Im Interview

Harry Whitley: "Für mich ist ein Traum wahr geworden"

13.04.2026, 02.00 Uhr
Harry Whitley, der neue Sänger von Asia, erzählt von seinem überraschenden Einstieg in die legendäre Band, den Aufnahmen neuer Live-Alben und wie seine YouTube-Cover ihn ins Rampenlicht katapultierten.

Asia wurden 1981 als Supergroup gegründet und setzten sich aus Musikern zusammen, die unter anderem bei Yes, Emerson, Lake and Palmer, Saga, King Crimson und Uriah Heep gespielt hatten. Mittlerweile ist von damals nur noch Keyboarder Geoff Downes dabei. Anlässlich des Releases des neuen Live-Albums erzählt Harry Whitley, wie er der neue Asia-Sänger geworden ist. 

prisma: Beschreibe doch einmal, was in den vergangenen drei Jahren bei Dir passiert ist. Seit Corona war das ein wilder Ritt, oder? 

Harry Whitley: Bei all dem Schlechten, das während der Pandemie los war, ist für mich tatsächlich etwas ziemlich Magisches passiert: Mein Leben hat sich total verändert, denn ich durfte bei Asia einsteigen, touren und an völlig neuer Musik arbeiten – und natürlich die Live-Alben aufnehmen. Aber ja, das kam wirklich überraschend: Vor der Zwangspause habe ich mit meiner eigenen Band in Clubs gespielt. Das kam während Covid zum Stillstand: keine Konzerte, gar nichts. Alles stand einfach still. Also habe ich angefangen, Coverversionen auf YouTube zu posten – einfach Songs, die ich mag.

Aus Langeweile oder mit einem Ziel?

Harry Whitley: Ohne konkretes Ziel, einfach so, um allen etwas zu geben, einfach als Beschäftigung. Ich meine, alle waren gelangweilt. Also habe ich einfach diverse Covers von verschiedenen Songs hochgeladen – darunter war auch ein Song von Asia. Geoff Downes hat das Video gesehen, und das war’s. Ich erinnere mich: Er hat es auf Twitter geteilt und so etwas geschrieben wie: „Wow. Das ist großartig. Mach mehr. Mach mehr.“

Eigentlich unglaublich, dass er das gesehen hat. 

Harry Whitley: Ich dachte: Okay, dann mache ich noch eins. Und dann hat er mir eine Nachricht geschickt und gefragt: Wer bist du? Und ich habe gesagt: Ich bin einfach ich. Ich nehme Songs auf, mache mein Ding. Er sagte: Oh, dann versuch doch noch einen Asia-Song. Also habe ich noch einen Asia-Song gemacht, und dann bekam ich eine E-Mail von Asias Management, dass sie eine Tribute-Show für John Wetton machen würden, und mich gern irgendwie dabeihaben möchten. Da dachte ich: Super, das ist großartig, ich tauche auf, spiele vielleicht einen Song am Klavier, singe, und das wars.

Das war es dann aber noch lange nicht...

Harry Whitley: Vor der Show gab es einen Zoom-Call mit allen, und Geoff sagte: Ich finde, wir sollten ein komplettes Asia-Set mit einer ganzen Reihe der Songs spielen. Dafür stellen wir eine kleine Band zusammen. Und so waren es dann Jay Schellen von Yes, Billy Sherwood von Yes und Asia sowie John Mitchell von It Bites, Frost* und Arena und meine Wenigkeit zusammen mit Geoff. Ich habe gesungen und Keyboards gespielt. Buchstäblich am Ende dieser Show kam Asias Manager dann auf mich zu und sagte: Wie würdest du es finden, mit auf Tour zu gehen? Hättest du Interesse daran? Und ich sagte: Ja klar, lass uns das machen. Und er sagte: Kannst du Bass spielen? Und ich sagte reflexartig: ja, natürlich.

Du hättest da vermutlich auch gesagt, Du könntest ein Flugzeug fliegen, wenn sie Dich gefragt hätten.

