02.03.2026 Im Interview

Martin Goldenbaum über sein neues Album "Alles Bunt": "Dem Mikrofon erzähle ich alles"

Martin Goldenbaum, der Sänger der Band Brenner, ist nach einem Ausflug in den Bereich des „Rock-Schlagers“ mit seinem Solo-Album wieder punkiger und rockiger unterwegs. Im Interview gewährt er Einblicke. 
Martin Goldenbaum mit seiner Gitarre.
Martin Goldenbaum hat mit uns über sein neues Album "Alles Bunt" gesprochen. Fotoquelle: Tanja_Tremel

prisma: Du hast nach zwei Alben mit Deiner Hausband Brenner mal wieder ein Solo-Album herausgebracht. „Alles Bunt“ ist Deutschrock pur. Würdest Du dem zustimmen?

Martin Goldenbaum: „Deutschrock“ ist für mich ein bisschen behaftet, aber klar, es ist Rock mit deutschen Texten. Ich hab früher Punk gemacht; das hat mich stark beeinflusst. Heute mache ich ja auch Solo-Auftritte nur mit Akustikgitarre, aber im Kopf höre ich die Songs schon so, wie sie dann auf dem Album arrangiert sind, mit Band. Deshalb spielt da auch viel von Brenner mit rein. Nach Brenner kam eine Phase, in der ich mich gedulden musste, Corona zum Beispiel, zudem habe ich lange kein Solo-Album gemacht, vorher kam normalerweise alle zwei Jahre eins heraus. Das hier ist schon mein siebtes. Über 100 eigene Songs inzwischen, krass.

Wie setzt Du Song-Ideen um?

Martin Goldenbaum: Ich gehe immer in das Studio meines Freundes hier in Neukölln. Wir hören uns erst die Skizzen an – die nehm ich meist in der Küche mit der Gitarre und dem Handy auf. Zu Hause könnte ich die Songs auch schon arrangieren, aber das geht nie so gut wie im Studio. Wenn ich zudem schon zu früh damit anfange, lande ich im kompositorischen Prozess und verbaue mir weitere Ideen. Deshalb nehm ich die rohen Demos und lasse sie im Studio wachsen.

Klassische Demos also?

Martin Goldenbaum: Ja, genau. Manchmal spiel ich die Songs sogar schon live, um sie auszuprobieren.

Das ist für Dich ein Teil des kreativen Prozesses. Erinnert mich an meine Arbeit: Ideen kann man schnell aufs Handy sprechen. Dadurch kann die Spontaneität genutzt werden.

Martin Goldenbaum: Total. Früher hatte ich überall Zettel rumliegen: Gekritzel in Jackentaschen, im Auto, auf Pizzakartons. Heute schreib ich vieles direkt ins MacBook, lösche Teile einfach. Aber ich brauch auch die Haptik: Manchmal muss es Papier sein, um draufzumalen oder zu schreiben.

Apropos Haptik: Dein Album ist richtig schön gestaltet, mit allen Texten, hochwertigem Layout, schönen Fotos. Bei vielen anderen CDs, die ich erhalte, ist es oft weniger liebevoll gemacht. Legst Du selbst noch Wert darauf, dass das Album einen guten Eindruck macht?

Martin Goldenbaum: Absolut, ich bin ja auch ein Album-Fan. Ich denke beim Schreiben der Songs sogar noch streckenweise in Album-Sequenzen: Wo kommt welches Lied hin? Das ist mein Ding. Ich kaufe mir auch weiterhin Platten und CDs von anderen oder tausche sie – ich habe mittlerweile eine richtig gute Sammlung zu Hause.

Meine Frau regt sich immer auf, weil bei mir der ganze Kram rumfliegt. Aber gut, es ist so, wie es ist.

Martin Goldenbaum: Das kenne ich (lacht). Bei mir sind es aber eher die Instrumente.

Trotzdem höre ich auch viel Spotify, das hat den Vorteil, dass man sich wirklich alles anhören kann, sogar die skurrilsten Sachen. Andererseits ist es für Künstler schwierig. Wie gehst Du damit um? Macht es den Kontakt zu den Fans und Veranstaltern leichter?

Martin Goldenbaum: Ja, es ist einfacher geworden – früher hab ich 100 CDs verschickt und vielleicht zehn Antworten erhalten. Viele haben nicht geantwortet, es passte wohl einfach nicht. Heute geht es viel schneller, ist direkter, aber dadurch wird es auch beliebiger. Gefühlt jeder macht Musik, viele nennen sich Songwriter, ohne wirklich zu schreiben – viel ist da einfach eine KI-Produktion. Das geht auf Kosten des Handwerks. In Deinem Job ist es ja ähnlich mit der KI.

Dein Album heißt „Alles Bunt“. „Bunt“ hört man mittlerweile sehr inflationär – es ist ein richtiges Modewort geworden. Was bedeutet es für Dich, besonders im Kontext des Albums?

Martin Goldenbaum: Da muss man echt aufpassen, dass das Wort nicht belanglos wird oder irgendwie beschmutzt wird oder plötzlich behaftet ist, wie etwas das schon erwähnte Wort „Deutschrock“. Da findest Du auf einmal eine Sammlung von Sachen, mit denen man sich vielleicht auch gar nicht identifizieren mag. Kannst Du Dich noch an den Anfang der 2000er erinnern, als der Iro populär wurde und dann irgendwie jeder damit rumlief? Und auf einmal gab es überall Ramones-Shirts. So ist das auch mit Worten wie „bunt“. Da muss man echt aufpassen, dass die nicht verhohnepiepelt und dann völlig belanglos werden. Sodass es keiner mehr hören will, und die Leute dann auf einmal irgendwie nur noch zu einer einzigen Farbe tendieren.

