Hanspeter Künzler hat ein Buch über Michael Jackson geschrieben – zuerst 2009, unmittelbar nach Jacksons Tod, nun in einer grundlegend überarbeiteten Neuauflage. Im Gespräch erzählt der in London lebende Schweizer Musikjournalist, wie er zur Musik von Michael Jackson fand, was ihn am Menschen Jackson fasziniert und warum der King of Pop bis heute Generationen begeistert.
prisma: Herr Künzler, Sie sind offensichtlich ein leidenschaftlicher Plattensammler. Wie sind Sie zur Musik von Michael Jackson gekommen?
Hanspeter Künzler: Das war ein längerer Prozess. Im deutschsprachigen Raum existierte schwarze Musik in den Medien kaum – außer in Gegenden, in denen amerikanische GIs lebten. Insofern war ich auf Funk und Disco vollkommen unvorbereitet, als ich 1978 nach England kam. Meine ersten zwei Jahre in London verbrachte ich als Lehrer an einer Sekundarschule in Wembley, die sehr gemischt war: etwa ein Drittel Kinder der zweiten Generation aus Pakistan, ein Drittel Jamaikaner und Afrikaner, ein Drittel alles andere. Bei diesen Schülerinnen und Schülern waren Funk und Reggae die großen Themen. 1979 erschien „Off the Wall“ – das war ein Riesenthema für die Klasse, und es hat auch für mich gezündet. Von dort aus habe ich dann auch George Clinton und die gesamte Funk-Szene entdeckt. Michael Jackson wurde für mich so etwas wie der Mittelpunkt einer Welt, die ich vorher kaum wahrgenommen hatte.
Sie wohnen in London und kaufen gerne Vinyl in Secondhand-Shops. Was finden Sie dort noch?
Hanspeter Künzler: Was ich so toll finde an Vinyl ist, dass in London all diese Secondhand-Läden vorhanden sind, in denen alles herumliegt, was die Leute nicht mehr wollen – Platten, die ich in den Siebzigerjahren noch interessant fand, aber für die ich das Geld nicht hatte. Heute bekommt man das alles für einen Pfund: Bands wie die Sutherland Brothers und ähnliches, das niemand mehr will. Ich habe meine gesamte George-Clinton-, Parliament- und Funkadelic-Sammlung sowie Bootsy’s Rubber Band für unter zwei Pfund das Stück zusammenbekommen. In den Achtzigerjahren gab es in London noch irrsinnig viele wirklich gute Läden. Die haben ein System gehabt: Am Ende der Woche wurde bei allem, was noch nicht verkauft war, der Preis um 50 Pence gesenkt. Was unter zwei Pfund ging, kam in den Keller. Das war meine Goldgrube.
Ihr Buch über Michael Jackson ist ursprünglich 2009 erschienen, unmittelbar nach seinem Tod. Jetzt liegt eine Neuauflage vor. Was hat sich verändert?
Hanspeter Künzler: Die erste Fassung war eine ziemliche Hetzerei. Das Buch wurde angefangen zu schreiben, als er gestorben war, dann gab es übers Wochenende noch ein neues Vorwort, und am Montag wurde gedruckt. Es gab damals keinen Lektor – mein Manuskript wurde praktisch so gedruckt, wie ich es abgeliefert hatte. Diesmal hingegen gab es wirklich einen hervorragenden Lektor, und alles wurde sehr seriös gemacht. Alle Druckfehler sind ausgemerzt, neue Erkenntnisse eingearbeitet, und ein, zwei Dinge, die ich beim ersten Mal schlicht nicht richtig mitbekommen hatte, wurden korrigiert. Ich bin jetzt wirklich außerordentlich zufrieden mit dem Buch.
Die erste Auflage entstand unter enormem Zeitdruck. Wie kam es überhaupt dazu?