Harry Whitley: Ja (lacht). Ich habe zwar nicht gelogen, aber ich war bis dahin eigentlich nicht wirklich ein Bassist. Ich besaß nicht einmal einen Bass und habe das Instrument noch nie professionell bei einem Konzert gespielt. Das Gute ist aber, wenn man Klavier spielen kann, lässt sich fast alles ableiten. Ich habe dann ein bisschen herumprobiert und in dieser ersten Phase sehr schnell gemerkt, dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe, ja zu sagen (lacht). 

Also musstest Du einen Crashkurs machen.

Harry Whitley: Ich habe die Setlist gehört und dachte: So schlimm kann es doch nicht sein, oder? Dann rückten die Gigs immer näher, und ich dachte: Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Aber Geoff meinte es ernst, und so blieb mir einfach nichts anderes übrig, als das komplette Set zu lernen. Schließlich wurde dann eine US-Tour gebucht, das waren 25 Dates oder so, quer durch die USA. Wir waren mit Focus, Curved Air und Martin Turner’s Wishbone Ash unterwegs, Asia als Headliner – das war großartig. Und mittendrin sagte das Management: Wir fliegen jetzt nach Japan. Ist das okay für dich? Ich sagte: ja klar, los. Wir nahmen drei Live-Scheiben der ersten drei Alben während der Tour auf, von denen das erste jetzt erschienen ist, unterschrieben einen Deal für ein Studioalbum und sind gerade aus Japan zurück. Im Sommer gibt es dann ein paar Termine in Europa. Einfach unglaublich. Es war so schön, diese Live-Alben aufzunehmen und den Katalog der ersten drei Alben durchzugehen. Das sind zeitlose Songs. 

Aber bist Du so ein spontaner Typ? Warst du nicht nervös oder hast Panik bekommen? War es einfach: „Probieren wir’s, und mal sehen, was passiert“?

Harry Whitley: Ich habe mich eigentlich nie als Sänger gesehen. Das war der Punkt, der mir als Musiker am meisten Sorgen gemacht hat. Als Instrumentalist war ich relativ zuversichtlich, besonders als Pianist, denn das ist das, was ich bin. Ich glaube zudem, dass Klavierspielen alles andere leichter macht. 

Man kann vieles ableiten. 

Harry Whitley: Es ist so ein grundlegendes Instrument. Da ist alles drin: der Rhythmus, die Melodie, die Akkorde, der Bass – und die Unabhängigkeit der Hände. Aus meiner Perspektive war ich nicht so besorgt, ob ich es „kann“. Meine einzige Sorge war, ob meine Stimme durchhält, weil es so viele Shows waren. Ich singe in Bands und bei verschiedenen Projekten eigentlich, seit ich etwa 13 bin. Aber da singst du einmal pro Woche, nicht jede Nacht – und das dann zu 100 Prozent. Aber zum Glück hatte ich auf der Amerika-Tour überhaupt keine Probleme. Ein wenig anders wurde das in Japan, da haben wir uns alle irgendeinen Virus eingefangen. 

Das geht vielen Musikern auf Asien-Tourneen so.

Harry Whitley: Das war eine harte Strecke, aber es klang okay. Es war nichts wirklich Schlimmes, von daher war die ganze Japan-Reise großartig. Du hast recht: Ich bin ziemlich spontan. Ich mache mir nicht allzu viele Sorgen über die Aspekte, in der Band zu sein. Ich bin einfach hier, um es zu genießen. Und ich weiß: Geoff möchte, dass das Erbe weiterlebt – wie wir alle. Es ist wirklich schön, Teil davon zu sein, Spaß zu haben und die Musik zu spielen. Es sind so tolle Songs – das macht es so einzigartig.

Definitiv, trotzdem bist Du der Jüngste in der Band – viel jünger als die meisten Asia-Songs, die Du heute spielst. Wie ist Dein Blick darauf, auf diese ganze Arbeit?

