Kultserie Bodensee

Matthias Koeberlin: "Im Moment habe ich noch das Gefühl, dass da etwas drin ist"

31.08.2026, 02.00 Uhr
Matthias Koeberlin gibt Einblicke in die Dreharbeiten zur Serie "Die Toten vom Bodensee". Er erzählt von Oberländers Herausforderungen, der Faszination des Bodensees und seinen persönlichen Erfahrungen.
Matthias Koeberlin alias Kommissar Micha Oberländer.
Matthias Koeberlin alias Kommissar Micha Oberländer. Fotoquelle: ZDF / Steve Tanner / Lukas Gnaiger

prisma: Herr Koeberlin, in der neuen Folge von „Die Toten vom Bodensee“, passiert etwas, das man wahrscheinlich am wenigsten erwartet hat. Sie werden schwer verwundet, es steht nicht gut. Wie kann man sich auf etwas vorbereiten, das einen mit dem eigenen Tod konfrontiert?

Matthias Koeberlin: Wenn man sich Dinge nur schwer vorstellen kann, hilft der Humor. Dann versucht man, sich das auf dieser Schiene irgendwie schmackhaft zu machen.

prisma: Die Reihe läuft jetzt schon seit zwölf Jahren. Das kann man sich in unserer schnelllebigen Zeit gar nicht so recht vorstellen.

Matthias Koeberlin: Ja, es ist verrückt.

prisma: Das deckt schon einen großen Teil des eigenen Lebens ab, oder?

Matthias Koeberlin: Das ist ein großer Teil, richtig. Und vor allem einer, der so nicht absehbar war. Wir sind ja nicht mit dem Plan angetreten, zwölf Jahre lang dabei zu sein. Das kann man auch gar nicht planen. Von daher ist es für mich jedes Mal, wenn wir wieder eine neue Runde drehen dürfen, zum einen nicht selbstverständlich und zum anderen einfach ein großes Geschenk.

prisma: Vor allem, wenn man sieht, in welchem großen Teich man sich bewegt – um noch einmal beim Wasser zu bleiben. In der deutschen Krimilandschaft schießen die Formate wie Pilze aus dem Boden und überleben oftmals nur drei Jahre, selbst wenn sie für eine längere Laufzeit konzipiert sind. „Die Toten vom Bodensee“ sind offensichtlich ein Format, das die Leute anzieht.

Matthias Koeberlin: Gerade wenn man im zwölften Jahr ist, muss man versuchen, die Sache frisch zu halten und vielleicht hier und da einen neuen Weg zu beschreiten. Das befürworte ich immer. Wenn man einmal kurz mit dem möglichen Tod von Oberländer spielt, hält das die ganze Sache im besten Fall frisch. Von daher fand ich die Idee und auch die Herangehensweise sehr begrüßenswert, eine Folge zu finden, die ein bisschen anders ist und von dem abrückt, was wir bisher erzählt haben.

prisma: Mit dem Cliffhanger aus der vorherigen Folge waren jedenfalls einige alarmiert und haben sich Sorgen gemacht, dass es mit Oberländer vorbei sein könnte.

Matthias Koeberlin: Aber nein, er ist noch da. Und natürlich möchte ich auch, dass Oberländer weiterlebt und mit seinem Bus durch diese wunderschöne Gegend fährt.

prisma: Natürlich – mit seinem wunderbaren Bus, der wirklich seine Tücken hat, aber nicht verhandelbar ist. Der Bus hat ja inzwischen eine eigene Fangemeinde.

Matthias Koeberlin: Genau wie die Jacke. Und dann komme ich an dritter Stelle. Das ist wirklich furchtbar. 

prisma: Ich glaube, es ist das Gesamtpaket. Wenn man eines dieser Teile ablösen würde, wäre das wahrscheinlich auch wieder ein Ereignis.

Matthias Koeberlin: Ja, wahrscheinlich.

prisma: Wer weiß, ob es für die Fans schwieriger wäre, wenn der Bus verschwinden würde oder die Figur.

