Musikalische Lesereise

Heiner Lauterbach: „Amerika hat mich geprägt"

14.09.2026, 02.00 Uhr
Heiner Lauterbach und der Cologne Blues Club präsentieren mit "Like a Hobo" eine einzigartige Tournee, die Musik und amerikanische Literatur vereint. Im Interview spricht Lauterbach über seine Faszination für die USA und seine prägenden Erfahrungen mit amerikanischer Kultur.

Mit „Like a Hobo“ gehen Heiner Lauterbach und der Cologne Blues Club auf Tour. Im Interview erzählt die Schauspieler-Legende von seiner Leidenschaft für die amerikanische Kultur.

prisma: Mit „Like a Hobo“ gehen Sie im kommenden Jahr auf Tournee. Können Sie für unsere Leser kurz umreißen, worum es genau geht?

Heiner Lauterbach: Wir machen eine musikalische Reise durch Amerika, wie wir das nennen – genauer gesagt durch das literarische Amerika. Wir konzentrieren uns dabei auf das 19. und 20. Jahrhundert.

Steinbeck, Twain und Faulkner – da sind wirklich ganz großartige Autoren dabei.

Heiner Lauterbach: Genau. Die Amerikaner hatten sehr viele hervorragende Schriftsteller. Das Ganze wird vom Cologne Blues Club untermalt beziehungsweise ergänzt.

Mit der Band haben Sie, glaube ich, auch schon länger zu tun. Der Bandleader ist doch ein Freund von Ihnen, oder?

Heiner Lauterbach: Der Bandleader, der zugleich Bassist ist, ist ein Freund von mir. Wir kamen während eines gemeinsamen Italienurlaubs auf diese Idee. Wir dachten: Das sollten wir machen. Gerade in Zeiten von Trump ist es schön, sich auch einmal daran zu erinnern, dass es eigentlich schöne Einflüsse aus Amerika gegeben hat.

Absolut.

Heiner Lauterbach: Abgesehen von den Rosinenbombern, die natürlich ebenfalls eine großartige Aktion waren. Ich habe mich in meinem Leben jedenfalls immer stark an den Amerikanern orientiert. Das begann schon als Kind mit den amerikanischen Filmen, die man gesehen hat.

Davon wurden viele Menschen in Deutschland nach dem Krieg geprägt. 

Heiner Lauterbach: Ja, und auch von der Musik und den musikalischen Einflüssen. Letztendlich sind die Amerikaner ja ebenfalls unsere Vorfahren – es sind schließlich alles Europäer. 

Es gibt auf jeden Fall viele Wurzeln, die irgendwo zusammenpassen. Wie genau ist das Programm aufgebaut? In der Pressemitteilung war zu lesen, dass Sie eher unbekanntere oder kürzere Texte lesen. Diese werden dann von Musikstücken ergänzt.

Heiner Lauterbach: Ja, das geht ein bisschen ineinander über. Mit dem genauen Ablauf werden wir uns zu gegebener Zeit noch intensiver beschäftigen. Im Moment sind wir dabei, die Stücke auszuwählen. Danach erstellen wir einen Ablaufplan und bringen die Texte und Musikstücke in eine Reihenfolge. Wir haben auch ein wenig Lyrik dabei sowie Ausschnitte aus zwei bekannten amerikanischen Reden. Das Ganze soll abwechslungsreich sein: Man soll zwischendurch schmunzeln, aber auch nachdenklich werden. Letztlich soll es vor allem gute Unterhaltung sein.

Die Häuser, die Sie für Ihre Tour ausgewählt haben, bieten sich dafür natürlich an. Wenn Sie selbst einmal zurückblicken: Sie haben bereits gesagt, dass Sie durch amerikanische Filme aus den 1960er- und 1970er-Jahren geprägt wurden. Welche Literatur hat Sie persönlich beeinflusst, und welche Werke bringen Sie nun auf die Bühne? Was ist Ihr persönlicher Favorit?

Heiner Lauterbach: Das ist völlig unterschiedlich. Im Theater habe ich beispielsweise „Von Mäusen und Menschen“ von John Steinbeck gespielt, außerdem „Endstation Sehnsucht“ und „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams. Bei den Filmen waren es natürlich viele amerikanische Stars, mit denen man groß geworden ist. Ein ziemlich prägender Film war für mich beispielsweise „Alamo“, der heute nicht ganz unumstritten ist.