Harry Whitley: Meine Perspektive? Es ist großartig. Ich hatte einen fantastischen Klavierlehrer als ich aufgewachsen bin, und er hat mich in alle möglichen Musikrichtungen eingeführt. Ich erinnere mich noch, wie er mir Asia vorgestellt hat und sagte: „Du wirst diese Band mögen, weil ihr Keyboarder ganz viele Keyboards hat.“ Das war das, was mich packen sollte, und ich habe die Musik gehört. Lustigerweise waren die ersten Clips, die ich von Asia gesehen habe, von der Tour 1983 mit Greg Lake – der „Asia in Asia“-Tour. Und wir haben gerade genau diese Setlist in Japan gespielt. Wir haben das „Asia in Asia“-Set nachgestellt. Wir haben dort drüben Interviews gegeben, und die Frau, die uns interviewt hat, fragte alle Bandmitglieder: „Was habt ihr 1983 gemacht?“ Und ich sagte: „Na ja, ich wurde erst 15 Jahre später geboren.“ (lacht) Die Sache ist: Die Songs sind so gut geschrieben, dass sie irgendwie zeitlos sind. Ich glaube, das Einzige, was das Alter solcher Songs manchmal verrät, sind manche Soundentscheidungen von damals – große Hallräume auf den Drums und so etwas. Dieser typische Klang der jeweiligen Zeit. Daran hört man, wann sie gemacht wurden. Aber wenn man sie reduziert – etwa wenn wir proben und Geoff sie einfach am Klavier spielt und man dazu singt, dann sind es einfach sehr gut geschriebene Songs. Nichts ist klischeehaft. Du denkst nicht: „Oh, das ist jetzt aber so ein Achtziger-Ding“ oder „Das ist so ein Sechziger-Ding, das ist komisch.“ Es sind einfach sehr gut geschriebene Songs. Deshalb ist es aus meiner Perspektive nichts Seltsames, sie zu singen oder zu spielen. Ich liebe alles – wirklich alles – ich höre alles. Also ist es keine komische Erfahrung. Es sind einfach großartige Songs. 

Ihr habt jetzt das Debutalbum „Asia“ als Live-Aufnahme veröffentlicht, und als nächstes kommen dann „Alpha“ und „Astra“, richtig?

Harry Whitley: Korrekt, ja.

Sind die schon aufgenommen?

Harry Whitley: Ja.

Wie war Dein Gefühl bei diesen beiden Platten? Und welche Aufnahme hast Du am meisten genossen?

Harry Whitley: Die Aufnahme, die ich am meisten genossen habe, ist „Alpha“. Ich habe eine echte Schwäche für „Alpha“. Ich weiß nicht warum. Ich finde einfach, die Songs von Asia sind ein bisschen pop-orientierter auf „Alpha“. Und da ist eine Aggressivität, die auf dem ersten Album nicht ganz so drin ist. Ich weiß aus Interviews: Sie hatten das Gefühl, „Alpha“ sei etwas überstürzt gewesen, weil sie von der „Asia“-Tour kamen und quasi gezwungen waren, das zweite Album sofort aufzunehmen.

Und es gab damals auch Streit innerhalb der Band.

Harry Whitley: Ja, ich glaube, dieses „Wir müssen es fertigkriegen, wir müssen es fertigkriegen“ – das gibt dem zweiten Album eine Energie, die ich wirklich mag. Da ist etwas Raues, finde ich. Es ist nicht so poliert, und das mag ich. Es fühlt sich fast live an. Als besprochen wurde, dass wir die ersten drei Alben live aufnehmen, waren alle erst mal ein bisschen reserviert, denn es ist eine Menge Material. Und einiges davon wurde nie live gespielt, besonders auf „Astra“. Da ist viel Zeug auf dem dritten Album – Sachen wie „Suspicion“, „Too Late“ und „Wishing“. Ich glaube nicht, dass die jemals gespielt wurden. Es war eine Herausforderung, das auf ein Niveau zu bringen, bei dem man es auf DVD und CD veröffentlichen kann.

