Toxische Familienstrukturen

Stefanie Stappenbeck: "Glück hat für mich mit innerer Arbeit zu tun"

11.05.2026, 10.51 Uhr
In "Mama ist die Best(i)e" sucht Gloria Almeda nach dem wahren Schuldigen am Tod ihres Mannes. Stefanie Stappenbeck spielt Stella, die sich in die reiche Familie Almeda eingeheiratet hat und dort ihren Platz kämpferisch behauptet. Der Film wirft ein Licht auf toxische Familienstrukturen und transgenerationale Traumata.
Der Cast von "Mama ist die Best(i)e"
Stella (Stefanie Stappenbeck, l.) hat ein Verhältnis mit ihrer Schwägerin Leonie. Fotoquelle: ZDF/Fabio Eppensteiner

Nach zehn Jahren im Gefängnis sucht Gloria Almeda in „Mama ist die Best(i)e“ nach dem wahren Schuldigen am Tod ihres Mannes. Stefanie Stappenbeck spielt ihre Schwiegertochter Stella, die in der reichen Familie ihren Platz gefunden hat – und dafür einen hohen Preis zahlt.

Man kann ohne Übertreibung sagen: In der Familie Almeda herrschen ziemlich toxische Verhältnisse. Was ist da schiefgelaufen?

Stefanie Stappenbeck: Wahrscheinlich das, was oft dahintersteckt: transgenerational weitergegebenes Trauma, das nie aufgelöst wurde. Die Kinder bekommen nicht genug Liebe, werden später selbst Eltern – und das ganze Drama setzt sich fort.

Stella ist diejenige, die bis zum Ende dabeibleibt, obwohl sie ursprünglich gar nicht in diese Familie hineingeboren wurde.

Sondern eingeheiratet hat, genau.

Was hat sie trotz all dieser toxischen Strukturen dort gehalten?

Stefanie Stappenbeck: Ich glaube, es war vor allem der Traum vom guten Leben. Ich habe mir für die Figur eine eigene Biografie erarbeitet. Was ich an Regisseurin Ute Wieland sehr schätze, ist, dass sie vor Drehbeginn eine sogenannte Drehbuchaufstellung macht – so etwas mache ich für meine Rollen übrigens immer. Das kommt eigentlich aus dem therapeutischen Bereich, wird aber auch im Kreativen schon lange sehr erfolgreich eingesetzt.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Wenn ich das allein mache, nehme ich DIN-A4-Blätter und schreibe die Namen der Figuren darauf – meine Rolle, wichtige Figuren aus dem Drehbuch, aber auch Menschen, die vielleicht gar nicht auftauchen, etwa die Eltern meiner Figur. Dann lege ich diese Zettel auf dem Boden aus und spüre hinein: Wo liegen die Figuren zueinander, schauen sie sich an oder voneinander weg? Und dann stelle ich mich auf diese Zettel. Da passiert tatsächlich oft etwas Erstaunliches. Wenn man da eine Weile steht, kommen plötzlich Emotionen hoch, die einem etwas über die Figur erzählen.

Bei „Mama ist die Best(i)e“ hat der Cast diese Aufstellung gemeinsam gemacht.

Genau, da haben sich alle Schauspielerinnen und Schauspieler zu einer Art vorbereitendem Workshop getroffen. Dabei haben wir herausgearbeitet, dass Stella aus armen Verhältnissen kommt. Wir wollten die Geschichte einer Außenseiterin erzählen, die es geschafft hat, in dieses große Unternehmen hineinzukommen.

Bei diesen Aufstellungen passiert etwas Spannendes: Man denkt sich die Figur nicht nur mit dem Kopf aus, sondern spürt plötzlich ganz konkrete Gefühle. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass Stella Severin unglaublich attraktiv findet und ihn trotz allem liebt, obwohl er so gemein zu ihr ist. Gleichzeitig liebt sie auch seine Schwester. Da entstehen emotionale Verstrickungen, die sie in dieser Familie halten – zusammen mit der Angst vor dem sozialen Absturz und davor, wieder in Armut zu landen.

Ihre Tochter spielt dabei sicher auch eine Rolle.

