„Ich hätte nie gedacht, was für ein Aufwand es ist, die Pflege meines Vaters zu organisieren. Es zermürbt mich, dass ich aktuell neben meiner Familie und Arbeit so viel Zeit und Nerven drauf verwenden muss. Zu dumm, dass wir uns nicht früher darum gekümmert haben, als es ihm noch gut ging“, erklärte mir kürzlich die Tochter eines 70-jährigen Patienten, die mit ihrem verwitweten Vater in meiner Sprechstunde erschien.
Der Patient hatte vor einigen Wochen einen Schlaganfall erlitten und konnte seitdem seinen rechten Arm und seine Hand nicht mehr vollständig bewegen. Von einem Tag auf den anderen war der 70-Jährige plötzlich im Alltag auf Hilfe angewiesen. „Schuhe zuschnüren, sein Hemd zuknöpfen, die eigene Unterschrift schreiben, das alles geht momentan leider nicht“, beschrieb seine Tochter die Situation.In der Tat ist es so, dass der Zugang zu Pflege und zum Pflegegeld mit einigen Hürden verbunden ist. Tritt der Bedarf plötzlich ein, sind Betroffene und Angehörige oft überfordert mit der Situation und dem bürokratischen Aufwand. Daher ist es empfehlenswert, sich selbst frühzeitig Gedanken um die eigene Pflege zu machen und mögliche Helfer einzubeziehen. Oft benötigen ältere Menschen zudem ohnehin administrative Unterstützung bei alltäglichen Dingen.
Die meisten Senioren können irgendwann im Alter ihren Haushalt nicht mehr allein bewältigen oder sind durch Krankheit gezwungen, sich Hilfe zu holen. Das bedeutet: Jeder wird wahrscheinlich irgendwann einmal mehr oder weniger pflege- oder hilfsbedürftig sein. Auf die eigenen Kinder oder Angehörige kann man nicht immer setzen, da sie häufig weiter entfernt leben oder beruflich und familiär stark eingebunden sind. Ich empfehle daher, sich sehr frühzeitig darüber Gedanken zu machen, welche Personen konkret in diesem Fall unterstützen können und dies mit ihnen zu besprechen. Das können die eigenen Kinder und andere Verwandte, aber auch Nachbarn, Ehrenamtliche oder Kirchengemeindemitglieder sein.
Auch es ist vorteilhaft, sich frühzeitig über die bürokratischen Schritte im Fall der Fälle kundig zu machen: An wen muss ich mich wenden, wo beantrage ich welche Hilfe oder welche Hilfsmittel. Welche Stellen oder Organisationen in meiner Nähe können mich dabei unterstützen? Der Zeitpunkt dafür ist nie zu früh. Denn Pflegebedürftigkeit wird zwar mit zunehmendem Alter immer wahrscheinlicher, aber sie kann auch bereits in jüngeren Jahren auftreten, etwa durch eine diagnostizierte chronische Erkrankung wie beispielsweise Multiple Sklerose oder als Folge eines Unfalls. Vorsorge hilft, Notsituationen abzumildern.
Oder anders ausgedrückt: Man fährt ja auch nicht Auto ohne Airbag. „Es ist wirklich ratsam, sich so früh wie möglich ein Netzwerk aus Unterstützern zu organisieren. Das bedeutet, dass man vorher Menschen aus seinem Umfeld fragen muss, ob sie bereit wären, zu helfen, und das müssen nicht zwingend nur Verwandte sein“, antwortete ich der Tochter meines Patienten. Das bedeutet auch, für eine Pflegevollmacht zu sorgen, solange man noch selbst dazu in Lage ist. Tut man dies nicht, läuft man unter Umständen Gefahr, dass ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt werden muss.
Unterm Strich heißt das: ein Netzwerk möglicher Helfer früh genug organisieren, die eigene Versorgung sichern und die gesetzliche Betreuungssituation durch eine Pflegevollmacht regeln. Damit schaffen Patienten wie Angehörige die notwendigen Rahmenbedingungen, um sich so gut wie möglich auf einen möglichen Pflegebedarf vorzubereiten.