Nico Santos sitzt wieder auf dem roten Stuhl: Nach seinem Sieg bei "The Voice of Germany" kehrt der Musiker als Gewinner-Coach in die neue Staffel zurück. Im Interview spricht er über den Druck nach dem Triumph, ehrliche Kritik an Talents und darüber, was er selbst in der Show noch lernen kann.
prisma: Du kommst als Gewinner-Coach in die neue "The Voice"-Staffel. Hat dir der Sieg Selbstbewusstsein gegeben – oder spürst du jetzt mehr Druck?
Nico Santos: Bei den Blind Auditions hilft mir das definitiv. Ich habe es viel einfacher, Talents zu bekommen, um die ich in den Staffeln davor vielleicht viel mehr hätte kämpfen müssen – oder die ich gar nicht bekommen hätte. Dafür werden die Battles viel schlimmer. Ihr werdet sehen: Ich habe sehr viele starke Talents, die in anderen Teams wahrscheinlich viel weiter kommen würden. Und ich muss sie schweren Herzens gehen lassen, weil es einfach zu viele gute sind, die sich für #TeamNico entscheiden.
Die Talents vertrauen dir also mehr, weil du schon gezeigt hast, dass du gewinnen kannst.
Ehrlicherweise schon ein bisschen, ja. Ich glaube, die Talents sprechen untereinander darüber, wie Coaches mit ihnen arbeiten – auch darüber, was nach "The Voice" noch passiert. Solche Dinge fließen sicher in die Entscheidung ein.
Wenn Talents zu dir kommen: Was kannst du ihnen besonders gut mitgeben?
Ganz ehrlich: Ich versuche, die Tipps weiterzugeben, die mir früher Künstler gegeben haben, zu denen ich aufgeschaut habe. Mir wurde oft gesagt: Nico, bevor es richtig losgeht, musst du deine Stimme finden. Das ist etwas, worauf ich auch heute achte.
Was bedeutet das für dich: die eigene Stimme finden?
Die Stimme, mit der ich spreche, ist nicht die Stimme, mit der ich singe. Ich bin tri- oder quadrilingual aufgewachsen, und in jeder Sprache klingt meine Stimme anders. Durch Learning by Doing, durch sehr viel Singen, findet man irgendwann die Stimme, mit der man sich selbst am meisten berührt – oder mit der man am meisten mitfühlt.
Hast du dafür ein Beispiel?
Für mich ist Michael Jackson ein gutes Beispiel. Bei "Off the Wall" klang er anders als später bei "Thriller" oder "Bad". Er hat immer wieder zu jedem Album eine neue Gesangsstimme gefunden, ohne sich selbst untreu zu werden.
Das klingt, als wären die vielen Sprachen, die du sprichst, dabei eine Hilfe.
Ich glaube schon. Ich merke oft: Krass, ich singe auf Spanisch ganz anders als auf Deutsch. Auf Deutsch singe ich weniger, weil ich hier nicht aufgewachsen bin. Englisch habe ich viel mehr gesungen. Ich glaube, meine Gesangsstimme auf Englisch zu finden, hat am längsten gedauert. Man denkt lange: Das ist doch eigentlich meine Stimme. Und dann merkt man: Nee, das ist sie gar nicht. Manchmal ist genau das die Erkenntnis.
Ist das auch einer der Schwerpunkte, die du beim Coaching setzt?
Dieses Jahr haben viele Talents, die ich richtig stark finde, ihre Stimme schon gefunden. Das macht es einfacher. Viele wissen auch sehr genau, wo sie hinwollen. Trotzdem gibt es immer noch Talents, die sehr nervös sind oder mit dem Timing kämpfen. Sido war damals bei mir sehr streng, wenn es ums Timing ging. Er meinte immer: Nico, du rennst zu sehr weg. Diese konstruktive Kritik hat mir geholfen, mehr Vertrauen zu bekommen und mir beim Singen Zeit zu lassen. Das setze ich bis heute ein.
Wenn du auf die anderen Coaches schaust: Wer macht etwas besonders gut?
Bei Shirin sind es für mich die Battles: Songauswahl, Battle-Paarungen, welche Talents sie miteinander kombiniert. Sie ist da unglaublich stark. Letztes Jahr hat sie schon zwei "Battles of the Night" gewonnen – ich wette, dieses Jahr zieht sie mindestens gleich. Für mich ist sie die Queen der Battles.
Shirin scheint in dieser Staffel deine größte Konkurrenz zu sein.
Bis zu den Battles definitiv. Aber das kann sich alles ändern. Denn ab den Team-Fights entscheiden wir Coaches nicht mehr selbst, wer weiterkommt. Dann entscheidet eine Jury aus 100 Ex-Talents und danach live im Halbfinale und Finale das Publikum. Ab dann können wir nur noch sagen: Das sind unsere Talents – und hoffen.
Bekanntheit allein reicht offenbar nicht, um Talents zu überzeugen.
Nein. Man braucht die richtigen Argumente. Shirin geht stark auf die persönliche Ebene, Rea sagt häufig einfach das Richtige. Wenn ich überzeugen kann, dann meistens über den musikalischen Aspekt.
Dein Wort hat für die Talents viel Gewicht. Wie findest du die Balance zwischen ehrlicher Kritik und Ermutigung?
Das ist ein schmaler Grat. Ich selbst bekomme gern Kritik, weil ich das Gefühl habe, nur daraus kann ich wirklich etwas mitnehmen und verändern. Die Menschen, mit denen ich groß geworden bin, hatten da schon immer einen rauen Ton. Ich bin aber nicht jemand, der gern kritisiert oder sehr direkt ist. Das musste ich selbst ein bisschen lernen, und dieses Jahr habe ich das vielleicht noch etwas mehr gemacht.
Wie machst du Kritik greifbar?
Ich versuche, sehr detailliert zu sein. Nicht nur zu sagen: "Gib mehr Gefühl rein." Gefühl kann man transportieren, aber man muss es auch lange lernen und üben. Wenn ich gezielte Hinweise gebe, können die Talents damit in dieser kurzen Zeit schneller arbeiten. Die nächste Phase ist ja oft schon wenige Wochen später. Sie haben nicht das ganze Leben, um das Coaching sacken zu lassen.
Du gibst den Talents viel mit. Gibt es auch Momente, in denen du selbst etwas von ihnen lernst?
Auf jeden Fall. Jedes Talent bringt etwas mit, bei dem ich manchmal kurz denke: krass. Manchmal sehe ich mich selbst wieder. Bei einem Talent hatte ich das Gefühl, das hätte ich vor zehn Jahren sein können – mit den gleichen Fehlern, aber auch mit den gleichen Stärken. Und dann gibt es Momente, in denen jemand etwas macht, das ich selbst nie so gemacht hätte – und trotzdem entsteht etwas Magisches.
Wir haben in dieser Staffel zum Beispiel ein Battle mit einem Song, den ich gar nicht kannte, aus einer ganz anderen Welt, aus dem Hip-Hop. Zwei Talents werden ihn zusammen performen, obwohl sie das sonst wahrscheinlich nie machen würden. So etwas passiert in keiner anderen TV-Sendung, auch nicht auf einem Festival. Deswegen sitze ich oft auf diesem Stuhl und denke: Ich habe schon wieder so viel Neues gelernt. Da finden Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, einen gemeinsamen Nenner – und daraus entsteht ein großer Moment.
"The Voice of Germany" läuft ab dem 11. September freitags um 20.15 Uhr in SAT.1 und samstags um 20.15 Uhr auf ProSieben.