Fußballgeschichte

Ronald Reng: "Die Nation hat sich entkrampft"

27.04.2026, 02.00 Uhr
Ronald Reng („Robert Enke“, „Miro“, „Spieltage“) blickt in seinem neuen Buch „Der deutsche Sommer“ (Piper Verlag) auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zurück. Im Interview erklärt er, warum dieses Turnier auch 20 Jahre danach immer noch als „Sommermärchen“ gilt.

prisma: Als ich vor zwei, drei Monaten die Ankündigung des Piper Verlags zu Ihrem Buch bekam, war ich ehrlicherweise überrascht. Ich dachte eigentlich, ein Buch zum Sommermärchen 2006 gäbe es längst. Sind Sie mit Ihrem Buch wirklich der Erste, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat?

Ronald Reng: Soweit ich weiß, ja. Während des Sommers 2006 wurde die märchenhafte Stimmung in Deutschland in der Tagesberichterstattung bereits rauf und runter analysiert, vielleicht unterlagen deshalb andere Autoren genau wie Sie dem Trugschluss, es gebe schon ein Buch zu dem Thema, und ließen deshalb die Finger davon. Aber historische Ereignisse lassen sich aus der zeitlichen Entfernung deutlich anders – ich würde sogar sagen: deutlich besser – einordnen als aus dem Moment heraus. Das wollte ich versuchen.

Eigentlich unglaublich, dass das schon 20 Jahre her ist. Ich gehe jetzt auf die 50 zu und war damals als Fan bei vielen Spielen der deutschen Mannschaft dabei – dank des „Follow-Your-Team-Tickets“ habe ich die meisten Deutschland-Spiele live gesehen. Es war eine absolut tolle Stimmung. Allerdings fing es, wie Sie in Ihrem Buch auch beschreiben, nicht so glanzvoll an. Anfang März gab es diese deutliche 1:4-Niederlage in Italien, und da schlug Jürgen Klinsmann schon heftigen Gegenwind entgegen.

Ronald Reng: Das stimmt. Bei den meisten von uns ist heute nur das Gefühl geblieben: Jener Sommer war so unglaublich sonnig und unbeschwert. Vielen erscheint der Sommer 2006 heute sogar als Ausdruck einer grundsätzlich optimistischeren, glücklicheren Zeit als heute. Das wollte ich in dem Buch untersuchen: Stimmt das denn? Oder verdrängen wir da in unserer Nostalgie nur sehr viel? Und siehe da, es war eigentlich eine Zeit mit gravierenden Problemen: Deutschland galt als der kranke Mann Europas, die Arbeitslosigkeit war 2005 mit 13 Prozent auf einem historischen Hoch und die wirtschaftliche Prognose lautete: Das wird auch nicht mehr besser. Denn die Industrie würde wegen der EU-Erweiterung 2003 massiv nach Osteuropa abwandern, hieß es. Heute wissen wir, dass die Bundesrepublik just im Sommer 2006 einen wirtschaftlichen Aufschwung nahm, der in großen Linien weit über ein Jahrzehnt bis zur Corona-Pandemie andauerte. Aber damals, da haben Sie Recht, trauten viele Deutschen vor WM-Beginn noch nicht einmal mehr ihrer Fußballelf. Ich habe noch heute im Ohr, wie der ARD-Kommentator Reinhold Beckmann nach dem von Ihnen angesprochenen 1:4 gegen Italien zwei Monate vor der WM hilflos ausrief: „Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, noch einmal das ganze Konzept zu hinterfragen?“ Die Neuerungen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann stießen auf Widerstand: die Detailarbeit mit amerikanischen Fitnesstrainern etwa. Die Deutschen fragten: Was sollen uns denn Amerikaner über Fußball erzählen? Und dann, das weiß heute auch keiner mehr, schneite es Ende Mai auch noch, zehn Tage vor WM-Beginn. Das konnte also alles nur schief gehen, dachten nicht wenige.

