Apotheken werden in Zukunft mehr und neue Aufgaben in der deutschen Gesundheitsversorgung übernehmen können. prisma hat darüber exklusiv mit Thomas Preis, dem Präsidenten der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, gesprochen.
Wer heute gesundheitliche Fragen hat, geht oft zuerst in die Apotheke. Kein Wunder: Apotheken sind flächendeckend vorhanden, wohnortnah erreichbar und genießen bei den Menschen ein außergewöhnlich hohes Vertrauen. Doch dieses Potenzial kann noch besser genutzt werden, sagt ABDA-Präsident Thomas Preis. Künftig sollen Apotheken deutlich mehr Aufgaben im Gesundheitssystem übernehmen – und damit Ärzte entlasten und Patienten schneller helfen. So sieht es das „Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz“ (ApoVWG) vor. „Dank des vor Kurzem in Kraft getretenen Apothekenreformgesetzes werden die Apotheken viele neue pharmazeutische Dienstleistungen anbieten können“, prognostiziert Preis. Er geht davon aus, dass die Versorgung der Patienten schneller und effizienter werden kann, wenn Apotheken mehr Kompetenzen in der Primärversorgung übernehmen.
In Zukunft könnten Apotheken zur ersten Anlaufstelle für viele Gesundheitsfragen werden – ohne Termin, unkompliziert und mit qualifizierter Beratung durch geschultes pharmazeutisches Personal. Der Grund für die Erweiterung der Kompetenzen liegt auf der Hand: Deutschland wird älter, immer mehr Menschen leben mit chronischen Erkrankungen und benötigen eine regelmäßige medizinische Betreuung. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist von chronischen Erkrankungen betroffen. Besonders ältere Menschen sind häufig auf mehrere Medikamente angewiesen. Bei den über 70-Jährigen nehmen 55 Prozent mehr als drei Arzneimittel ein. Die Folge: Das Risiko für Wechselwirkungen, Anwendungsfehler und Versorgungslücken steigt. Gleichzeitig kämpft das Gesundheitssystem mit Personalmangel, steigenden Kosten und Engpässen bei Medikamenten. Apotheken können hier eine wichtige Rolle übernehmen – als niedrigschwellige Gesundheitsberatung direkt vor Ort.
Mit dem geplanten Apothekenreformgesetz sollen einige neue pharmazeutische Dienstleistungen möglich werden. Dazu gehören unter anderem Gesundheitschecks mit Messungen von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Patienten könnten frühzeitig erfahren, ob ein gesundheitliches Risiko besteht und entsprechende Empfehlungen erhalten. Auch bei der Prävention können Apotheken noch stärker aktiv werden: etwa durch kurze Beratungen zur Tabakentwöhnung, die Rauchern helfen können, den Ausstieg zu schaffen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die sichere Medikamenteneinnahme. Menschen mit komplexen Dauermedikationen sollen künftig ein pharmazeutisches Medikationsmanagement erhalten. Dabei überprüfen Apotheker die Therapie, erkennen mögliche Probleme und unterstützen Patienten bei der sicheren Anwendung ihrer Arzneimittel. Auch beim Start einer neuen Dauermedikation könnte eine engmaschige Begleitung angeboten werden.
Besonders wichtig ist die richtige Anwendung komplizierter Medikamente – beispielsweise bei Spritzen oder sogenannten Autoinjektoren. Eine ausführliche Einweisung durch Apotheker kann verhindern, dass wichtige Therapien falsch angewendet werden.
Auch Impfungen könnten künftig stärker in der Apotheke stattfinden. Geschultes pharmazeutisches Personal soll Erwachsene mit verschiedenen Impfstoffen versorgen können – beispielsweise gegen Tetanus oder FSME. „Die schlechten Impfquoten in Deutschland könnten durch das niedrigschwellige Angebot spürbar erhöht werden“, verspricht sich Preis von den Neuerungen. Darüber hinaus sind weitere medizinische Leistungen geplant: venöse Blutentnahmen, Schnelltests auf bestimmte Erreger wie Influenza-, Noro- oder Rotaviren sowie eine bessere Versorgung bei akuten, unkomplizierten Erkrankungen. „Auf diese Weise können Arztpraxen und auch die Notfallambulanzen deutlich entlastet werden. Zudem erreichen Apotheken auch solche Bevölkerungsgruppen, die gar keinen Hausarzt haben. Insbesondere bei der venösen Blutabnahme für weitere Testungen gehen wir davon aus, dass das viele Bürgerinnen und Bürger nutzen werden“, führt Preis weiter aus, der in Köln selbst zwei Apotheken mit seinem Sohn betreibt. Zudem sollen bei Lieferengpässen von Medikamenten Apotheken mehr Handlungsspielraum erhalten. Wenn ein verordnetes Rabattarzneimittel nicht verfügbar ist, könnten Apotheker schneller reagieren und eine passende Alternative anbieten.
Ein weiterer wichtiger Schritt: In bestimmten Fällen sollen Apotheken rezeptpflichtige Medikamente auch ohne vorheriges Rezept abgeben dürfen – etwa zur Anschlussversorgung chronisch kranker Menschen oder bei einfachen akuten Beschwerden. Ausgenommen bleiben beispielsweise Antibiotika oder Medikamente mit einem Abhängigkeitspotenzial.
Die Botschaft ist klar: Die Apotheke soll sich vom Medikamentenexperten zur Gesundheitszentrale entwickeln. Ein Ort, an dem Menschen schnell Hilfe bekommen – bevor aus kleinen Problemen große werden.