19.01.2026 Im Interview

„Das neue Album fängt die Essenz der Band ein“: Sänger Myles Kennedy über das neue Album der Band Alter Bridge

Alter Bridges Sänger Myles Kennedy äußert sich im Interview mit prisma über die Arbeit am neuen, selbstbetitelten Album, seinen Umgang mit Kritikern und wie er seine Stimme pflegt.
Alter Bridge sind (von links): Scott Phillips, Myles Kennedy, Brian Marshall und Mark Tremonti.
Alter Bridge sind (von links): Scott Phillips, Myles Kennedy, Brian Marshall und Mark Tremonti. Fotoquelle: Chuck Brueckmann

prisma: Das letzte Mal haben wir uns 2021 anlässlich Deines Albums „The Ides Of March“ gesprochen. Für einen Künstler mit Deinem Output sind fünf Jahre schon eine Ewigkeit. Seitdem hast Du ein weiteres Soloalbum veröffentlicht, „The Art of Letting Go“, dann ein Album mit Slash, „4“, und zwei Alter-Bridge-Alben. Es scheint nicht viel Auszeit für Dich zu geben.

Myles Kennedy: Nicht viel, nein. Ich hatte in den letzten Jahren nicht viel Freizeit. Aber ich versuche, mir dessen bewusster zu werden – mehr zu Hause zu sein, wenn möglich, und Fenster zu schaffen, in denen ich nicht auf Tour bin, um Zeit mit der Familie zu genießen. Ich liebe das Touren und Musikmachen, aber ich liebe auch meine Familie. Es geht um Balance.

Was bedeutet dieser Rhythmus persönlich für Dich? Vergeht die Zeit schneller, oder genießt Du es mehr, wenn Du so viel arbeitest?

Myles Kennedy: Es ist beides. Die Zeit vergeht wirklich schnell, wenn man so beschäftigt ist. Auf Tour wird einem das immer bewusst. Wir stehen kurz davor, für zwei Monate abzuhauen, und ich weiß schon jetzt: Nach einem Monat denke ich, „Ich kann nicht glauben, dass schon vier Wochen rum sind.“ Wenn man in diesem Rhythmus bleibt, rast die Zeit. Deshalb fühlt sich mein Leben so schnell an – als wäre es gestern gewesen, dass ich in meinen frühen Zwanzigern alles angestrebt habe. Es ist wichtig, beschäftigt zu bleiben. Ich genieße es, aber ich bin an einem Punkt, wo das nicht mehr das Einzige ist. Familie und Beziehungen stehen im Vordergrund.

Euer neues, selbstbetiteltes Album ist gerade erschienen. Ist ein neues Album immer noch etwas Besonderes für Dich, auch nach so vielen Veröffentlichungen?

Myles Kennedy: Ja, absolut. Es ist irgendwie lustig, ich habe jetzt genug Alben rausgebracht, da geht es beim nächsten Release nicht mehr um Leben oder Tod. Früher war das anders – da gab es viel Angst, weil man eine Marke aufbaut. Wenn etwas nicht den Erwartungen entspricht, könnte das bedeuten, dass man keine Chance mehr bekommt, das zu tun, was man liebt. Ähnlich wie bei Schauspielern und ihren Filmen. Jetzt, da wir einen Katalog haben und eine treue Fangemeinde, die uns in guten wie in schlechten Zeiten die Treue hält, hilft mir das, diese Angst zu lindern. Aber man hofft natürlich, dass es den Leuten gefällt und in ihrem Leben ankommt. Man will nichts einfach nur raushauen, ohne dass es einen kümmert – dann hätte man ein echtes Problem. Wenn ich den Punkt erreiche, wo es mir egal ist, muss ich mich fragen, warum ich das noch mache.

Achtest du noch auf Charts, Streaming-Zahlen oder so etwas? Wie nimmst du die Fan-Reaktionen wahr?

