prisma: In diesem Jahr, dem Jahr der WM in den USA, Mexiko und Kanada, erscheinen wieder viele Filme und Bücher, deren Grundton optimistisch, euphorisch ist: WM 1990, Sommermärchen 2006, WM-Historie und so weiter. Dann kommen Sie mit dem Titel „Plattgemacht“, der zunächst einmal sehr hart klingt. Woher kam bei Ihnen die Initialzündung, dieses Buch zu verfassen?
Mathias Liebing: Das ging tatsächlich vom Verlag aus. Ich hatte die Geschichte von Norbert Nachtweih aufgeschrieben, das war mein erstes Buch. Das lief sowohl im Verkauf als auch in der Entstehung sehr gut, sodass der Verlag sehr zufrieden war und mich dann gefragt hat, ob ich mit meiner Ostbiografie nicht einmal die Geschichte des Fußballs im Osten aus meiner Sicht aufschreiben möchte. Viele Bücher über dieses Thema wurden von westdeutschen Kollegen verfasst – und das meine ich gar nicht abwertend –, aber sie haben eben einen anderen Blickwinkel. Gleichzeitig bin ich Jahrgang 1980, trage also nicht so sehr den Rucksack derer, die zehn, 15 oder 20 Jahre älter sind als ich und denen etwas genommen wurde. Das versuche ich im Buch auch auf dieser persönlichen Ebene deutlich zu machen. Ich bin als Bayern-München-Fan groß geworden – mir wurde nichts genommen, ich habe nichts verloren; bei mir wurde die Welt vielmehr größer und bunter. Das versuche ich im Buch darzulegen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass es in den 90ern im Osten relativ häufig Bustouren zu Westvereinen gab. Sind Sie so mit dem FC Bayern in Berührung gekommen?
Mathias Liebing: Diese Touren gab es. Ich wurde allerdings ausgerechnet in diesem einen Jahr in den vergangenen 40 Jahren Bayern-München-Fan, als sie einmal kurz gegen den Abstieg gespielt haben. Diese „Gefallene-Engel-Situation“ hat mich damals voll erwischt (lacht).
Das war Anfang der 90er-Jahre.
Mathias Liebing: Ich erinnere mich an ein Spiel damals gegen Borussia Mönchengladbach: Die Bayern hatten ein Verletzungsproblem und damit keinen Torwart. Da wurde kurzerhand Toni Schumacher irgendwo aus der Fußballrente reaktiviert. Das war für mich als Jungen natürlich großartig – dieser ganze Bundesliga-Zirkus. Wir waren damals im Stadion in München, und ich konnte an meinem Vater ablesen – der nun wirklich keiner ist, der seine Emotionen auf dem Marktplatz trägt –, wie sehr ihn das damals bewegt hat. Da flossen bei ihm die Tränen, weil er nie gedacht hätte, dass er einmal diesen riesigen Kessel des Olympiastadions erleben würde, ihn mit eigenen Augen sehen würde. Das ist damals sehr häufig vielen Leuten aus dem Osten passiert. Für mich war das eine neue Ebene, die freigeschaltet wurde: eine deutlich größere Welt.
Das ist interessant, denn natürlich gab es für die Menschen in der DDR immer die Verbindung zu ihren lokalen Clubs – Sie weisen in Ihrem Buch ja auch auf diese Gründung der Vereine in den 1960er-Jahren durch die DDR-Spitze hin. Aber trotzdem gab es auch im Osten eine große Verbindung zu den Westklubs – auch als es noch beide Staaten gab. In den 70ern gab es ja etwa dieses Spiel Dynamo Dresden gegen Bayern München. Da gab es in der DDR viele Fans, die damals das Hotel belagert haben. Wie war die Verbindung damals aus dem Osten zum Westfußball? Wie war der Blick auf den Westfußball?
