prisma: Vor Kurzem lief die 500. Folge von „Notruf Hafenkante“. Sie sind von Anfang an als Polizistin Franzi Jung dabei. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an der Serie?
Rhea Harder-Vennewald: Das Tolle ist, dass das Konzept total aufgegangen ist, eine Serie zu machen, die Polizei und Krankenhausalltag miteinander verbindet.
Was macht Ihnen an Ihrer Rolle Franzi Jung am meisten Spaß?
Franzi ist sehr vielschichtig. Sie ist sehr direkt. Sie geht auch mal mit dem Kopf durch die Wand, hat ein gutes Bauchgefühl und hört auch darauf. Sie ist ein sehr intuitiver Mensch. Manchmal möchte sie gerne die Welt verbessern und geht dann damit anderen ganz schön auf die Nerven, finde ich. Aber das ist ja auch schön, wenn man mal was spielen darf, was einem selber so gar nicht liegt. (lacht)
Inwieweit können Sie mitbestimmen, wie sich die Figur entwickelt?
Es gibt schon die Möglichkeit, zu sagen, dass man das eine oder andere Thema mal wieder in den Vordergrund stellen sollte. Die Interaktion mit den anderen Polizisten ist mir zum Beispiel persönlich super wichtig, und dass die Charaktere ganz klar gezeichnet sind, also dass das nicht alles miteinander verschwimmt. Es sollen nicht alle gleich sein, sondern ganz klar gezeigt werden: Okay, der funktioniert so und die funktioniert so. Die beiden können gut miteinander, bei denen ist es nicht ganz so prima – aber trotzdem sind sie ein gutes Team. Diese unterschiedlichen Konstellationen, das ist mir in der Serie wahnsinnig wichtig. So funktionieren gute Serien, ansonsten wird es einfach langweilig.
Sie machen das jetzt ja schon wirklich viele Jahre. Ist es dann irgendwann ein bisschen wie so ein Job, wo man jeden Tag hingeht, so wie andere Leute einen Bürojob haben?
Na ja, es ist weder ein Bürojob noch es ist ein „Nine-to-Five“-Job. (lacht) Wir haben ja sehr schwimmende Arbeitszeiten als Schauspieler. Manchmal ist man den ganzen Tag da, manchmal kommt man erst gegen Mittag oder man hat einen Nachtdreh. Manchmal muss man ganz früh raus – also es ist kein Tag wie der andere. Und wir sind ja auch ganz viel in Hamburg unterwegs. Insofern kann man das, auch wenn es jetzt schon eine lange Zeit so geht, überhaupt nicht mit einem ganz normalen Job vergleichen, an dem man immer an einen gleichen Ort kommt, um zu arbeiten.
In einer neuen Folge von „Terra Xplore“, die am Muttertag ausgestrahlt wird, sprechen Sie mit Leon Windscheid über das Mutter-Sein. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das sollten Sie lieber Leon Windscheid fragen. (lacht) Meistens sind das ja Projekte, die von den Redaktionen ausgetüftelt werden, und dann werden die gewünschten Gesprächspartner angefragt. Aber es macht natürlich schon Sinn, für eine Müttergeschichte jemanden als Interviewpartner auszuwählen, der selber Kinder hat. (lacht)
Das stimmt! (lacht) Sowohl in der Serie „Notruf Hafenkante“ als auch im echten Leben sind sie Mutter mehrerer Kinder. Besonders spannend finde ich, dass das Thema Schwangerschaft in der Serie aufgegriffen worden ist. Das wurde auch in der Jubiläumsfolge in einer Szene thematisiert, wo es um die Elternzeit von Franzi Jung ging. Waren Franzis Schwangerschaften immer aus Rücksicht im Drehbuch, weil sie zu dem Zeitpunkt gerade wirklich schwanger waren?
Ja, ich war zu der Zeit immer schwanger. Also, es wurde thematisch eingebaut, wenn das nächste Kindlein an die Tür klopfte. Und dann durften Franzi und ich in Mutterschutz sein. (lacht)
Das ist ja schon ziemlich cool, dass das bei einer Serie möglich gemacht wird. Ich könnte mir vorstellen, dass andere Kolleginnen da vielleicht vor größeren Problemen stehen, wenn sie schwanger werden…
Ja, doch, das glaube ich auch. Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass Franzi schon eine sehr wichtige Figur für „Notruf Hafenkante“ ist, sonst hätten die Redaktion, das ZDF oder auch meine unmittelbare Chefin ja nicht gesagt: „Komm, Rhea ist gerade schwanger, jetzt besorgen wir mal Ersatz für die Zeit, in der sie in Mutterschutz ist. Und dann freuen wir uns alle ganz doll, wenn sie wiederkommt.“ Das ist etwas, das ich sehr zu schätzen weiß, das ist keinesfalls selbstverständlich. Ich finde es richtig toll, dass das möglich gemacht wurde und bin auch sehr dankbar dafür.
Ist es bei der Schauspielerei noch schwieriger, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, als vielleicht in anderen Berufsfeldern? Wenn Sie beispielsweise nachts drehen oder die Arbeitszeiten sehr oft variieren.