Aber auch sehr aufregend für die Fans. Das zum ersten Mal live zu hören, ist wirklich etwas Besonderes.

Harry Whitley: Wir haben es ganz bewusst in einem sehr kleinen, intimen Rahmen aufgenommen, einfach, weil wir die Kontrolle darüber behalten wollten. Nicht, weil wir nicht in größeren Hallen hätten spielen können, sondern weil wir einen Ort brauchten, der verfügbar war, an dem wir ein paar Tage proben konnten, Kameras aufstellen, sicherstellen, dass alles okay ist. Und wenn wir etwas neu aufnehmen müssten, könnten wir es am nächsten Abend machen oder am nächsten Tag noch einmal spielen. Aber dann stellten wir fest, dass wir an drei Tagen spielen würden: „Asia“ in der ersten Nacht, „Alpha“ in der zweiten und „Astra“ in der dritten. Da wurde uns klar: Wenn etwas schiefgeht, können wir es nicht reparieren. Wir haben nur diesen einen Take. 

Das bedeutete: mehr Druck.

Harry Whitley: Na ja, das stimmt nicht ganz. Wir haben „Asia“ jede Nacht gespielt, aber in der zweiten Nacht spielten wir „Asia“ und „Alpha“. Und in der dritten Nacht spielten wir „Asia“ und „Astra“. Wenn wir einen guten „Asia“-Take wollten, konnten wir aus jeder Nacht auswählen. Aber „Alpha“ musste in der zweiten Nacht gut sein und „Astra“ in der dritten, weil wir die nur einmal gespielt haben. Aber es war eine großartige Erfahrung, auch wenn es sehr nervenaufreibend war. Ich glaube, wenn man das DVD-Material bei manchen Songs sieht, erkennt man, wie wir uns gegenseitig anschauen: „Ist das jetzt der Refrain? In welcher Tonart sind wir? Wie geht das nochmal? Wie heißt der Song überhaupt?“ Also wirklich großartig, wirklich großartig (lacht).

Ihr habt mit den Aufnahmen auch die Chance, den Fans zu zeigen, dass ein Album wie „Astra“, das damals viel Kritik bekommen hat, trotzdem die Zeit überstehen kann. Habt ihr soundmäßig etwas verändert? Weil alle immer sagen: Das ist ein extremes 80er-Album.

Harry Whitley: Ja, es ist definitiv das Album, das anders ist. Wir haben nicht wirklich viel geändert. Es klingt durch uns als Band sowieso konsistenter mit den ersten beiden Alben, einfach weil wir es spielen. Ich glaube, wenn Steve Howe auf dem dritten Album gewesen wäre, hätte es gar nicht so anders geklungen. Es ist eher die Tatsache, dass es einen neuen Gitarristen gab und alle versuchen, sich um seinen Sound einzuordnen und ihren Platz zu finden. Und manche Keyboard-Sounds sind sehr 80er.

Es gab einige Song-Experimente.

Harry Whitley: Ja, und das gilt genauso für heute: In 20 Jahren wird man auf Sachen von heute zurückschauen und sagen: „Meine Güte, das ist ein typischer Mid-2020s-Keyboard-Sound.“ Das ist einfach so. Die 70er klingen nach den 70ern, die 80er klingen nach den 80ern. Natürlich haben wir nicht exakt die gleichen Sounds benutzt, weil du dafür Vintage-Equipment auf Tour mitnehmen müsstest – und das ist so teuer. Ich weiß, Leute sagen: „Warum benutzt Geoff keinen Prophet-5? Warum nutzt er dies nicht, warum das nicht?“ Und dann denkst du: Wisst ihr, wie teuer es für uns ist, überhaupt nach Japan zu kommen – ganz zu schweigen davon, das ganze Equipment mitzunehmen?

Touren wird dadurch fast unerschwinglich, oder?