Matthias Koeberlin: Ich habe da so meine Vermutung. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ein Foto gemacht werden soll. Wenn ich mich dann zum Bus stelle, wird darauf hingewiesen, dass ich doch bitte zwei, drei Schritte zur Seite gehen soll, damit man den Bus wirklich bildfüllend auf dem Foto hat. Von daher bin ich mir nicht sicher, wer wirklich entbehrlicher ist.

prisma: Daran muss man offensichtlich arbeiten.

Matthias Koeberlin: Ja, absolut. So hält es die ganze Sache frisch.

prisma: „Die Toten vom Bodensee“ gilt gemeinhin als Versuch, das Mystery-Genre in der deutschen Krimilandschaft stärker zu verankern. Was genau macht den Bodensee so mysteriös? Es gibt ja viele Geschichten und Erzählungen, die sich um das Gewässer drehen. Was macht das mit den Menschen, die dort wohnen? Ich war in diesem Jahr im Urlaub am Bodensee und habe versucht, mich ein bisschen auf dieses Mystische einzulassen. Aber das Wetter war einfach zu schön.

Matthias Koeberlin: Ja, das stimmt. Man fügt sich in diese Landschaft sehr schwer ein, weil es hier und da schon fast kitschig ist. Aber es ist ein schönes Gegengewicht, dass wir einen Weg gefunden haben, die Landschaft mit etwas Mystischem zu füllen – und der Bodensee gibt das tatsächlich her.

Viele der Geschichten, die wir erzählen, haben sich wirklich zugetragen. Oder es sind Legenden und Geschichten, die sich rund um den Bodensee ranken. Vieles davon ist tatsächlich belegt oder überliefert. Der Bodensee ist einfach ein Ort, an dem – wenn mich nicht alles täuscht – nach wie vor rund hundert Menschen im und um den See verschollen sind. Menschen, die nicht mehr auftauchen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das nutzen wir natürlich. Auch die Landschaft gibt einiges her. Ich kann mir die Faszination nicht aus einen einzigen Grund erklären. Es ist, glaube ich, eine Summe aus vielen Dingen.

prisma: Stichwort Schifffriedhof. Das ist eine Geschichte, die immer wieder auftaucht und über die man natürlich noch unglaublich viele Geschichten schreiben könnte.

Matthias Koeberlin: Absolut. Da gibt es noch vieles, was erzählt werden kann. Der Stoff geht nicht aus. Irgendeine Faszination muss dieser Ort haben – sonst würde er mich ja auch nicht so wahnsinnig interessieren. Von daher kann ich das gut nachvollziehen.

prisma: Das funktioniert natürlich nur, wenn man auf eine ganz bestimmte Art und Weise spielt. Gewisse Momente müssen länger dauern, und man arbeitet viel stärker mit der Psyche. Das sieht man auch in der neuen Folge. Interessant ist, dass „Die Toten vom Bodensee“ immer wieder damit spielt, dass man die früheren Folgen gesehen oder sich zumindest über sie informiert hat. Es taucht immer wieder etwas auf, das früher passiert ist. Dieses Mal ist es die Spielkarte und die ganze Geschichte darum.

Ist es anders, sich auf solche Rollen vorzubereiten? Man sieht es auch an der Kameraführung: Sie ist etwas langsamer und stärker auf den Menschen gerichtet, weil sie auch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern etwas machen soll.

Matthias Koeberlin: Der Rucksack, den man in diesen zwölf Jahren von Folge zu Folge schultert, wird natürlich nicht kleiner. Es kommt immer wieder etwas Neues dazu. Für mich persönlich ist es als Schauspieler auch wichtig, dass bestimmte Dinge für die Figur ihren Nachhall finden. Oberländer hat in den zwölf Jahren einiges erlebt – angefangen beim Tod seiner Frau bis zum Tod von Freunden. Das alles macht etwas mit einem. Es muss nicht permanent auf den Tisch gelegt werden, aber es sollte zumindest im Rucksack mit drin sein und ab und zu wieder zum Vorschein kommen. Das macht die Figur spannend. Wenn man die Möglichkeit hat, solche Dinge immer wieder einzubauen und noch einmal einen Querverweis unterzubringen, ist das natürlich schön. Eine lange Laufzeit hat allerdings auch ihre Tücken. Man macht es sich gemütlich und lehnt sich zurück. Das ist menschlich. Aber es wäre schade, wenn genau das passieren würde.