Stellas Tochter ist auf jeden Fall ein Grund für ihr Bleiben, weil Stella sie nicht aus diesem Gefüge herausreißen will. Aber am Ende hält sie vor allem die Liebe. Und auch die Ängste ihrer Partnerin, die sich offensichtlich selbst nicht traut, sich aus dieser Familie zu lösen. Das sind ja diese verrückten Familiendynamiken. Es gibt dafür auch den Begriff Trauma-Bond – man kann sich von einem Ort nicht lösen, an den soviel Schmerz gebunden ist. Und Stella ist durch die Liebe eben ebenfalls an diese Dynamik gebunden. Sie lässt ihre Partnerin nicht im Stich.

Spannend war auch: Zumindest anfangs scheint die Familie genug Geld zu haben, damit eigentlich niemand mehr arbeiten müsste. Und trotzdem ist niemand glücklich.

Ich glaube, Glück hängt bis zu einem gewissen Punkt schon vom Geld ab. Wir brauchen alle genug, um zu leben, zu wohnen, vielleicht mal zu verreisen. Aber sobald ein bestimmtes Maß erreicht ist, hat Glück für mich vor allem mit innerer Arbeit zu tun. Wir sehen ja ständig offensichtlich zutiefst unglückliche superreiche Menschen, die es nicht schaffen, so etwas wie Seelenfrieden zu finden. Menschen, die ihren Reichtum nicht dafür einsetzen, etwas Gutes zu tun, sondern nur noch mehr anhäufen wollen. Da sehe ich oft überhaupt keinen Funken Glück. Deshalb bin ich eine große Verfechterin von Therapie, von der Auflösung von Traumata und alten Dramen. Persönliche Weiterentwicklung ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil des Lebens.

Man hört deutlich heraus, wie wichtig Ihnen dieses Thema ist.

Ja, ich halte das wirklich für zentral. Und ich freue mich über jeden Menschen, der diesen Weg gehen kann. Leider können sich das viele gar nicht leisten. Therapie ist schwer zu bekommen, die Wartezeiten sind lang, und privat ist es teuer.

Da hilft es auch nicht, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten seit Kurzem schlechter vergütet werden.

Genau, das finde ich extrem traurig. Stattdessen wird Geld für absurde Kriege ausgegeben. Das macht mich wirklich fassungslos.

Im Film wirkt der Reichtum der Familie fast wie ein Verstärker ihrer Probleme.

Ich glaube, man kann inneres Unglück auf sehr viele Arten kompensieren, nur um sich nicht dem stellen zu müssen, was eigentlich los ist. Und wenn man viel Geld hat, wird einem diese Kompensation wahrscheinlich noch leichter gemacht. Aber die Ursache ist für mich trotzdem nicht das Geld. Die liegt tiefer – in Traumata, in früheren Verletzungen, oft in unglücklichen Kindheiten oder in transgenerationalen Belastungen, die weitergegeben wurden.

Wie war eigentlich die Stimmung am Set? Vor der Kamera müssen alle so kalt zueinander sein, einander teilweise fast verabscheuen. Überträgt sich das auch hinter die Kulissen?

Ich war an diesem Set regelrecht schockverliebt in all meine Kolleginnen und Kollegen. Adele Neuhauser kannte ich schon länger, die finde ich sowieso großartig. Und insgesamt hatte ich eher das Gefühl, dass wir gemeinsam auf einer Reise waren. Wir haben ja zwei, drei Wochen in diesem Schloss gedreht und auch in der Nähe gewohnt. Das ist selten, dass man so lange an einem Ort bleibt. Dadurch entstand fast etwas von Klassenfahrt oder Ensemble-Reise: Man verbringt den ganzen Tag miteinander und macht zusammen diese absurden, intensiven Szenen. Aber wir haben das mit sehr viel Liebe und Spaß aufgefüllt. Die Kälte dauerhaft mit sich herumzutragen, wäre auch gar nicht möglich. Schauspieler sind dafür, glaube ich, viel zu lustig, viel zu nervös und auch viel zu liebesbedürftig (lacht).

„Mama ist die Best(i)e“ läuft am 18. Mai um 20.15 Uhr im ZDF und ist bereits ab dem 11. Mai in der ZDFmediathek abrufbar.