Hanspeter Künzler: Es gab eine Pressekonferenz, auf der Jackson seine geplanten Konzerte ankündigte. Dabei wurde man auf mich aufmerksam, weil ich in meinem Blog darüber geschrieben hatte. Das Buch sollte passen zur Tournee erscheinen. Ich hatte also zwei Monate Zeit, um es zu schreiben. Das war ambitioniert, aber es hat funktioniert – auch wenn die Qualität diesmal eine ganz andere ist.
Was hat Sie beim Recherchieren am meisten überrascht?
Hanspeter Künzler: Beim ersten Buch war es für mich eine total faszinierende Rechercheaufgabe. Bis dahin war Michael Jackson für mich ein Popstar, um den ich mich nicht besonders gekümmert hatte. Je tiefer ich aber eingetaucht bin, desto spannender wurde es. Die Zusammenhänge zwischen seinem Erfolg, dem amerikanischen Musikgeschäft und der gesellschaftlichen Stellung der Schwarzen in Amerika – das alles konnte ich einarbeiten. Im Detail war vieles für mich neu. Und dann, als das Buch erschienen war, kamen Michael-Jackson-Fans auf mich zu, die Konzerttickets gehabt hatten, die nicht mehr stattfinden konnten, und trotzdem nach London gereist waren. Man hat sich zum Kaffee getroffen, und ich bekam plötzlich ganz andere Perspektiven. Ich habe zum Beispiel erst durch diese Gespräche begriffen, dass für viele deutsche Fans „Bad“ das erste wirklich große Jackson-Album war – und nicht „Thriller“, wie ich angenommen hatte.
Stichwort Fans: Jackson war Medien gegenüber verschlossen, aber den Fans gegenüber offenbar sehr offen.
Hanspeter Künzler: Ja, das war eine völlig andere Geschichte, die ich beim ersten Schreiben noch gar nicht kannte. Viele Fans, gerade in Deutschland und der Schweiz, haben ihn persönlich getroffen. Er hat sie ins Hotelzimmer eingeladen, seine Familie vorgestellt, Geschenke ausgetauscht. Er hat Fans zum Teil sogar Hotelzimmer bezahlt, wenn sie seinetwegen irgendwo festsaßen. Das hat mir eine völlig neue Perspektive auf das Phänomen Michael Jackson gegeben – so sehr, dass ich anschließend noch ein Buch über seine Fans geschrieben habe.
Ihr Buch trägt den Titel „Black or White“ und ist in positive und negative Seiten unterteilt. Wie kamen Sie auf dieses Konzept?
Hanspeter Künzler: Das war die Idee des Verlages. Aber ich fand es beim Arbeiten wirklich hervorragend, weil es in jeder Phase seines Schaffens so war: Was von außen positiv ausgesehen hat, hatte immer auch eine Kehrseite. Ein ständiges Hin und Her zwischen Licht und Schatten, unter dem er selbst sehr gelitten hat.
Was macht den anhaltenden Erfolg von Michael Jackson aus?
Hanspeter Künzler: Das ist sicher zu einem großen Teil auch das Verdienst von Quincy Jones, der die Vision hatte, Jacksons musikalische Ideen zu etwas wirklich Neuem zusammenzuführen. Die Rhythmik war unglaublich ausgeprägt und für die damalige Zeit außerordentlich. Das war nicht einfach der gewohnte Funk – da kamen neue Elemente hinzu, die einen neuen Horizont aufzeigten. Dazu kam das Gesamtpaket: diese Stimme mit ihrem androgynen Klang, die Tanzschritte, die Innovation. Vorher standen bei Soulshows fünf Leute in einer Reihe und machten alle genau die gleichen Schritte – das war in der schwarzen amerikanischen Szene der Siebzigerjahre auch ein wichtiges Statement von Disziplin und Selbstbewusstsein. Jackson hat das weit weiterentwickelt und mit seiner Präsenz ganz neu definiert. Das war damals schon zeitlos, und heute ist es das noch mehr.
Wie hat er es geschafft, trotz allem so ungekünstelt zu wirken?
