Überaktive Blase

Plötzlicher Urinverlust: Das können Sie tun

14.09.2026, 02.00 Uhr
von Jutta Wiesner
Eine 58-jährige Patientin leidet unter Drang-Inkontinenz. Trotz normaler Blasenfunktion verhindert die überaktive Blase lange Autofahrten. Nach hormonellen und medikamentösen Therapien erlebt sie eine deutliche Verbesserung.
Dr. Jutta Wiesner lacht.
Dr. Jutta Wiesner arbeitet als niedergelassene Frauenärztin in Wolfenbüttel. Ihre Schwerpunkte: Wechseljahre der Frau, gesunde Lebensführung für Frauen, Kinderwunsch und Schwangerschaft. Sie ist Mitglied in der „DACH“-Gesellschaft zur Erforschung von Herz-Kreislauferkrankungen. Fotoquelle: Dr. Jutta Wiesner

„Mein Mann möchte öfter mit mir wegfahren, aber ich habe dazu überhaupt keine Lust. An lange Autofahrten ist für mich gar nicht mehr zu denken“, antwortete mir eine 58-jährige Patientin auf meine Frage, ob sich ihr Leben verändert habe, seitdem ihr Mann zu Hause ist. Als ich sie nach dem Grund dafür fragte, erklärte sie: „Wenn wir unterwegs sind, schaffe ich es nicht schnell genug zur Toilette. Wenn ich Pech habe, geht der Urin in die Hose. Zuhause kriege ich das hin, da ist die Toilette ja in der Nähe – also bleibe ich lieber zuhause“. Sie war mit 58 Jahren noch nicht sehr alt, hatte kein Übergewicht, es lag kein Diabetes vor, auch das Harnwegssystem war in Ordnung. Sie sei einmal mit einer Blasenentzündung beim Urologen gewesen, der hätte die Blase gespiegelt und die sei unauffällig gewesen. Sie hatte dem urologischen Kollegen allerdings nichts von ihrem Problem mit dem Wasserlassen erzählt, berichtete sie mir weiter.

Diese Form der Inkontinenz bezeichnet man als Drang-Inkontinenz oder überaktive Blase. Das Entleeren der Blase und das Aufhalten des Urins sind nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Es ist nicht nur die Blase und die Harnröhre beteiligt, sondern die Verschaltung der Muskeln, die aufmachen oder abschließen, erfolgt im Gehirn. Weiterhin ist die hormonelle Situation der Patientin von Bedeutung, Frauen in und nach den Wechseljahren sind häufiger betroffen. Auch spielt die Lebensführung eine Rolle.

Auf Nachfrage berichtete sie, dass sie gerne Kaffee und Tee trinken würde.  Der Genuss dieser Getränke würde das Problem verstärken. Von der hormonellen Seite war sie mit mäßigem Befinden durch die Wechseljahre gekommen, sie hatte aber die Behandlung der Beschwerden abgelehnt. Nun waren die klassischen Wechseljahresbeschwerden weniger, störend war nur ihre trockene Scheide. Dies war der erste Ansatz zur Behandlung: ein Hormonpräparat als Zäpfchen oder Salbe, zweimal pro Woche anzuwenden. Nach vier Wochen sah ich die Patientin wieder. „Es ist etwas besser geworden, aber noch nicht normal“, berichtete sie mir. Nun erfolgte eine Therapie mit Tabletten, die wir Gynäkologen einleiten. Die Weiterverordnung erfolgt dann durch den Hausarzt oder Urologen. Wie bei jedem Medikament kann es auch hier Nebenwirkungen geben. Nach weiteren vier Wochen kam sie gut gelaunt und optimistisch in die Praxis. „Die Abstände sind viel größer geworden und ich komme rechtzeitig auf die Toilette. Gestern waren wir im Kino und ich musste nicht während der Vorstellung raus.“

Sollten diese Maßnahmen nicht zum Erfolg führen, kann man heutzutage auch Botox in die Blase spritzen oder über Neurostimulation eine deutliche Verbesserung erreichen. Es ist immer möglich, das Leiden zu mindern.