Harry Whitley: Selbst nach Amerika zu gehen, ist teuer. Wir haben Glück, dass ein Teil unseres Equipments schon in Amerika ist. Aber trotzdem: Du musst die Bässe rüberfliegen, die Crew, die Gitarren, die Pedalboards, Racks mit Gear. Wenn du dann anfängst, zwölf, 15  Keyboards zu transportieren, wäre das horrend. Es ist so teuer. Ich habe darüber früher nie nachgedacht, bis wir das gemacht haben. Ich dachte nicht: „Oh, ich kann nichts mitnehmen, was über 30 Kilo ist“ oder so. Darüber denkt man einfach nicht nach. Ich glaube, das Problem für die meisten Bands ist auch: Man braucht Versicherungen für Instrumente und Gear, weil auf den meisten Touren die Hälfte des Equipments verloren geht.

Das hört man ständig.

Harry Whitley: Immer wieder: „Unsere Gitarren wurden gestohlen“ oder „Das ist verschwunden“. Und wenn man sich Künstler anschaut, die jetzt wirklich groß sind – egal welches Genre: Ich habe vor ein paar Wochen ein Interview gesehen, ich glaube mit einem Stage-Tech von Sabrina Carpenter oder einem anderen aktuellen Popstar. Die spielen Arenen und Stadien, riesige Locations. Und sie sagten: „Es ist zu teuer, das Gear zu fliegen, also müssen wir es vor Ort mieten.“ Wenn selbst Leute dieses Kalibers Schwierigkeiten haben, ihr Equipment einzufliegen, dann kommt man schon ins Grübeln. Es ist nicht billig, das heute noch zu machen. Und die Leute hängen sich manchmal an seltsamen Dingen auf, so nach dem Motto: „Geoff spielt keinen Prophet 5 oder keinen Fairlight“. Und dann denkt man: Wenn ihr dafür bezahlen wollt, dass das rübergeflogen wird, dann spielen wir’s.

Das sind dann die Hardcore-Fans. Das ist wie eine Religion für sie.

Harry Whitley: Ich verstehe das. Ich erinnere mich, eines meiner ersten Konzerte war Kraftwerk.

Die sind aus unserer Heimatstadt Düsseldorf.

Harry Whitley: Ihr seid aus Düsseldorf? Wir kommen im Juli nach Düsseldorf, glaube ich. Wir spielen diese Progressive-Rock-Cruise. Ich habe schon entschieden: Ich mache meine religiöse Pilgerreise zum Kling-Klang-Studio (lacht) Gibt es das noch? Dann müssen wir schauen, ob es noch existiert. Na ja, ich erinnere mich, wie ich sie live gesehen habe. Ich war damals jung, ich glaube, ich war neun. Und alles, was ich von Kraftwerk kannte, war Footage aus den Achtzigern: tonnenweise Equipment. Und dann sah ich sie auf der Bühne, und sie hatten nur einen Laptop. 

Ja, sie stehen einfach da hinter den Pulten, bewegen sich nicht. Aber die Reaktionen des Publikums sind sehr enthusiastisch. 

Harry Whitley: Das ist die Faszination. Ich glaube, das vergessen die Leute. Die Leute beschweren sich über alles Mögliche: „Keine große Leinwand, kein Feuerwerk“, was auch immer. Aber es ist die Musik, die zählt. 

Aber hat sich die Reaktion der Fans nicht verändert? Viele Fans wollen heute das Gefühl eines Konzerts. Die Screens und so sind nicht mehr so wichtig, glaube ich.

Es wird immer Menschen geben, die ein großes Spektakel wollen – aber vielen ist die Musik wieder wichtig. Genau das war so schön an der Aufnahme dieser Live-Alben: ein wirklich intimes Publikum. Die Leute standen direkt da. Keine Screens. Nur unser Licht, die PA und die Band. Und sie konnten das Album hören, als würde man die Nadel auflegen: von Anfang bis Ende. Dann dreht man die Platte um, spielt Seite zwei, und das war’s. Das war wirklich schön.

