Synth-Revolution

Midge Ure: "Es ist entweder mutig oder komplett verrückt"

12.05.2026, 10.29 Uhr
Midge Ure, ehemaliger Frontmann von Ultravox, kehrt mit einem neuen Doppel-Album zurück. Im Interview spricht er über seine musikalische Entwicklung, den Einfluss von Kraftwerk und seine Entscheidung für ein Doppel-Album.

Midge Ure bringt mit „A Man of Two Worlds“ sein erstes Studio-Album seit 12 Jahren heraus. Der ehemalige Ultravox-Sänger und Band-Aid-Gründer blickt im Interview auf seine Karriere zurück und berichtet, weshalb er sich für ein Doppel-Album entschieden hat. 

Grüße aus Düsseldorf, der Heimatstadt von Kraftwerk. Kraftwerk war ein großer Einfluss für Ultravox. Du persönlich warst ja, bevor du zu Ultravox gekommen bist, eher Rockmusiker.

Midge Ure: Du musst dir das so vorstellen: Bevor ich zu Ultravox gekommen bin, hat das Radio kaum Musik gespielt, die nicht aus Amerika oder aus UK kam. Ich erinnere mich, wie ich „Autobahn“ zum ersten Mal gehört habe, als es rauskam – weil es in Großbritannien in den Charts war. Und das war ehrlich gesagt eine Offenbarung. Es war etwas völlig anderes, ein Stück Musik zu hören, das mit Synthesizern gemacht war. Ich wusste also davon, ich war Teil dieser Bewegung. Ich habe mir sogar schon vor Ultravox einen Synthesizer gekauft, weil ich den Sound in eine Rockband integrieren wollte.

Andy McCluskey von OMD und Jim Kerr von den Simple Minds haben erzählen ebenfalls  von ihrer Liebe zu Krautrock und Kraftwerk. Da fragt man sich: Britische Musik in den Sechzigern und Siebzigern war unserer Meinung nach so perfekt. Warum haben junge Leute in Großbritannien Kraftwerk so geliebt – gibt’s dafür eine Erklärung? 

Midge Ure: Ja, es war neu für uns. Es war anders. Und es war Musik, bei der es nicht nur darum ging, „populär“ zu sein – eher etwas Underground. Als wir dann Neu!, Can, La Düsseldorf und all die Sachen aus Deutschland hören konnten, war das total anders als das, was wir kannten. Es war experimentell. Klar, wir haben im UK in den Sechzigern und Siebzigern auch großartige Popsongs geschrieben – total inspiriert. Aber das, was aus Deutschland kam, war nicht dieses bluesbasierte Amerika. Es basierte auch nicht auf Jazz wie vieles andere. Soul kam letztlich auch aus dem Blues. Deutschland schien ein eigenes Gefühl zu entwickeln – ein bisschen „robotisch“, aber trotzdem mit Groove und Flow. 

Man hört bei Kraftwerk und auch bei Neu! diesen berühmten Stakkato-Beat, diesen Motor-Beat. 

Midge Ure: Kraftwerk haben zwar elektronische Musik gemacht, aber sie haben es selbst gespielt – nicht sequenziert, sondern manuell, physisch. Dadurch hatte es diesen Flow, radikal anders als das, was wir im UK damals machten. Das hat uns fasziniert, weil ihr etwas gemacht habt, was wir nicht kannten. 

Wie war es denn für Dich, als Du zu Ultravox gekommen bist? Du warst in der Punk-Szene, in der Rock-Szene – und dann diese elektronische Musik der frühen Ultravox. Kann man das überhaupt als Rockmusik bezeichnen?

