Im Interview

Alexander Scheer: "Bowie hatte 35 verschiedene Leben"

23.03.2026, 01.00 Uhr
Lola-Gewinner Alexander Scheer („Gundermann“, „Sonnenallee“) feiert als David Bowie im Stück „Heroes“ seit März 2025 große Erfolge in Berlin. Nun geht der Schauspieler und Sänger mit der Show, die am Berliner Ensemble regelmäßig ausverkauft ist, auf Tour. Im Interview spricht er über Bowies Musik und dessen Liebe zur Literatur.
Alexander Scheer vor einem roten Hintergrund.
Alexander Scheer geht in „Heroes“ in seiner Rolle als David Bowie voll auf. Fotoquelle: Luna Zscharnt

prisma: Ihre Show „Heroes“, mit der Sie jetzt auf Tour gehen, gilt in Berlin als die momentan erfolgreichste Show überhaupt.

Alexander Scheer: Wir können vom Hit der Saison sprechen, ja.  

Bowie und Berlin passt aber auch immer. 

Alexander Scheer: Ja, vor allem in diesem Jahr. Wir feiern „50 Jahre Bowie in Berlin“, denn 1976 ist er nach Schöneberg gezogen. 

Zudem jährt sich sein Todestag in diesem Jahr zum 10. Mal. Das passt irgendwie alles.

Alexander Scheer: Anlässe, ihm zu gedenken, gibt es tatsächlich genug. 

Vergangenes Jahr habe ich mit dem Zeichner Reinhard Kleist noch über seine Graphic Novel „Low“ gesprochen, in der er Bowies Zeit in Berlin thematisiert. Kennen Sie das Buch?

Alexander Scheer: Aber klar, es ist besser als jede Bowie Biographie. Reinhard zeichnet in Berlin auch live in unserer Show, aber ich glaube nicht, dass er mit auf Tour kommt. Er hat momentan viel zu tun. „Low“ war in Frankreich so erfolgreich, dass er jetzt den neuen Lucky Luke zeichnen darf (lacht). Reinhard zeichnet schneller als sein Schatten (lacht). 

Das Gespräch mit ihm über Bowie war sehr interessant, er ist Bowie hatte 35 verschiedene Leben da ein absoluter Experte. Wie ich schon erwähnt habe, ist Ihre Show ein Riesenerfolg. Was erwarten Sie jetzt, wenn Sie damit auf Tour gehen? Ich meine, es sind ja tolle Häuser, Sie sind auch in Düsseldorf hier in der Tonhalle, ein sehr schöner Veranstaltungsort. Was bedeutet Ihnen das?

Alexander Scheer: Die Düsseldorfer Tonhalle ist ja architektonisch schon ein Highlight, ich bin auch sehr gespannt auf die Akustik. Wir freuen uns wahnsinnig auf die Tournee. In Berlin spielen wir „Heroes“ im Berliner Ensemble, das ist auch ein geschichtsträchtiger Ort. Natürlich wegen Brecht, aber auch weil Bowie dieses Theater selbst mehrmals besuchte. Er liebte die Dreigroschenoper. Wir hätten uns nie träumen lassen, dass wir dort in einer Saison über 25 ausverkaufte Vorstellungen spielen würden. Die Leute kommen teilweise mehrmals, weil es ihnen so gut gefallen hat. Es reisen extra Leute an. Neulich war ein Paar aus Stuttgart da. 

Es gibt ja sogar eine Warteliste wegen der Tickets. Die Show läuft in Berlin weiter, bevor Sie auf Tour gehen?

Alexander Scheer: Genau, am BE läuft sie weiter, auch wenn wir zurück sind. Es kommen Leute aus Düsseldorf, aus Hamburg oder aus Dresden angereist, und wenn ich zu Dreharbeiten im Land unterwegs bin, werde ich gefragt, ob wir nicht auch mal zu ihnen kommen. Da haben wir gedacht, jetzt wagen wir das einfach und bringen wir den Spirit von Bowie, Brecht und Berlin in diese schönen Häuser in der Republik. Die Tonhalle, die Alte Oper in Frankfurt, das Gewandhaus Leipzig. An Orte, die durchaus für Weltliteratur und große Musik der Popgeschichte prädestiniert sind. Wir sind sehr gespannt. 