Yes machen so etwas Ähnliches: Sie spielen eine Album-Serie. Sie spielen „Fragile“ oder „Close to the Edge“ komplett.

Harry Whitley: Oh, großartig. Ich finde, das ist eine wirklich interessante Idee: den Leuten ein Live-Erlebnis eines Albums zu geben – so ein bisschen wie MTV das früher mit diesen Akustik-Shows gemacht hat.

Unplugged.

Harry Whitley: Es ist intim, alle stehen direkt vor dir, und man erlebt das Album. Und ja: Es ist natürlich großartig, vor großen Menschenmengen zu spielen – mit lauter PA und alle haben eine tolle Zeit. Aber es hat etwas Magisches, diese kleineren, intimen Shows zu spielen – besonders, wenn sie gefilmt werden. Das war großartig.

Ihr habt in den letzten Jahren viele offizielle Live-Bootlegs veröffentlicht. So konnte jeder ein Asia-Konzert erleben.

Harry Whitley: Das ganze Erlebnis, diese Live-Alben aufzunehmen, hat einfach unglaublich Spaß gemacht. Mit Geoff dazusitzen und alle Songs und Parts durchzugehen und ihn in Erinnerungen schwelgen zu hören – besonders bei „Astra“, weil das ja das „vergessene“ Album ist. Es war wirklich spaßig, das zu machen, weil da sehr interessantes Zeug drauf ist. Wir haben zum Beispiel „After the War“ auf einem Festival in Italien gespielt, und das kam sehr gut an. Man vergisst manchmal, was Leute wirklich hören wollen. Klar, sie wollen die Hits – aber…

Das stimmt nicht immer, weil die Hardcore-Fans die Hits kennen und sie schon so oft gehört haben. Sie wünschen sich Tracks, die sie noch nie live gehört haben.

Harry Whitley: Wenn es nach mir ginge – und Asia ist sehr demokratisch, auch wenn Geoff natürlich sehr genau weiß, was er spielen will – würde ich viele obskure Sachen spielen. Wahrscheinlich wären dann nur vier Leute im Publikum, weil niemand es hören will (lacht). Aber ich liebe zum Beispiel Sachen von „Alpha“, ich liebe „Eye to Eye“ – das ist wahrscheinlich mein Lieblingssong zum Spielen. Und wir spielen auch ein paar B-Seiten. Tatsächlich haben wir alle B-Seiten der drei Alben gespielt. Also Songs wie „Daylight“ und „Lying to Yourself“ – wirklich obskure „Die-Hard“-Fan-Songs. Das hat unglaublich Spaß gemacht. Und für viele von uns wurden genau diese Songs am Ende zu den Favoriten – die obskureren Sachen. 

Wie ist die Hierarchie in der Band? Wir hören heraus, dass Geoff nicht einfach entscheidet, was gespielt wird. Wird das diskutiert?

Harry Whitley: Es gibt immer Diskussionen darüber, was wir tun sollten. Ich glaube, die Idee für die drei Alben kam von Frontiers, dem Label, bei dem wir gerade unterschrieben haben. Und ich denke, sie fanden, eine Live-Album-Serie sei eine gute Idee. Für die Live-Alben ist es unkompliziert, weil man im Grunde nur spielen kann, was auf dem Album ist – du musst alles spielen. Also ist es so: „Das ist es, was wir spielen.“ Da gibt es nicht viel Spielraum.

Da gibt es keine Diskussion. Okay.

