Herr Strunk, „Der goldene Handschuh“ gilt als Ihr bekanntestes Buch. Würden Sie das auch so sehen?
Heinz Strunk: Überhaupt nicht. Ich habe so viele Bücher geschrieben – da kann ich kein Hauptwerk benennen. Es ist ein sehr gelungenes Buch und hat mich für das Feuilleton interessant gemacht. Darüber freue ich mich.
Herr Arndt, Sie sind wie Heinz Strunk Hamburger. Haben Sie das Buch direkt gelesen, als es herauskam?
Ully Arndt: Ich habe den Roman 2016 gelesen und war sofort fasziniert. Beim Lesen hatte ich direkt Bilder im Kopf – Bilder, die mir seltsam vertraut vorkamen. In dem Moment wusste ich: Das möchte ich umsetzen. Ich hatte vorher keinen Plan, eine Graphic Novel daraus zu machen, aber das Buch hat den Impuls ausgelöst.
Wie lesen Sie als Comic-Zeichner Bücher? Scannen Sie direkt: Das könnte ein Stoff sein, der mich interessiert?
Arndt: Normalerweise nicht. Ich mache viele andere Jobs. Diese Idee kam wirklich ausschließlich durch den „Handschuh“ zustande.
Wie kamen Sie dann mit Heinz Strunk zusammen?
Ully Arndt: Ich habe Heinz Strunk einfach angeschrieben und gefragt, ob wir uns treffen können. Ich wollte ihm meine Zeichnungen zeigen.
Sie sind beide Hamburger und in den 1960er-Jahren geboren. Wenn Sie sich an damals erinnern, Sie waren beide Jugendliche als der „Fall Fritz Honka“ Schlagzeilen machte. Wie war das?
Heinz Strunk: Ich war 13, als der Honka-Fall 1975 öffentlich wurde. Das war ein klassisches Sommerloch-Thema, medial extrem ausgeschlachtet, vor allem von der Bild-Zeitung. Man kam daran nicht vorbei.
Ully Arndt: Ich habe gar nicht so viel davon mitbekommen. Ich habe zu dem Zeitpunkt hauptsächlich Comics gelesen und das ist wirklich damals noch ein wenig an mir vorbeigegangen, das kam erst später. Da habe ich erst kapiert, was da vor sich gegangen ist.
Neben den menschlichen oder besser teilweise „unmenschlichen“ Protagonisten ist die Stadt Hamburg mit ihren verschiedenen Milieus, die ja schon im Roman von Heinz Strunk toll dargestellt werden, eine Hauptperson der Graphic Novel. Herr Arndt, wenn Sie das Hamburg von heute mit dem Hamburg der Siebziger Jahre vergleichen, wo liegen die Unterschiede? Wie war die Stadt damals? Wie kann man sich das auch als jüngerer Leser vorstellen?
Ully Arndt: Düster, ich habe Hamburg als eher grau und tatsächlich noch relativ kriegszerstört in Erinnerung. Es gab viele Brachflächen, sichtbare Kriegsschäden, und die Stadt war bei Weitem noch nicht so modern wie heute mit den ganzen Neubauten. Es gab relativ viele Sozialbauten, weil viele Häuser weggebombt waren, aber es war noch keine moderne Stadt.
Heinz Strunk: Das sehe ich ähnlich. Die Bücher von Günter Zint, dem Gründer der St.-Pauli-Nachrichten, geben einen guten Einblick. Es gibt auch einen sehr interessanten Bildband von Thomas Henning, der heißt „Schanze, 1980“. Wenn man sich seine Bilder anschaut, denkt man, das könnte auch 1949 sein.
Ully Arndt: Man fühlt sich durch Ully Arndts Bilder in die 70er zurückversetzt, mit diesem Plüschigen einerseits, dann aber auch dieser vergammelte Touch. Er stellt dann auch die gerade errichtete Trabantenstadt Neuwiedenthal vor und die Apartments in dieser Trabantenstadt. Das ist wirklich toll. Und im Vergleich dazu gibt es die Elbchaussee, wo der Geldadel residiert. Ganz verschiedene Milieus, die er bewusst gegenüberstellt. Herr Strunk, im Nachwort schreiben Sie, dass ein großer Teil des Comics nicht direkt aus dem Roman stammt.