Deswegen finde ich es wichtig – und da bin ich auch immer ein bisschen hinterher –, gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren Möglichkeiten zu finden, auf ältere Fälle oder auf die Biografie der Figuren zurückzugreifen, wenn es sich anbietet. Natürlich nicht über Gebühr, aber es sollte schon seinen Platz finden. Ich glaube, für die Zuschauerinnen und Zuschauer und die treuen Fans, die die Serie Gott sei Dank seit der ersten Stunde verfolgen, macht es Spaß, dadurch näher an der ganzen Geschichte zu sein.

prisma: Sie haben mir gerade ein gutes Stichwort geliefert: Wie sehr sind Sie in die Konzeption neuer Bücher involviert?

Matthias Koeberlin: Ich bekomme die Bücher relativ früh. Ich bin aber nicht jemand, der sich ständig einmischen und seinen Senf dazugeben muss.

Wenn ich das Gefühl habe, dass man noch etwas unterbringen könnte, sage ich das natürlich. Auch wenn Figuren wieder auftauchen, ist mir das wichtig. Es gibt spannende Figuren aus der Vergangenheit, die plötzlich verschwinden. Ich setze mich dann gerne dafür ein, dass bestimmte Figuren vielleicht wieder auftauchen. Auch dramaturgisch kann ich hier und da eine Idee einbringen. Ob sie umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Aber ich will mich da auch nicht über Gebühr breitmachen. Das sind gute Leute, die ihren Job verstehen. Wenn ich das Gefühl habe, ich darf meinen Senf dazugeben, dann mache ich das in gut dosierten Portionen.

prisma: Wo Sie auf jeden Fall Ihren Senf dazugeben, ist die Entwicklung der Figur. Oberländer ist mittlerweile eine Art Role Model für den leicht mürrischen, zynischen, oldschooligen Eigenbrötler, der zunächst alles skeptisch sieht und dann doch irgendwann aufweicht. Das ist fast schon ein Motto dieser Figur.

Matthias Koeberlin: Ja, genau. Oberländer ist ein zutiefst menschlicher Typ, der auch sehr hadert. Wenn sich das in der Figur abbildet, freue ich mich. Er macht nicht einfach Dienst nach Vorschrift – nach dem Motto: Da ist die nächste Leiche –, sondern bekommt die Fälle wirklich mit. Er nimmt sie mit nach Hause und kämpft immer wieder mit diesem nicht einfachen Beruf.

Er wirkt nicht komplett verbittert und nur noch zynisch, sondern hat eine sehr eigene Sicht auf die Dinge. Gleichzeitig ist er, wie ich finde, sehr menschlich und nah an den Schicksalen. Es ist nicht so, dass er einfach die Jacke abstreift und damit alles vorbei ist.

Ich fände es schön, wenn diese Konsequenzen immer wieder ihren Nachhall finden. Das lässt einen ja auch nicht permanent kalt. Ich kann mir vorstellen, dass es echten und professionellen Ermittlerinnen und Ermittlern ähnlich geht. Sie können vermutlich auch nicht immer alles abstreifen.

prisma: Im besten Falle nicht. Sonst wäre das wahrscheinlich eine Tragödie.

Matthias Koeberlin: Ja, genau.

prisma: Sie haben die Jacke schon ein paarmal angesprochen. Die coole Seite der Figur geht ein bisschen in Richtung Schimanski. Mit Götz George verbindet Sie ebenfalls einiges: Sie haben in seinem letzten Film die Hauptrolle gespielt.