Heiner Lauterbach: Genau. John Wayne hat auch Regie geführt, und Richard Widmark spielte mit. Widmark war einer meiner ersten Lieblingsschauspieler. Er hat in mir schon früh den Wunsch geweckt beziehungsweise mich dazu gebracht, mich mit der Schauspielerei auseinanderzusetzen. Auch seine Filme und Geschichten haben uns damals sehr gut gefallen. Und dann natürlich Dustin Hoffman in „Die Reifeprüfung“. Das waren für uns prägende Filme und Schauspieler. Früher gab es außerdem die großen Filmstars wie Steve McQueen oder Paul Newman.

Große Namen.

Heiner Lauterbach: Und so kam eines zum anderen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal in Amerika war – das war erst Anfang der 1970er-Jahre. Wenn man dort allein ein Telefon hört, irgendein typisches amerikanisches Telefonklingeln, zuckt man sofort zusammen, weil man es aus tausend Filmen kennt. Dieses typische Klingeln, das wir heute oft mit unseren Handys imitieren.

Man denkt sofort, es gehe um irgendeine Filmszene oder eine ähnliche Situation.

Heiner Lauterbach: Genau. Mit Skylines und den Straßenkreuzern setzt sich das fort. Die Straßenkreuzer gibt es leider nicht mehr, aber auch sie gehörten zu diesem Amerika-Bild. Dazu kommen die Sirenen in der Stadt und die typischen amerikanischen Polizeiserien. All das hat mich geprägt.

Die amerikanische Literatur steht ja auch für Aufbruch, Freiheit und Außenseitergeschichten. Viele der Werke, die Sie für Ihr Programm ausgewählt haben, sind bereits älter, aber ihre Botschaften sind zeitlos geblieben.

Heiner Lauterbach: Wir wollen uns ganz bewusst im 19. und im frühen 20. Jahrhundert der amerikanischen Literatur bewegen. Was mir an den Amerikanern außerdem gefällt, ist ihr großes Selbstverständnis, was ihr Land angeht. Sie gehen mit großer Selbstverständlichkeit mit der Bedeutung und der Brillanz ihres Landes in vielerlei Hinsicht um.

Weniger verkrampft als wir, meinen Sie?

Heiner Lauterbach: Ja, denn die Amerikaner sind einfach begeistert von sich und ihrem Land. Manchmal ist das ein bisschen heftig und übertrieben, aber grundsätzlich finde ich es bemerkenswert. Wenn ich sehe, wie die Coen-Brüder dieses Land darstellen, ist das wunderbar. Sie können selbst Wellblechhütten, die eigentlich ziemlich hässlich sind, mit einer solchen Brillanz verkaufen – natürlich geradezu im Cinemascope-Format –, dass wir uns in Deutschland davon eine Scheibe abschneiden könnten. Wir haben ebenfalls ein wunderschönes Land. Aber im deutschen Kinofilm nutzen wir unsere Landschaften nicht wirklich als filmisches Pfund. Wir könnten mit unseren Landschaften und der Natur viel bildgewaltigere Kinofilme machen.

Und weniger diese Sepiatöne. Mir fällt das ebenfalls immer wieder auf. Wenn ich Filme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehe, hat man oft das Gefühl, dass ein Filter darüberliegt und alles ein wenig grau aussieht. Das ist manchmal schade.

Heiner Lauterbach: Diese Farbentsättigung war einmal sehr modern. Als stilistisches Mittel kann das in einem Film, der beispielsweise in einer Großstadt spielt, durchaus funktionieren und angebracht sein. Aber mittlerweile machen wir das in jeder „SOKO Wolfenbüttel“. Das ist schon unglaublich manieriert und wirkt inzwischen ziemlich ausgereizt. Ähnlich verhält es sich mit diesen Reißschwenks auf irgendwelche Kaffeetassen, die in einer Szene überhaupt keinen Sinn ergeben.

Ja, das ist dann ein bisschen Filmkunst um ihrer selbst willen. Ich finde es unheimlich spannend, dass Sie nun wieder auf die Bühne gehen. Sie sind mittlerweile sehr häufig im Kino zu sehen, vielleicht sogar häufiger im Kino als im Fernsehen. Ist das eine richtige Beobachtung?