Heinz Strunk: Ja, Ullys Buch ist ein völlig eigenständiges Werk. Mindestens 50 Prozent stammen von Ully. Die Neuwiedenthal-Episode etwa kommt im Roman gar nicht vor – ich wusste davon nichts, fand sie aber großartig.
Ully Arndt: Diese Episode gehört zur realen Vorgeschichte von Fritz Honka. Sie zeigt Herkunft, Milieu und Stadtentwicklung. Mir war wichtig, nicht nur zu erzählen, was passiert, sondern woher es kommt. Es gab damals viele Ost-Flüchtlinge, die über die Soziallager wiederum nach Neuwiedenthal gekommen sind. Das war der übliche Weg. Und das ist tatsächlich einfach Teil der der Vorgeschichte, die ich sehr interessant fand, und die ich ein bisschen weiter ausarbeiten wollte.
Der Roman lebt stark von inneren Monologen. Wie übersetzt man das in Bilder?
Ully Arndt: Gar nicht eins zu eins. Sonst hätte man nur redende Köpfe. Ich musste eine Bildsprache finden, die Atmosphäre, Milieu und Sprache visuell transportiert – etwa durch Details im Hintergrund, Zitate, Werbung, Räume.
Die extreme Grausamkeit des Falls und auch die Gewalt sind präsent, aber nicht reißerisch. Ein absichtlicher Verzicht?
Ully Arndt: Das war uns extrem wichtig. Wir wollten keinen Splatter-Comic. Bilder bleiben stehen – sie lassen sich nicht einfach „überlesen“. Deshalb zeige ich eher das „Davor“, das Angedeutete. Man weiß, was passiert, aber man wird nicht voyeuristisch hineingezogen.
Haben Sie sich am Film von Fatih Akin orientiert? Der ist ja extrem brutal, fast schon ein Horrofilm.
Ully Arndt: Ganz bewusst nicht. Ich schätze Fatihs Arbeit sehr, habe mir den Film aber nicht angesehen, um unbeeinflusst zu bleiben. Grundlage war ausschließlich der Roman. Ich habe dann allerdings mitbekommen, dass der Film tatsächlich eher das Horrorsujet bedient. Also, es gibt keine Überschneidung. Die größte Herausforderung war die Frage, wie setze ich dieses Buch um, ohne einfach nur eine Illustration, eine Nacherzählung zu sein? Ich habe von Heinz dankenswerterweise die Freiheit bekommen, meine eigene Interpretation vorzunehmen.
Das spricht dafür, dass Sie den Künstlern wirklich freie Hand geben, Herr Strunk.
Heinz Strunk: Für mich ist das die Voraussetzung. Ein Autor sollte sich generell bei einer Adaption über das Interesse freuen, sei es ein Film oder ein Comic oder auch die Theateradaption, die wir selbst mit dem Studio Braun vorgenommen haben. Es muss demjenigen jegliche Freiheit eingeräumt werden, es so zu machen, wie er das möchte. Und man darf sich hinterher unter gar keinen Umständen darüber beklagen, auch wenn es schiefgeht. Letztlich schadet es dem Buch nicht und wenn es gut wird, umso besser. Im Fall von Ully ist es noch viel besser als gut geworden. Insofern bin ich sehr froh, dass dieser Comic in der Welt ist. Es hat viel Blut, Schweiß und Tränen gebraucht, es gab einige Widerstände, es gab Corona, Krankheitsfälle und so weiter.
Was sagen Sie denn zu Fatih Akins Film?