Haben Sie etwas von ihm mitgenommen? Schimanski ist sicherlich eine ganz eigene Geschichte und hat stark von Impulsivität und Ausbrüchen gelebt. Das kommt bei Oberländer nicht so häufig vor. Aber ein paar Dinge erkennt man schon, bei denen man schmunzeln muss. 

Matthias Koeberlin: Götz war für mich eine sehr prägende Figur und ein ganz prägender Kollege für meine eigene Laufbahn. Ich mache mir darüber gar nicht so viele Gedanken. Ich höre aber immer wieder von verschiedenen Stellen, dass es Ähnlichkeiten gibt oder dass man mich oft mit ihm verbindet.

Für mich ist Götz ein ganz wichtiger Fixstern in meiner Laufbahn. Nicht nur schauspielerisch – da war er ohnehin in einer eigenen Liga –, sondern auch in Bezug auf das Menschliche, seine Einstellung zum Beruf und die Professionalität, die er gelebt hat.

Ich hatte das Glück, ganz am Anfang meiner Laufbahn mit ihm drehen zu dürfen. Wir sind uns immer wieder begegnet und konnten uns sehr gut und fein unterhalten. Später durfte ich auch noch seinen letzten Film mit ihm machen.

Er war für mich in vielerlei Hinsicht ein total wichtiger Mensch in meiner beruflichen Laufbahn – nicht nur, was das Fachliche und Handwerkliche angeht, sondern auch in menschlicher Hinsicht.

Ihn zu kopieren, wäre völliger Quatsch. Er ist völlig außer Konkurrenz, wie ich finde. Und Schimanski steht ebenfalls für sich. Jeder, der versucht, in diese Richtung zu gehen, wird scheitern. Diese Kombination aus Götz George und Schimanski ist einzigartig. Daran sollte man sich nicht anlehnen. Man kann vielleicht das eine oder andere mitnehmen und versuchen, es in das eigene Ganze einzuflechten. Aber dann reicht es auch. Ansonsten sollte das für sich stehen.

prisma: Schimanski und Tanner haben sich natürlich auch immer die Bälle zugespielt, weil es extrem konträre Figuren waren. Bei Ihnen ist das mit den Partnerinnen und Partnern eigentlich ähnlich – wenn ich das richtig rekapituliere.

Matthias Koeberlin: Ja, genau. Auch mit Komlatschek übrigens. Da gibt es immer wieder Reibung, und inzwischen ist eine kleine Freundschaft entstanden.

prisma: Bei Komlatschek ist natürlich mittlerweile eine Institution entstanden. Man kann sich kaum vorstellen, dass er ersetzt wird.

Matthias Koeberlin: Nein, er ist absolut nicht ersetzbar – die Rolle nicht und der liebe Harry Prinz auch nicht. Das ist nicht verhandelbar. Wenn das wegbräche, würde, glaube ich, das ganze Schiff untergehen. Dann wäre es auch für mich vorbei.

prisma: Das ist gut zu hören. Das sollte man den Verantwortlichen vielleicht noch einmal mitgeben.

Matthias Koeberlin: Die wissen das sehr gut.

prisma: Sie sind vor Jahren selbst an den Bodensee gezogen. Hatte das etwas mit der Rolle zu tun?

Matthias Koeberlin: Nein, das hatte rein private Gründe. Es lässt sich jetzt natürlich wunderbar verbinden: Ich darf zum einen in dieser wunderbaren Landschaft zu Hause sein und kann zum anderen nach Drehschluss abends zu Hause sein. Mit der Reihe hatte der Umzug aber nichts zu tun. Das war eine private Entscheidung. Dass sich beides miteinander verbinden ließ, war dann natürlich wunderbar.

prisma: Sie drehen auch an Originalschauplätzen.

