23.02.2026 Im Interview

Maximaler Raum für eigene Gedanken: Ein Gespräch mit Oliver Wnuk

Oliver Wnuk, bekannt aus "Nord Nord Mord" und "Stromberg", veröffentlicht zusammen mit Cartoonist Tobias Vogel das Buch "Besser wird's nicht". Ein Werk voller persönlicher Einblicke und humorvoller Cartoons, das beim Lappan Verlag erscheint.
Oliver Wnuk und Tobias Vogel mit einer Leinwand.
Oliver Wnuk und Tobias Vogel haben mit uns über ihr Buch "Besser wird's nicht" gesprochen. Fotoquelle: Steffen Böttcher

Oliver Wnuk ist ein etablierter Schauspieler, der für seine Rollen in TV und Kino, etwa in „Nord Nord Mord“, „K3“ und „Stromberg“, bekannt geworden ist. Neben seiner Tätigkeit vor der Kamera und auf der Bühne hat er als Autor zahlreiche Bücher veröffentlicht. Für sein neues Buch „Besser wird’s nicht“, das bei Lappan erschienen ist, hat er sich mit dem Krefelder Tobias Vogel alias „Krieg und Freitag“ zusammengetan. Wir haben mit beiden gesprochen. 

prisma: Oliver, Du hast mittlerweile mehrere Bücher geschrieben. Wie ist so eine Veröffentlichung für Dich? Ist das aufregend oder eher etwas, das nebenbei mitläuft?

Oliver K. Wnuk: Das ist natürlich total aufregend. Wobei das nicht das richtige Wort ist. Aber ich finde es schon einen Wahnsinn, dass ich jetzt zum siebten Mal meine Gedanken zwischen zwei Buchdeckel gepresst sehe, und dass es immer wieder Verlage gibt, die daran interessiert sind, meine Geschichten in den unterschiedlichen Genres abzudrucken. Das freut mich sehr – ebenso, dass ich dann noch damit auf die Bühne gehen darf und die Gespräche, die sich dann anschließen, führen kann. Das ist ein großer Mehrwert und gibt meiner künstlerischen Arbeit irgendwie noch einmal eine größere Sinnhaftigkeit, als wenn ich einen Fernseh- oder einen Kinofilm mache, bei denen man mit dem Publikum nicht so direkt in Kontakt tritt. Deswegen ist das Schreiben ganz besonders.

Oliver, worum geht es in Deinem neuen Buch, und worin unterscheidet es sich von Deinen anderen Publikationen? 

Oliver Wnuk: Ich schreibe schon länger, meinen ersten Roman habe ich vor 15 Jahren für Fischer geschrieben, und ein paar Jahre später einen zweiten. Dann habe ich Kinderbücher verfasst und Songtexte für verschiedene Künstler und Hörspiele für den SWR, Theaterstücke. Ich durfte mich also schon fast überall austoben. Vor fünf, sechs Jahren habe ich angefangen, eine Kolumne für die Frankfurter Rundschau zu schreiben. Einige der Texte stammen aus dieser Arbeit, wurden aber mehrfach überarbeitet – fürs Buch und später auch für die Bühne. Diese essayistische Form mag ich sehr. Es sind große Themen, die aktuell sind, aber in einer leichten Form. Nicht zu lang – wir haben ja alle wenig Zeit – aber trotzdem mit Tiefe. Und dabei helfen mir Tobias’ Zeichnungen sehr. Die bieten noch einmal eine zusätzliche, oft leichtere Perspektive. Wir produzieren mittlerweile auch den gemeinsamen Podcast „Besser wird‘s nicht“. Der heißt wie das Buch. 

Wie seid Ihr zusammengekommen, Tobias? 

Tobias Vogel: Wir hatten eher eine lockere Bekanntschaft. Oliver schrieb mir irgendwann auf Instagram, dass ihm meine Arbeit gefällt – was mich ziemlich überrascht hat. Wir blieben in Kontakt, trafen uns gelegentlich. Anfang 2025 fragte er dann, ob ich sein Buch illustrieren möchte. Ich habe sofort zugesagt. Und jetzt halten wir das Ergebnis in den Händen. 

Oliver schreibt sehr persönlich und tiefgehend. Wie hast Du Deine Zeichnungen dazu ausgewählt? 

Tobias Vogel: Oliver hat mir die Texte geschickt, und ich habe sie daraufhin auf Motive oder Themen abgeklopft, die sich gut in einen griffigen Cartoon packen lassen. Und dabei habe ich jetzt gar nicht so sehr darüber nachgedacht, was ihm gefallen könnte, sondern erst mal versucht, irgendwas zu machen, was mir gefällt, was einem Publikum womöglich gefallen könnte. Am Ende musste Oliver es natürlich dann auch durchwinken. Und das war auch in 80, 90 Prozent der Fälle sofort so. Manchmal hat er gesagt: Denk vielleicht noch mal einen Augenblick länger darüber nach. Damit hatte er eigentlich immer Recht. Daraufhin habe ich dann immer noch etwas gefunden, was ein wenig besser passte oder ein bisschen runder war.