Midge Ure: Ich finde schon. Als ich 1979 zu Ultravox kam, war das exakt das, was ich eigentlich schon mit meiner damaligen Band machen wollte – den Rich Kids, das war eine Gitarren-Punkband. Ich hatte mir einen Synthesizer gekauft, um ihn in die Rich Kids einzubringen – und das hat die Band letztlich gekillt (lacht). Was dann daraus entstand, war Visage: Wir haben ein Studioprojekt zusammengestellt, um mit Musikern zu arbeiten, die wir super fanden. Und darüber bin ich dann bei Ultravox gelandet. Wenn du Ultravox live sah, dann war das extrem kraftvoll. Das war eine Rockband, die Elektronik benutzt hat – aber zusammen mit Gitarren, Bass und Drums, also klassischen Rock-Instrumenten. Ein Hybrid, aber sehr, sehr druckvoll. Es war nicht „weich“ und nur elektronisch – dieser Sound war in die Band integriert. Wenn du dir „Vienna“ anhörst, das erste Album, das ich mit der Band gemacht habe, da sind überall Gitarren zu hören, aber viele Leute „entscheiden“ sich dafür, das nicht zu hören. Die denken: „Ah, eine Synthesizerband.“ Dabei ist auf „All Stood Still“, „New Europeans“ Gitarrenzeug ohne Ende. Es war immer da – nur das Bild im Kopf der Leute war eben: Ultravox = Synthband.

Ich glaube, das hat sich mit der Zeit so ergeben, weil Bands wie Ultravox den Weg für Depeche Mode, New Order, Erasure und andere geebnet haben – die haben die Gitarren dann ja wirklich weggelassen. Ultravox war als Hybrid damals hoch experimentell.

Midge Ure: Absolut – und es gibt auch Gründe, warum das genau zu der Zeit passiert ist. Ihr wart uns da in gewisser Weise voraus. Wir wurden beeinflusst von dem, was aus Deutschland, aus Europa generell kam – auch aus Frankreich, Belgien – Telex, all diese Sachen: Leute, die Elektronik benutzen. Und zeitgleich, als dieses Interesse da war, kamen die japanischen Hersteller und haben Synthesizer gebaut, die auf einmal viel erschwinglicher waren als ein Minimoog. Der hätte damals 3.000 Pfund gekostet – unfassbar viel Geld; das konnten sich nur große Bands leisten. Plötzlich war das Equipment bezahlbar. Du konntest zu Hause aufnehmen. Du brauchtest keinen riesigen Plattenfirmenvorschuss. Und in dem Sinne war diese Synth-Revolution gar nicht so anders als Punk: Gitarre kaufen, drei Akkorde lernen, Band gründen. Auf einmal hatten Kids Synthesizer und ein Tape-Deck und machten Musik – ohne wirklich „Keyboard spielen“ zu können, sie haben es sich einfach draufgeschafft. Und das war damals wahnsinnig aufregend.

War das auch ein Grund, warum Du damals nicht zu den Sex Pistols gegangen bist, als Du das Angebot bekommen hast?

Midge Ure: Na ja – die haben mich ja nicht mal gefragt, ob ich Musiker bin. Die haben mich nur kurz angequatscht, und bis heute habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, was die überhaupt von mir wollten (lacht).

Vielleicht solltest Du sie heute mal fragen.

Midge Ure: Sänger, Gitarrist, Drummer – wer weiß. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, es nicht zu machen. Die haben die richtigen Leute gewählt, die richtige Band zusammengestellt. Ich wäre dafür der Falsche gewesen.

Und wenn man die Optionen vergleicht, war Ultravox wahrscheinlich die bessere Wahl.

Midge Ure: Vermutlich, ja (lacht).

Wenn wir schon über deutsche Musiker und den Stil sprechen: Du hast mit Conny Plank gearbeitet, einem der bekanntesten Produzenten des Krautrocks. Wie war das mit ihm – im Studio, als Mensch?

