wir diese Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und das Spiel mit dem irrationalen über den Film verteilen. Also war die Herausforderung, die sich mir gestellt hat: Wie langsam können wir erzählen, dass dieser Hass, die Kommentare und die Angriffe auf verschiedenen Ebenen in Elena eindringen? Und was macht es dann mit ihrer Wahrnehmung, ihren Zweifeln, ihrer Psyche?

Wie wichtig ist Dunja Hayali als Kollegin gewesen, die ja selbst als Mobbing-Opfer Erfahrungen aufweist?

Sehr wichtig. Dunja ist eine tolle Frau, sie hat unglaublich viel Erfahrung. Ich habe die Gespräche mit ihr in der Zeit aufgesaugt und bin von ihrer Haltung und ihrem Durchhaltevermögen beeindruckt. Aber ich habe auch andere Aktivistinnen kennengelernt und mit ihnen über ihre Erfahrungen gesprochen. Zum Beispiel mit der Verkehrswende-Aktivistin Katja Diehl –. Beides sind sehr mutige Frauen und inspirierende Begegnungen.

Sind Sie für ein Social Media Verbot für Jugendliche?

Absolut. es ist für Kinder und Jugendliche unglaublich wichtig zu sehen, dass es da draußen auch eine reale Welt gibt. Dass man andere Dinge tun kann als auf sein Handy zu starren. Und, dass man sich ab und an durchaus auch mal langweilen darf. Es ist natürlich klar, dass Internet und Handy mittlerweile zum Leben gehören. Und vieles, was man damit tun kann, ist auch wunderbar. Gleichzeitig geht damit eine große Verantwortung einher. Im besten Fall würden in der Schule Unterrichtsstunden eingeführt, die sich mit einer Art digitaler Ethik auseinandersetzen.