Wenn man sich die Fotos von Ihnen anschaut, ist eine gewisse Ähnlichkeit zu Bowie nicht zu verleugnen. Sie selbst sind Jahrgang 1976, gebürtiger Ost-Berliner. Wie sind Sie mit Bowie in Berührung gekommen?

Alexander Scheer: Ich bin Juni 76 geboren, Bowie kam im August 76 nach Schöneberg, also war ich Erster (lacht). Obwohl in derselben Stadt wohnhaft, gab es in der DDR nicht eine einzige Platte von ihm. Ich kannte seine Lieder nur aus dem Radio. Er sagte mal: „Veränderung ist die einzige Konstante im Leben.“ Als gebürtiger Zwilling kann ich das bestätigen. Als Ostler sowieso. Ich habe eine Affinität zu Leuten, die neugierig genug sind, ihren Horizont zu erweitern, ihre Sicht oder gar sich selbst zu ändern. Die sicheren Wege verlassen und eine neue Richtung einschlagen. Und ins Risiko gehen, ohne zu wissen, ob es klappt. Bowie hat das mehrmals getan. In nicht einmal fünf Jahren machte er eine Platte mit queerem Rock’n’Roll und sagt: Ich bin Außerirdischer und meine Band ist vom Mars. Dann geht er nach Amerika, nimmt ziemlich schwarzen Soul auf und veröffentlicht „Young Americans“. Dann kommt er nach Berlin und macht deutsche Synthesizer Avantgarde. Und die Plattenfirma sagt: Entschuldige mal, David, jetzt hast du die Leute gerade im Plattenladen und machst wieder alles anders. Wie sollen wir denn das Zeug verkaufen?

Die ganze zweite Seite der „Low“, dem ersten Album seiner „Berlin-Trilogie“ besteht dann nur aus Instrumentals, größtenteils Elektro-Titel.

Alexander Scheer: Das Label sagte: Wie sollen denn die Leute wissen, dass du das bist? Die hatten gehofft, er macht jetzt noch einmal so eine schöne Soulmusik, das hat doch so gut geklappt. Und Bowie sagt: Ja, ich weiß, aber das kennen wir schon. Ob das gut ankommt, ist nicht die Hauptsache. Erstmal ist wichtig, dass es mir gefällt. Das finde ich so toll an Bowie und das nötigt mir so viel Respekt ab. Darin entdecke ich mich wieder: Ich weiß, was ich kann, mich interessiert aber, was ich nicht kann. 

Ihre Show lebt einerseits von der Musik, aber es geht ja auch um Literatur. Es ist bekannt, dass Bowie unheimlich viel gelesen hat. Man fragt sich manchmal, wo er noch die Zeit hatte, dann auch noch zu lesen? 

Alexander Scheer: Ja, das fragt man sich. Ich habe gestern mal eine KI gebeten, alle Konzerte inklusive Proben- und Reisetage zusammenzuzählen. Nach einer Sekunde kam: David Bowie war in seinem Leben insgesamt rund sieben Jahre auf Tour. Da hat man unterwegs schon ein bisschen Zeit. Er muss abertausende Bücher gelesen haben. Er pflegte mit einer mobilen Bibliothek zu reisen, in der bis zu 1500 Bücher Platz fanden. 2013 veröffentlichte er dann eine Liste seiner 100 Lieblingsbücher. Die 100 Bücher, die sein Leben und seine Musik am meisten beeinflusst haben. Und an dieser Liste hangelt sich unser Abend „Heroes“ entlang. Es sind also auch die Helden der Literatur gemeint. Es finden sich Klassiker der Weltliteratur auf dieser Liste, obskure Comics, aber auch Sachbücher, wie beispielsweise „Die Geschichte der Sowjetunion“. Das hat fast 1000 Seiten, und ist ziemlich schwer, ich hatte es neulich mal in der Hand. In den letzten Wochen habe ich in Antiquariaten gestöbert und jetzt haben wir fast alle 100 zusammen. Ich lese privat kaum, beruflich hingegen sehr viel, aber ich muss gestehen, Bowie hat mich wieder zum Schmökern gebracht. Ich nehme mir jetzt nach jeder Show ein Buch aus der Bibliothek mit. Auch junge Leute, die unsere Show gesehen haben, sind begeistert von der Idee, mal wieder ein Buch zur Hand zu nehmen…

„Heroes“ wird als Konzert und Lesung bezeichnet. Umreißen Sie bitte einmal, worum es da genau geht.