Midge Ure: Als ich zu Ultravox kam – nachdem die Band so ein bisschen auseinandergefallen war und wir über Produzenten sprachen – hatten die anderen bereits mit Conny gearbeitet. Sie hatten das Album vor meinem Einstieg mit ihm gemacht, „Systems of Romance“. Als dann über andere Produzenten geredet wurde, habe ich gesagt: Nein, nein, nein, Moment: Ich will mit Conny Plank arbeiten. Ich wollte verstehen, was er im Studio macht. Und ehrlich: Ich hab’s nie verstanden. Ich habe mit ihm gearbeitet, aber ich konnte nicht nachvollziehen, was er da genau tat. Connie war wie ein großer Bär – ein riesiger Typ. Er dachte in Sound-Kategorien. Wir haben ihm „Vienna“ vorgespielt, live, er saß im Kontrollraum. Dann kamen wir rein und fragten: Okay, was meinst du – wie gehen wir das an? Und er sprach überhaupt nicht technisch. Nicht: „Wir machen zuerst Drums“ oder „wir trennen Spuren“ – nichts davon. Er sprach nur über Bilder und Gefühle. Er sagte: „Ich sehe einen leeren Ballsaal. Da steht ein Klavier in diesem leeren Ballsaal. Und der Mann am Klavier spielt dieselbe Melodie seit 40 Jahren – und er ist sehr müde.“ Und wir so: „Okay…“
Und dann war der Klaviersound, den er hinbekommen hat, exakt das: traurig, kaputt, einsam. Er hat das Bild in seinem Kopf genommen und es auf Band gebracht – das ist irre. Er hat sich nicht in Arrangements eingemischt. Er war der Meinung, das wäre die Aufgabe der Musiker. „Wenn ihr das zehn Minuten spielen wollt, spielt ihr es zehn Minuten. Ich stoppe euch nicht.“ Als wir später mit George Martin gearbeitet haben, war das komplett anders: George hat gesagt: „Nein, das habt ihr zu oft gemacht – lasst uns ums Klavier herum am Arrangement arbeiten.“ George arbeitete auf der musikalischen Seite – Connie war Sound.

Von diesen Produzenten scheinst Du Dir einiges abgeschaut zu haben. Schaut man sich die Doku über Band Aid an, wirkt es so, als hättest Du damals den Prozess gerettet. Bist Du da in Deiner Position als Produzent so eine Mischung zwischen George Martin und Conny Plank? Weil Du die Musiker da so stark geführt und ermutigt hast.

Midge Ure: Es gibt da einen Moment – ich hatte dieses ganze Filmmaterial vorher nie komplett gesehen, bis die Doku gemacht wurde – da singt Bob den Song, und es ist einfach ein anderes Lied. Ich weiß nicht, welche Melodie er da singt, aber es ist nicht die Melodie des ursprünglichen Songs. Unterm Strich war ich damals der Einzige im Studio, der wirklich wusste, wie der Track klingen muss – weil ich vier Tage am Backing Track gearbeitet und alle Instrumente eingespielt hatte. Damals konntest du nicht einfach den Song vorab per Mail verschicken, damit alle ihn auf dem Weg ins Studio lernen. Das gab’s nicht. Also kamen die alle rein, ohne zu wissen, wie er klingt. Und das Letzte, was sie brauchten, war Bob, der ihnen irgendwas vorsingt, das alles, nur nicht der Song ist. Vielleicht wirkte ich deswegen so dominant: „Stopp – so geht’s. Hör auf zu singen. So funktioniert’s.“ Und dann ging’s darum, die Sänger zu ermutigen, ihren eigenen Stempel draufzusetzen. George Michael fragte: „Kann ich’s so singen?“ Klar – genau das bringst du mit. Genauso Boy George, genauso Bono. Bono springt da auf der Zeile eine Oktave hoch und singt „tonight thank God it’s them instead of you“ – solche Momente machen die Platte aus. Und Phil am Schlagzeug auch – das war ein Teamding. 

Jetzt gibt es Dein neues Album „A Man of Two Worlds“. Wie fühlt sich das im Kontext Deiner Karriere an?

