Jim Kerr, der Frontmann der Simple Minds, hat gemeinsam mit seinem Band-Kollegen Charlie Burchill das Buch „Unsere Geheimnisse, unsere Musik“ veröffentlicht. Die einzigen Gründungsmitglieder der legendären Band erzählen darin wie ihre Freundschaft über 50 Jahre das Fundament für die Band gelegt hat.
Jim, das letzte Mal haben wir 2022 gesprochen. Damals ging es um Euer letztes Studioalbum „Direction of the Heart“. Das war während Covid, also eine ganz andere Zeit.
Jim Kerr: Ja, das war schon ein Ding damals.
Du warst damals so hoffnungsvoll trotz der schwierigen Situation.
Freut mich, dass ich diesen Eindruck hinterlassen habe.
Dieses Jahr ist der 40. Geburtstag von „Once Upon a Time“. Das ist lustig, weil es auf Eurem Facebook-Account fast jeden Tag irgendein Jubiläum gibt. Sind diese Daten für Dich noch etwas Besonderes?
Gute Frage. Ich glaube, es ist eher eine Spaßsache. Du hast völlig recht: Die Leute machen aus allem ein Jubiläum – das Jubiläum hiervon, das Jubiläum davon. Am Ende sagt man: Es ist das Jubiläum meines Frühstücks (lacht). Die Menschen werden nostalgisch. Und ich finde, Nostalgie ist ein berechtigtes Gefühl, besonders wenn man älter wird. Nostalgie fürs Frühstück oder für eine B‑Seite, die irgendwann gemacht wurde (lacht). Wenn man aber „Once Upon a Time“ sieht…
Das war das erste Simple-Minds-Album für mich.
Okay. Nun, ich bin überzeugt, dass es innerhalb der Geschichte von Simple Minds ein Meilenstein-Album war. Und vielleicht auch der damaligen Zeit insgesamt: Songs daraus – „Alive and Kicking“ und so weiter haben unseren Sound damals geprägt und waren große Hits.
„Oh, Jungleland“…
Das dann noch dazu kam. „Oh, Jungleland“. Ich glaube, für eine bestimmte Generation – und es klingt so, als gehörtest Du dazu – ist das schon etwas, das es wert ist, erwähnt zu werden oder an das man sich gern erinnert, auch wenn man nur sagt: Wow, 40 Jahre. Aber für Charlie und mich ist diese große Zahl gerade – entschuldige meine Sprache – so ein „What-the-f***“-Gefühl: Nächstes Jahr ist es 50 Jahre her seit wir uns gegründet haben, seit wir zum ersten Mal zusammen Lärm gemacht haben. 50 Jahre – daran hängen alle möglichen Emotionen. Die eine ist: Jesus, wir haben nicht mehr so lange. Andererseits könnte man sagen: Das ist unglaublich – 50 Jahre, und wir sind immer noch hier. Ehrlicherweise bin ich begeistert, ich fühle mich sehr glücklich und sehr privilegiert, dass es dieses Ding in unserem Leben gibt, das Simple Minds heißt.
Euer neues Buch ist der Grund, warum wir heute sprechen. Der Originaltitel ist „Our Secrets Are The Same“. Das war Ende der 90er-Jahre auch der Titel Eures „verlorenen Albums“, das aufgrund von Label-Problemen nicht regulär erscheinen konnte. In Deutschland wurde der Buchtitel mit „Unsere Musik, unsere Geheimnisse“ übersetzt, was schon ein Unterschied ist. Ist Buchpromotion etwas anderes als Promotion für neue Musik? Du bist ja jetzt irgendwie auch ein Buch-Autor – fühlt sich das anders an?
Es ist lustig, dass Du das sagst. Ja, es fühlt sich anders an, wenn man ein Buch in der Hand hält. Und tatsächlich habe ich gerade ein zweites Buch fertiggestellt – als ob eines nicht genug wäre (lacht). Das ist aber wirklich ein ganz anderes Buch, aber nach diesem muss es jetzt auch ein anderes sein. Warum sollte man sonst ein zweites schreiben? Aber zurück zu unserem Buch: Seit wir uns gegründet haben, seit dem ersten Interview, wurden und werden wir immer gefragt: „Wie ist Eure Geschichte?“ Da erzählt man dann immer ein wenig. Hier war es jetzt so, dass wir uns Zeit genommen haben. Man erzählt die Geschichte nicht nur mündlich, sondern setzt sich hin und dokumentiert sie so, wie man sie selbst erzählen möchte. Wenn man seine Geschichte einem Journalisten erzählt, wird sie aufgeschrieben und interpretiert.
