prisma: Inwiefern warst du vorher mit der Geschichte von Ruja Ignatova und „OneCoin“ vertraut?
Nilam Farooq: Mir war das alles nicht ganz neu, weil ich davon damals schon gehört hatte. Aber so richtig zusammengekriegt habe ich es nicht mehr, was mich selbst eigentlich total wundert, weil ich super gerne im True-Crime-Kosmos unterwegs bin. Aber der Fall war damals auch noch nicht so aufgearbeitet, wie er heute ist. Ich habe ein paar Wochen vorher noch gesehen, dass das FBI eine Frau auf der Liste hat, aber nicht weiterverfolgt, was sie gemacht hat. Also es gab Überkreuzungen, ohne genau zu wissen, dass es die gab. (lacht)
Was hat dich dazu bewogen, in der Serie mitzuspielen?
Natürlich die Hoffnung, dass mir Ruja einen fetten Scheck schickt, wenn sie mich sieht. (lacht) Nein, da haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. Es ist immer toll, echte Geschichten spielen zu dürfen und damit echte Charaktere, weil es sowohl für die Vorbereitung als auch für die Authentizität der Geschichte einfach Vorteile hat. Aber hier kommt noch ganz besonders hinzu, dass es sich um eine kriminelle Frau handelt. Diese Geschichten werden eigentlich in Deutschland und auch generell sehr selten erzählt. Es sind meistens Männer, die Bösen, die Kriminellen. Und so sehr ich dafür bin, dass Frauen toll und die besseren Wesen sind, ist es auch wichtig und eben auch spannend, eine Frauengeschichte zu erzählen, die so krass weit von mir weg ist. Denn soweit ich weiß, habe ich noch niemanden so sehr in die Pfanne gehauen. (lacht) Und das Dritte ist, dass ich mich optisch ganz schön verändern durfte. Das ist wohl die größte Veränderung, die ich jemals vor der Kamera hatte.
Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?
Ich habe alles aufgesogen, was es gibt. Das fängt bei Podcasts an, geht dann weiter zu YouTube-Videos, die teilweise abgefilmt sind. Es gab ein großes Wembley-Event, das erzählen wir auch in der Serie. Und es gibt es natürlich einige Interviews, die Ruja selber zu „OneCoin“-Zeiten online gestellt hat, um sich zu promoten. Ich habe alles genommen, was man kriegen kann. Die eigentliche Aufgabe fing danach an: Man muss entscheiden, wie nah man an der Person wirklich dran sein will. Klar spiele ich einen bösen, unsympathischen Charakter, aber es gibt eine Theorie, die besagt, dass man dennoch ein bisschen Nahbarkeit in die Rolle einbringen muss. Damit man vielleicht verstehen kann, wieso jemand auf so eine Weise handelt. Damit habe ich mich anfangs schwergetan, weil ich es gar nicht verstehen wollte. Ich glaube, Ruja hatte irgendwann in ihrem Leben die Wahl und sie hat sich halt für das Schlechtere entschieden. Unabhängig davon, was davor war. Aber das war am Anfang gerade die ersten Drehtage eine große Unsicherheit, wie unsympathisch, wie originalgetreu zu dem, was ich gesehen habe in der Vorbereitung, spiele ich das. Und ich glaube, wir haben dann am Ende einen guten Mittelweg gefunden, der beides bedient. Zum einen die Teilfiktion, zum anderen aber diese wahre Geschichte und diese wahre, echte Frau.
Wie würdet du Ruja Ignatova beschreiben?
Ich bleibe dabei, dass sie kein guter Mensch ist – oder war, man weiß ja nicht, ob sie noch lebt. Eine „positive Seite“ ist, dass sie eine wahnsinnig charismatische, schlaue Frau mit großer Überzeugungskraft ist. Allgemein ist es eine tolle Qualität, sich in der Männerwelt so zu behaupten und die Chefin von so vielen Männern zu sein. Das ist an sich eine tolle Geschichte, das hätte man auch für etwas Gutes nutzen können. Böse Worte wie geldgeil, machtgesteuert und einfach verdorben beschreiben sie aber wohl am besten.
Ruja Ignatova gehört zu den zehn meistgesuchten Flüchtigen des FBI. Wie fühlt es sich an, so jemanden zu verkörpern?
Also zum Glück geht man da mit Naivität ran und denkt, cool, dass ich die spielen darf. Wenn einem dann aber solche Fragen gestellt werden, kommen auch mal Zweifel auf. Wir reden hier von Kriminalität im ganz großen Stil, am Ende hatte sogar die bulgarische Mafia mit dem Fall zu tun. Das ist dann wiederum sehr echt. Und es gibt immer wieder Leute, die Fiktion und Rollen nicht von Schauspielerinnen trennen können. Oder sie beziehen das Gesehene auf die echte Person. Dann kommt schon ein wenig Bauchgrummeln in mir auf. Ob das nicht, wenn es ganz blöd läuft, auch blöd enden könnte. Ich halte es jedoch nicht für sonderlich realistisch und gehe lieber den Weg, dass sie es vielleicht gut findet und mir einen Scheck schickt. (lacht)
Wie hat sich die Verwandlung in Ruja angefühlt?