Heiner Lauterbach: Ja, das wechselt bei mir immer ein bisschen. Ich habe mit dem Kino ziemlich früh angefangen und viele Kinofilme gemacht. Eine Zeit lang habe ich auch viel Fernsehen gedreht. In den vergangenen zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren war es dann wieder deutlich mehr Kino.

Wie ist es für Sie, wenn Sie sich vorstellen, wieder auf der Bühne zu stehen? Freuen Sie sich darauf, oder haben Sie auch ein wenig Ehrfurcht davor?

Heiner Lauterbach: Nein, ich habe mein ganzes Leben lang immer wieder Theater gespielt. Ich habe auch schon eine „Italienische Reise“ gemacht, bei der ich italienische Texte und Texte über Italien gelesen habe – damals gemeinsam mit einer Combo klassischer Musiker und einem Opernsänger. Insofern ist das für mich nichts Neues. Es macht mir immer großen Spaß. Ich halte die Bühne außerdem für die Grundlage unseres Berufs. Sie steht dafür, live zu sein und zu performen. Wenn man sich mit diesem Beruf auseinandersetzt und ihn nicht nur als Zeitvertreib oder Gelderwerb betrachtet, sondern als Berufung, dann kann man sich darin jeden Tag weiterentwickeln. Man kann in diesem Beruf bis zu seinem Tod immer besser werden. Das ist etwas sehr Schönes – anders als beispielsweise im Sport, wo man irgendwann an anatomische Grenzen stößt. Als Schauspieler kann man aber, wenn man es darauf anlegt und die richtige Einstellung hat, immer besser werden. Das ist ein Teil dieser nicht enden wollenden Ausbildung. Die Bühnenperformance gehört unbedingt dazu. Ich werde auch zwei oder drei Texte auswendig lernen und vortragen, weil ich das bei diesen Reden noch intensiver und schöner finde. Das ist ohnehin eine Fingerübung, die man beispielsweise auch als Pianist macht.

Und man bekommt auf der Bühne natürlich sofort die Reaktion des Publikums mit. Das ist etwas, das mir Schauspieler immer wieder als das Besondere an der Bühne schildern.

Heiner Lauterbach: Ja, klar. Das ist das Besondere. Allerdings hat man auch an einem Filmset immer ein Publikum, wenn man so will. Ein Filmteam kann ebenfalls eine starke Resonanz hervorbringen – bis hin zu Applaus. Das kommt bei einem Filmteam extrem selten vor, aber wenn man nach einer Szene vom gesamten Team Applaus bekommt, ist das ein absoluter Ritterschlag. Man hat also immer ein unmittelbares Publikum. Im Theater sind es nur deutlich mehr Zuschauer. Die Bühne gibt einem ein direktes Feedback. Wenn es mit dem Partner oder den Partnern abgesprochen ist, kann man außerdem ein wenig variieren und Dinge ausprobieren – speziell in einer Komödie kann man sehr gut herausfinden, was ankommt und was weniger gut funktioniert. Auch im Drama kann man an der Konzentration des Publikums erkennen, wie etwas wirkt. Wenn es im Saal extrem leise wird, merkt man das sofort. Ich sage meinen Studenten immer: Wenn sie fragen, ob man im Theater nicht leise sprechen könne, dann sage ich: Doch, das kann man. Es hängt ein bisschen davon ab, in welchem Haus man spielt und welche Architektur und Akustik dort herrschen. In den deutschen Schauspielhäusern ist die Akustik normalerweise sehr gut. Wenn man mit Stütze arbeitet, wie es Schauspieler tun, kann man sehr leise sprechen. Dafür muss man allerdings zunächst für Ruhe sorgen. Mit seiner Präsenz und der Performance, die man vorher gezeigt hat, muss man die Zuschauer dazu bringen, still und konzentriert zu sein.

Und dafür sorgen, dass sie bei der Stange bleiben.

Heiner Lauterbach: Genau. Dann rutscht niemand mehr auf dem Stuhl herum, sondern alle halten beinahe den Atem an. In einem solchen Haus kann man anschließend extrem leise sprechen.

Auch die Improvisation bietet auf der Bühne große Möglichkeiten. Wenn Sie ein solches Programm anbieten, können Sie vermutlich einiges variieren.