Wenn man seine Geschichte selbst aufschreibt, hat man die Deutungshoheit.
Ja, aber ich glaube auch, dass das alles heute im Musik-Geschäft zur Erweiterung einer Karriere dazugehört – Dokumentationen, Bücher. Viele wollen inzwischen die Geschichte fast genauso sehr wie die Musik. Die Musik haben sie ja schon – sie wollen heute einen tieferen Einblick als früher.
Ich glaube, tiefer als Euer Buch geht kaum. Du erzählst wirklich alles: von Deinem Privatleben, der Musik, den Bandkollegen, die Simple Minds verlassen haben. Das war für mich eine faszinierende Lektüre.
Wenn man das macht, darf man nicht nur an der Oberfläche bleiben. Wer interessiert ist, kennt die Oberfläche ohnehin. Man muss tiefer gehen.
Die Form, die Ihr gewählt habt ist interessant: Du und Charlie – das ist wie Pingpong, der Ball geht hin und her. Wie habt Ihr das organisiert? Hat jeder einfach aufgeschrieben, woran er sich erinnert, und dann habt Ihr Euch zusammengesetzt? Kannst Du kurz erklären, wie das lief?
Interessant, dass Du „Pingpong“ sagst – das fasst unsere Beziehung tatsächlich ganz gut zusammen. Und wenn wir über den Titel sprechen: „Our Secrets Are the Same“ – wir haben fast so etwas wie eine telepathische Verbindung. Es ist nicht so, dass wir Geheimnisse hüten. Aber oft muss Charlie gar nichts sagen: Schon ein Muskelzucken in seinem Gesicht sagt mir, ob es irgendwo ein Problem gibt. Umgekehrt funktioniert es genauso. Zu Deiner Frage: Wir haben uns für das Buch kein einziges Mal zusammengesetzt. Wir haben beschlossen, mit einem Autor zu arbeiten.
Mit Graeme Thomson, ja.
Genau. Graeme hatte bereits ein eigenes Buch über die Simple Minds geschrieben. Er hat uns interviewt, aber es war damals sein Buch – unabhängig.
„Themes for Great Cities“ heißt es.
Ein sehr gutes Buch. Wirklich sehr gut. Es ging darin nur um die ersten fünf Jahre oder so – das hat ihn besonders interessiert. Wie die Band damals funktionierte. Er hat das großartig gemacht, aber eben unabhängig. Wir dachten: Graeme wäre ein sehr guter „Mittelsmann“. Also hat er mit Charlie und mir gesprochen – oft so wie wir jetzt online –, aber es waren viele, sehr lange Interviews. Und obwohl ich Charlie in vieler Hinsicht sehr gut kenne und seine Geschichte kenne, war ich über manche Dinge, die er gesagt hat, überrascht. Das war großartig, weil ich dachte: Wenn er mich überrascht, überrascht er andere erst recht. Und ehrlich gesagt: Ich kann nicht viele Musikbücher nennen, die in dieser Form gemacht wurden.
Es gibt „U2 by U2“, da erzählen alle vier Mitglieder die Geschichte der Band. Aber Eure Form ist wirklich einzigartig. Ich habe so etwas in dieser Dialog-Form noch nicht gelesen.
Freut mich zu hören.
Warum war es Dir so wichtig, es als Dialog zu erzählen?
Ein Grund war: Wir wollten keine schlichte Chronologie. Das wollten wir auf keinen Fall. Wir wollten einen Ansatz, der interessanter ist. Ich lese viele Musikbücher, ich mag Künstlergeschichten. Ich habe gerade das Buch von Anthony Hopkins gelesen – das war weitgehend chronologisch.
Fantastisch, ich habe es auch gelesen.
Wirklich großartig, oder? Aber eben sehr chronologisch. Ich erinnere mich aber auch: Dylan hat vor langer Zeit ein Buch namens „Chronicles“ gemacht, das nicht chronologisch ist. Das fand ich großartig. Und in den letzten zehn Jahren hat Patti Smith ihre Geschichte besonders gut erzählt – ich weiß nicht, ob Du die Patti-Smith-Bücher gelesen hast.
Ja.