Alexander Scheer: Wir feiern den popkulturellen Kosmos von David Bowie. Da ist natürlich seine Musik, da sind seine Songs. Wir haben die Reisebibliothek und die 100 Bücher dabei. Und ich lese ausgewählte Texte daraus. Manchmal vor oder nach den Songs, manchmal mittendrin. Das sind Texte, die vielleicht einen direkten Einfluss auf den jeweiligen Song haben. So klären wir zum Beispiel die Frage, woher die Delphine im Song “Heroes“ stammen. Manchmal sind die Texte aber auch ein Schlüssel zu einem anderen Aspekt in Bowies Schaffen. In diesem Kontrast öffnen sich Türen im Kopf und wir treten ein in Bowies Labyrinth der Querverweise. Er hat ja immer gesagt, ich bin eigentlich ein Kunstdieb, ich bediene mich bei allem.

Bowie hat nach eigenen Angaben ständig irgendetwas zitiert. 

Alexander Scheer: Er sah sich als eine Art Schwamm, der alles aufsaugt. „Kunst gefällt mir am besten, wenn ich mich bei ihr bedienen kann“: Sein Prinzip war, dass er sich jeglichen Einflüssen weit öffnete. Das konnte andere Musik sein, also Popmusik, klassische Musik oder Oper, aber auch Tanz, Theater und Film. Er ließ sich von bildender Kunst inspirieren, von Malerei, Fotografie, aber eben vor allem von Literatur. Er hat wiederholt betont, dass er ohne Literatur ein anderer Mensch gewesen wäre. Wenn man sich eine Figur wie Ziggy Stardust anschaut, dann haben wir da viel Rock´n`Roll, den Verfremdungseffekt von Brecht und das Make-up und die Kostüme des japanischen Kabuki Theaters.

Wenn man sich heute seine Kostüme anschaut, da war er seiner Zeit ganz weit voraus. 

Alexander Scheer: Da ist eine Prise Clockwork Orange dabei, Alex und sein Droogs sind die Spiders vom Mars. Das ist Bowie der Schmelztiegel, der sich aus allen Epochen der Kunstgeschichte bediente und sich auslieh, was ihm gefiel. Das Ganze Bowie Universum ist ein Kaleidoskop. Er sagte von sich: Ich bin Künstler und dummerweise in der Popmusik gelandet (lacht). 

Bowie war selbst Schauspieler. Sie kommen vom Theater, wie ist das für Sie, seine Bühnenpräsenz darzustellen, dann aber auch die Seite des Sängers? Sie tragen die Show auf Ihren Schultern. 

Alexander Scheer: Sich auf jemanden wie David Bowie zu stürzen, der nicht nur eine Biografie hat, sondern quasi 35 verschiedene Leben gelebt zu haben scheint, ist ein tollkühnes Unterfangen. Für ihn waren diese Rollenspiele auch ein Prozess der Selbstfindung. Mir geht es in meinem Beruf ähnlich. Ich lebe das Leben anderer Menschen vor der Kamera und kann dabei durch Epochen und die Welt reisen. Wenn ich für eine biografische Figur in der Recherche abtauche, lese ich auch kiloweise Bücher. Nun war Bowie auch ein hervorragender Schauspieler. Er hat beispielsweise in Julian Schnabels Film „Basquiat“ Andy Warhol gespielt. Ich habe Warhol in Oskar Roehlers Film über Fassbinder auch gespielt. Natürlich habe ich mir alles Material von Warhol angesehen, die meisten Manierismen aber direkt von Bowies Darstellung übernommen. Wie die Coverversion eines Songs hatte Bowie die Essenz von Warhol auf den Punkt gebracht. Die entscheidende Frage ist doch: Wie nähert man sich einer solchen Riesenlegende auf der Bühne? Ich habe das Gefühl, dass ich das bei „Gundermann“ gelernt habe. 

Übrigens ein toller Film. 