Hanspeter Künzler: Er war vollkommen ironiefrei. Für ihn war alles wörtlich zu nehmen, außer seine eigene Scherze. Das war in den Achtzigerjahren, als ringsum Sarkasmus und Selbstironie alles beherrschten, etwas Befreiendes – gerade im deutschsprachigen Raum. Die Naivität konnte man ihm wirklich abnehmen. Es gab keinen doppelten Boden.
Diese Naivität hat ihm aber auch geschadet, etwa beim Auftritt bei den Brit Awards, als Jarvis Cocker auf die Bühne stürmte, während er sich als Christusfigur inszenierte.
Hanspeter Künzler: Ja, ein gewisser Größenwahn lässt sich dabei wohl nicht ganz von der Hand weisen. Wobei ich übrigens zwei Frauen kenne, völlig unabhängig voneinander, die bei diesem Auftritt im Backgroundchor gesungen haben.
Wie hat sich die Berichterstattung über Jackson in England im Vergleich zum deutschsprachigen Raum entwickelt?
Hanspeter Künzler: Das war sehr unterschiedlich. In England war Jackson schon sehr früh präsent, aber er hatte dann das Pech, dass seine Karriere nach „Thriller“ aus Sicht der britischen Musikpresse nur noch bergab gehen konnte. „Thriller“ galt als sein bestes Album, und dann konnte es nur schlechter werden. Gleichzeitig war er eben schon so erfolgreich, dass die Boulevardpresse sich auf jeden Aspekt seines Lebens gestürzt hat. Im deutschsprachigen Raum war das ganz anders: Dort hat man seine eigenartigen Verhaltensweisen eher mit Neugierde betrachtet und ihm als kuriosem Vogel gegenüber Toleranz aufgebracht. Interessanterweise hat – wie mir fans nach Erscheinen der ersten Buchauflage erzählt haben – „Bad“ in Deutschland und der Schweiz wirklich eingerissen, während „Thriller“ dort eher als historisches Dokument rezipiert wurde. Das war für mich eine völlig neue Perspektive.
Spielt Rassismus bei der englischen Berichterstattung eine Rolle?
Hanspeter Künzler: Sicher ist da ein Element von Rassismus dabei. Hinzu kam, dass Disko – und später der Einfluss der Diskomusik auf Jacksons Stil – in ernstzunehmenden englischen Musikkreisen einen ausgesprochen schlechten Ruf hatte. Von Smiths-Fans bis hin zu Jazzhörern war Disko verpönt, auch weil Homophobie eine Rolle spielte. Die Boulevardpresse hatte so leichtes Spiel.
Wie beurteilen Sie die immer wieder aufflammenden Vorwürfe des Kindesmissbrauchs – zuletzt durch eine neue Netflix-Dokumentation?
Hanspeter Künzler: Jackson hat diverse intensive Polizeirazzien und monatelange Gerichtsverfahren mit Zeugenaussagen überstanden und wurde freigesprochen. Was die Dokumentation betrifft: Einer der beiden dort auftretenden Männer hat jahrelang vor Gericht ausgesagt, dass nichts vorgefallen sei – wenn das, was er jetzt behauptet, stimmte, hätte er mindestens einmal einen Meineid geleistet. Das wirft für mich ernste Fragen auf. Es gibt im Internet umfangreiche Auseinandersetzungen mit den Aussagen von Safechuck und Robson, die deren Glaubwürdigkeit erheblich infrage stellen. Im Herbst kommt die ganze Geschichte vor Gericht – ich bin gespannt. Auf der anderen Seite gilt: Ein breites Publikum scheint inzwischen überzeugt, dass man den Künstler von seiner Person trennen kann. Diese Musik hat der Welt so viel gegeben, dass man ohne sie buchstäblich nicht auskommt.
Sein schwieriges Elternhaus spielt in Ihrem Buch eine große Rolle.