Heinz Strunk: Ich habe mir den Film neulich noch einmal angeschaut und er hat mir jetzt deutlich besser gefallen als beim ersten Mal. Ich habe gedacht: Okay, so kann man den Roman auch sehen. Als ich ihn 2019 gesehen habe, als er rauskam, war ich auch eher etwas irritiert. Jetzt sehe ich aber diese völlig eigenständige Sicht auf das Buch und die entsprechende Umsetzung.
Ihr Buch wurde von der Kritik dafür gefeiert, dass Sie sich für die Schicksale der Opfer interessieren, ihnen trotz aller Abgründe auch eine gewisse Würde gelassen haben. Passend dazu wurde vergangenes Jahr eine Gedenkstätte für die getöteten Frauen in Hamburg errichtet. Hat Sie das bewegt? Sie haben mit Ihrem Buch schließlich auch dafür gesorgt, dass die Frauen in den Fokus gerückt wurden.
Heinz Strunk: Das war für mich ein völlig überraschender Schritt, den ich aber sehr begrüße. Diese Frauen waren die Ärmsten der Armen, auch Honka war ein Produkt dieser Zeit, die wirklich noch als Nachkriegszeit zu bezeichnen ist. Sie waren traumatisiert. Eine der Frauen war Zwangsprostituierte in einem KZ. Das muss man sich einmal vorstellen, das ist monströs.
Kaputte Menschen irgendwo.
Heinz Strunk: Auch der Umstand, dass sie nicht vermisst wurden. Sie waren Teil dieses Sankt Pauli-Milieus, das es heute so nicht mehr gibt. Aber in 70ern schon, sie waren quasi wie Zombies. Dass ihrer nun gedacht wird, ist wichtig. Ob das Buch dazu beigetragen hat, weiß ich nicht – aber für eine gewisse Aufmerksamkeit hat es sicher gesorgt.
Ully Arndt: Ich finde es großartig, dass es wohl eine weitere künstlerische Annäherung gibt. Ich habe gehört, dass ein weiteres Comicprojekt geplant ist, das sich ausschließlich den Opfern widmet. Das ergänzt das Gesamtbild.
Von Ihnen kommt auch noch etwas, denn mit „Sommer der Liebe“ haben Sie den ersten Teil des „Handschuhs“ veröffentlicht, Teil 2 folgt.
Ully Arndt: Ja, Teil 2 ist schon fertig und erzählt die Geschichte weiter.
Herr Strunk, gibt es Momente in dem Buch, über die Sie überrascht waren oder etwas Neues entdeckt haben?
Heinz Strunk: Die Neuwiedenthal-Episode habe ich ja eben schon erwähnt. Das war ganz toll festzustellen, dass da einiges über den Inhalt meines Buches hinausgeht. Es gibt diesen Reporter, mit dem geschehen im zweiten Teil auch einige Sachen, die ich jetzt noch nicht verraten möchte, die mit dem Zeitgeschehen zusammenhängen. Auch die Sommerfrische der Familie von Dohren auf Sylt, das sind alles Sachen, die im Buch gar nicht stattfinden. Die hat sich alle Ully ausgedacht.
Ully Arndt: Das sind eben die Bilder, die einfach zeigen, wie diese Leute funktionieren. Das ist meine Möglichkeit, mit diesen Bildern zu zeigen, was hinter ihnen steckt.
Es gibt dann ja auch Parallelen zwischen den von Dohrens und eben dieser Welt von Fritz Honka. Herr Strunk, sind Sie damals auch auf die Geschichte der Familie von Dohren gekommen? Da gibt es doch mit Sicherheit auch Vorbilder.