Sie sind großartig. Und das hatte viel mit Freundschaft zu tun – mit ihrer Freundschaft, auch mit ihrer Liebesbeziehung, aber vor allem mit ihrer Freundschaft zu dem großen Fotografen Robert Mapplethorpe in „Just Kids“. Das hat uns ein bisschen inspiriert.
Wenn man Euer Buch liest, fällt natürlich sofort auf, dass die Beziehung zwischen Dir und Charlie wirklich besonders ist. Darüber hinaus frage ich mich aber immer: Junge Männer gründen eine Band und schreiben Songs, großartige, reife Songs. Wenn man Euer Debüt „Life in a Day“, zu dem Du ja bekanntermaßen ein etwas zwiespältiges Verhältnis hast, heute hört, denkt man, wie kommen so junge Kerle aus Glasgow dazu, Songs wie „Chelsea Girl“ zu schreiben? Woher kommt das? Ist das die klassische Muse, die Euch geküsst hat?
Du sagst das perfekt. Was ich hinzufügen würde: Wir hatten keinen Lehrer. Man konnte damals nicht einfach Kurse machen – es gab keine Songwriting-Ausbildung. Vielleicht hatte irgendwo ein Onkel eine Gitarre, aber niemand, den wir kannten, schrieb Songs oder machte Platten. Wir erwähnen das im Buch: Es gab einen unglaublich glücklichen Moment in unserem Leben, das war der Punkrock. Und ich meine das Ethos, nicht nur den Sound. Der Sound kann schnell altern, finde ich. Aber das Ethos war entscheidend. Plötzlich glaubten Working-Class-Kids: Es ist möglich. Punk kam und sagte: Zum Teufel damit – jeder kann es versuchen. Und plötzlich gründeten Leute Bands und Labels, Magazine, Modelabels, drehten kleine Filme. Dieses Gefühl: Alles ist möglich. Wir dachten vorher: Dafür muss man in Paris oder Wien zur Schule gehen oder aus einem bürgerlichen Milieu kommen, was ich gar nicht abwerten möchte. Doch dann kam Punk und sagte: Nein, jeder kann es versuchen. Und wenn du es wirklich versuchst, wenn du dich zu 100 Prozent reinhängst – und mit etwas Glück –, dann gehen Türen auf, von denen du glaubst, sie würden nie aufgehen. Und ja: Wir lebten und atmeten Musik. In den frühen Tagen emuliert man seine Helden. Man hört, wie Lou Reed einen Song schreibt, denkt: Diese Akkorde – vielleicht drehen wir sie um, vielleicht machen wir etwas Eigenes daraus.
Bei Euch war ja auch der Krautrock wichtig. Ich habe einmal mit Andy McCluskey von OMD gesprochen, der sagte: Neu! und Kraftwerk haben sie inspiriert. Das war für sie etwas völlig Neues.
Oh ja, wir liebten diese Songs auch. Nicht nur die Melodien, auch das Geräuschhafte. Es hatte ein Rock’n’Roll-Gefühl, aber mit dieser europäischen Atmosphäre. Wir liebten das. Und wenn man fragt, wie wir Kids das alles geschafft haben? Der Boden, aus dem wir kamen, die Bücher, die wir lasen, waren „Berlin Alexanderplatz“, Günter Grass, Camus. Wir waren sehr prätentiös, aber warum nicht? Man hat ein Recht darauf. Prätentiös in dem Sinne, dass wir unsere eigenen Welten erschaffen und etwas daraus wachsen lassen wollten. Diese Besessenheit, dieses Verlangen – das ist es, was uns in dem Alter befähigt hat, besondere Dinge zu tun.
Ich mag sehr, wie Du im Buch über Dein jüngeres Ich schreibst. Man spürt, dass Du diesen jungen Jim Kerr wirklich magst. Du erzählst etwa von Eurem ersten TV-Auftritt bei „The Old Grey Whistle Test“ bei der BBC.
Ja, das war riesig damals und wir waren Neulinge.
Man kann das heute noch auf YouTube sehen – ich habe es mir natürlich angeschaut. Es ist so schön, wie Du über dieses Szenario damals und über Dein nervöses, aber irgendwie auch unerschrockenes, jüngeres Selbst sprichst. Du hast es einfach versucht, einfach gemacht, ohne lange nachzudenken.