Myles Kennedy: Das ist knifflig für mich. Für meine mentale Gesundheit habe ich gelernt, mich von Pressestimmen, Kommentaren und Zahlen fernzuhalten, denn das kompliziert alles nur. Ich suche diese Reinheit: Im Moment bleiben und ehrliche Musik schaffen. Wenn man ständig denkt: „Wie wird das charten?“, ist man der Sklave dieser ganzen Sache. Also setze ich lieber Scheuklappen auf und mache einfach mein Ding. Die anderen Jungs sind da teilweise anders – sie schauen genauer hin. Ich kriege nach der ersten Woche einen Anruf vom Manager: „Gute Nachrichten!“ – und ich denke: „Okay, super.“ Aber sie wissen, dass sie mir keine guten Reviews schicken sollen, weil ich sie nicht lese (lacht).

Die Kritiken für das neue Album sind übrigens sehr gut – teils überschwänglich.

Myles Kennedy: Das freut mich zu hören. Aber ich bin ein seltsamer Vogel: Gute Reviews machen mir manchmal mehr Angst als schlechte, wegen der Erwartungen. Da bin ich lieber in diesem Zustand der Vergessenheit. Weil ich sonst so eine Art seltsame Leistungsangst bekomme, wenn ich das Gefühl habe, die ganze Welt schaut mir zu, und wir stehen unter Beobachtung – was ja auch stimmt. Ich meine, das steht ja jeder mittlerweile, aber ich entscheide mich lieber dafür, wie ein Strauß den Kopf in den Sand zu stecken.

Gut für Euch ist es ja, dass Hard-Rock- und Metal-Fans besonders treu sind – sie kaufen immer noch physische Alben, Vinyl oder CDs. Auch in Deutschland.

Myles Kennedy: Absolut. Das sehen wir auch in den USA: Hard-Rock-Fans konsumieren Alben noch wie wir als Kids früher – aufklappen, anhören.

Euer neues Album ist selbstbetitelt. Gibt es da eine Regel für Rockbands, irgendwann auf jeden Fall einmal ein selbstbetiteltes Album zu veröffentlichen? 

Myles Kennedy: Vielleicht ist es auch ein bisschen Faulheit nach acht Alben (lacht) – da durften wir das mal machen. Aber es fängt auch irgendwie die Essenz der Band ein, vielleicht sogar besser als die anderen, neueren Alben. Ich meine, wir haben ja 2019 eins rausgebracht, „Walk The Sky“, das hatte etwas mehr Keyboard-Elemente, und bei anderen haben wir uns da etwas mehr ausgetobt. Aber dieses hier ist einfach geradlinig – unser Markenzeichen von Anfang an. Wir haben uns da richtig reingefunden.

Euer Album vor diesem, „Pawns and Kings“, war epischer, mit längeren Titeln. „Alter Bridge“ wirkt etwas verschlankt. Teilst du die Einschätzung?

Myles Kennedy: Das stimmt, bis auf den letzten Titel des Albums „Slave To Master“, der ist über neun Minuten lang. Ansonsten ist das Album aber sehr klar definiert und in dieser Hinsicht ziemlich fokussiert. Und es ist „Hard Rock“. Es basiert auf Riffs, und wir haben nicht viel mit Texturen und Ambient-Sounds experimentiert. Es geht um dieses eine Riff, und darauf bauen wir den Rest auf.

Der Opener ist immer ein Powerhouse bei Euch, auch diesmal. „Silent Divide“ überrascht dann mitten im Song mit diesem Staccato-Riff und der Textzeile „Stop, breathe, think – do not cross the line“. Das ist wirklich gelungen. Überhaupt haben Eure Songs oft solche kleinen Breaks oder Shifts. Kleine Einsprengsel, die den Ton des Songs häufig verändern. Wie entstehen die?

Myles Kennedy: Danke! Bei dem Part hatte ich ein Demo mit Riff, Strophe und Chorus – unvollendet, damit die Band mitmachen kann. Von wegen: „Hier sind die ersten zwei Minuten des Songs, das ist das, was ich darin höre.“ Und dann sitzen wir alle zusammen und schauen, wohin uns das führt. Dann ist das auch mehr ein Band-Ding. Mark (Band-Gitarrist Mark Tremonti) bringt auch gerne Demos ein, die ein gutes Fundament bilden, und häufig setze ich eine Melodie und einen Text darauf. Es kommt immer darauf an. Es ist eben diese Grundidee, dass wir alle zusammenkommen. Bei „Silent Divide“ kam Mark nach dem zweiten Chorus die Idee mit dem „dump dump“-Riff, und ich habe spontan „Stop, breathe, think“ draufgesetzt – fast operettenhaft, staccato. Es hat wirklich sehr gut funktioniert. Wir haben sogar über T-Shirts mit dem Text nachgedacht (lacht). Solche Momente entstehen oft, wenn alle zusammenkommen.