Heinz Strunk: Vorbilder nicht direkt, es basiert eher auf einer Geschichte, die mir der Inhaber des Handschuhs erzählt hat. Er sprach von einem Wirtschaftsmagnaten, dessen Namen er nicht genannt hat, der regelmäßig alle vier bis sechs Wochen im „Goldenen Handschuh“ auftauchte, sich dann die Kante gab und in diese Welt dort eingetaucht ist. Das war eine interessante Geschichte, denn es zeigte, dass der Handschuh als eine Art Melting Pot zwischen den Ständen funktioniert hat. Es zeigt, dass auch die Kreise, die da an der Elbchausssee hocken und unter sich bleiben, einfach mal ausbrechen wollten. Der Wirt erzählte mir dann noch, dass sich dieser Reeder regelmäßig Ladyboys vermitteln ließ. Das war für mich sozusagen die Initialanekdote. Ich wollte darüber hinaus aber auch nicht über 270 Seiten nur im Milieu des Handschuhs bleiben. Das war mir etwas zu trist, wenn es nur um Bumms- und Fäkalsprache geht. Das schien mir irgendwie nicht ausreichend zu sein. Deswegen fand ich es eine sehr gute Idee, dem sozusagen dem restringierten einen elaborierten Code entgegenzusetzen. Aber das Elend wohnt auch in den höheren Ständen, das ist ja bekannt. Dass diese beiden Geschichten am Ende noch einmal kurz zusammengeführt werden, war dramaturgisch eine sinnvolle Idee.
Hamburg war und ist in Teilen aber auch eine Stadt, die in Deutschland irgendwie einzigartig ist, natürlich auch durch den Hafen, durch St. Pauli. In Hamburg destillierte und konzentrierte sich vieles schon, bevor es im Rest der Republik ankam. Etwa die von Ihnen erwähnten Ladyboys. Die verbindet man nicht unbedingt mit der damaligen Zeit. Deswegen ist der Fundus in Hamburg für einen Autor wirklich riesig. Wie sehen Sie das als Hamburger? Sie leben beide dort. Ist da etwas ganz Spezielles an dieser Stadt?
Ully Arndt: Aus meiner Sicht bietet Hamburg ausreichend Stoff für diese Geschichten. Es hat sich natürlich wirklich verändert, und man nimmt es als jemand, der hier aufgewachsen ist, natürlich eher fließend wahr. Witzigerweise klingelte es gestern bei mir an der Tür, und da stand ein ehemaliger Manager einer Show-Bar auf Sankt Pauli, mit dem ich früher schon einmal arbeiten wollte, wozu es dann aber nie gekommen ist. Wir haben über das Buch gequatscht, er fand es toll. Im Gespräch würdigte er dann auch diese menschliche Sichtweise. Das fand er gut. Er erzählte dann aber auch, wie sich Sankt Pauli und die Reeperbahn im Laufe der Jahre verändert haben.
Letzte Frage an Herrn Strunk: Können Sie sich vorstellen, dass auch andere Romanstoffe von Ihnen in Form einer Graphic Novel erscheinen könnten?
Heinz Strunk: Das würde mich natürlich freuen. Ich habe vergangenes Jahr meinen dritten Kurzgeschichtenband veröffentlicht, da gibt es durchaus Geschichten, bei denen das passen würde. Olly bringt ja den zweiten Band des Handschuhs heraus. Eventuell muss man mal sehen, ob er dann auch noch Lust hat, vielleicht einen dritten Teil anzuschließen, der sich mit den Frauen beschäftigt oder mit etwas ganz anderem. Vielleicht etwas über Fritz Honka nach seiner Inhaftierungszeit als er in diesem Pflegeheim in Scharbeutz war. Wie auch immer. Oder er macht es auch nicht. Aber wenn er sich eines Stoffes annehmen wollte, dann hätte er natürlich die „Carte Blanche“ von mir zu machen, was er möchte.
Ully Arndt: Das empfinde ich als ein großes Ja (lacht).
So, jetzt wirklich zum Schluss: Herr Arndt, schön fand ich übrigens wie Sie Otto Waalkes und Udo Lindenberg mit eingebaut haben. Das hat mir sehr gefallen.
Ully Arndt: Das war tatsächlich gar nicht so einfach in der Darstellung.
Ja, aber man erkennt sie sofort.
Ully Arndt: Danke, aber ich dachte auch, Otto sollte kein Problem sein. Aber im Detail war es das dann am Ende doch mehr als ich dachte.