Mit "Haus für eine Person" beschreibt Barbara Kenneweg das Leben der Generation Y – temporeich und mit Witz.

Rosa Lux ist ganz klar zu früh dran für die Midlife-Crisis. Und doch leidet sie – nicht nur unter ihrem Namen. Sie will raus aus ihrem Leben, erst recht nach dem Tod der Mutter. Sie fühlt sich nicht nur allein, nein, sie ist es, also kehrt sie Berlin-Mitte den Rücken und zieht in einen kleinen Bungalow am Stadtrand, dahin, wo die Vögel noch singen und die Menschen sich noch kennen. Mit 30 Jahren scheint sie an einem Scheideweg angekommen – irgendwo zwischen der Last ihrer Qualifikation und der Karriere, der Hoffnung auf eine bessere, ruhigere Zukunft und der Verzweiflung über unsere Gesellschaft.

Mit "Haus für eine Person" beschreibt Autorin Barbara Kenneweg, Jahrgang 1971, die Leiden der Generation Y – und das in einem unfassbaren Tempo, trotz der teilweisen Banalität, und mit brillanten Tempowechseln. Da gibt es atemberaubende Gedankenmonologe der Hauptfigur Rosa, aber auch Ausflüge in die Erinnerungen anderer Protagonisten und damit in die Geschichte – wie die von Frau Paul, der liebenswerten, alten Dame von nebenan. Und es gibt Ausflüge in allgemeinere Auslassungen über Gesellschaft, den Ist-Zustand unserer Welt und ihre Probleme. Und von denen hat allein Rosa mehr als genug. Ihre gerade in die Brüche gegangene Beziehung zu Olaf, ihre Haltlosigkeit in einer für sie zu komplex gewordenen Welt und der fast schon verzweifelte Versuch, das Dasein als Ganzes zu verstehen.

Manchmal klingt die schöne Sprache der Autorin dabei ein wenig zu bemüht, ein wenig zu sehr nach der Suche nach dem perfekten Wort, dem perfekten Satz, als habe sie beim Schreiben ständig einen Thesaurus neben sich liegen gehabt. Doch häufig findet Kenneweg eine ganz eigene Form der Poesie, und die kann wirklich das sein, was die Autorin beabsichtigt: schön. Und noch häufiger, da gibt es diesen Witz, mal verpackt in Sarkasmus, mal in Larmoyanz, doch immer so, dass ein lautes Lachen fast unvermeidlich ist.

Leider schlägt die nicht unberechtigte Sozialkritik von Rosa auch schon mal um in einen bitteren Kulturpessimismus, dann spricht sie von einem "Wall aus Technik", den wir um uns herum aufschütten, von "Flüssen aus Information" und das Ganze klingt so hilflos und leidend, wie man es einer 30-jährigen Berlinerin kaum zutrauen mag.

Und leider viel zu selten, da beobachtet Kenneweg so gut, dass sich fast jeder von uns darin wiederfinden kann, dann schildert sie Menschen, Macken und Alltagsbegebenheiten so hautnah, dass man glaubt, man lese ein soziologisches Sachbuch. Am Ende ist diese Mischung zwar ein klein wenig unausgegoren, aber nicht minder unterhaltsam.

Eine der größeren Schwächen allerdings: Kenneweg lässt uns keine Geheimnisse, wir können in jeden Kopf, jedes Herz blicken, wir bekommen alles offen dargelegt, nichts bleibt übrig zum Nachgrübeln, zur Interpretation. Nur zum stillen Widerspruch. Es wird sicher Leser geben, denen gerade das gefällt, die diese Exkurse als wohltuende Pause von der dichten, poetischen und rasanten Erzählweise begreifen. Und es wird Leser geben, die das nur schwer ertragen können. Die sich etwas mehr Mut, Offenheit und vielleicht auch etwas mehr Zurückhaltung gewünscht hätten.

Und so hat Barbara Kenneweg einen Erstling hingelegt, der die Geister scheiden dürfte. Vielleicht aber passt das ausgesprochen gut zum Zustand unserer Gesellschaft. Und den versucht die Autorin mit ihrem Roman ganz offensichtlich lebendig werden zu lassen.