Matthias Koeberlin: Ja, genau. Wir drehen viel vor Ort. Ich denke, zu etwa 80 Prozent sind wir auf der österreichischen Seite, also in Vorarlberg. Der Rest findet in Deutschland statt. Das meiste wird aber auf der österreichischen Seite gedreht.

prisma: Das heißt, man kann zusammenfassen: Sie wissen, wovon Sie sprechen.

Matthias Koeberlin: Ja, genau.

prisma: Vor einiger Zeit haben Sie erzählt, dass Sie für die Rolle in einem Riesenrad Ihre Höhenangst überwinden mussten. Man sagt ja, Schauspieler schlüpften im besten Fall vollständig in ihre Rolle. Danach hört man oft, dass sie sich erst einmal wieder von der Figur entwöhnen müssen. Gerade Schauspielerinnen und Schauspieler, die Bösewichte spielen, haben damit manchmal Probleme. Aber wie geht man mit Alltagsängsten um? Kann man sie in der Rolle wegdrücken, oder bleibt man in solchen Momenten doch man selbst?

Matthias Koeberlin: Im Alltag schaffe ich das überhaupt nicht gut. Da scheitere ich grandios, wenn ich mich einer solchen Sache stellen muss. Im Beruf weiß ich, dass ich es irgendwie hinkriegen muss. Das große Glück, das ich gerade bei der Höhenangst habe, ist, dass Oberländer ebenfalls darunter leidet. Ich kann meine eigene Angst wunderbar benutzen. Wenn Oberländer damit kein Problem hätte und ich müsste diese Angst nur darstellen, wäre das deutlich schwieriger.

Da die Figur selbst Angst hat, kann ich das nutzen. Ich freue mich inzwischen fast, wenn den Autorinnen und Autoren wieder eine neue Attraktion einfällt, der ich mich stellen muss. Es hört ja nicht auf. Nach dem Riesenrad durfte ich in die wunderbare Gondel der Pfänderbahn. Das war ebenfalls ein Erlebnis für sich.

Privat meide ich so etwas. Beruflich musste ich auch schon auf eine Staumauer und andere Orte. Das verfolgt mich also, aber ich muss mich dem beruflich stellen – und dann bekomme ich es mit einer komplizierten Atemtechnik irgendwie hin.

Im Privaten bekomme ich bei solchen Dingen allerdings weiterhin feuchte Hände. Da bin ich leider nicht geheilt.

prisma: Darauf werde ich in Zukunft achten.

Matthias Koeberlin: Ja, bitte unbedingt. Es kommt wieder, versprochen.

prisma: Damit sind wir schon bei der Zukunft. Die Serie entwickelt sich ständig weiter. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit – das haben früher nur wenige Formate wie „Derrick“ oder „Der Alte“ geschafft. Wie interessant kann man die Serie noch gestalten, ohne Gefahr zu laufen, für den Rest des Lebens auf eine Rolle festgelegt zu werden? Das ist ein Problem, mit dem viele Schauspielerinnen und Schauspieler zu kämpfen haben.

Matthias Koeberlin: Total. Diese Gefahr ist mir bewusst. Das zwölfte Jahr ist wirklich schon eine lange Strecke.

Ich entscheide das tatsächlich von Jahr zu Jahr. Das habe ich auch schon bei anderen Produktionen so gehalten – etwa bei „Kommissar Marthaler“ oder bei den drei Folgen von „Hartwig Seeler“. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Kreis geschlossen und alles zu Ende erzählt ist, habe ich kein Problem damit zu sagen: Die Wege trennen sich wieder, bis hierhin – und das ist doch wunderbar. Dann beendet man dieses Kapitel.

Dieses Gefühl habe ich bei „Die Toten vom Bodensee“ bisher nicht. Ich habe den Eindruck, dass noch etwas in der Reihe steckt und man den Weg noch ein Stück weitergehen kann. Für mich mache ich jedes Jahr eine innere Inventur und überlege: Gibt es noch etwas, das mich reizt? Gibt es noch Geschichten, die erzählt werden möchten? Davon mache ich es schlicht und einfach abhängig.