Dieses Phänomen kennen wir beim Fußball nur zu gut: Läuft etwas schlecht, ist sofort alles komplett schlecht. Läuft es wieder besser, wird in der Euphorie vieles ganz anders bewertet. Aber für die WM 2006 greift das etwas zu kurz. Denn der Optimismus dieses Sommers speiste sich zwar auch aus den guten Leistungen der Mannschaft, die Grundstimmung im Land war jedoch auch unabhängig davon sehr positiv. Woran lag das? Spielte da auch Zufall eine Rolle – schönes Wetter, viele gute Spiele? Wobei längst nicht alle Spiele wirklich gut waren.

Ronald Reng: Der Fußball an sich war ehrlich gesagt ziemlich dröge. Das ist ja eines der Paradoxa dieses Sommers. Außer den Spielen Deutschlands und vielleicht Spaniens regierte oft der Defensivfußball, José Mourinhos Super-Ultra-Defensivtaktik war damals gerade schwer in Mode. Aber der Fußball an sich war bei jener WM irgendwann gar nicht mehr so wichtig. Denn die Party fand, zum ersten Mal in der Geschichte einer WM, mehr in den Städten als in den Stadien statt. Der entscheidende Faktor war dabei die Erfindung der Fanmeilen. Von dort aus breitete sich die Fröhlichkeit über das ganze Land aus. Es machte sich bezahlt, dass die Politik schon unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und dann unter Angela Merkel diese WM nicht nur als Sportereignis, sondern als gesellschaftliches Fest geplant hatte. Mit Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ und „Die Welt zu Gast bei Freunden“, mit Englischkursen für Polizisten und dem WM-Bahnticket für ausländische Gäste. Mehr als alle Länder zuvor, wollte Deutschland bei dieser WM nicht nur ein Fußballturnier ausrichten, sondern ein guter Gastgeber sein. Genau das machte den großen Unterschied.

Im Nachhinein war die WM 2006 auch nachhaltig – im Vergleich zu den Turnieren in Südafrika und Brasilien. Die Stadien und die Infrastruktur nutzt die Bundesliga bis heute. War es also richtig, dass die Politik so viel investiert hat?

Ronald Reng: Die Wünsche der Politik sind übererfüllt worden. Vor allem ging es ihr darum, das Bild von Deutschland in der Welt zu verändern. Statt dem Klischee des missmutigen Deutschen sollte die Welt ein weltoffenes, optimistisches und gut organisierendes Land erkennen. Das ging auch deshalb auf, weil diese WM Substanz hatte: Die Organisation funktionierte exzellent. Wobei es damals alle normal fanden, dass die Deutsche Bahn eine Pünktlichkeitsrate von 88 Prozent hatte. Wie sollte es anders sein, in Deutschland?

Eine Leichtigkeit kehrte ein.

Ronald Reng: Absolut. Auch ins Innere strahlte die WM aus: Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem eigenen Land entkrampfte sich. Früher war man in der Bundesrepublik sehr vorsichtig mit Patriotismus, aus Angst, er könnte als Nationalismus missverstanden werden. Bei der WM 2006 zeigte Deutschland einen fröhlichen, weltoffenen Patriotismus, der die ganze Welt mitnahm. „Partyotismus“, nannte es die Publizistin Thea Dorn. Und diese Stimmung blieb nicht nur die Illusion eines Sommers. Das Bild eines herausragenden Landes blieb weit über die WM hinaus: Deutschland stand zwei Jahre lang auf Platz eins des Nation Brand Index, es galt also quasi als coolstes Land der Welt. Auch für den Fußball selbst war das Turnier nachhaltig. Durch die neuen Stadien und vor allem durch die Arbeitsmethoden von Jürgen Klinsmann erlebte der deutsche Fußball danach sein goldenes Jahrzehnt.

War es für Sie eine Überraschung, dass Klinsmann direkt nach der WM aufhörte?

Ronald Reng: Nicht wirklich. Ich kannte Jürgen schon lange aus meiner Zeit als Korrespondent in England, wo ich Ende der Neunziger Jahre quasi ein Klinsmann-Korrespondent war, als er bei Tottenham spielte. Ich wusste, dass er ein impulsiver Mensch ist, der Dinge auch mal schnell beendet und oft neue Anreize sucht. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger Joachim Löw war der „Job fürs Leben“ nie sein Ding.