Midge Ure: Es fühlt sich anders an. Viele sagen immer, ihr neues Album sei ihr Lieblingsalbum oder es sei anders als früher. Es gibt natürlich eine Linie durch alles, was ich gemacht habe – dadurch klingt es immer nach mir. Aber du kannst nicht sagen: „Das ist wie ‚Fragile“ oder wie ‚Pure‘. oder wie ‚Answers to Nothing‘“. Es ist weitergegangen, es hat sich verändert. Es morpht – wie wir alle. Wir werden schlaff, müde, aber auch lockerer – die Musik verändert sich mit. Was mich daran wirklich gereizt hat, war die Idee hinter dem Titel: Die zwei Welten, in denen ich lebe. Seit 40 Jahren packe ich auf fast jedes Album irgendein Instrumentalstück. Diesmal sind Songs und Instrumentals aber parallel entstanden. In meinem Kopf waren das erst zwei getrennte Alben: Ich wollte die Instrumentals separat veröffentlichen. Dann hat ein Musikerfreund das komplette Material gehört und gesagt: „Nein, das gehört zusammen. Du hast das nebeneinander gemacht, nicht erst das eine und dann das andere.“ Und er hatte recht: Beide Teile teilen sich Atmosphäre, Gefühl, Textur. 
Und die Idee, so spät in meiner Karriere – ich bin 72 – ein Doppelalbum zu veröffentlichen, ist entweder mutig oder komplett verrückt.

Beeindruckend sind das Gefühl und die Funktion von Stille in den Songs. Ist das ein Stilelement oder wie entsteht das? Diese stillen Momente wirken fast lauter als in normalem Pop/Rock.

Midge Ure: Ich glaube, da spielt auch die Aufnahmesituation rein – wie und wo es aufgenommen ist. 99 Prozent von dem, was du da hörst, mache ich allein in einem Raum. Kein Engineer, keine Musiker um mich herum – ich bin allein. Und dieses Alleinsein – nicht Einsamkeit – das ist was anderes – bestimmt die Dynamik, die Höhen und Tiefen, und auch, wie du singst, dadurch entstehen diese Momente. Ich hasse es, im Studio zu singen. Live kann ich jederzeit singen, kein Problem.

Verstehe ich. Ich kenne den Prozess.

Midge Ure: Wenn du aber etwas Neues geschrieben hast und es im Studio singen musst, weißt du erstmal nicht: Soll das leise anfangen oder laut? Eine Oktave höher? Soll ich’s rausbrüllen oder flüstern? Ich hasse es, diesen richtigen Zugang für die Vocals zu finden.  
Und bei der Musik ist es so: Ich habe alle Teile eingespielt, die sich verzahnen. Aber die Löcher, die Pausen, die Räume sind genauso wichtig wie die Noten. Alles muss atmen können. 
Neulich sagte jemand zu mir: Er würde nicht glauben, dass ich das alles gespielt habe – nicht, weil ich so ein „virtuoser“ Musiker bin, sondern weil es so klingt, als säßen zehn Leute in einem großen Raum und spielten gleichzeitig. Und ich sagte: Genau, weil ich nicht alles perfekt geradegezogen habe, sodass es komplett im Raster ist – wie bei modernen Pop- oder Elektronikproduktion, wo alles so tight wie möglich sein soll. Ich habe es absichtlich etwas lockerer gespielt, damit es menschlich wirkt, als ob Leute zusammenspielen – Mandoline, Klavier, Gitarre, Glockenspiel und so weiter. 

Der menschliche Faktor.

Midge Ure: Es beschleunigt und verlangsamt sich – es hat dieses Organische, statt perfekt synchronisiert zu sein. 

Wie entscheidest Du, bei welchen Stücken du einen Text verwendest?

Midge Ure: Einen Song zu schreiben ist etwas völlig anderes als ein Instrumental zu schreiben. Viele denken fälschlicherweise: „Instrumental macht er, weil er zu faul war, Lyrics zu schreiben oder zu singen.“ Das stimmt nicht. Ein Instrumental muss eine Geschichte erzählen – dich durch fünf, sechs Minuten tragen – mit Struktur: Intro, Strophenteile, Übergang, Refrain, große Melodie – und das alles ohne Text. Dann passiert etwas Spannendes: Jeder Mensch interpretiert das anders. Zwei Leute hören dasselbe Stück und haben komplett unterschiedliche Bilder im Kopf. Worum es geht, wo es spielt, welche Szenen es auslöst. 
Beim Song ist es anders: Du fängst mit einem Thema an – ein Wort, eine Zeile, ein Hook, oder etwas, das du gesehen, gelesen, erlebt hast – und denkst: Darüber schreibe ich. Dann baue ich die Musik drumherum. Ich schreibe nicht zuerst die Lyrics. Ich erschaffe erst das musikalische Beet, die Atmosphäre, in der etwas wachsen kann. Dann lege ich die Instrumente darüber, setze alles zusammen, und dann forme ich den Text, und die Geschichte wird klar. Irgendwann weiß ich instinktiv: Jetzt ist es fertig. Ich schreibe also nicht mit der Gitarre einen Song, den ich dann aufnehme. Für mich ist das ein großer Gesamtprozess: erst die Idee und dann baue ich im Studio alles zusammen. Das Studio ist meine Band, meine Begleitband. Ich kenne kaum jemanden, der das so macht. Es ist ein langsamer Prozess.