Dein Zeichenstil ist einzigartig, sehr rudimentär, dabei aber irgendwie auch sehr symbolisch und tief. Wie schwer fällt es Dir, da immer eine passende Pointe zu finden? Waren die Zeichnungen für das Buch originär oder hast Du auch Ideen wiederverwertet?

Tobias Vogel: Ich habe alles komplett neu gemacht. Ich hatte Respekt vor der Aufgabe, aber letzten Endes lief es dann doch erstaunlich leicht, weil in den Texten so viele Themen aufkommen, die mich ohnehin umtreiben und zu denen ich relativ gut einen Bezug herstellen konnte. Da ging mir das wirklich sehr leicht von der Hand. Ich habe mir jetzt nicht Ewigkeiten verzweifelt den Kopf zerbrochen. Das war alles sehr angenehm.

Oliver, Du schreibst sehr selbstreflektiv, dass Dein persönliches Glück nicht von äußeren Erfolgen abhängt. Hat die Arbeit an dem Buch diese Einsicht noch einmal vertieft? Was hat das alles mit Dir gemacht, wenn Du Deine Gedanken jetzt in Papierform siehst?

Oliver Wnuk: Der Gedanke entsteht nicht beim Schreiben. Der Gedanke ist das Resultat eines durchgängigen Lebensgefühls. Ich schreibe nicht über Dinge, über die ich mit mir im Klaren bin. Wenn ich ein glücklicher, total zufriedener Mensch bin, würde ich nicht über Glück und die Zufriedenheit schreiben. Ich schreibe nur über Dinge, bei denen ich mir selbst Fragen stelle. Ich möchte auch nicht, dass das Buch als eine Art Coaching wahrgenommen wird, als Teil dieses Trends zur Selbstoptimierung. Ich stelle vielmehr Fragen, gebe zwar auch die ein oder andere Antwort, aber nie als Ultimum, sondern eher als Denkanstoß. Ich versuche, maximal Raum für eigene Gedanken zu lassen, damit die Leser etwas für sich mitnehmen können. Ich lasse zwar hier und da die Hose runter, aber das soll vermitteln, dass ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein, damit man sich vielleicht sich auch traut, noch mal genauer bei sich selbst nachzugucken. Das Buch soll trotzdem in erster Linie berührend unterhalten. Das ist eigentlich immer mein Hauptanliegen, egal was ich tue.

Im Buch zitierst Du die fünf größten Reuepunkte von Sterbenden. Was hat Dich daran besonders bewegt?

Oliver Wnuk: Der erste Platz: „Ich wünschte, ich hätte mein Leben mehr nach meinen Vorstellungen gelebt als nach denen der anderen.“ Das hat mich sehr beschäftigt. Selbst jemand wie ich, dem viel gelungen ist, hadert trotzdem damit, nicht immer selbstbestimmt zu handeln. Oft macht man Dinge aus Harmoniebedürfnis oder Konfliktangst. Und genau das bereuen viele am Ende.

Ein wiederkehrendes Thema ist Freundschaft. Du schreibst, man müsse da sein Ego zurücknehmen.

Oliver Wnuk: Ja, denn ich merke: Immer wenn ich klage, vergleiche, konkurriere oder kritisiere, stolpere ich. Dann geht es nur noch um mein Ego – nicht mehr um den anderen. Und das zerstört Beziehungen. Freundschaften funktionieren nur, wenn man wirklich zuhört. 

Du beobachtest außerdem gewisse Unterschiede zwischen den Generationen.

Oliver Wnuk: Meine Generation wurde stark über Leistung definiert: Erst etwas schaffen, dann bist du wer. Meine Tochter ist da völlig anders. Sie sagt: Ich will später einen Job, von dem ich mir gute Lebensmittel kaufen kann – und der mir Spaß macht. Das hat mich total berührt. Diese Selbstverständlichkeit hatte ich nie. Ich glaube, die jungen Leute haben so viel Auswahl und bekommen so viele Informationen, dass sie anders in sich reinhören, sich anders konzentrieren, anders fokussieren müssen, um eine Chance zu haben, durch diesen Dschungel des Überangebots, durch diesen Informations-Tsunami zu kommen. Meiner Tochter geht es darum, dass sie irgendwann mal einen Job hat, durch den sie sich gute Lebensmittel kaufen kann, und sie Spaß und eine Leidenschaft für ihre Arbeit hat. Mich hat das umgehauen und tief berührt, als sie mir das gesagt hat. Denn mir geht es nicht darum, dass der Job mir dabei hilft, mir gute Lebensmittel leisten zu können. Mir ging es darum, ob meine Eltern auf mich stolz sind, ob mein Dorf, aus dem ich komme, stolz auf mich ist. Dass ich etwas schaffen kann, wo ich von mir sagen kann „Mensch, super gemacht“. Da waren gute Lebensmittel ganz weit unten.