Mit manchen Entscheidungen konnte er sich allerdings nicht durchsetzen. Er wollte etwa den Hockey-Experten Bernhard Peters als Sportlichen Leiter des DFB installieren, stieß damit aber bei der DFB-Spitze auf Widerstand. Stattdessen wurde ihm Matthias Sammer vor die Nase gesetzt.

Ronald Reng: Matthias Sammer hatte vor und während der WM praktisch keinen Einfluss auf die Nationalmannschaft. Jürgen Klinsmann hat ihm sogar den Kontakt zur Mannschaft verboten, wie er mir 20 Jahre später bei den Gesprächen für dieses Buch erzählte. Sammer arbeitete im Hintergrund an Strukturen und der Neuorganisation des Nachwuchsfußballs.

Woher kam eigentlich die Idee zu diesem Buch?

Ronald Reng: Indirekt aus Gesprächen im Privaten wie im Beruf während der letzten Jahre. Bei all den Verwerfungen – Russlands Krieg gegen die Ukraine, Corona, wirtschaftliche Sorgen, Trump – fiel immer wieder der Satz: „Mensch, überleg mal, wo wir vor 20 Jahren waren.“ Und dann kamen meine Gesprächspartner oft auf den Sommer 2006 zu sprechen. Da wurde mir zum einen klar, wie sehr jener Sommer die Menschen noch immer bewegt. Und zum anderen fragte ich mich: War die Zeit damals wirklich so viel unbeschwerter und optimistischer als heute? „Ja, Mensch, dann recherchier doch mal“, dachte ich mir.

Glauben Sie, dass der Optimismus der WM einen realen Einfluss auf den späteren wirtschaftlichen Aufschwung hatte?

Ronald Reng: Ökonomen sagen: „Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie!“ Von daher: Ja, ich glaube, dass der Optimismus jener Tage die Wirtschaft auch ein klein wenig trug. Mein Schwager, der Unternehmer ist, hat mir Briefe gezeigt, wie optimistisch er nach der WM internationale Investoren ansprach. Da warb er voller Überzeugung mit den fleißigen und innovativen Deutschen. Tatsächlich ging es just in diesem Sommer wirtschaftlich bergauf und die Arbeitslosigkeit begann kontinuierlich zu sinken. Man kann also durchaus die These aufstellen: „Es war der WM-Optimismus, liebe Leute!“ Nur beweisen kann man es nicht.

Wenn Sie die EM 2024 mit 2006 vergleichen – warum gab es diesmal nicht denselben Effekt?

Ronald Reng: Die EM 2024 war ein schönes Turnier, aber sie erreichte bei Weitem nicht die überwältigende Stimmung von 2006. Aber die Bundesregierung hat 2024 auch viel weniger unternommen, um es zu einem gesellschaftlichen Ereignis zu machen. 2006 flossen allein 30 Millionen Euro in Kulturveranstaltungen. 2024 waren es nur 13 Millionen Euro. Hinzu kam, dass es 2024 regnete, und dass die Nationalelf von Julian Nagelsmann – obwohl sie sehr gut spielte – keine überwältigenden Momente schuf wie jene Elf von 2006 mit dem Siegtor gegen Polen in letzter Sekunde oder dem Triumph im Elfmeterschießen gegen Argentinien. Und zu guter Letzt: 2006 war so vieles neu – das Public Viewing, die Deutschlandfahnen in Massen. „So schön wie beim ersten Mal ist es nie wieder“, gilt offenbar nicht nur für die Liebe, sondern auch für Fußballturniere.

Besonders schön an Ihrem Buch sind die vielen kleinen Geschichten und Anekdoten – vom Hubschrauberpiloten Franz Beckenbauers über die Blitzkarriere von David Odonkor bis hin zum Zeugwart von Hannover 96, der zwischen den Spielerfrauen saß. Wie kommen Sie an solche Geschichten?