Interessant. Hast Du das im Lauf deiner Karriere gelernt? Du hast mal gesagt, Leute benutzen Deine Musik als ihren eigenen Soundtrack. Wir alle haben ja solche Erinnerungen, die an Musik hängen. Ist das bei Dir eine Art Konsequenz? Musik zu machen, die heute wie ein Soundtrack für das Leben funktioniert?

Midge Ure: Nicht unbedingt. Ich verfolge jedenfalls nicht diese Absicht. Ich höre viel Instrumentalmusik, war irgendwann müde vom Hit-Radio, das immer wieder dieselben Songs spielt. Ich weiß nicht, was in den Charts ist, was die Nummer eins ist – früher war das wichtig, aber seit Napster, Spotify und Streaming ist es weniger relevant. In gewisser Weise ist es wieder wie in den Sechzigern/Siebzigern: Du hattest eine Underground-Szene, und Krautrock wäre dann eben Underground gewesen, nicht Chart-Pop. Irgendwie gehören wir heute alle zum Underground: Jeder hat eigene Wege, Musik herauszubringen. Wir alle haben Soundtracks unserer Leben – Musik, Bücher, Lehrer, Erlebnisse – alles in einer individuellen Mischung. Mein Soundtrack macht mich aus. Deiner ist anders, weil Du andere Dinge gesammelt hast. Das ist das Gute am Individuellen. Ich habe nie von mir gesagt, dass ich Soundtracks für andere schreibe. Ich wollte Stücke schreiben, die emotional sind – mal traurig, mal inspirierend – und Menschen berühren, so wie nur Songs das können. Beim neuen Album wollte ich diese zwei Welten zusammenbringen. Es als Doppelalbum zu veröffentlichen, hat es für mich spannend gemacht. Vielleicht hören manche nur die Songs. Vielleicht entdecken andere erst dadurch die Instrumentals. Wer weiß – aber für mich ist es aufregender, als mich in dieser Mühle zu bewegen: noch ein Album, noch ein Album. 

Was bedeutet es Dir, zu touren und die Songs vor Publikum zu spielen? In Deutschland gibt es diese Achtziger-Konzerte, in diesem Jahr ist eines auf Schalke. Ich habe gelesen, dass Du dabei bist. Ist das für Dich etwas, was Du getrennt vom neuen Album machst?

Midge Ure: Ich habe vor einem Jahr oder so mit Andy McCluskey von OMD gesprochen – backstage bei so einem Achtziger-Event – und ihn gefragt, was sie aktuell so machen. Er sagte: „Ich habe gerade die ganze Presse fürs neue Album gemacht.“ Ich: „Ok, und?“ Er: „Furchtbar.“ Ich frage: „Warum?“ Er sagt: „Du sitzt 20 Minuten im Radio, redest über das neue Album und alles Neue – und dann sagt der DJ: ‚Okay, hören wir jetzt ‚Maid of Orleans‘. Und du denkst: ‚Was soll das?‘“ Andy meinte, dass sie nie das neue Material spielen, nie. Aber als Songwriter musst du neues Material veröffentlichen – das ist dein Job. Das Radio und auch Labels bleiben aber immer nur beim Alten, weil sie wissen: Das will die Masse hören. Die Mehrheit will die Hits. Labels haben nicht das Geld, die sperrigen, interessanten Künstler zu signen – die nächste schwierige Band, durch die die Musik verändert werden könnte. Sie signen lieber etwas, das so ähnlich ist wie etwas, das schon funktioniert. Das gab’s immer, aber jetzt stärker. Dadurch ist alles ein bisschen stagnierend. Also müssen Musiker und Hörer oft wieder etwas  in den Underground gehen und etwas versuchen, das anders ist, abenteuerlicher. Und für mich ist das spannend – viel spannender als nur ein normales Album.