Mein Sohn ist zwölf und bei ihm ist es auch manchmal erstaunlich, was er so erzählt, denn er fängt natürlich auch langsam damit an, zu reflektieren. Das sind komplett andere Gedankengänge als meine damals. Welche Erfahrungen hast Du gemacht, Tobias?

Tobias Vogel: Ich finde es zwar schwierig, Generationen zu pauschalisieren. Aber man merkt schon, dass Themen wie Sicherheit und Beständigkeit heute wieder wichtiger sind. Entscheidend ist aber immer die Art und Weise, wie man aufwächst, wie einen die Technik beeinflusst. Zudem gibt es Unterschiede, je nach Alter. Aber ich glaub schon, dass die junge Generation da relativ divers aufgestellt ist und ganz unterschiedliche Themen für sich zu bearbeiten hat. Ich persönlich kenne dieses Thema „Liebe durch Arbeit“ gar nicht so sehr, aber ich habe auch einen etwas unsteten Lebenslauf hinter mir. Da ist vieles es auch nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Da habe ich meiner Mutter auch teilweise relativ viel Kummer bereitet (lacht). Da rührt bei mir auch dieser Impuls her, mich auch heute noch beweisen zu wollen. Es ist eine Zeit lang schwer gewesen, aber jetzt läuft es. „Guck mal, was ich alles erreicht habe.“

Oliver Wnuk: Aha, daher kommt das bei Dir.

Tobias Vogel: Vielleicht war es auch das Gefühl, dass ich falsch eingeschätzt wurde. Ich habe meiner Mutter schon als Kind immer gesagt, dass ich irgendwann mal Künstler werden möchte. Darauf hat sie so reagiert, wie Eltern meistens reagieren, zumindest Eltern aus dieser Generation. „Das ist ein schönes Hobby, aber mehr auch bitte nicht. Mach irgendwas Sicheres.“ Natürlich hat sie das auch aus einer elterlichen Sorge heraus gesagt. Deswegen liegt es mir natürlich auch heute immer noch am Herzen, ihr zu zeigen: Guck mal, ich trete jetzt mit Oliver Wnuk auf. Es läuft gerade gut bei mir.

Oliver Wnuk: Ich gebe Dir natürlich Recht, wenn Du sagst, dass es schwierig ist, Generationen zu pauschalisieren. Aber es gibt natürlich dennoch Themen und Glaubenssätze, die Generationen der westlichen Welt gemeinsam haben in verschiedenen Abstufungen. Ich glaube, dass die Nachkriegsgeneration meiner Eltern sicherlich existenziellere Themen hatte im Wiederaufbau als die Jugend heute, die irgendwie im Wohlstand und Überfluss, vor allem im Überfluss der Medien lebt. Dass die Themen als solches schon anders waren und daraus Glaubenssätze entstanden sind, die man doch als Überschrift einer Generation setzen kann.

Tobias Vogel: Darüber spreche ich, ich will natürlich auch niemanden pauschalisieren. Ich find es immer interessant, wenn alle paar Jahre die Shell-Jugendstudie herauskommt. Da sieht man, dass sich auch in der Jugend kontinuierlich etwas verändert, und dass gewisse Themen einfach mehr im Vordergrund stehen. Der letzte Stand, den ich habe, ist, dass viele Jugendliche wieder ein wenig konservativer werden und es mehr auf Stabilität und Beständigkeit abgesehen haben.