Ihr habt die Pre-Production im 5150-Studio von Eddie Van Halen gemacht. Was war das Besondere daran?

Myles Kennedy: Als riesiger Van-Halen-Fan war das für mich magisch. Ich meine, auch wegen ihrer Songs mache ich das hier. Danke an Eddies Sohn Wolfgang, dass er uns in seinen kreativen Raum und den seines Vaters eingeladen hat. Während wir dort an unseren Sachen gearbeitet haben, haben wir uns in diesem Raum umgesehen. „Diese Bänder sind voll mit Musik aus der Vergangenheit“, und man denkt: „Wow.“ Es sind die Geister der Schöpfungen aus der Vergangenheit. Es sickert immer noch irgendwie aus jeder Pore des Gebäudes. Es ist, als ob man es spüren könnte. Das ist eine seltsame Sache mit mir. Ich bin sehr empfänglich dafür. Als meine Frau und ich vor Jahren umgezogen sind, haben wir ein neues Heim gesucht. Und ich erinnere mich, dass ich bestimmte Häuser betreten habe und sofort wusste, ob da etwas Kreatives ist, das mich inspirieren würde. Als ich das 5150 betrat, war alles viel intensiver. Ich konnte all diese wunderschöne Kreativität spüren, die dort stattgefunden hatte, und diese Geister hallten immer noch in dem Raum nach. Manche wundern sich vielleicht über so etwas und fragen sich: Wovon redet der überhaupt? Aber ich glaube, da ist etwas dran.

Du hast es zwar eben schon einmal angedeutet, aber wie läuft der kreative Prozess in der Regel bei Euch ab? Legen Scott und Brian (Drummer Scott Phillips und Bassist Brian Marshall) das rhythmische Fundament, auf das Ihr den Rest legt?

Myles Kenedy: Mark und ich sind so etwas wie der kreative Motor. Wir machen Demos oder kommen mit Ideen und Riffs. Brian und Scott spielen dann dazu und entwickeln ihre Parts, basierend auf dem Feeling, das wir als die Kreativen erzeugen. Aber ich finde, sie bekommen nicht genug Anerkennung. Sie sind essenziell für unseren Sound.

Der Drum-Sound auf dem neuen Album ist diesmal etwas anders. Ich hatte ein gewisses 80s-Feeling dabei.

Myles Kennedy: Der Sound ist total cool, und es kann durchaus sein, dass das wegen der 5150-Studios so klingt. Die Drum-Tracks könnten da entstanden sein (überlegt). Ja, denn die Räume da haben einen ganz besonderen Klang. Auf jeden Fall eine gute Beobachtung und ich glaube, Scott ist sehr zufrieden mit seinem Sound auf dem Album.

Ich habe bereits erwähnt, dass Euch manche Kritiker für das neue Album abfeiern, sie nennen es sogar Euer bestes. Wie gehst Du mit solchen Superlativen um?

Myles Kennedy: Das ist schwierig, denn die Leute tendieren mittlerweile dazu, alles großartig zu finden. Aber es wird immer Leute geben, die dem widersprechen. „Das ist nicht ihr bestes Album, vielmehr ist das hier ihr bestes.“ Viele Fans sind da sehr leidenschaftlich, und für mich ist das sehr interessant, denn es ist eine Studie in menschlicher Psychologie (lacht). Ich bin selbst jemand, der häufig sehr kritisch ist, wenn etwas herauskommt und die Leute beispielsweise sagen, das wäre der beste Film ever, und ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann. Es ist eben alles subjektiv, und es ist ja nicht wie beim Sport, wo der Punktestand entscheidet. Da gibt es dann den Sieger und keine Diskussion. In der Musik, in der Kunst oder beim Film ist es eben subjektiv. Da hat jeder seine Meinung, man kann diskutieren, und alles basiert auf verschiedenen Meinungen und Geschmäckern. Und das ist eben der Grund, weshalb ich dem nicht zu viel Beachtung schenken möchte. Ich weiß nur, wenn Du mir so etwas erzählst, dass sich viele Menschen wohl an unserem Album erfreuen werden. Für mich ist das dann ein Indikator, dass die Tour funktionieren wird und wir dadurch die Möglichkeit haben, das noch für ein paar Jahre zu machen. So schaue ich darauf, es ist wie ein Überlebensinstinkt: Wir müssen den Laden in naher Zukunft also noch nicht zumachen (lacht).