Heiner Lauterbach: Bei unserem Programm glaube ich das eher nicht. Während der Proben können wir natürlich improvisieren und Dinge ausprobieren. Wenn der Ablauf jedoch festgelegt ist, wollen wir auch mit Lichtwechseln und Übergängen arbeiten. Vielleicht beginnt bei einem Basslauf ein Text, oder am Ende steigt die Musik ein; vielleicht setzt ein Schlagzeug mit einer Snare ein. Das muss alles ineinander übergehen und genau sitzen. In diesem Fall muss man sich dann präzise an den Ablauf halten.

Wenn man mit Musikern zusammenarbeitet, ist das klar. Wenn wir noch kurz auf die Musik eingehen: Das sind ebenfalls großartige Stücke. Robert Johnson ist vor allem durch Eric Clapton einem größeren Publikum bekannt geworden. Da sind wirklich richtig tolle Stücke dabei.

Heiner Lauterbach: Wir haben eine hervorragende Band. Alle Musiker sind wahnsinnig gute Profis und verstehen ihr Handwerk, auch was Arrangements betrifft. Dazu kommt ein großartiger Sänger, der beispielsweise auch unglaublich gut Mundharmonika spielt. Sie verstehen ihr Handwerk und sind Feuer und Flamme dafür, dass wir die Texte und die Musik miteinander verbinden und gemeinsam gestalten. Die Musiker lassen sich auf das ein, was gelesen wird, und greifen es musikalisch auf. Bis wir anfangen, werden wir noch einige Proben haben.

Die Musik ist also ein dramaturgischer Bestandteil und nicht nur ein Nebeneffekt.

Heiner Lauterbach: Nein, keinesfalls. Als bloßes Beiwerk würde das wenig Sinn ergeben. Ich finde ebenfalls, dass die Musik ein dramaturgischer Bestandteil sein muss.

Ihr Kollege Alexander Scheer hat mit „Heroes“ ebenfalls eine Melagen aus Musik und Literatur auf die Bühne gebracht. Im Interview sagte er mir, dass er gerne Dinge macht, bei denen er bisher noch nicht bewiesen hat, dass er sie kann. Das sei für ihn immer eine Herausforderung, etwas Neues auszuprobieren. Das passt ein bisschen zu dem, was Sie gesagt haben: dass man als Schauspieler immer weiterlernen möchte.

Heiner Lauterbach: Ich bin ein großer Verfechter davon, Dinge zu machen, die man noch nicht gemacht hat – grundsätzlich im Leben und speziell im schauspielerischen Beruf. Das habe ich auch immer so praktiziert. Es gibt fast nichts, was ich innerhalb dieser Branche noch nicht gemacht hätte: angefangen bei der Schauspielerei in den verschiedenen Medien – Theater, Fernsehen und Film –, über Regie und Schreiben bis hin zu Aufnahmeleitung und Produktionsleitung. Ich war auch Produzent und habe Filme selbst produziert. Ich habe also wirklich vieles gemacht, was es innerhalb dieser Branche gibt. Ich finde, dass sich die verschiedenen Tätigkeiten gegenseitig befruchten. Seit ich selbst Regie geführt habe, habe ich beispielsweise ein ganz anderes Verhältnis zu Regisseuren. Ich verstehe sie wesentlich besser, weil es manchmal wirklich mühselig sein kann, mit Schauspielern zu arbeiten.

Das kann ich mir vorstellen. Es ist interessant, wenn man beide Seiten kennt.

Heiner Lauterbach: Genau. Und seit ich selbst produziert habe, bin ich mit Sicherheit auch ein anderer Filmschaffender im Verhältnis zu einem Produzenten geworden.

Sehen Sie dadurch auch anders auf Ihre eigene Profession, also auf die Berufung des Schauspielers? Hat sich Ihr Blick im Laufe der Jahre verändert?

Heiner Lauterbach: Ja, sicher. Man stellt beispielsweise fest, dass man für diesen Beruf eigentlich sehr dankbar sein muss. Wenn man die vielen Berufe betrachtet, die es in unserer Branche gibt – allein am Filmset gibt es ja zahlreiche Tätigkeiten –, dann ist die Schauspielerei einschließlich der Regie meiner Ansicht nach einer der privilegiertesten Berufe. Am Filmset arbeiten Aufnahmeleiter, Kostümbildner, Maskenbildner, Beleuchter, Kameraleute, Cutter und viele andere. Der Schauspieler wird im oberen Segment am besten bezahlt, genießt die größten Vergünstigungen und wird unglaublich hofiert und gut behandelt – zumindest solange die Dreharbeiten laufen.