Im Moment habe ich dieses Gefühl noch, und deshalb geht es weiter. Wichtig ist, dranzubleiben und sich nicht zu gemütlich zu machen. Man muss auch mit den Verantwortlichen immer wieder darüber sprechen, wie man die Reihe im 13., 14. oder 15. Jahr frisch halten kann, ohne sie komplett neu zu erfinden. Das kann man bei einem Krimiformat natürlich nicht.

Die Gefahr wäre, dass man sich irgendwann selbst karikiert. Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man sagt: So schön das alles war, jetzt ist Feierabend.

Im Moment habe ich dieses Gefühl aber nicht. Auf Produzentenebene arbeiten sowohl auf österreichischer als auch auf deutscher Seite sehr wache und sehr gute Leute. Ich habe derzeit nicht den Eindruck, dass sich jemand gemütlich zurücklehnt und die Sache einfach laufen lässt. Die Gefahr ist natürlich immer da.

prisma: Ein bisschen Abhilfe schafft natürlich auch, dass Sie viele andere Dinge machen. Was kann man aktuell von Ihnen hören?

Matthias Koeberlin: Im Moment habe ich tatsächlich frei. Ab August mache ich wieder ein relativ großes Hörbuch. Das ist für mich immer ein sehr schöner Ausgleich.

Ich versuche, zwei- bis dreimal, bestenfalls dreimal im Jahr Hörbücher unterzubringen und daneben natürlich auch andere Sachen zu drehen. Das gelingt mir Gott sei Dank. Es ist ein großer Luxus.

Solange das so ist, bleibt auch das Etablierte – der Bodensee – für mich frisch und spannend. Den Ausgleich brauche ich aber. Wenn ich irgendwann nur noch die Frage stelle: „Hat die Person Feinde?“, wird es auch für mich langweilig. Das versuche ich zu vermeiden.

prisma: Das mit den Hörbüchern ist interessant, weil es oft schwierig ist, so lange an etwas dranzubleiben. Bei einem Hörbuch ist die Stimme letztlich die Hauptattraktion.

Matthias Koeberlin: Ja, genau.

prisma: Wie trainieren Sie dafür?

Matthias Koeberlin: Gar nicht. Also nicht im eigentlichen Sinne. Das Hörbuch ist für mich gerade deshalb so faszinierend, weil die Stimme das einzige Ausdrucksmittel ist.

In meinem Handwerk werden mir als Schauspieler drei Viertel meiner Werkzeuge genommen. Ich habe nur die Stimme zur Verfügung, um jemanden über Stunden im besten Fall bei der Stange zu halten. Das ist jedes Mal eine totale Herausforderung, und ich mache es wahnsinnig gerne.

Dieses Reduzierte mag ich auch beim Spiel, also bei meinem eigentlichen Kerngeschäft als Schauspieler. Ich glaube sehr daran, dass weniger mehr ist – beim Spielen ebenso wie beim Hörbuch. Es steht eben nur die Stimme zur Verfügung, und das finde ich immer wieder faszinierend.

Trainieren kann ich das in diesem Sinne aber nicht. Jeder Text ist anders. Ich stürze mich hinein, und dann geht die wilde Fahrt los. Das ist jedes Mal aufs Neue spannend.

prisma: Wie viel lesen Sie am Stück, bevor Sie eine Pause brauchen? Die Stimme muss ja vermutlich auch einigermaßen belastbar bleiben und darf nicht irgendwann leiern.

Matthias Koeberlin: Die Stimme ist tatsächlich das kleinste Problem. Durch das Studium ist sie trainiert. Es ist vor allem eine Konzentrationsfrage.

Im Schnitt lese ich am Tag etwa 120 bis 130 Seiten. Danach bin ich wirklich streichfähig. Dann merke ich, dass der Kopf nicht mehr mitspielt und die Konzentration weg ist. Die Stimme ist noch da, aber der Kopf kommt nicht mehr mit. Dann reicht es auch.