Alexander Scheer: Dankeschön. Das waren meine ersten Gehversuche als Sänger. Ohne diesen Film, gäbe es unsere Bowie Show wahrscheinlich nicht. Gundermann als ostdeutscher Tagebau-Liedermacher ist natürlich das genaue Gegenteil vom internationalen Weltstar David Bowie. Aber beide verbindet etwas Entscheidendes: Wenn sie singen, kommt das von Herzen. Sonst würden uns die Lieder auch nicht berühren. Und das habe ich von Gundermann gelernt. Man kann nur wirklich singen, wenn man sich öffnet und komplett ehrlich ist. Deshalb versuche ich auf der Bühne, ich selbst zu sein – authentisch und ehrlich. Ich gehe nicht als David Bowie auf die Bühne, ich bin Alexander Scheer. Ich singe diese Lieder, ich erzähle was sie mir bedeuten. Dazwischen gibt es Texte und Anekdoten oder was gerade im Moment los ist. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als auf der Bühne zu stehen und nur eine Routine abzuspulen, ohne den Augenblick wirklich wahrzunehmen – ohne zu wissen, in welcher Stadt man gerade ist. Es gibt einen wunderbaren Text von Christa Wolf – sie steht übrigens auch auf Bowies Liste der 100 Bücher. Überhaupt finden sich dort einige Berlin-Bücher, zum Beispiel Christopher Isherwood mit „Leb wohl, Berlin“.

Oder „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin. Das Buch habe ich bestimmt fünfmal angefangen und nie geschafft, es zu Ende zu lesen.

Alexander Scheer: Der ist komplex, man kann ihn aber auch immer mal wieder anfangen. Zurück zu Christa Wolf. „Nachdenken über Christa T.“, ein ganz toller Roman. Und in dem fragt sie: ‚Lebst du eigentlich heute, jetzt in diesem Augenblick ganz und gar? Wann, wenn, jetzt?‘ Und das ist nicht nur für unseren Abend für mich ein Kern-Text, sondern überhaupt für meine Berufsauffassung. Wir kreieren als Schauspieler ja nichts. Ich bin ja nicht wie Bowie, der seine Songs selbst schreibt. Ich schreibe keine Dialoge, ich schreibe keine Texte, ich lerne auswendig, was andere Leute geschrieben haben, und tue dann so, als würde mir das einfallen (lacht).

Als würden Sie das leben.

Alexander Scheer: Richtig. Das ist das, was wir machen. Das Einzige, was wir kreieren, ist der Moment. Und der muss stimmen, der muss im Jetzt sein, wo du hinguckst und sagst: Ja, das glaube ich. Das ist jetzt, das findet gerade wirklich statt, das passiert jetzt, das ist wahr, das stimmt. Wenn wir das als Schauspieler hinbekommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und dem Publikum. Jetzt zu sein und mit den Leuten zusammen im Raum den Moment zu feiern und zu zelebrieren, dass wir alle gerade durch Zufall zusammen hier an diesem Ort sind- das bedeutet live spielen für mich.

Damit heben Sie sich davon ab, eine reine Projektionsfläche zu sein. Andererseits kann ich mir auch vorstellen, dass es Mut erfordert. Da muss man als Schauspieler sehr gewachsen sein, wenn ich das so nennen darf. Man darf keine Angst vor der Improvisation haben. Es gibt doch bestimmt auch Kollegen, die haben Panik davor.  

Alexander Scheer: Das kenne ich auch, aber gerade dann kann man es versuchen. Ich bin nicht angetreten, um immer mit Netz und doppeltem Boden zu spielen. Ich brauche Freiheit auf der Bühne. Aus Freiheit entsteht Schönheit. Dafür muss man was riskieren. Wer über seinen Schatten springt, kann fliegen. Ich bin ja kein Automat. Ich möchte mein Publikum überraschen und manchmal auch mich selbst. Wir spielen jeden Abend dieselben Lieder, da können die Ansagen gerne immer ein bisschen anders sein.

Das klappt bestimmt auch mal besser, mal schlechter.

Alexander Scheer: Das macht aber nichts, denn ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass es den Leuten wahnsinnig Spaß macht, wenn wir da zusammen zwei Stunden durch dick und dünn gehen. Und das ist eigentlich das, was ich will. Da habe ich mein Format gefunden. Musik, gute Texte und charmanter Unsinn (lacht). 

Das gibt dem Publikum auch mehr. Ich ertappe mich häufig auch, dass, wenn ich mir etwas live anschaue, immer schaue, wie kommt der Künstler rüber? Wie nimmt er die Zuschauer mit? Für mich sind die Abende immer sehr gelungen, wenn es eine Interaktion gibt. Wenn da keine Grenze gezogen ist.