Aber hat nicht auch der Künstler eine Verantwortung? Man braucht Mut, neues Material zu spielen, wenn 70 Prozent der Hörer eigentlich nur die alten Sachen wollen. Aber Künstler, die wirklich an ihr neues Zeug glauben, schaffen diese Verbindung zwischen alt und neu, und das Publikum spürt das und nimmt es an, auch das neue Material. 

Midge Ure: Ja, sie akzeptieren das neue Zeug.

Wenn ich bei Konzerten von Künstlern bin, die seit 50 Jahren dabei sind, und live nur die ersten zehn Jahre zu hören bekomme, dann ärgere ich mich, weil ich nicht dafür bezahlt habe. Dann kann ich auch zu einer Achtziger-Show oder zu einer Coverband gehen. Die Musiker sind jünger, spielen vielleicht besser und machen’s „richtig“. Die ändern das Arrangement nicht.

Midge Ure: Genau – die ändern das Arrangement nicht. Ich verstehe das total. Gleichzeitig musst du bedenken: Bei einem meiner Konzerte ist die Mehrheit da, weil sie „Dancing With Tears in My Eyes“ hören will. Und du musst einkalkulieren: Ein großer Teil ist nur da, weil der Partner sie mitgeschleppt hat. Die kennen dann eben „Dancing With Tears in My Eyes“ und „If I Was“ oder was auch immer. Tickets sind teuer, das ist ein teurer Abend. Leute erwarten hohe Standards: Explosionen, großes Licht, das kannst du nicht immer liefern. Aber viele erwarten, die alten Sachen zu hören. Mein Job heute ist viel schwieriger: Es geht nicht nur um die alten Songs, sondern auch darum, neue Nummern sinnvoll einzubauen – und darum, wie ich sie präsentiere. Du hast ein Publikum, in dem viele sagen: „Ich kann nicht drei Stunden stehen.“ Es braucht also Sitzplätze. Und andere sagen: „Ich will nicht sitzen, ich will tanzen.“ Wie deckst du das alles ab, ohne am Ende der Böse zu sein? Die Idee der Tour – zumindest der UK-Tour, das kann sich ändern, wenn ich nächstes Jahr nach Deutschland komme – war eigentlich schon da, bevor ich das neue Album gemacht hatte, auch wenn Tour und Album denselben Namen tragen. Der Punkt war: Ich will mehr Instrumentalmusik spielen, die ich über die Jahre geschrieben habe. Und ich will das auf eine Art machen, die riskant ist. Die ersten 45 Minuten als durchgehenden Flow – ohne Stopp – von Instrumental zu Albumtrack zu bekannter Single zu Visage zu Solo zu Instrumental, und das Publikum auf eine Reise mitnehmen. Manche werden das nicht mögen, weil es anders ist. Es ist nicht nur: Song – Applaus – Song – Applaus. Aber ich versuche, das Erlebnis weiterzuentwickeln. Natürlich würde ich gehängt, gevierteilt, erschossen werden, wenn ich „Vienna“ nicht spiele oder „If I Was“ oder solche Sachen. Das musst du ausbalancieren: „Hier ist was Neues – vielleicht schummelt man es rein und schaut, ob es ankommt.

Ich glaube, wer zu Deinem Konzert geht, weiß, dass die Anker-Songs kommen. Aber im Rückblick ist es spannender, wenn ein Konzert Material aus allen Phasen enthält.