Das sind ungefähr sechs Stunden, mit verschiedenen Stimmen und allem, was dazugehört. Es ist auf jeden Fall anstrengender als jeder Drehtag. Ich bin oft müder, wenn ich vom Hörbuchsprechen nach Hause komme, als nach einem Drehtag.

prisma: Das kann ich mir gut vorstellen. Hörbücher sind faszinierend. Früher hieß es oft: „Hol dir lieber ein Hörbuch, dann musst du nicht selbst lesen.“ Dabei ist es eine komplett andere Erfahrung.

Bei „Das Jesus-Video“ habe ich das Buch zuerst gelesen, weil ich die Geschichte so interessant fand. Dann habe ich den Film gesehen und anschließend das Hörbuch gehört. Das waren komplett unterschiedliche Medien und jeweils ganz andere Erlebnisse. Das fand ich sehr spannend.

Heute heißt es oft, die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen sei sehr gering. Wer hört sich da noch ein Hörbuch an? Letztlich ist das auch ein Versuch, dagegenzusteuern. Da sind wir wieder bei Oberländer und seinem eher oldschooligen Ansatz.

Matthias Koeberlin: Ja, genau. Die Hörbuchbranche hat allerdings einen totalen Boom erlebt.

„Das Jesus-Video“ war damals mein erstes Hörbuch. Das war Anfang der 2000er-Jahre und noch eine echte Nischengeschichte. Es gab ein paar wenige Menschen, die Hörbücher hören wollten, ansonsten war der Markt sehr übersichtlich.

Inzwischen lese ich auch sehr viel für Lübbe, unter anderem die Romane von Andreas Eschbach. Dort gibt es mittlerweile jedes Jahr viele hundert Veröffentlichungen. Das ist eine riesige Branche geworden – mit vielen spannenden Romanen und tollen Verlagen. Es kommen immer wieder neue Sachen dazu.

Als ich vor ungefähr 25 Jahren damit angefangen habe, war das noch eine sehr überschaubare Geschichte. In den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren hat sich unglaublich viel getan.

prisma: Das stimmt. Es ist ein riesiger Ausfall – oder besser: ein riesiger Erfolg.

Matthias Koeberlin: Ja, und das ist auch toll. Viele Menschen genießen dieses Medium. Ich bekomme bei den Hörbüchern immer mehr Feedback von Leuten, die meine Filmlaufbahn gar nicht so intensiv verfolgen, sondern sich ganz auf die Hörbucharbeit konzentrieren.

Das war früher nicht so. Ich merke, dass sehr viele Menschen großen Spaß daran haben, und ich kann das gut nachvollziehen. Wenn man Stimmen findet, die einem gefallen und die man gerne hört, ist das ein wunderbares Medium.

prisma: Man kommt dabei schön runter und muss sich gleichzeitig ein bisschen konzentrieren. Das ist eine gute Mischung.

prisma: Was machen Sie persönlich, um herunterzukommen und sich wieder ganz zu sammeln?

Matthias Koeberlin: Musik ist für mich total wichtig. Ich spiele schon seit Urzeiten Schlagzeug, und Musik zu machen, ist für mich sehr wichtig.

Überhaupt ist für mich alles wahnsinnig entspannend, bei dem ich den Mund halten kann und nicht sprechen muss. Ich kann sehr gerne auch einmal still sein. Ich bin zum Beispiel gerne im Garten, buddele und mache irgendetwas.

Alles, was Schweigen verspricht, ist für mich Erholung pur. Kochen, Garten und Musik – das sind die drei Dinge, bei denen ich wirklich total herunterfahren kann. Einfach einmal die Schnauze halten.

prisma: Großartig. Das ist ein wunderbares Schlusswort. Dann entlasse ich Sie jetzt in dieses Schweigen. 

„Die Toten vom Bodensee – Im Schattenreich“
Montag, 7. September, 20.15 Uhr im ZDF, vorab auch in der ZDF-Mediathek