Also das Lustige ist, ich habe mich meine Karriere lang beschwert, dass meine Maskenzeit nur 20 Minuten dauert. Da wird irgendwie nichts gemacht: ein bisschen Wimperntusche, Haare kämmen, fertig. Und dann komme ich in dieses Projekt und bekomme eine andere Nase und andere Haare, was die Maskenzeit auf drei Stunden hochschraubt. In Deutschland wurde mir immer gesagt, wir setzen dir keine Perücke auf. Du hast von Natur aus so viele Haare, am Ende hast du einen riesigen Kopf. Für das italienische Team, mit dem wir für die Serie zusammengearbeitet haben, war das wiederum kein Problem. Plötzlich stehst du vorm Spiegel und denkst nur: Krass, was eine andere Nase und eine andere Haarlinie schon ausmachen. Das macht unterbewusst allein schon so viel mit dir. Jemandem, der kein Schauspieler oder keine Schauspielerin ist, kann man das am besten mit Karneval erklären – du schlüpfst in ein Kostüm und fühlst dich sofort einfach anders. Das hat mir auch ein bisschen das Gefühl von Hollywood gegeben, weil die sich dort immer so stark verändern und so viel machen dürfen. Das war richtig schön.
Wenn eine Serie in der Finanzwelt spielt, muss man dann erst einmal Erklärarbeit leisten, um die Zuschauer abzuholen?
Also das Erklären fällt ja gar nicht in meinen Aufgabenbereich, das steht und fällt mit einem guten Drehbuch. Wir haben das alles über eine Meta-Ebene gelöst, sodass das Publikum auf jeden Fall mitgenommen wird und am Ende weiß, was eine Blockchain ist. Das waren so Sachen, die musste ich mir auch anlernen. Für mich war aber die spannendere Frage, wäre ich selber darauf hereingefallen, wenn ich „OneCoin“ zu der Zeit mitbekommen hätte. Weil im Nachhinein ist es ja total leicht zu sagen: Das war doch klar, das sah doch schon alles wie Betrug aus. Aber diese tausenden Menschen, die da leider Opfer geworden sind, sind ja nicht alle doof.
Und zu welchem Schluss bist du da gekommen?
Nein, wäre ich nicht. Da spielt aber natürlich jetzt auch mit rein, dass ich mich intensiv mit Ruja beschäftigt habe. Und sie gibt mir einfach Vibes, dass da irgendetwas nicht stimmt. Dass das Ganze komplett ein Betrug ist, da wäre ich auch nicht draufgekommen. Ich glaube, mein Bauchgefühl hätte mir vielleicht gesagt, dass ich lieber noch ein wenig warte, bevor ich investiere.
Wieso sollte man sich „Take the money and run“ nicht entgehen lassen?
Ich glaube, dass viele Menschen damals den Fall mitbekommen haben. Natürlich ist es total spannend, weiteres Hintergrundwissen dazu zu bekommen. Das ist ja im Grunde wie ein True-Crime-Podcast, das ist ein riesengroßes Genre, viele Leute lieben das. Und wir haben das einfach verfilmt mit ganz ganz tollen Bildern basierend auf einer wahren Geschichte, sehr international erzählt für eine deutsche Produktion. Die Leute sollen dasitzen und sich überlegen: Was ist jetzt genau am Ende? Was ist jetzt die Wahrheit von allem?
Was für Serien magst du privat gerne?
Ich bin eine ganz schwierige Guckerin, weil mich immer alles überzeugen muss. Also das, was ich zu der Serie lese, das Bild, das ich sehe, und was ich vorher schon drüber gehört habe. Ich überlege gerade, was die letzte Serie ist, die ich gesehen habe. Ach so, ja, „Ed Gein“. Das war richtig gut. Man wird ja immer gefragt, was man als Nächstes spielen will. So was würde ich gerne mal machen: eine richtig abgebrühte Serienkillerin. Ich glaube, ich habe ein bisschen Blut geleckt mit diesen bösen Figuren, weil das so viel Freiraum lässt und man keine Angst haben muss, dass es zu nah an einem dran ist.
„Take the Money and Run“
Ab Montag, 5. Januar, im ZDF streamen
Ab Sonntag, 11. Januar, 20.15 Uhr, wöchentlich in Doppelfolge in ZDFneo