Damit ist natürlich auch eine Verantwortung verbunden, derer sich vielleicht nicht alle bewusst sind.

Heiner Lauterbach: Das ist klar. Voraussetzung ist natürlich, dass man den Beruf auch beherrscht. Wenn man kein Talent hat, sollte man gar nicht erst anfangen. Wenn man aber schauspielerisches Talent besitzt – das habe ich beispielsweise auch meiner Tochter gesagt, die diesen Beruf machen wollte und nun ebenfalls Schauspielerin ist –, dann ist das ein wunderschöner Beruf. Wenn man die richtige Einstellung und Leidenschaft hat und diese Leidenschaft nicht verliert, ist es ein herrlicher Beruf. Das Talent darf man allerdings nicht einfach schleifen lassen. Man muss daran arbeiten. Diese Arbeit wird erleichtert, wenn man möglichst viele Bereiche selbst kennengelernt und praktisch ausprobiert hat. Unser Sohn ist gerade 19 Jahre alt und studiert in Spanien Betriebswirtschaftslehre. Vor einigen Jahren hat er ein Praktikum in einem Hotel in Bayern gemacht. Eine Freundin von uns besitzt das Hotel und hat ihn dort ein bisschen unter ihre Fittiche genommen. Sie hat ihn in vielen Bereichen arbeiten lassen: in der Küche, im Spa-Bereich und hinter der Bar. Eines Tages kam er nach Hause und sagte: „Papa, ich habe heute im Spa gearbeitet. Ich habe noch nie so viele Handtücher gesehen. Den ganzen Tag wurden Handtücher von rechts und links weggetragen.“ Da habe ich ihm gesagt: „Das wirst du dein Leben lang nicht vergessen. Wenn du später einmal so viel Geld verdienst, dass du in Fünf-Sterne-Hotels gehen kannst, wirst du ein anderes Verhältnis zu diesen Dingen haben. Wenn du dort die Menschen siehst, die herumlaufen und die Handtücher verteilen, wirst du sie mit anderen Augen sehen.“ Es ist für das ganze Leben wichtig, möglichst viele Bereiche selbst kennenzulernen. Wenn man selbst in unterschiedlichen Tätigkeiten gearbeitet hat, ist man vermutlich wesentlich verständnisvoller und netter zu den Kellnern, die einen später bedienen. Auch in unserem Beruf ist es deshalb sehr zu empfehlen, sich für alle Bereiche zu interessieren und beispielsweise mit den Beleuchtern oder vor allem mit den Kameraleuten zu sprechen.

Haben Sie bei jungen Kollegen den Eindruck, dass sie dieses Berufsethos mitbringen, oder ist das sehr unterschiedlich?

Heiner Lauterbach: Das ist völlig unterschiedlich. Es gibt die verschiedensten Herangehensweisen, Mentalitäten und Typen – vermutlich wie überall im Leben. Es gibt sehr strukturierte junge Kollegen. Die sind grundsätzlich wesentlich strukturierter, als wir es waren, als wir jung waren. Heute sieht man viele von ihnen pausenlos herumlaufen, mit ihren Agenten telefonieren und sich für Rollen anbieten. Wenn man heute mit diesem Beruf anfängt, muss man unglaublich rührig sein. Man braucht sehr viel Glück, Ausdauer, Zähigkeit und alles Mögliche – vom Talent einmal abgesehen –, um sich zu behaupten. Dafür muss man etwas tun. In der Regel tun die jungen Leute das auch. Es gibt allerdings einige wenige Hallodris, die meinen, sie müssten das nicht tun, oder die sich am Set schlecht verhalten. Das spricht sich natürlich schnell herum. 

Damit wird man in dieser Branche wahrscheinlich nicht alt.

Heiner Lauterbach: Nein, das spricht sich herum, und damit wird man nicht alt.

Wenn wir noch kurz auf Ihre Fernseh- und Kinokarriere eingehen: Sie waren in den vergangenen Jahren in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen. Woran haben Sie momentan mehr Freude – an einer komplexen, dramatischen Figur oder an einer guten Komödie?