Oliver Wnuk: Das ist interessant, dass Du das sagst, weil es auch meine Erfahrung. Ich bin unter anderem für die die Mentor Stiftung tätig und da machen wir regelmäßig sogenannte Inspirationstage. Wir sind die Mentoren und sprechen regelmäßig mit Schulklassen. Das ist wie ein Speeddating, wir reden mit drei, vier Jugendlichen rund 20 Minuten und fragen: Was sind eure Träume? Um was geht es euch? Welche Sorgen habt ihr? Was wollt ihr mich alten Sack einmal fragen? Und da kommen dann die erstaunlichsten Antworten. Das letzte Mal erzählten mir Achtklässler: Dann will ich schnell heiraten, will schnell Kinder haben. Ein anderer Jugendlicher, den ich aus Konstanz kenne, berichtete mir, dass er „zum Studieren“ weggehen möchte, um dann wiederzukommen und dann schnell zu heiraten und drei Kinder zu bekommen. Sein Hauptfeld ist die Beständigkeit. Also seine Hauptsorge ist, dass sich sein Freundeskreis verändert, wenn er wegen des Studiums weggeht. Das treffe ich in verschiedenen Abstufungen bei den Jugendlichen, mit denen ich arbeite die zwischen 15 und 18 Jahre alt sind, immer an. Dass es allen darum geht, sich eine Form von Sicherheit im Zwischenmenschlichen zu garantieren. In meiner Jugend ging es eher darum, die Kleinstadt zu verlassen, um raus in die große Welt zu gehen und alles aufzusaugen. Doch jetzt gibt es dieses Bewusstsein: Ich brauch das alles da draußen gar nicht. Ich glaube, das könnte eine Reaktion darauf sein, dass die Auswahl so groß ist, dass es einen so überfordert, was da draußen ist. Und von diesen ganzen Welten, die ich in Millisekunden auf Instagram als Snippets angucken kann, dass ich sage, hey, was ist denn hier drin so? (tippt sich ans Herz). Das finde ich interessant.

Wie passen dann aber Deine Einlassung zum Begriff „Heimat“ dazu? Da bist Du ja ziemlich kritisch, wenn Du schreibst „selbstbewusste Menschen benötigen die Heimat nicht so sehr und weniger selbstbewusste Menschen sind im Heimatverein“. Interpretierst Du den Begriff dann eher als den familiären Umkreis, die Freunde? Füllt das für Dich den Begriff aus?

Oliver Wnuk: Da habe ich die satirische Form gewählt, um mich dem Thema anzunähern. Denn Menschen, die sich dem Thema in einer Radikalität verschreiben, sind eher welche, die ihr Selbstbewusstsein in der Gruppe suchen. Die, wenn es um das Thema Heimat geht, eher Nationalismus sehen, und dass sie dann außen ihre Grenzen oder ihren Wirkungskreis suchen, anstatt – wenn sie sehr selbstbewusst und sich ihrer bewusst wären – den Heimatbegriff eher bei sich sehen.

Ah okay.

Oliver Wnuk: Dass sie irgendwie schauen,ich muss gucken, dass ich mir selbst meine eigene Heimat wäre und mich in mir wohlfühle und nicht mein Glück davon abhängig mache, wie viele Ausländer zum Beispiel in meinem Land wohnen.

Insgesamt wird das Buch durch eine gewisse Grundmelancholie getragen, aber dann gibt es diese messerscharfen Beobachtungen, die teilweise auch brutal ehrlich sind. Beispielsweise Deine Ausführungen über die KI am Ende des Buchs. Da stellst Du selbst Fragen, die noch offen sind. Du weißt auch nicht so wirklich, wohin da die Reise geht, oder?

Oliver Wnuk: Das kann ja auch keiner wirklich wissen. Ohne jetzt in Floskeln abzudriften, aber nicht nur da ist alles im Fluss, und der Weg ist das Ziel. Auch für mich sind die Texte immer nur Etappen: Ich kann dann mal so einen Pflock reinhauen, mich eine Zeit lang an ihm festhalten, etwas drumherum springen. Wenn ich den Text zu Ende schreibe, sehe ich eigentlich schon ein paar Meter weiter den neuen Pflock, den es irgendwie zu erkunden gibt. 

Deine Karriere als Cartoonist ist sehr interessant, Tobias, und ähnelt auch ein wenig diesem Bild von Oliver. Wie war das für Dich, als Du auf einmal Erfolg hattest? Du hattest Deine Zeichnungen auf Twitter, Facebook und Instagram gepostet. 

Tobias Vogel: Ich war damals wie im Rausch. Ein, zwei Jahre lang war das wirklich völlig irreal für mich, als ich da irgendwie auf diese Goldader gestoßen bin. Ich habe bei einer Versicherung gearbeitet und mich da nicht so richtig kreativ ausgelastet gefühlt. Oh Wunder (lacht). Eigentlich wollte ich nur so ein paar nette Ideen zu Papier bringen und habe die gepostet. Und plötzlich herrschte da dieser wahnsinnige Trubel um meine Person und meine Ideen. Diese erste Zeit – bis ich mich an dieses neue Leben gewöhnt hatte – habe ich wirklich als rauschhaft in Erinnerung. Ich bin bis heute dankbar, dass ich jetzt auf eine Art und Weise leben kann, die meinem Naturell deutlich mehr entspricht.

„Besser wird‘s nicht“  ist bei Lappan erschienen.