Joachim Król ("Der bewegte Mann", "Lutter - Um jeden Preis", "Tatort") gilt als einer der versiertesten Charakterdarsteller des deutschen Films. Jetzt bringt er in einer mitreißenden Theaterproduktion die Erinnerungen des jungen Albert Camus auf die Bühne

Ein junger Schüler, für den das Lernen ein wildes Abenteuer ist, bei dem ihm täglich neue Welten erschlossen werden? Die heutige Schülergeneration mag sich da verwundert die Augen reiben, aber der kleine Albert Camus hat das genau so erlebt. Nachzulesen in seinem autobiographische Roman "Der erste Mensch", ein Werk voll poetischer Schönheit, das ganz weit weg ist von der zumeist schweren Kost des Literaturnobelpreisträgers.

"Das ist mein Text!"

In einem erzählerischen Parforceritt mit magischer Wirkung entführt Schauspieler Joachim Król jetzt sein Publikum in der emotionalen Tournee-Theater-Produktion "Der erste Mensch. Die unglaubliche Geschichte einer Kindheit". Als Ich-Erzähler schlüpft er in eine Welt voller Armut, Lebensfreude und natürlicher Schönheit. Das ist allerbestes Kopfkino im Theater! Die Musik des "Orchestre du Soleil" liefert den Soundtrack zu dieser zweistündigen Inszenierung, an dessen Ende ein Mann, der als Kind in einer Familie von Analphabeten aufwächst, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. "Der erste Mensch" stellt die besondere Beziehung Camus’ zu seinem Lehrer Louis Germain in den Mittelpunkt, der das Talent des Jungen früh erkannte und gegen alle Widerstände förderte. So wurde aus Camus eben kein Gelegenheitsarbeiter, sondern einer der bedeutendsten Schriftsteller der Welt.

"Das ist mein Text!", stellte Joachim Król, der in den 1960er-Jahren als Sohn eines polnischen Bergmanns im Ruhrgebiet aufwuchs, beim Lesen der Autobiographie fest. Denn: "Als ich diese Geschichte gelesen habe, gab es einen verblüffenden Schlüsselmoment, den ich fast genauso selbst erlebt habe. Genau wie bei Camus kam abends ein Lehrer zu uns und bat meinen Vater zum Gespräch. Mit dem Ergebnis, dass meine Eltern mich aufs Gymnasium ließen. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Nach Feierabend ist dieser engagierte Lehrer zum Hausbesuch gekommen und hat wesentliche Weichen für mein Leben gestellt." Erstmals mit Camus (und Sartre) in Berührung kam Król als Gymnasiast Anfang der 1970er Jahre: "Ihre Werke waren fester Bestandteil des Bildungskanons. Über Existenzialismus zu diskutieren galt als schick."

"Da gibt es keine Routine"

In der packenden Inszenierung von Martin Mühleis wird aus der Stimme Króls, der orientalisch angehauchten Musik sowie den Lichtstimmungen ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk. Der Abend ist jedes Mal anders, jedes Mal neu. Es ist ein Konzept aus Sprache und Musik, sehr persönlich, sehr emotional und sehr bildhaft. "Mein Vortrag soll auch eine musikalische Qualität haben. Ich lese nicht im eigentlichen Sinn, sondern versuche, die Musik in meiner Sprachmelodie aufzunehmen, eben ein Teil der Komposition zu werden. Da gibt es keine Routine, darum ist jede Vorstellung anders", so Król, den es immer wieder auf die (Theater-)Bühne zurückzieht: "Es ist das Bühnenerlebnis, das mich daran erinnert, wo die Idee herkam, diesen Beruf zu ergreifen. Ich brauche das einfach. Die Sehnsucht nach der Bühne ist immer da. Ich habe in den letzten Jahren wunderbare Arbeiten fürs Fernsehen machen dürfen. Aber trotzdem hat man die Sehnsucht nach dem Publikum."