Mark und Du seid gute Freunde, gibt es aber trotzdem eine gesunde Konkurrenz zwischen Euch? Wie entscheidet Ihr, wer welchen Gitarren-Part spielt?

Myles Kennedy: Den Konkurrenzgedanken gibt es auf jeden Fall, aber das Zauberwort ist eben „gesund“. Weißt Du, wir haben einen sehr großen Respekt vor dem, was der andere macht. Im Studio ist es dann so, dass derjenige, der mit dem Riff ankommt, es dann auch spielt. Live spielen wir es dann häufig beide. Es kommt immer darauf an, was für ein Riff das ist. Wenn es uns beiden liegt, dann nehmen wir es auch mal beide auf. Aber es gibt auch Passagen, die ich schreibe und bei denen ich denke: Okay, das wird super, weil Marks Spielweise, seine rechte Hand, perfekt dazu passt. Dann will ich ihn das unbedingt spielen hören. Es kommt also darauf an. Und Soli sind manchmal etwas knifflig, weil wir beide total gerne improvisieren, aber wir hatten noch nie Streit darüber, wer was improvisieren darf. Es herrscht einfach stillschweigendes Einverständnis. In dieser Band spielt er 80 Prozent der Lead-Parts, was großartig ist, und ich singe 80 Prozent der Songs.

Aber seit seiner Solo-Alben mit Tremonti singt er mehr und mehr…

Myles Kennedy (lacht): Ja, aber das rettet mir absolut das Leben, weil es sehr anspruchsvolle Songs für einen Sänger sind. Es gibt eine gewisse Intensität, sodass kleinere Pausen hier und da, wenn Mark den Gesang übernimmt, eine Pause für meine Stimme bedeuten. Das sind dann wichtige drei oder vier Minuten. Da kann sie sich dann erholen. Aber so ist das eben in dieser Band, und das ist auch das Großartige. Wenn ich für Slash und die Conspirators spiele, ist da Todd Kerns, der ein großartiger Sänger ist. Das hilft natürlich auch da ungemein, die Shows am Laufen zu halten. Ich bin also sehr dankbar, zwei so großartige Sänger zu kennen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Ich habe Dich vor zwei Jahren mit Slash hier in Düsseldorf gesehen. Es war großartig. Ich habe Dich mehrfach mit Alter Bridge gesehen, dann solo und mit Slash. Und jedes Mal hatte ich das Gefühl, es wäre Dein erstes und einziges Konzert, weil Du so leidenschaftlich warst. Gibt es da so eine Art Geheimnis? Wie schaffst Du das? Gibt es auch schlechte Tage für Miles Kennedy oder kannst Du das einfach gut überspielen?

Myles Kennedy: Vielleicht hast Du es mitbekommen, denn ich meine mich zu erinnern, dass ich in Düsseldorf krank war. Ich glaube, ich war gerade dabei, etwas zu überwinden, das ich mir in Südamerika oder Australien eingefangen hatte, ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch, dass es richtig lange angehalten hat. Und ich erinnere mich, dass ich in Deutschland total gestresst war deswegen. Ich weiß, dass ich das irgendwie kaschieren konnte. Aber genau das ist immer meine Angst. Wir bereiten uns gerade auf diese Tour vor. Es ist Winterzeit, da muss ich aufpassen.

Achtest Du dann besonders auf Deine Stimme? Bist Du dann besorgt, sie zu verlieren?