Heiner Lauterbach: Eigentlich genau an dieser Unterschiedlichkeit. Das ist der entscheidende Punkt. Nicht nur, weil es am abwechslungsreichsten ist, sondern auch, weil ich bewusst zwischen den verschiedenen Arbeitsweisen wechsle. Ich versuche, einmal Theater zu spielen, dann einen Fernsehfilm zu drehen, eine Lesereise zu machen, ein Hörbuch oder ein Hörspiel einzusprechen, danach einen Kinofilm zu drehen oder auf Theatertournee zu gehen. Es sollte möglichst abwechslungsreich sein. Auch innerhalb der Genres möchte ich wechseln: Im besten Fall folgt auf eine Komödie ein Drama, danach ein spannender Thriller und anschließend vielleicht eine Arthouse-Geschichte. Eine gute Serie gehört ebenfalls dazu. Wir haben beispielsweise eine ganz tolle Serie gemacht: „Unter Freunden stirbt man nicht“. Das waren vier Teile.

Sie sind unter anderem durch Komödien wie „Männer“ bekannt geworden. Wird zu Recht häufig gesagt, dass Komödie zu den anspruchsvollsten Aufgaben für Schauspieler gehört?

Heiner Lauterbach: Ja. Man sagt, die Komödie sei die Königsklasse. Wer Komödie kann, kann eigentlich alles. Das ist ähnlich wie beim Design: Wenn man ein Auto designen kann, kann man auch alles andere designen. Das liegt am sogenannten Timing. Timing ist in der Schauspielerei eine ganz wichtige Sache und wird in der Komödie besonders gebraucht. Davon hängt sehr viel ab. Es ist natürlich schwieriger, Menschen wirklich zum Lachen zu bringen, als sie zum Weinen zu bringen. Für Traurigkeit kann man mit anderen Mitteln arbeiten. Wenn man jemanden zum Lachen bringen will, muss man sehr genau wissen, was man tut. Dabei spielen auch Erfahrungswerte eine große Rolle. Als Schauspieler kann man in einer Komödie in viele Fallen tappen. Wenn man witzig sein will, funktioniert es meistens nicht. Man muss die Dinge ernst nehmen. Eine gute Komödie ist immer auch ein Drama – und umgekehrt. Beides geht ineinander über. Der Grundsatz einer Komödie lautet deshalb: Man muss sie vollkommen ernst nehmen. Ich gehe teilweise sogar so weit, dass ich mir vor einer Szene, bevor die Klappe geschlagen wird, sage: „Ich möchte nicht, dass jemand über mich lacht. Das ist mir unangenehm. Für mich ist das, worum es hier gerade geht, zu ernst.“

Das ist interessant.

Heiner Lauterbach: Wenn man so an eine Szene herangeht, setzt man sich nicht künstlich darauf, witzig zu sein.

Man wird also nicht albern.

Heiner Lauterbach: Genau. Und wenn man ein großartig geschriebenes Drehbuch hat, macht es natürlich großen Spaß, eine Komödie zu spielen. Man spürt die Qualität. Wenn man zu schnell spielt und alles übertreibt, fällt das Ganze wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Man muss die Situation sehr ernst spielen und ernst nehmen. Dann kann sie komisch werden.

Wie bei Loriot, dem Großmeister. Bei ihm hatte man ebenfalls immer das Gefühl, dass er alles vollkommen ernst nimmt. Heute wird in Talkshows und an vielen anderen Stellen häufig nur noch auf die kleinen, billigen Lacher gesetzt. Das fällt einem als Zuschauer schon auf.

Heiner Lauterbach: Vor allem dann, wenn es ganz schlecht gemacht ist – besonders, wenn es auf Kosten anderer geht. 

Eine letzte Frage: Was steht bei Ihnen als Nächstes an? Wir haben eben über Serien gesprochen. Wie sehen Sie die Streaming-Entwicklung? Ist das etwas, das Sie gut finden und selbst nutzen?

Heiner Lauterbach: Ich nutze alle Streamingdienste im Abo und habe wahrscheinlich auch schon für alle gearbeitet. 

Für junge Schauspieler eröffnen sich dadurch natürlich ganz neue Märkte.