Alexander Scheer: Ja, das ist die vierte Wand. Eine Bühne besteht immer aus drei Wänden, eine hinten, zwei an den Seiten, und vorne ist dann aber auch noch eine. Die ist unsichtbar, wie eine Grenze - ihr seht uns beim Spielen zu. Ich finde diese Aufteilung fatal, wir sind schließlich alle zusammen in einem Raum. Diese Wand möchte ich durchbrechen, dann kann der Funke auch überspringen. Manchmal gehe ich einfach an die Bibliothek, nehme mir ein Buch heraus, über was wir vorher nicht gesprochen haben, und lese daraus vor. Manchmal sage ich auch: Kommt, lasst uns heute mal einen Song spielen, den wir sonst nie spielen, oder die Reihenfolge ändern. Insofern bin ich froh, dass wir jetzt auf Tour gehen und an neue Orte kommen. Wir sind neulich in der Elbphilharmonie aufgetreten, es war der Tour-Auftakt in Hamburg. Da saßen 2500 Leute, es war gigantisch. Die Techniker dort waren skeptisch, etwas nordisch reserviert. Schließlich ist das ja ein klassisches Haus. Am Ende riss es den ganzen Saal von den Sitzen und alle tanzten zu „Let’s Dance“. Da nickte uns dann auch die Technik der Elbphilharmonie zu: „Ja, das war gar nicht so schlecht.“ (lacht).

Welcher Bowie ist denn Ihr liebster?

Alexander Scheer: Ach das ändert sich ständig, ich mag sehr gerne den Thin White Duke, weil er so cool aussieht, aber interessant wird es bei seinen letzten Tourneen. Da hat er die ganze Show weggelassen, die Kostüme, die Choreographie und singt einfach nur seine Songs. Da ist er nach dieser lange Reise mit all den Rollenspielen ganz bei sich angekommen. Sehr berührend.

Auch die Inszenierung seines letzten Albums „Black Star“ war phänomenal. 

Alexander Scheer: Damit schrieb er sich sein eigenes Requiem. Das gab´s seit Mozart nicht mehr. Herzzerreißend. Da hat er uns alle noch einmal verzaubert mit seiner letzten Illusion. Er transzendiert alle wahrnehmbaren Grenzen zwischen Leben und Kunst. Der Kreis schließt sich und er fliegt als Major Tom zurück in den Weltraum, wo er herkam. Sein Tod machte ihn unsterblich.

Im Wissen, bald zu sterben, diese Videos zu drehen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. 

Alexander Scheer: Weiter kann man das Universum des Pop nicht ausdehnen. Das war sein Abschiedsgeschenk an uns.

Sprechen wir doch einmal über Ihre Band. Sie selbst sind ja auch Musiker und Sie haben eben gesagt, dass Sie die Setliste auch schon einmal spontan umändern. Da müssen Sie sich wirklich blind aufeinander verlassen können. 

Alexander Scheer: Die Band ist wirklich erstklassig. Wir haben die fantastische junge Gitarristin Fee Aviv Dubois dabei, die frischen Wind reinbringt. Ansonsten sind nämlich wir eher die älteren Herren in der Band (lacht). Das sind alles Freunde von mir aus der Musikschule, dementsprechend lange kennen wir uns. Wir hören sozusagen blind aufeinander. Wenn der eine das spielt, weiß der andere schon, was als nächstes kommt. Wir machen seit über 30 Jahren Musik zusammen, in unterschiedlichen Zusammenhängen, bei verschiedenen Projekten. Im regulären subventionierten Theaterbetrieb ist es nicht selbstverständlich, dass man seine eigenen Leute mitbringt. Das war mir aber ganz wichtig. Das Vertrauen muss da sein.

Sie müssen sich absolut sicher sein, dass alles funktioniert, oder?

Alexander Scheer: Dann kann man sich fallenlassen. Das macht richtig Spaß. Wir geben zwei Stunden Vollgas. Aber nach so einer Show bin ich dann auch total im Eimer. Wenn wir zwei Vorstellungen hintereinander spielen, brauche ich wirklich erstmal einen Tag Bettruhe. Singen, lesen, tanzen, mit dieser Band, die richtig Feuer geben. Da verliere ich schon ein halbes Kilo pro Abend. Aber ich bekomme von meinem Publikum auch soviel zurück.  Die Energie im Saal ist jedes Mal elektrisierend. Eigentlich erzeugen wir da zusammen Strom...