Myles Kennedy: Ich bin immer hyperwachsam. Deshalb bin ich ein großer Verfechter von Stimm-Techniken. Wir verwenden keine Backing-Tracks oder so etwas. Alles, was Du hörst, kommt von Leuten, die die Songs live performen. Also, ich werde total ehrlich zu Dir sein. Als ich meine Solo-Tour im Dezember beendet habe, habe ich mir ein paar Tage frei genommen, und habe dann angefangen, für diese Tour zu trainieren. Jeden Tag, sogar an Weihnachten, war ich aktiv. Ich bin da irgendwie obsessiv und studiere bei den Stücken alles. Dann weiß ich genau, wo welche Phrasierung ist. Ich verwende eine Operntechnik namens Bel Canto.

Ich habe Dein Interview mit Rick Beato auf YouTube gesehen, in dem Du ihm davon erzählt hast.

Myles Kennedy: Dieses Verständnis für die richtige Technik hat mich wirklich gerettet. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste und dankbar, dass ich meine Stimme noch habe. Ich denke, das liegt vor allem daran, dass ich die Technik geübt und sie ernst genommen habe, besonders mit zunehmendem Alter. Früher konnte man einfach auf eine bestimmte Art singen und es schnell durchziehen, und am nächsten Tag war alles wieder gut. Aber mit dem Alter merkt man, dass man ein bestimmtes Protokoll befolgen muss, um die Stimme zu erhalten. Und ich denke, solange ich das tue, wird alles gut. Aber wenn Du fragst, ob ich Angst habe, sie zu verlieren? Absolut. Ich glaube, der schlimmste Albtraum jedes Sängers ist: Was, wenn ich eines Tages aufwache und es einfach nicht mehr funktioniert? Deshalb tue ich alles, um sie zu erhalten.

Es ist erstaunlich, denn Deine Stimme hat sich über die Jahre kaum verändert.

Myles Kennedy: Nun, ich kann mir das nicht selbst zuschreiben. Es ist eine Technik, die ich gelernt habe. Wenn ich auf mich allein gestellt gewesen wäre und falsch gesungen hätte, hätte ich keine Stimme mehr. Ich habe diese Technik also gelernt, und ich glaube, es ist eine uralte Technik. Sie existiert schon seit Jahrhunderten.

Aber wann hast Du zum ersten Mal bemerkt, dass Deine Stimme so besonders ist?

Myles Kennedy: Ich weiß nicht, ob mir das jemals bewusst war. Ich glaube, das ist Teil dieses Hochstapler-Syndroms, und vielleicht ist es das, was mich antreibt. Ich hinterfrage mich ständig. Ich habe mich immer eher als Songwriter gesehen, und ich glaube, meine Stimme hilft mir, die Lieder zu schreiben. Aber ich bin gerade in so einer Phase. Wir hören jetzt viel Oper, und ich höre mir die ganz Großen an, Pavarotti und so weiter, und da denke ich: Wow, das ist eine Stimme!

Kennst Du Jonas Kaufmann, den neuen Opernstar aus Deutschland?

Myles Kennedy: Der Typ ist unglaublich. Ihm zuzuhören ist großartig. Also, ich bin beeindruckt von ihm. Ich bin immer mehr beeindruckt von Leuten, die das können, je älter ich werde, denke ich. Weil ich eher aus dem Blues- und Soul-Bereich komme. So habe ich es gelernt. Ich liebe das immer noch, Led Zeppelin und so weiter. Aber ja, diese Opern-Technik hat mich gerettet. Sie hat mir geholfen, das alles durchzustehen. Ich meine, wie machen diese Sänger das nur? Großartige Künstler.

Eins hat mich etwas überrascht: Letztes Jahr hatten die anderen drei Jungs von Alter Bridge mit Scott Stapp diese riesige Creed-Tour in den Staaten und waren damit wirklich sehr erfolgreich. Einige Leute haben da mit Sicherheit gedacht, dass es jetzt etwas Neues von Creed geben würde. Doch dann sind Mark, Scott und Brian einfach zurück zu Alter Bridge gekommen. Hat Dich das irgendwie beruhigt? Oder warst Du einfach auch etwas überrascht, wie schnell Alter Bridge zurückgekehrt ist?