Midge Ure: Genau, nur die ersten zehn Jahre zu spielen, wenn du seit 40 oder 50 Jahren existierst, ist nicht so toll. Das nennen wir den „Tumbleweed“-Moment: Du sitzt im Publikum, kennst die Songs – dann kommt was Neues, du kennst es nicht oder findest es nicht sofort gut – und du hörst, wie das Publikum innerlich aussteigt. Total seltsam. Wir konsumieren Musik nicht mehr wie früher: Neues Album kaufen, nach Hause, komplett durchhören – du warst total drin.

Genau, die Texte lesen und das Cover anschauen.

Midge Ure: Eben. Es war egal, ob ein Track erstmal schwierig war – live wolltest du ihn trotzdem hören. Heute ist das anders: Nur wenige kaufen noch CDs im Laden oder beim Konzert. Die meisten kennen nur, was im Radio läuft. Und wenn Radio nur die alten Sachen spielt, ist das alles, was sie kennen.

Oder sie hören beim Arbeiten den „Stranger Things“-Soundtrack und „wollen in die 80er“.

Midge Ure: Ja, wenn du darauf vertreten bist. 

Bei Bands wie den Simple Minds gingen vor zwei Jahren in Berlin die Leute zu den ganz großen Hits ab, bei den obskureren Titeln sitzt das Publikum einfach nur da. Da denkt man unweigerlich: Was stimmt mit denen nicht? Was soll Jim Kerr denn noch machen als alle Hits zu spielen? Das war echt nervenaufreibend.

Midge Ure: Es gibt Dinge, die du nicht kontrollieren kannst. Die Reaktion des Publikums ist schwer. Ich habe das auch erlebt: Ich war bei Peter Gabriels WOMAD-Festival. Da betrat vorab eine Dance-Band eine Outdoor-Bühne, und alle jungen Leute sind nach vorne gerannt und haben eine 15-Minuten-Version ihres Hits abgefeiert. Beim nächsten Song, den sie nicht kannten, sind alle weggegangen. Die Band spielte plötzlich vor einer Leere, also quasi vor einem Nichts. Es ist dieselbe Band, dieselbe kreative Leistung. Aber: Der neue Song ist nicht die Single. Verrückt, wirklich verrückt.

Deshalb nennt man sie „One-Hit-Wonder“… 

Midge Ure: Vielen Dank (lacht).

Eine letzte Frage, wenn wir schon über „Hits“ sprechen: Bei Band Aid – wie hast Du all diese Egos gemanagt? So viele Superstars in einem Raum. Die Geschichte mit Boy George kenne ich: zu spät, du musstest ihn im Hotel anrufen, Verzögerungen, sie wollten ihn rauslassen. Wie bist Du da ruhig geblieben?

Midge Ure: Ganz ehrlich: Es war gar kein Ego-Problem. Viele von denen hatten sich vorher nie getroffen, aber sie kannten sich – und sie waren schüchtern. Natürlich hatten sie Angst. 
Ihre Aufgabe war: Reingehen und einen Song singen, den sie nie zuvor gehört hatten. Sie waren verkatert, es war zehn Uhr morgens an einem Sonntag, sie hatten am Abend vorher gefeiert. Und dann musst du vor dieses Mikro, Kamera läuft, und alle anderen Künstler stehen am Fenster in der Regie und schauen dir zu – in einem großen, leeren Studio – und du sollst einen Part singen, den du nicht kennst. Das ist Horror. Albtraumstoff. Das ist Alice-Cooper-Zeug: Da willst du nicht sein, du willst nicht plötzlich „jodeln“ oder irgendwas Komisches machen, während alle anderen dich anschauen, weil du weißt, wie gut die anderen sind. 
Also: Egos waren kein Problem. Alle haben im Prinzip gemacht, worum man sie gebeten hat. Das eigentliche Problem war, sie am Ende aus dem Studio rauszukriegen, weil sie nicht gehen wollten (lacht). Die hatten Spaß. Ich musste sie rauswerfen, damit ich den Song mischen konnte. Das stimmt wirklich.

Sehr cool. Alles Gute für Dein wirklich gutes neues Album. 

Midge Ure: Danke, Leute. Danke, dass ihr das gemacht habt. Wirklich cool. Danke. Es freut mich sehr, dass Ihr das Album mögt.