Harry Whitley: Was wir gemacht haben: Beim ersten DVD-Abend haben wir das erste Album komplett gespielt und danach noch andere Sachen – „Don’t Cry“, „Go“ und so etwas –, um die Zeit zu füllen. Denn viele dieser Alben sind so 50 Minuten bis eine Stunde lang, und ein Album ist für ein Konzert nicht lang genug. Es ist sofort vorbei. Am zweiten und dritten Abend spielten wir „Asia“ und „Alpha“ – das sind zwei Stunden Musik, das ist gut. Und am dritten Abend „Asia“ und „Astra“ – auch zwei Stunden, das passt. Bei normalen Live-Shows gibt es aber bestimmte Dinge, die man spielen muss: „Heat Of The Moment“, „Sole Survivor“, wahrscheinlich „Don’t Cry“, „Time Again“, „Wildest Dreams“. Und dann wird es offener: Vielleicht spielen wir etwas Obskureres. Und ich glaube, es gibt immer eine Wildcard in der Setlist. Wir waren gerade in Japan, und da haben wir „Lucky Man“ gespielt, den Emerson-Lake-and-Palmer-Song, einfach weil wir die „Asia in Asia“-Show als Tribut an Greg Lake gespielt haben. Das war ein Moment, wo alle dachten: „Oh – das ist anders.“

Eine richtige Überraschung.

Harry Whitley: Eine schöne Überraschung. Aber ja: Meistens ist es ziemlich offensichtlich, was wir spielen sollten. Und manchmal stellen wir online Fragen, was die Leute gerne hören würden. Es gibt Dinge, die ich gern von den Reunion-Alben spielen würde, weil das sozusagen mein erster Zugang zu Asia war. Als ich damals als Fan in die Band reingekommen bin, war es ungefähr 2012 – da kam „XXX“ raus, 2011/2012, so in dem Dreh. Und einige Songs auf diesem Album spiele ich sehr gern – „Bury Me“, „Willow“ und so weiter. Aber ja, wir sind für vieles offen. Geoff schickt meist eine Setlist-Idee und fragt: „Gibt es etwas, das du nicht spielen willst? Etwas, das wir hinzufügen sollten? Sollen wir dies spielen? Haben wir das übertrieben? Was hältst du von der Reihenfolge?“ Und das war interessant, als wir die Album-Serie performt haben: Auf dem ersten Album beginnt es mit „Heat of the Moment“. 

Das ist bei Konzerten normalerweise der letzte Track.

Harry Whitley: Das ist üblicherweise die Zugabe. Es gab ziemlich lange Diskussionen: „Sollen wir ‚Heat of the Moment‘ am Ende spielen?“ Aber dann verlierst du die Idee, das Album als Album zu spielen. Du würdest es kaputtmachen.

Es ist immer ein Problem, wenn eine Band ein ganzes Album spielt und die Hits die ersten drei oder vier Songs sind.

Harry Whitley: Du hast „Heat of the Moment“, „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“ – das sind die großen Hits auf dem ersten Album. Und das sind die ersten drei Songs. Es ist eben sehr spezifisch für die Live-Album-Aufnahme. Bei normalen Shows kannst du machen, was du willst.

Und das Publikum weiß, was es bei dieser Show erwarten kann.

Harry Whitley: Genau, und wir haben es in einem Venue gespielt, das – wie gesagt – intim war. Und jeder, der Tickets gekauft hat, wusste, wofür er kommt. Das war nicht so: „Asia spielt um die Ecke, lass mal hingehen.“ Die Leute mussten anreisen. Also wussten sie, was passiert. Es war großartig. Es hat so viel Spaß gemacht. Ich kann es kaum erwarten, dass alle es hören. 

Wann werden die anderen beiden Alben veröffentlicht?

Harry Whitley: Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich glaube, es gibt so eine Lücke von zwei Monaten zwischen jedem Release.

Glaubst Du, wir können im Sommer so etwas wie eine große Box mit allen drei Alben erwarten?

Harry Whitley: Ich weiß es nicht. Aber ich würde annehmen, dass sie so etwas machen.

Dann gehen wir einen Schritt weg von der Vergangenheit dieser großen Band hin zur Zukunft. Wie sieht es mit neuer Musik aus?

Harry Whitley: Es wird ein neues Album geben.

Das ist eine große Nachricht, weil das letzte Album vor zwölf Jahren erschienen ist.