Der Text des gleichnamigen Liedes geht richtig tief.

Martin Goldenbaum: Den Song habe ich für einen Freund geschrieben, der mittlerweile leider tot ist. Dem ging es psychisch richtig schlecht, obwohl er immer mal wieder die Kurve gekriegt hat. Wir haben sehr viel geredet und er war auch ein fröhlicher Typ, aber dann kam trotzdem dieses Manische hinzu. Manchmal war er total aufgedreht, aufgekratzt, fröhlich und überschwänglich. Dann aber wieder das genaue Gegenteil: niedergeschlagen und zerschmettert. In diesen Momenten habe ich ihn im übertragenen Sinne „farblos“ vorgefunden. Dann kam ich mir wie ein Maler vor. Ich dachte, ich muss ihm irgendwie ein wenig Farbe ins Leben bringen. 

Ein schönes Bild, recht ungewöhnlich.

Martin Goldenbaum: So ist das Lied zwei Tage vor seinem Tod entstanden. Er hat es leider gar nicht mehr gehört. Also ich hatte ihm nur davon erzählt, dass ich gerade etwas schreibe. 

Themen wie Manie, Depression oder Borderline bewegen die Menschen – der Umgang damit ist heute offener, andererseits hat man aber das Gefühl, es gibt immer mehr Betroffene. 

Martin Goldenbaum: Ja, früher lief vieles unter anderen Begriffen. Heute wird mehr analysiert und klarer benannt – die Diagnose hilft. Je mehr Menschen sich austauschen, desto weniger Stigmata gibt es. 

In Berlin fällt das ja besonders auf – verrückte Vögel überall. Mein Bruder wohnt in Friedrichshain, ich bin oft da und immer geflasht.

Martin Goldenbaum: Es fällt einem direkt auf, wer gerade hinzugezogen ist, wen alles noch nervt, oder wer schon länger hier lebt und auch schon so Berlin-typisch abgeklärt ist (lacht). Wer diese Attitüde schon aufgenommen hat. So nervig die Stadt auch manchmal sein kann, so schnell verändert sie sich auch irgendwie. Ich bin eigentlich Mecklenburger und seit 2001 hier. Das ist mittlerweile schon wieder ein ganz anderes Berlin, als ich es kennengelernt habe. Da ist ganz viel Bewegung drin. Ich versuche dieses Gefühl auch für meine Songs zu nutzen. Eine Freundin von mir ist Malerin. Sie schöpft auch total daraus. Dass man immer im Austausch mit den Menschen bleibt, das ist schon cool. 

Im Song „Hobbypsychologe“ wählst Du dann einen eher humorvollen Ansatz.

Martin Goldenbaum: Der Song kam mir nach einem Gespräch in den Sinn. Du kennst das wahrscheinlich auch, man bekommt immer wieder das Gleiche erzählt. Man denkt nur: warum? „Ich hab doch jetzt schon ein paar Mal Hilfestellungen gegeben, jetzt ist es auch mal gut, ich kann es nicht noch mal hören“. Hobbypsychologen-Probleme (lacht).

Das Gefühl kenne ich.

Martin Goldenbaum: Das ist ja auch menschlich, denn man braucht das auch manchmal, da muss man sich alles von der Seele reden. Aber wenn dann nichts passiert und man tappt so auf einer Stelle und beklagt sich aber, möchte aber nichts ändern, dann ist das kontraproduktiv. Ich bin auch guter Zuhörer, höre sogar eigentlich lieber zu, als dass ich rede, aber es muss schon auch etwas bringen.

Ja, manche Menschen nutzen das einfach aus. Irgendwann könnte man vielleicht auch mal eine Gegenfrage stellen.

Martin Goldenbaum: Ich kann mich an Abende erinnern, da hat man den ganzen Abend zugehört und man geht nach Hause und ist total erschöpft. „Und jetzt hat die andere Person nicht einmal gefragt, wie es mir geht.“

Sind alle Songs autobiografisch? 

Martin Goldenbaum: Das Meiste schon, ich verarbeite, was um mich herum passiert. Das ist ein bisschen wie Tagebuch schreiben. Oder wie ein guter Freund. Das Mikrofon ist der gute Freund, dem ich alles erzähle (lacht). Es kommt einfach aus mir raus und manchmal fühlt es sich so an, als wäre es gar nicht ich, der da grade schreibt, aber es sind trotzdem meine Gedanken. Als würde jemand anders durch mich hindurchschreiben. Das ist manchmal ein bisschen magisch.

Wie dieses klassische lyrische Ich.

Martin Goldenbaum: Ja, der Vergleich ist gut. Es passiert auch häufig, dass nach einem Menschen zu mir kommen und sagen, ein Text hätte sie total angesprochen, dass es ihnen einfach guttut.

Beim letzten Song des Albums coverst Du die leider viel zu früh verstorbene Alexandra.

Martin Goldenbaum: Ich stehe einfach total auf die Sixties und ihre Musik hat mich sehr geprägt. Ich wollte unbedingt ein Lied von Alexandra singen, dachte erst an „Der Traum vom Fliegen“, habe mich dann aber für „Mein Freund, der Baum“ entschieden. Den habe ich mit Hardy Krech und Jens Carstens in Flensburg und Hamburg aufgenommen. Der unterscheidet sich im Orchester-Gewand aber sehr von den anderen Songs, aber das ist eben auch mein Geschmack, genauso wie Chansons à la Charles Aznavour und Jacques Brel.

Wäre das auch mal eine Idee für ein neues Album?

Martin Goldenbaum; Das wäre großartig. Und dann mit Orchester auf der Bühne.

„Alles Bunt“ ist frisch erschienen. Mehr Infos unter: www.martingoldenbaum.de