Ronald Reng: Das ist meine Arbeit: tief und lange recherchieren. Oft sind es kleine Fitzel aus alten Zeitungsnotizen, denen ich nachgehe, oder ein Nebensatz im Interview, der mich auf eine Fährte bringt. Und manchmal muss ich die Interviewpartner einfach nur reden lassen. Ich habe Klinsmann gar nicht danach fragen müssen, wie er auf die verrückte Idee kam, Odonkor zu nominieren. Es sprudelte einfach aus ihm heraus, weil die Freude von 2006 wieder in ihm hochkam.

Diese 15 Minuten Ruhm von Odonkor – danach war er relativ schnell wieder verschwunden.

Ronald Reng: Ja, das waren wirklich Andy Warhols berühmte „fifteen minutes of fame“. Dieser eine Moment mit der Flanke in der letzten Minute gegen Polen war größer als seine ganze Karriere. Für viele ist diese Szene bis heute nur „das Tor mit Odonkor“. Sie wissen gar nicht mehr, wer es war, der Odonkors Flanke zum Tor nutzte, nämlich Oliver Neuville.

Eine andere schöne Geschichte dreht sich um Jürgen Klopp, der damals als Experte in der ZDF-Arena saß. War das der Startschuss für seine spätere Karriere?

Ronald Reng: (lacht) Das würde er wahrscheinlich bestreiten. Aber seine Auftritte haben ihn damals enorm bekannt gemacht. Vorher kannten ihn viele vor allem als den Trainer mit den verhinderten Bundesliga-Aufstiegen bei Mainz 05. Die ZDF-Expertenrunde verkörperte genau das Leichte und Unbeschwerte jenes Sommers – und Klopp war der Motor. Er hat damals verändert, wie in Deutschland über Fußball gesprochen wird: fachlich, aber trotzdem verständlich.

Glauben Sie, Sie haben mit dem Buch 20 Jahre später einen Nerv getroffen?

Ronald Reng: Das hoffe ich sehr. Ich merke jedenfalls, dass sich sehr viele Menschen noch immer gern an diesen Sommer erinnern und mir nach der Lektüre sofort ihre eigenen Geschichten erzählen oder schreiben wollen. Außerdem ist es ein Buch, das in der heutigen skeptischen Zeit vielleicht ein bisschen Hoffnung macht. Damals sah es mit der hohen Arbeitslosigkeit auch nicht rosig aus – und trotzdem folgten wahrscheinlich die zehn besten Jahre der Bundesrepublik. Das zeigt uns: Dies heute ist nicht die erste düstere Zeit. Und jede düstere Zeit lässt sich überwinden.

Ihr Buch ist optimistisch, zeigt aber auch, dass die Freude und Gastfreundschaft ihre Grenzen hatten – etwa beim italienischen Bus im Dortmunder Verkehr oder beim etwas hitzigeren Spiel gegen Argentinien.

Ronald Reng: Fußball bringt alle Emotionen hervor, auch die niederen. Aber wenn wir den Sommer 2006 als Gesamtes betrachten, waren chauvinistische Ausfälle wie rund um das Halbfinale gegen Italien eine Ausnahme. Die Deutschen in ihrer Gesamtheit nahmen das verpasste Endspiel traurig, aber dann auch gelassen hin. Denn sie fühlten: Die Schönheit dieses Sommers war viel größer als der reine sportliche Erfolg der Mannschaft.

Letzte Frage: Wie bewerten Sie den späteren Umgang mit Franz Beckenbauer, als die Themen um die WM-Vergabe aufkamen?

Ronald Reng: Eigentlich ziemlich fair. Dass über seine undurchsichtige Überweisung von 6,7 Millionen Euro berichtet und ermittelt wurde, gehört sich in einem Rechtsstaat einfach. Aber die meisten können doch differenzieren: Da ist dieses eine dicke Fragenzeichen – und trotzdem bleibt die WM 2006 ein ungewöhnlich schöner Moment, den Franz Beckenbauer als Organisationschef mit ermöglicht hat.

„Der deutsche Sommer“ von Ronald Reng,
Piper Verlag, 416 Seiten, 25 Euro,
ISBN: 978-3-492-07407-0