Heiner Lauterbach: Ja. Im Grunde ist es egal, ob man einen Kinofilm dreht oder in einer Streaming-Serie mitspielt. Man muss Qualität liefern und seine Arbeit richtig und gut machen. Dann kann auch eine Streaming-Produktion eine sehr hohe Qualität erreichen – wie „Breaking Bad“, wenn wir gerade über die großen amerikanischen Serien sprechen. Grundsätzlich ist das Seherlebnis im Kino natürlich schöner und intensiver. Mittlerweile sind die Fernseher jedoch so groß, dass sie beinahe kleine Leinwände sind. Die Bildqualität ist ebenfalls sehr gut, sodass man auch zu Hause ein gutes Seherlebnis haben kann. Ich habe immer gesagt: Ich mache lieber einen guten Fernsehfilm als einen schlechten Kinofilm. Grundsätzlich würde ich das Kino aber vorziehen, weil es als Medium noch einmal eine Stufe höher angesetzt ist. Für Schauspieler ist ein Kinofilm in der Hierarchie und in der Gunst nach wie vor etwas Besonderes.

Auf jeden Fall. Ich habe ebenfalls das Gefühl, dass das Kino wieder etwas wichtiger wird. Eine Zeit lang waren die Serien wirklich sehr stark. Sie hatten ja gerade „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ angesprochen. Ich habe den Schauspieler Rainer Bock einmal interviewt, der mir erzählt hat, wie er zu dieser Serie gekommen ist. Das war sehr interessant. Wenn man sich diese Serien ansieht, spielen sie inzwischen auf einem Niveau mit den besten Hollywoodfilmen. Solche Perlen findet man allerdings nicht ständig.

Heiner Lauterbach: Nein, natürlich nicht. Ein solches Niveau kann man angesichts der Masse, die produziert wird, nicht dauerhaft und in dieser Fülle halten. Die Amerikaner machen das mit ihren Writers’ Rooms und den Autorenteams allerdings sehr gut. Dort arbeiten die Autoren monatelang an den Drehbüchern und erstellen immer wieder neue Fassungen. Das tun sie nicht, weil es besonders viel Spaß macht, sondern weil es zielführend ist und – wenn man Glück hat – zu großen Produktionen und herausragenden Ergebnissen führen kann.

Und weil es dafür auch einen Markt gibt.

Heiner Lauterbach: Ja. Ich bin sowohl ein fleißiger Konsument guter Serien als auch guter Filme. Wir haben gerade eine Netflix-Serie, die ich morgen zufälligerweise synchronisiere. Ich bin um neun Uhr im Studio bei Bavaria. Sie trägt den Titel „Das Geschenk“ und kommt in ein paar Monaten heraus.

Das ist interessant. Sie waren als junger Schauspieler doch auch schon sehr häufig in der Synchronisation tätig.

Heiner Lauterbach: Ich habe viel synchronisiert. Das hatte ich ganz vergessen aufzuzählen. Ich habe beispielsweise Michael Douglas in seinem letzten Film synchronisiert.

Volker Brandt macht das nicht mehr, oder?

Heiner Lauterbach: Nein, er konnte es nicht mehr. Er ist mittlerweile über 90 Jahre alt und hat es von der Kraft her nicht mehr geschafft, für die Synchronisation nach München zu kommen. Wir hatten zufälligerweise gerade viel mit dem Studioleiter zu tun. Vielleicht kennen Sie auch „Meet Your Master“, das ich gemeinsam mit meiner Frau mache.

Nein, das kenne ich noch nicht.

Heiner Lauterbach: Von „Masterclass“ haben Sie vielleicht schon einmal gehört?

Ja, „Masterclass“ kenne ich.

Heiner Lauterbach: Wir machen im deutschsprachigen Raum im Grunde etwas Ähnliches. „Meet Your Master“ ist eine Lernplattform. Dort gibt es ganz unterschiedliche Kurse mit interessanten Persönlichkeiten. Wir haben zum Beispiel gerade einen Einstein-Kurs gemacht. Außerdem entwickeln wir „Meet Your Master Next Generation“ für junge Menschen, damit sie eine Perspektive im Leben bekommen und herausfinden können, was sie einmal werden oder machen möchten.

Daneben gibt es „Meet Your Master Classic“ mit sehr bekannten Persönlichkeiten. Für einen dieser Kurse habe ich Albert Einstein gespielt. Der Kurs dauert viereinhalb Stunden und wurde natürlich mit Unterstützung künstlicher Intelligenz umgesetzt. Wir arbeiten dort auch an englischen und anderen ausländischen Fassungen, an Voice-over- und Synchronfassungen. Den Einstein-Kurs haben wir beispielsweise komplett ins Englische synchronisiert. 

Mehr Informationen gibt es hier.