„Werde ich meinen Sport weitermachen und ein normales Leben führen können?“ Diese besorgte Frage stellte mir vor sechs Jahren ein 18-jähriger Schüler, als wir bei ihm Multiple Sklerose diagnostizierten. Zwei Wochen zuvor hatte er Kribbeln und Taubheitsgefühle in beiden Beinen bemerkt. Die Beschwerden waren von den Füßen nach oben gewandert. Schließlich hatte er Probleme beim Treppensteigen und Wasserlassen bemerkt. Bereits drei Monate zuvor hatte er zwei Wochen lang doppelt gesehen, dies aber auf einen Schlag beim Boxen zurückgeführt. Die Untersuchungen zeigten eine Multiple Sklerose mit ausgeprägter Krankheitsaktivität und Befall des Rückenmarks.
Die Multiple Sklerose ist eine entzündliche Autoimmunerkrankung von Gehirn und Rückenmark. Sie beginnt meist mit Schüben – oft wie ein loderndes Feuer. Später kann daraus ein schleichender Verlauf entstehen, die sekundär chronisch-progrediente MS, mit einem Schwelbrand vergleichbar. Früher begann man meist mit einer milden prophylaktischen Therapie, erst bei weiterer Aktivität griff man zu stärkeren Medikamenten: „Start smart and slow.“ Heute behandeln wir Patienten mit hoher Krankheitsaktivität oder Rückenmarksbefall häufig von Anfang an hochwirksam: „Hit hard and early.“
Bei meinem Patienten entschieden wir uns direkt für eine hochwirksame Therapie mit einem modernen Medikament, das gezielt B-Zellen, bestimmte Abwehrzellen des Immunsystems, beeinflusst und monatlich selbst unter die Haut gespritzt wird. Seitdem ist er schub- und behinderungsfrei.
Als ich ihn kürzlich mit 25 Jahren wiedersah, erzählte er stolz, dass sein sonst so üblicher Sport momentan etwas zu kurz komme. Der Grund: Vor sechs Wochen sei er Vater einer gesunden Tochter geworden. In der Behandlung der MS gibt es große Fortschritte: Mit vielen jungen MS-Betroffenen sprechen wir heute über Sport, Reisen, Beruf und Familienplanung – deutlich seltener über Behinderung und Rollstuhl. Eine Entwicklung, die mich sehr freut.