Myles Kennedy: Ja, wir hatten das alles schon so geplant, wie es ablaufen würde. Ich denke, sie waren wahrscheinlich am meisten überrascht von dem Erfolg, den sie mit der Reunion-Tour hatten. Durch TikTok und diesen Nostalgie-Faktor und all diese verschiedenen Dinge ist das einfach explodiert, besonders hier in den Staaten. Also war es wirklich gut für sie, denn es war insgesamt super. Es ist schön zu sehen, wie sie wieder ganz oben sind. Aber damit verbunden kam natürlich die Frage auf: Na ja, wie wirkt sich das auf Alter Bridge aus? Ich habe anfangs ziemlich oft diese Frage gehört.

Ok, sorry dafür…

Myles Kennedy: Nein, nein (lacht). Das kam eher von Freunden und Bekannten. So nach dem Motto: Was passiert jetzt? Und ich antwortete: Mir wurde gesagt, wir werden trotzdem ein Album machen und touren. Gleichzeitig, bei allem, was gerade läuft, denke ich aber auch: Wer bin ich, dass ich sage, das dürfen sie nicht machen? Das mache ich nicht. Wir sind Freunde, wir sind Brüder, wir machen das schon ewig. Und der Erfolg ist toll für sie und ihre Familien. Das ist unglaublich, ich meine, wie machen sie das alles?

Es zeigt, dass Alter Bridge für sie irgendwie eine Art Zuflucht ist, denke ich, ein Zuhause.

Myles Kennedy: Der Gedanke von Dir ist interessant. Ja, sie scheinen es wirklich zu genießen, in dieser Band zu sein. Immerhin sind wir auch schon über 20 Jahre zusammen und machen gemeinsam Musik.

Die Zeit vergeht, wie Du schon anfangs gesagt hast. Ich kann mich noch an das erste Album erinnern, weil ich ein großer Creed-Fan war, und dann kam der Split, und dann diese neue Band.

Myles Kennedy: '04 oder '03, irgendwas in der Richtung. Es ist jetzt so lange her. Ich weiß. Wo ist die Zeit nur hin?

Ihr geht jetzt mit dem neuen Album auf Tour, und seid auch in Deutschland. Du hast es schon mal erwähnt, die Gigs sind immer noch etwas Besonderes für Dich, oder?

Myles Kennedy: Ja, das sind sie. Und genau deswegen nehme ich es so ernst. Deshalb habe ich schon über einen Monat lang dafür trainiert und mich vorbereitet. Wenn es mir egal wäre, würde ich einfach auftauchen und es so nehmen, wie es kommt. Aber ich will, dass es auf einem bestimmten Level abläuft. Und obwohl ich die Zahlen nicht so sehr im Blick habe, will ich doch, dass die Fans glücklich nach Hause gehen. Das liegt mir am Herzen. Ich will nicht, dass jemand sein hart verdientes Geld ausgibt und enttäuscht wird. Die Leute wollen ein Erlebnis, etwas, das sie für ein paar Stunden ihre Probleme vergessen lässt. Das ist für mich das Wichtigste, und ich nehme diese Verantwortung nicht auf die leichte Schulter. Es ist ein Geschenk, dass die Leute die Wertschätzung für uns haben, um zum Konzert zu fahren.

Sie könnten gemütlich zu Hause sitzen und Netflix schauen oder was auch immer.

Myles Kennedy: Genau, aber stattdessen verbringen sie den Abend mit uns. Deshalb kann ich nicht unvorbereitet auftauchen. Und wir sind alle so. Ich bin nicht der Einzige.

Letzte Frage: Welcher ist dein Lieblingstrack auf dem neuen Album?

Myles Kennedy: Lieblingstrack? Das ist so schwer, weil sie wie Kinder sind. Aber wenn Du mich fragst, ich mag den ersten Track, weil er ein richtig cooles Riff hat, das man super gerne spielt, und er setzt perfekt den Ton für das Album. Und wie ich schon vorher angedeutet habe, ist er ein weiteres Beispiel dafür, wie aus einer Band-Idee etwas Größeres wird, wenn wir alle zusammenkommen und unsere Köpfe zusammenstecken. Also repräsentiert er gut, worum es bei uns geht.

Ich finde, der erste Track ist auf Alter-Bridge-Alben immer etwas ganz Besonderes.

Myles Kennedy: Man muss einfach einen speziellen Song für den Opener wählen. Das ist wichtig.

Alter Bridge sind aktuell auf Tour. Mehr dazu unter www.alterbridge.com/pages/tour-dates