Harry Whitley: „Gravitas“ war das letzte. Wir sind buchstäblich gerade dabei, die neue Platte fertigzustellen. Ich bin bei John Mitchell und wir machen gerade das finale Mixing des Albums. Ich glaube, die Leute werden angenehm überrascht sein – oder ich hoffe es zumindest. Da sind interessante Dinge drauf. Die Leute fragen immer nach den John-Wetton-Songs, von denen sie wissen, dass es noch „Reste“ gibt. Die Leute glauben, es gäbe mehr John-Wetton-Songs als es tatsächlich gibt. Oder sie denken, das seien komplette Songs, er habe sie eingesungen, und sie seien im Grunde fertig – man müsse nur Bass oder Drums hinzufügen. Das ist nicht so.

Eher Snippets, Ideen?

Harry Whitley: Das waren meistens Ideen – Sprachnotizen von ihm am Klavier mit Geoff: „Da-da-da-da-da … was hältst du davon? Da-da-da-da …“. Also haben wir das als Ausgangsmaterial.

Aber die große Frage ist: Was war dein Input?

Harry Whitley: Ich habe ziemlich viel geschrieben. Ich weiß nicht genau, wie viele Songs insgesamt drauf sind – wahrscheinlich so um die zwölf. Ich habe, glaube ich, neun oder zehn davon mitgeschrieben. Also ja. Es war großartig.

Also ist es für Dich ein Traum, der wahr wird.

Harry Whitley: Es ist unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal bei Asia sein würde – geschweige denn ein Asia-Album schreiben könnte. Es war ein wirklich interessanter Prozess, weil man nach einem „Briefing“ schreibt: Du kannst nicht einfach ein Rockalbum machen. Du musst ein Asia-Album machen. Also muss es progressiv sein, aber ohne kitschig zu werden. Du kannst es nicht einfach „wie Asia“ klingen lassen. Das ist tatsächlich ziemlich schwer. Ich habe nicht realisiert, wie knifflig das ist. Ich sehe Asias Musik immer so: Es sind Hymnen, aber mit Drums. Wie Kirchenmusik, aber mit Rockgitarren und Schlagzeug.

Klassische Songs irgendwie.

Harry Whitley: Die Akkorde sind sehr klassisch geprägt. Es sind keine jazzigen Akkorde, keine großen, weit gespreizten Akkorde. Sie sind recht simpel, aber es geht darum, wie sie arrangiert sind – sehr clever. Es war sehr interessant, das zu versuchen. Ich freue mich wirklich, dass alle es hören werden. Ich weiß nicht, wann es rauskommt. Wir beenden es gerade. Also vielleicht im Sommer – so etwas in der Art. Es liegt natürlich bei Frontiers. Wir sind fertig, und sie entscheiden, wann es erscheint.

Quasi der „Heat Of The Moment“.

Harry Whitley: Hahaha. 

Letzte Frage, weil die wirklich wichtig ist: Kennst du die South-Park-Folge „Kenny Dies“, in der Cartman „Heat Of The Moment“ singt? Wenn ja, was hältst Du von dieser Version?

Harry Whitley: Das ist sehr lustig, dass Du mich das fragst, denn wir haben da neulich erst drüber gesprochen. Jemand hat mit uns im Flugzeug gesessen und gefragt: „Seid ihr in einer Band?“ Und wir sagten: „Ja.“ So ein Gespräch ist immer ein bisschen unangenehm, weil man es erklären muss. Und John sagte: „Ja, wir sind in einer Band.“ Und die Person fragte: „Wie heißt die Band?“ Und er sagte: „Asia.“ Und die Person sagte: „Ah, das ist die Band, deren Song Cartman singt.“

Und genau das ist es: Es gibt so viele Popkultur-Referenzen.

Harry Whitley: Ja, so läuft das.

Und nur wirklich wichtige Acts kommen in South Park vor.

Harry Whitley (lacht): Ja, ich finde das großartig. Ich liebe so etwas. Und es ist aus Liebe gemacht, nicht aus Bosheit.

„Asia – Live in England“ ist als erste von drei geplanten Live-Alben erschienen. Es folgt auch ein neues Studioalbum.