Weißt Du, heute vor diesem Interview war ich spazieren und habe etwas über Elon Musk gehört. Ich bin kein Fan von ihm, aber dieses Prinzip, das er wählt, ist interessant: Er entscheidet, etwas zu tun, bevor er genau weiß, wie. „Ich gehe ins All“, „ich revolutioniere den Transport“ – und dann macht er es. Natürlich kassiert er dabei auch Gegenwind, aber er hat die Entscheidung schon vorher getroffen.
Er versucht es einfach.
Genau. So waren wir auch. Wir sagten: Wir machen das. Und es gab natürlich auch ein riesiges Element von Glück. Wir hatten Glück, dass der Punk da war. Ein Jahr vorher hätte man uns ausgelacht: Du kannst nicht wie Eric Clapton spielen, du musst wie Jeff Beck spielen. Und ein Jahr später hieß es: Nein, musst du nicht. Du brauchst nur drei verdammte Akkorde. Es war ein riesiger Mindshift für die jungen Leute damals.
Eure ersten fünf Alben sind so anspruchsvoll. Wenn man heute darauf schaut: Glasgower Jungs machen diese Musik – das ist faszinierend. Ich erinnere mich an die „5x5-Tour“, die Ihr Anfang der 2010er-Jahre gemacht habt: fünf Songs von jedem der ersten fünf Alben. Großartig. Neben mir stand damals eine Frau, die sagte: Warum spielen sie nicht „Alive and Kicking“ und warum nicht „Don’t You“? Sie hatte sich vorher einfach nicht über das Konzept informiert.
Ja (lacht). In Portugal hätte es fast einen Aufstand gegeben, weil der Veranstalter vergessen hatte, es so anzukündigen. Die Leute waren völlig irritiert: Was passiert hier?
Zurück zu Deiner Beziehung zu Charlie. Es gab viele große kreative Partnerschaften: Lennon/McCartney, die Glimmer Twins, Elton John und Bernie Taupin. Bei Dir und Charlie gab es nie einen großen Bruch wie bei den meisten anderen Songwriter-Paaren. Woran liegt das? Denn manchmal entsteht Kreativität ja auch aus Reibung – bei Euch wirkt es eher so, als gebäre Eure Freundschaft die Kreativität.
Ich glaube, das liegt daran, dass Charlie und ich – ohne die Beiträge der anderen Band-Mitglieder kleinzureden, sie waren enorm – vor allem eine sehr frühe Bindung haben. Wir kennen uns, seit wir acht waren. Wir waren in einer Gang. In einer Gang gab es Regeln: Das machst du, das machst du nicht – sonst gibt es Ärger. Und wir haben dieses Gefühl in die Band mitgenommen. Wir treten uns nicht gegenseitig vors Schienbein, aber wenn einer von uns nicht bei der Sache ist, kann man das ansprechen. Das muss kein großer Kampf sein. Man weiß es implizit. Wir waren immer extrem committed zu dieser Band. Und wir sind nicht müde geworden, wurden nicht gelangweilt, nicht gleichgültig. Und wir haben – ich glaube, wir schreiben das auch im Buch – einmal im Jahr einen riesigen, schreienden, fast gewalttätigen Streit (lacht).
Ich erinnere mich. Du schreibst darüber. Da ging es um die Setlist.
Verrückt, ja. Er sagte: „Das war’s. Ich kündige.“ Und ich sagte: „Das war’s. Ich kündige nicht. Es gehört jetzt alles mir.“ Er schluckte und ich sagte: „Zu spät. Du hast gekündigt. Du bist raus.“ Und am nächsten Tag sitzen wir im Zug von London nach Newcastle, und ich sage zu ihm: „Gut, dann schreibst Du jetzt die verdammte Setlist.“ Er sitzt da mit dem Stift – und eine halbe Stunde vor Newcastle sagt er: „Mist, ich kann das nicht. Mach Du das.“ Und ich: „Siehst Du? Ist nicht so leicht.“ Und wir haben beide gelacht.
Irgendwie wie ein Paar.
Es ist wie ein Paar. Es ist eine Beziehung. Wir haben so viel gemeinsam und sind doch so verschieden. Ich bin kein Musiker – er ist einer. Ich bin der Wortmensch. Wir respektieren den Raum des anderen, und ich glaube, das ist der Schlüssel.
Jim Kerrs und Charlie Burchills Buch „Unsere Musik – unsere Geheimnisse“ ist bei Hannibal erschienen.