Selbstoptimierung

Ruth Moschner über ihr neues Buch: "Jetzt ist Schluss!"

25.05.2026, 02.00 Uhr
Moderatorin und Autorin Ruth Moschner hat genug vom Selbstoptimierungswahn. In ihrem neuen Buch "Die Fuckit-List" erklärt sie, warum es wichtig ist, gesellschaftliche Zwänge loszulassen und Multitasking zu hinterfragen. Ein Gespräch über Freundschaft, Lebensrhythmen und die Freiheit, sich selbst treu zu bleiben.

Moderatorin und Autorin Ruth Moschner sagt dem Selbstoptimierungswahn den Kampf an. Worum es ihr dabei geht, beschreibt sie in ihrem neuen Buch. Mit prisma sprach sie über ihre persönliche „Fuckit-List“.

prisma: Lisa Feller leitet das Buch im Vorwort mit „Ruth tut gut!“. Zu viel Schmeichelei oder werden Sie da nicht rot?

Ruth Moschner: Wenn Lisa das so empfindet, und mit mir teilt, dann ist das in unserer Freundinnenschaft zum Glück ein emotionaler Safe-Space, den wir uns gegenseitig geben. Die von der Gesellschaft so geliebten „zu“-Wörter in Bezug auf Frauen und ihre Eigenschaften haben da wenig Platz. Ich mag es übrigens genauso, Lisa daran zu erinnern, wie großartig ich sie finde, und was sie für ihr Umfeld und für ihr Publikum alles vollbringt, weil sie das manchmal eben auch einfach übersieht. Sich gegenseitig zu feiern liegt uns, glaube ich, beiden, und das finde ich sehr schön. 

Sie schreiben selbst ganz am Anfang: „Die Fuckit-List soll euch inspirieren, mal wieder die eine oder andere Gewohnheit liebevoll zu hinterfragen.“ Welche Gewohnheit war das zuletzt bei Ihnen?

Was ich mir sehr gerne abgewöhnen würde, ist, dass ich, während ich fernschaue oder streame, zusätzlich noch auf dem Handy ein Videospiel spiele und die Einkaufsliste erstelle oder was esse. Was soll das? Wieso tue ich das bitte? Dann wundere ich mich, wenn ich die Hälfte der Serienfolge verpasst habe, oder nicht mitbekomme, dass Donald Trump nicht mehr Präsident der USA ist. Dabei weiß ich, dass Multitasking einfach überhaupt nichts bringt. Auf die Fuckit-List damit. 

Und was können Sie selbst bei sich ganz schlecht abstellen?

Abstellen wäre der falsche Weg. Jedes Fuckit hat ja auch seine Berechtigung und seine Zeit. Das Loslassen kann bei machen Dingen schnell gehen, wenn man es aber nicht tief verankert hat, kommt es durch die Hintertür wieder zurück. Deswegen: kein Druck. Sondern bitte alle Zeit der Welt, die die ein oder andere eben braucht. Oder, frei nach einem hebräischen Sprichwort: jeder hat seine eigenen Kakerlaken im Kopf. Und den eigenen Lebensrhythmus. Manche Sachen, die man mir vor Jahren gesagt hat, checke ich erst heute, weil ich sie erstmal verinnerlichen musste. Wer erwartet, dass das Patriachat abbrennt und es dann supi flockig weitergeht mit neuen Sachen, strickt an einem neuen Fuckit. Schnelle Veränderung bringt oft ein Vakuum, welches mit neuem Ungesunden gefüllt wird. Wenn wir Substanz wollen, brauchen wir erst einmal ein gutes Fundament schaffen. Das ist möglich. Wenn wir die Oberfläche verlassen. 

An wen richtet sich das Buch?

An alle, die mal wieder Bock auf ihre eigene Meinung haben. Inzwischen wird uns im Netz ja sogar das Denken abgenommen. Alles schön verpackt in einem 20-sekündigem TikTok. Ich versuche mit meiner Fuckit-List mehr Tiefe in die Themen zu bekommen, weil ich davon überzeugt bin, wenn wir uns von gesellschaftlich aufgedrückten Strukturen oder auch familiären Prägungen verabschieden, dass unser Miteinander viel besser funktionieren kann. Dafür lohnt es sich, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Eine Botschaft, die ich gerne früher gewusst hätte: Du bist ok, so wie Du bist und Du musst nicht Anteile von Dir unterdrücken. Bei der K-Frage ist das zum Beispiel besonders wichtig, weil das dann ja noch andere Lebewesen betrifft. Und: Natürlich ist es vollkommen ok, Vater oder Mutter werden zu wollen. Wenn das aber nur zur Selbstverwirklichung stattfindet, oder weil man das eben so macht, reicht mir das nicht. 

