prisma: Musstest du dir damals den Vorwurf anhören, dass du vor deinen Problemen einfach davonläufst?
Carina Amara Kruse: Den Vorwurf habe ich nicht wirklich oft gehört. Ganz im Gegenteil. Meine Kollegen haben ja mitgekriegt, was bei mir alles los war – die zerbrochene Beziehung, das gescheiterte Buchprojekt und dann auch noch die Kündigung. Deshalb habe ich sehr viel Unterstützung erfahren und wurde eher für meinen Mut bewundert, die Reise allein durchzuziehen. Aber manchmal habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht, dass ich weglaufen würde.
Auf Instagram schreibst du, dass man nicht in dem Umfeld heilt, in dem man verletzt wurde. Bist du deshalb soweit weggereist?
Im Nachhinein habe ich schon gemerkt, dass ich möglichst viel Abstand zwischen allem, was passiert ist, und mir bringen wollte. Ich war fast schon in einer depressiven Phase und wollte mich von den Dingen lösen, die mir nicht gutgetan haben.
Welche Erfahrung hat dich am meisten verändert?
Das waren zwei Sachen. Zum einen habe ich an einem zehntägigen Schweige- und Meditationsseminar, einem Vipassana, teilgenommen. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Und zum anderen gab es einen sehr kleinen Moment, der aber dennoch sehr bedeutsam war. An meinem 29. Geburtstag, der zugleich auch der letzte Tag des Schweigeseminars war, habe ich abends in einem schicken Hotel am Strand gesessen. Ganz allein im Mondlicht mit meinem Getränk in der Hand. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Wahnsinn, wie weit ich es eigentlich geschafft habe.
Hattest du zwischendurch auch mal Bedenken, weil du als Frau allein unterwegs warst?
Ja schon, wobei ich sowohl auf Bali und in Indien sehr schnell Anschluss gefunden habe und viel mit anderen Reisenden oder Locals unterwegs war. Wohingegen ich mich in Neuseeland das erste Mal richtig einsam gefühlt habe.
Was ist denn in Neuseeland passiert?
Ich hatte den großen Traum, in Neuseeland zu arbeiten und mir ein neues Leben aufzubauen. Dieser ist dann geplatzt, und ich habe mich gefragt, ob es das jetzt gewesen ist. Ich fand es schwierig, dort Anschluss zu finden. Die Menschen waren zwar sehr höflich, aber irgendwie nicht bereit für eine tiefere Verbindung. Ich bin dann noch mal für sechs Monate zurück nach Indien.
Wann wusstest du, dass es Zeit ist, zurückzukommen?
Nach den sechs Monaten hatte ich einfach das Gefühl, dass es reicht. Ich hatte Sehnsucht nach meinem Zuhause und bin nach Deutschland zurückgekehrt.
Wie war die Rückkehr?
Nicht einfach. Ich bin zurück in meine alte Wohnung gekommen, in der ich mit meinem Exfreund gelebt habe. Ich wusste von meinen vorherigen Reisen schon, dass ich nach einer Rückkehr von einem Trip so eine Art „rückwärtigen Kulturschock“ erlebe und mich erst einmal wieder an Deutschland gewöhnen muss. Das war wieder der Fall – nur krasser.
Was hast du dir vorgenommen, damit du nicht wieder da ankommst, wo du vor deiner Abreise warst?
Ich bin überzeugt, dass die Reise nicht aufhört, wenn man ankommt, sondern dass sie dann erst richtig beginnt. Ich möchte weiter wachsen und an mir arbeiten, mich persönlich weiterentwickeln. Ich möchte zum Beispiel kleine Soloabenteuer in meinen Alltag integrieren, damit ich mich selbst herausfordere.
Muss man dafür zwingend verreisen?
Nein, gar nicht. Für viele Menschen ist es ja schon eine Überwindung, etwas allein zu unternehmen. Es kann schon reichen, wenn man sich vornimmt, mal zwei bei drei Stunden in seiner eigenen Stadt unterwegs zu sein und allein Essen zu gehen oder sich einen Film im Kino anzuschauen. Einfach mal sehen, welche Gedanken einem so kommen, wenn man nur für sich ist.
Wann kam dir die Idee, aus deiner Geschichte ein Buch zu machen?
Die Idee hatte ich tatsächlich schon auf meinem ersten Flug nach Bangkok, als die Reise losging. Ich habe über mein Leben nachgedacht und wie skurril vieles einfach war. Ich stand da inmitten eines großen Scherbenhaufens – langjährige Beziehung kaputt, Job weg. Ich meine: Wer wird bitte schon in Adiletten und Bademantel gekündigt? Das fühlte sich alles an wie aus „GZSZ“. Auf meiner Reise habe ich viel in Notizbüchern aufgeschrieben, das war dann die Grundlage fürs Buch.
Du nennst deine Geschichte selbst die „Real-Life-Version“ von „Eat Pray Love“. Tatsächlich hast du die Autorin auf deiner Reise getroffen. Wie war das?
Ich habe Elizabeth Gilbert bei einem Frauenfestival in Indien getroffen, da war sie für einen Workshop zum Thema Kreatives Schreiben. Die Atmosphäre war ganz besonders, sie hat mit uns Teilnehmerinnen zusammengesessen, und irgendwann gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Da habe ich ihr erzählt, dass ich die Idee für ein Buch habe, nur dass es diese Geschichte schon gibt – als Buch und als Film. Und das diese „Eat Pray Love“ heißen. Sie hat mich ermutigt, mein Buch zu schreiben. Denn sie war davon überzeugt, dass meine Geschichte einzigartig ist und vielen Menschen Hoffnung schenken kann.
Wen möchtest du mit deinem Buch erreichen?
Leute, die gerne etwas in ihrem Leben verändern möchten. Ich weiß noch, dass ich nach meiner Trennung nach Büchern gesucht habe, die mir Mut schenken, um über all das Negative hinwegzukommen. Man muss nicht zwangsläufig gerade eine Trennung durchmachen, um Freude an dem Buch zu haben. Aber im Leben gibt es genug Krisen, die man bewältigen muss. Da ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass es auch wieder besser wird, sehr willkommen.
Und welche Reiseziele stehen noch auf deiner Liste ganz oben?
Ich träume aktuell von einem Horse Track durch West-Kanada. Ich stelle es mir richtig toll vor, mit einer kleinen Gruppe durch die Rocky Mountains zu reiten.
„The Journey“ von Carina Amara Kruse, Dumont Reise, 300 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 978-3-616-03574-1