Jupiter Jones' neue Musik

„Das beste Album, das wir je gemacht haben“

03.08.2026, 02.00 Uhr
Nicholas Müller, Sänger von Jupiter Jones, ist begeistert von ihrem neuen Album. "Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes" verbindet Trauer und Freude. Es ist das politischste Werk der Bandgeschichte und bietet mehr als nur den bekannten Hit "Still".

Eigentlich tut sich Nicholas Müller, Sänger von Jupiter Jones, mit solchen Aussagen schwer. Aber im prisma-Interview verrät er, wie überaus zufrieden er mit dem neuen Album „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“ ist.

Euer erster Post auf eurem Instagram-Kanal ist eine fiktive Todesanzeige für „Jupp Spiegelmann“ – als Werbung fürs neue Album. Was habt ihr euch dabei gedacht?

Nicholas Müller: Das war ein Spiel mit unserem Albumtitel und der Ambivalenz, die in diesem Titel steckt. Die Platte heißt „Ich trag den Sarg, du trägst das Buntes“ – eine Zeile aus einem Song. Und damit arbeitet auch die Album-Ästhetik. Also auf der einen Seite eine große Traurigkeit, große Trauer und irgendwie auch Melancholie, die wir als Band schon seit all den Jahren mit uns tragen. Auf der anderen Seite aber zum Gegensteuern eine große Freude und ein großer Bock aufs Leben. Und deswegen war diese Todesanzeige als allererster Post wahrscheinlich das am wenigsten subtile Ding, um irgendwie mit dem Tod um die Ecke zu kommen. Wir hatten aber nie die Absicht, damit jemandem vor den Kopf zu stoßen. Wir legen großen Wert auf Pietät und haben nicht gedacht, dassJJ_ITDSDTWB_by_Sandra_Ludewig man ernsthaft glaubt, dass jemand gestorben ist. Zumal das Todesdatum in der Zukunft lag. 

Die Aktion kam nicht bei allen gut an…

Es war keine riesige Kontroverse, aber es gab Kommentare von Leuten, die meinten, so etwas muss nicht sein. Ein paar waren ein bisschen angefressen, aber das ist ja auch okay.

Wieso habt ihr den Albumtitel so gewählt? Und wieso spielt der Tod eine Rolle?

Es dreht sich gar nicht so stark um den Tod. Aber man kann sagen, dass Jupiter Jones sich schon immer mit Genre-Grenzen schwergetan haben. Sascha (Gitarrist und Gründungsmitglied von Jupiter Jones, Anm. d. Red.) und ich haben uns darüber unterhalten, dass wir in keine Schublade passen. Nicht, weil wir jetzt so mega außergewöhnlich sind, sondern weil wir für Punk zu wenig Punk und für Pop ein bisschen zu laut sind. Jeder von uns hat seine eigenen musikalischen Vorlieben und lässt diese mit in die Musik fließen. Als wir über den Albumtitel nachgedacht haben, kam Sascha irgendwann mit dieser Zeile und meinte, dass er die wirklich schön fände. Und ich fand sie auch schön. Gut, ich habe sie ja auch geschrieben. Wäre jetzt doof, wenn sie mir nicht gefällt (lacht). Sie steht für das, was Jupiter Jones ausmacht. Wir können eben beides: den Sarg tragen und auch mal was Buntes. Ich habe das eigentlich noch nie gerne gesagt, aber ich würde das Album als das beste bezeichnen, das wir je gemacht haben. Ich finde, die traurigen Songs sind besonders schön traurig. Die wütenden Songs sind besonders wütend. Ich glaube, dass wir alles, was wir gut können, hier tatsächlich so gut wie möglich gemacht haben. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.

Inwiefern unterscheidet sich die Platte vom Vorgänger „Die Sonne ist ein Zwergenstern“?

Vor allem in Sachen Songwriting. Den Vorgänger haben wir in der Corona-Zeit geschrieben und produziert. Die Songs waren ganz oft Stückwerk. Wir haben in Etappen und teilweise an unterschiedlichen Orten schreiben und produzieren müssen. Dieses Mal haben wir super stringent zusammengeschrieben und eigentlich ist alles zusammen im Studio entstanden. Und wir haben auch zum ersten Mal in der Geschichte dieser Band mehr Songs geschrieben als wir fürs Album brauchten. Normalerweise sind wir die Sorte Experten, die irgendwie kurz vor Albumabgabe feststellen, dass ihnen noch ein Song fehlt. Dieses Mal hätten wir über 20 Lieder machen können, aber bei 16, 17 Songs haben wir einen Punkt gemacht und die 13 passendsten herausgesucht.

Wie leicht war es, die Auswahl zu treffen?

Gar nicht so leicht, ehrlich gesagt. Musik hat für mich immer etwas mit Emotionen zu tun, aber auch mit Geschmack. Und Geschmäcker sind verschieden. Auch wenn wir uns als Bandkollegen total grün sind, gehen wir manchmal mit Meinungen auseinander. Kleinere Tode muss man da einfach sterben und den Song, den man eigentlich schöner gefunden hätte, weglassen. Aber wir haben es gut geschafft, das Ganze zu kompilieren.

Was ist dein persönlicher Lieblingssong auf dem neuen Album?

Ich finde unsere aktuelle Single „Wo diese Liebe hinfällt (Krater)“ ganz toll. Und dann gibt es noch einen Song, der heißt „Neunkircher Wald“. Das ist eine Ode an einen gemeinsamen Freund. Ich liebe das Lied, weil es gleichzeitig leichtfüßig und nachdenklich ist. 

Das Album ist bislang euer politischstes. Wieso diese Entwicklung?

Wir haben schon immer Position bezogen. Dass das früher vielleicht weniger der Fall war, liegt daran, dass die Welt damals weniger im Eimer war. Als Songwriter lasse ich mich von dem beeinflussen, was gerade für mich am wichtigsten ist. Deswegen gibt es Alben, da geht es größtenteils um mein Liebesleben. Dann gibt es Alben, da geht es größtenteils um mich und meine Angst. Und dann gibt es halt jetzt ein Album, da geht es größtenteils halt um uns als Band, um uns als Menschen und um die Welt als solche. Und in dem Moment, wo man die Welt als solche mit hereinnimmt, muss man halt sehen, dass es unzählige Probleme gibt. Für mich ist das größte Problem das Erstarken des Faschismus und der weltweite Rechtsruck.

Der breiten Masse seid ihr immer noch mit eurem größten Hit „Still“ bekannt. Segen oder Fluch?

Nein, das ist überhaupt kein Fluch. Ich halte das Lied nur ehrlich gesagt nicht für unseren besten Song. Aber ich glaube, das ist ganz oft so. Wir haben deutlich hochwertigere Songs geschrieben in unserer Karriere, aber dennoch ist „Still“ ein Song, den ich wahnsinnig gerne mag, mit dem ich unendlich viel verbinde, der für mich ein wichtiges Thema behandelt und der offensichtlich für ganz viele Menschen wichtig ist. Warum sollte ich mich über so ein Privileg ärgern, dass ich mich irgendwann mal eine Stunde an einen Schreibtisch gesetzt habe und ein paar Worte aufgeschrieben habe, die noch Jahre später Menschen Pipi in die Augen treiben? Das ist nichts anderes als ein irrsinniges Privileg, gerade in solchen Zeiten, in denen es immer generischer und schnelllebiger wir. Das Lied hat uns so viele Türen geöffnet.

„Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes" von Jupiter Jones, ab Freitag, 31. Juli, im Handel