Wie gehen Sie mit ungebetenen Ratschlägen um?

In meiner Ausbildung als ganzheitliche Gesundheitsberaterin habe ich gelernt, dass Ratschlag von schlagen kommt – und dass man durchaus Empfehlungen aussprechen sollte, wenn man drum gebeten wird. Wenn aber keine Einladung im Briefkasten war, ist die nicht verloren gegangen, sondern sie wurde schlicht einfach nicht verschickt. 

Glauben Sie, dass man es als Frau schwerer hat als Männer?

Natürlich. Als weiße cis-Frau gehöre ich immerhin zu den privilegierteren Exemplaren. Die systemische Therapeutin Sarah Henry, die in meinem Buch jedes Kapitel intersektional einordnet, macht nochmal die intersektionalen Themen sichtbar. Hier gibt es noch viel zu lernen, sichtbar zu machen, um dann Veränderung zu schaffen.

Wenn wir uns patriarchale Strukturen ansehen, wird aber auch schnell klar, dass auch Männer darunter leiden. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Männer im Durchschnitt früher sterben, auch bei armutsbetroffenen Männern ist die Zahl weitaus höher, als bei armutsbetroffenen Frauen. Wir haben weniger männliche Therapeuten, dafür eine exorbitant höhere Suizidrate bei Männern. Daher wäre es sinnvoll, wenn Männer sich auch laut machen würden. Denn dass Frauen das auch noch übernehmen, sehe ich ehrlich gesagt nicht ein. 

Wie genervt sind Sie von Aussagen wie „Du wirst es bereuen, keine Kinder zu haben“?

Für mich klingt dieses Statement so nach Schlussverkauf. Greif zu, hier, der blaue Pulli, der ist gleich weg. Als wäre ein Kind eine Art Gadget ohne eigenen Willen und Persönlichkeit. Ich wünsche mir, dass wir Kinder nicht mehr als eine Form der Selbstvermarktung oder Verwirklichung ansehen. Kinder sind das Beste, haben aber keine Lobby. Und unser Land ist leider eltern- und kinderfeindlich, weil niemand so richtig versteht, dass die Ansprüche unerreichbar sind. Außerdem habe ich eine sehr tolle Patentochter. Da ist alles, was ich in der Beziehung „Nachwuchs“ leisten kann und das tue ich wirklich sehr sehr gerne. 

Hand aufs Herz: Beherzigen Sie alle Ratschläge, die Sie in Ihrem Buch geben? 

Das Buch ist keine Ratgeberin, sondern vielmehr ein Kinderbuch für Erwachsene. Es soll den Druck rausnehmen, immer alles perfekt machen zu müssen. Eine liebevolle Erinnerung ans Leben. Wir sollen ja eben Dinge lassen. Und nicht noch zusätzlich auf die Bucketlist setzen. Die Lesenden müssen meine Meinung nicht teilen, aber wenn Sie ins Nachdenken kommen, und ihre eigenen Fuckits entwickeln, freue ich mich. 

Was halten Sie von Aussagen wie „das sollte man in dem Alter aber nicht mehr tragen“?

Ich suche seit Jahren nach diesem Buch, wo all diese Regeln drinstehen, wie wir wo und was zu tun haben. Es wurde mir schon oft zugeschickt, aber leider ist es unterwegs verloren gegangen. Absender: interessiert mich einfach nicht! Wer hat sich das alles eigentlich ausgedacht? Erwachsenen in ihren Kleidungsstil reinzuquatschen ist ein Machtspielchen, welches verunsichern soll. Mir fallen spontan eine Handvoll anderer Dinge ein, die mich mehr stören, als die Klamotte meines Gegenübers. 

Wie würden Sie Ihren Kleidungsstil beschreiben?

Nicht meinem Alter entsprechend, hahaha. 

Und was ist Ihr Lieblingskleidungsstück?

Mein Lieblingskleidungsstück ist bunt. Ich liebe Kleider, Strumpfhosen und am liebsten alles in Knallfarben. Und ja, manchmal wünsche ich mir rückblickend, ich hätte das Licht im Kleiderzimmer vorher angemacht, bevor ich vor die Türe bin, aber in dem Moment habe ich es gefühlt und darauf kommt es doch an. 

„Die Fuckit-List-Challenge“ 
von Ruth Moschner, Knaur Verlag, 256 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-426-57327-3