Naja, man hat natürlich auch eine gewisse Freiheit. Wenn man zum Beispiel Drehpause hat, dann hat man ja viel Zeit mit den Kindern und mit der Familie. Oder man macht zwischendurch andere Projekte. Das ist schon sehr schön. Ich finde diesen Job total toll, deswegen mache ich ihn ja auch schon so lange. Und mich stresst das in keinster Weise. Ich bin aber auch niemand, der Dinge hinterfragt. Zum Beispiel, indem ich mich frage: Wie würde es mir denn jetzt gehen, wenn ich nicht zum Nachtdreh müsste? Mein Gott, dann habe ich halt Nachtdreh. Da kann ich nichts daran ändern, also mache ich das Beste draus.
Es ist aber ja schon so, dass das Mutter-Sein für viele Mütter mit Druck verbunden ist. Dieser Anspruch, dass man allem gerecht werden muss: Man soll für die Kinder da sein, alle möglichen Sachen organisieren und gleichzeitig aber auch im Job glänzen. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Ich mache mir diesen Druck nicht. Ich habe da keine Lust drauf, weil ich weiß, dass das keinen Sinn macht. Es wird ja nicht besser, wenn ich mich stresse und denke, ich müsse immer mehr tun und immer alles toll und richtig machen. Ich muss das schaffen, was ich geben kann. Dann kann ich am Ende eines Tages zufrieden sein. Wenn ich mal der Meinung bin, ich muss noch eine Schippe drauflegen, dann ist das ja meine ganz freie Entscheidung. Wenn ich denke, ich muss jetzt noch den Mega-Kindergeburtstag organisieren, obwohl ich beruflich gerade total eingespannt bin und noch tausend andere Projekte zu meistern habe… ja dann ist es klar, dass das nicht funktionieren kann und dann kommt der Frust automatisch, weil man das Gefühl hat, etwas nicht zu schaffen. Deshalb versuche ich, realistisch zu bleiben. Wenn die Termine sich gerade jagen und wenig Zeit bleibt, dann muss der Kindegeburtstag nachgefeiert werden, damit er für alle ein schönes Erlebnis werden kann. Zum Glück kann ich mit meinen Kindern reden. Man muss nur ehrlich sein und es ihnen erklären. Klar finden sie es vielleicht schade, aber das ist besser als ein Geburtstag mit gestressten Eltern (lacht). Man kann sagen: „Leute, ich schaffe es gerade nicht. Ich brauche Hilfe.“ Wenn ich zum Beispiel gerade viel drehe oder auf Live-Tour mit TKKG bin, dann sage ich zu meinen Kids: Es ist Staubsaugerzeit. (lacht) Und dann wissen die, dass sie dafür verantwortlich sind, dass die Bude sauber ist. Und es läuft dann auch. Das muss sich einspielen und ist manchmal auch anstrengend. Aber wenn man wirklich weiß und der festen Überzeugung ist, dass es der Weg ist, den man gehen will, dann klappt das.
Ist das auch das, was sie anderen Müttern als Rat mitgeben würden: entspannt bleiben und gucken, dass man mit den Kindern spricht und gemeinsam Lösungen findet?
Man muss es dann halt halten. Und es ist total legitim, dass sie gefrustet sind, wenn man dann doch sagt: „Sorry, hier ist schon wieder ein Termin…“ Dann dürfen die Kinder auch sauer sein. Man selber wäre ja auch traurig oder beleidigt und würde sich „verarscht“ vorkommen. Und denken, da haben wir doch darüber geredet, du hast es mir doch versprochen. Für Kinder sind Versprechungen so, so wichtig. Das sind Heiligtümer. Da muss man sehr zuverlässig sein. Das ist auch super schwer. Und wenn du dann dann doch mal sagen musst, „weißt du, Maus, ich habe es dir versprochen. Es tut mir unendlich leid, aber es funktioniert schon wieder nicht“, dann hol die Kinder mit ins Boot: „Hast du eine Idee? Wir wollen wir es machen?“ Klar kommen da manchmal ganz absurde Ideen. Aber die Kinder fühlen sich gehört, und sie wollen gehört werden. Das ist wichtig!
Die „Terra Xplore“-Folge läuft am Muttertag. Ist Muttertag ein Thema in der Familie, wird das gefeiert?
Nee, überhaupt nicht. Aber auch noch nie. Meine Mama hat nie viel darauf gegeben. Also gut, wir kamen aus dem Osten, da gab es das gar nicht. Da gab es den internationalen Frauentag am 8. März – und aus die Maus. (lacht) Also bei uns zu Hause wird das nicht gefeiert. Meine Kids haben mir mal eine ganz süße Kerze geschenkt, da kann man so ein Teelicht reinmachen. Und dann leuchtet eine Schrift auf, da steht: „Scheiß auf den Muttertag – wir haben dich das ganze Jahr lieb! Moritz, Bruno, Leni.“ Und seitdem ist jeden Tag Muttertag! (lacht)
Haben Sie zum Abschluss ein paar Streaming-Tipps für unsere Leser?
Ich gucke gerade „The Crown“ und bin völlig begeistert. Ich bin total geflasht und kann diese Serie sehr empfehlen.
“Bridgerton”- es ist so herrlich in eine Zeit einzutauchen, die es so mie gegeben hat und interessant, wie es hätte sein können. Außerdem sind Maske und Kostüm einfach der HAMMER
“Haus des Geldes” - unfassbar, wie es immer wieder gelingt eine Wendung zu finden, die den Zuschauer so überrascht, obwohl er sich diesmal 100 Prozent sicher war.
“Designated Surviver” - tolle Schauspieler und ich liebe diese Sicht auf und Herangehensweise an eines der größten politischen Ämter der Welt. Was, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika so menschlich wäre, so verständnisvoll, so loyal.