Hanspeter Künzler: Ich habe mich im Buch sehr intensiv auf seine frühen Jahre konzentriert, weil ich glaube, dass man ihn nur so verstehen kann. Der Vater war hedonistisch, die Mutter aus religiösen Gründen äußerst prüde. Es gibt eine Szene im Buch, in der sie in einem Hotelzimmer sind: Der Vater bringt seine Begleitung ins Nebenzimmer, die älteren Brüder tun es ihm gleich, und der junge Michael versteckt sich unter dem Bett. Das ist eine psychologische Last, mit der er aufgewachsen ist. Ein Psychologe, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Kaliforniens mit ihm gesprochen hatte, beschrieb ihn später als asexuell. Das finde ich absolut überzeugend. Jackson selbst hat immer wieder betont, dass er keine Kindheit hatte – unabhängig von irgendwelchen Klagen. Und in gewisser Weise hat er versucht, die Peter-Pan-Figur in sich selbst zu verwirklichen. Das Showgeschäft und das Träumen waren für ihn eine Art Weltflucht – und er wollte den Menschen etwas geben, wo sie sich hinausträumen können. Dass seine Musik heute noch Kinder und Jugendliche begeistert, zeigt, wie gut ihm das gelungen ist.
Welche Frage würden Sie ihm stellen, wenn Sie könnten?
Hanspeter Künzler: Da gibt es so viel. Aber am meisten würde mich interessieren, wie er seine Kindheit in Gary, Indiana, in den Sechzigerjahren erlebt hat – was ihn dort geprägt hat. Gary ist eine Industriestadt nähe Detroit, wo auch das Motown-Label zu Hause war. Das ist der Boden, aus dem alles gewachsen ist.
Jetzt ist der Kinofilm „Michael“ in den Kinos. Haben Sie ihn gesehen?
Hanspeter Künzler: Ja, ich habe ihn in Zürich mit 50 Michael-Jackson-Fans angeschaut. Das war ein schöner Nachmittag. Den Film selbst finde ich – wie Biopics generell – nicht besonders überzeugend: Ein Buch kann viel subtiler und in größerer Tiefe gehen. Aber der Erfolg ist beeindruckend – fast eine Milliarde Dollar eingespielt. Und was mich überrascht hat: Freunde und Freundinnen von mir, von denen ich das nie erwartet hätte, wollten den Film unbedingt sehen. Ein alter Schulfreund erzählte mir, seine siebzehnjährige Tochter habe ihn bereits dreimal gesehen. Das ist wirklich ein Phänomen – eine echte Wiederbelebung.
Merken Sie das auch bei den Verkäufen Ihres Buches?
Hanspeter Künzler: Ich habe noch keine Zahlen gesehen, aber ich hoffe es natürlich. Was mich zuversichtlich stimmt, ist, dass mein Buch versucht, beide Seiten zu beleuchten – nicht nur das Positive und nicht nur das Negative. Das wirkt hoffentlich unabhängiger als manche andere Biografie, von denen es auf Englisch leider sehr viele unseriöse gibt. Taraborrelli ist natürlich unantastbar – er hat mit einem ganzen Forschungsteam gearbeitet und geht in einer Tiefe vor, die ich natürlich nicht erreichen kann. Aber 600 bis 700 Seiten zu lesen ist ein ziemliches Unternehmen. Mein Buch versucht, das Thema zu verdichten, ohne ihm Unrecht zu tun.
Haben die übrigen Jackson-Brüder nach Michaels Tod noch einmal etwas veröffentlicht?
Hanspeter Künzler: Darüber wurde immer wieder geredet, vor allem als der Vater noch lebte. Aber wirklich Substanzielles ist, soweit ich weiß, nicht herausgekommen. Auch Janet ist in den letzten Jahren weitgehend von der Bildfläche verschwunden – dabei war sie in den Neunzigerjahren auf Augenhöhe mit Michael, mitunter sogar größer. Das ist schon eigenartig. Ich habe übrigens einmal Jermaine Jackson getroffen – der hat ja eine Platte mit Piazzolla-Einflüssen aufgenommen. Ein interessantes Instrument, muss ich sagen.