Mathias Liebing: Es gibt zwei wichtige Punkte. Der erste ist, dass es natürlich verboten war, Westfernsehen zu schauen und so die Bundesliga und ihre Clubs zu verfolgen. In der Realität hat es aber jeder gemacht, und so wurde die Bundesliga von den allermeisten Fußballfans als deutlich hochrangiger und wichtiger eingestuft als die DDR-Oberliga. Viele ostdeutsche Fußballfans hatten ihren Zweitlieblingsverein in der Bundesliga. Und einige haben sich – und scheren sich auch heute – nicht um die Ost-Vereine. Aber die meisten hatten neben dem DDR-Verein ebenso ihren Club im Westen. In meinem Buch über Norbert Nachtweih berichte ich von einem großen Fan aus meinem Heimatort Großörner in Sachsen-Anhalt, der nach dem Europapokalfinale Bayern gegen Porto, das die Bayern verloren haben, seinen Farbfernseher aus dem Fenster geworfen hat. Zu der Geschichte gehört natürlich, dass Farbfernseher in der DDR ein Vermögen gekostet haben. Und der hat den aus dem Fenster gefeuert, und das Ding war natürlich kaputt. Elf von zehn Menschen wollten ihn einweisen lassen. Aber er war eben so emotional mit den Bayern verbunden.
Normalerweise ist das ja eher Rockstar-Verhalten.
Mathias Liebing: Absolut. In meiner Jugend war Norbert Nachtweih einmal bei meinem Heimatverein zu Gast, und da kam die Geschichte auf den Tisch. Der Fan von damals hat Norbert Nachtweih kennengelernt und die Geschichte zum Besten gegeben. Das war ein sehr, sehr lustiger Moment.
Ihr Buch beginnt mit Reiner Calmund. „Calli“ ist ja bis heute eine sehr beliebte Figur und bekannt dafür, vor kaum etwas Angst zu haben. Deswegen wird es ihm vermutlich auch nicht wirklich schaden, dass er immer so ein wenig als der Mann gesehen wird, der aus dem Westen heraus den Osten übernommen hat. Sie haben ihn persönlich kennengelernt: Wie geht er mit dieser Geschichte um, dass eigentlich immer er als Erster genannt wird, wenn es um die Zeit nach der Wende geht?
Mathias Liebing: Das wird er aus meiner Sicht auch vollkommen zurecht – aber nicht nur negativ. Er weiß um seine Rolle. Ich glaube, er kann bis heute jeden Abend relativ entspannt einschlafen und morgens in den Spiegel schauen. Ich habe den Eindruck, dass er da ein reines Gewissen hat, weil er fair gespielt hat. Als Beispiele kann man Andreas Thom nennen oder Ulf Kirsten: In Leverkusen wurden ihnen Spitzengehälter angeboten. Die naiven ostdeutschen Kicker hätten zu dem Zeitpunkt doch alles Mögliche unterschrieben; sie hätten nicht zwingend nach dem Spitzenverdiener-Gehalt gefragt und das für sich beansprucht. Aber er hat ihnen das gegeben. Und er hat sich auch – das habe ich immer wieder gehört – um die Familien der Nachwuchsspieler und die Familien der Topspieler gekümmert. Er hatte einen persönlichen Bezug zu den Spielern. Das zeichnet ihn aus: diese Leistung, diese menschliche, soziale Leistung – die hat nicht jeder Verantwortliche für Fußballvereine in Ost und West damals auf die Platte bekommen. Das macht ihn wirklich aus. Also dieses Menschliche – und er wirkt da bis heute authentisch. Er ist natürlich laut, der Krach gehört einfach dazu. Er weiß, was er will, er weiß, wie er es bekommt. Aber er macht das mit geradem Rücken, und das zeichnet einen Menschen am Ende doch auch aus.
Es gab damals so etwas wie eine Goldgräberstimmung im Westen. Die Vereine hatten die Möglichkeit, diese guten Spieler aus dem Osten zu verpflichten. Calli war da vielleicht einfach nur geschickter als andere – wie Sie es eben noch einmal erklärt haben vielleicht auch sozial kompatibler. Nehmen wir Reiner Calmund als positives Beispiel: Wer ist dann ein negatives Beispiel?
Mathias Liebing: Da müssen wir nur nach Dresden blicken und uns die Geschichte von Dynamo und Rolf-Jürgen Otto anschauen. Es gibt dieses schöne Zitat von Bundeskanzler Kohl, der irgendwann erzählte, dass er gern am Tag nach dem Mauerfall eine zweite Mauer aufgebaut hätte, um zu kontrollieren, wer von West nach Ost geht, um dort Geschäfte zu machen und sich eine goldene Nase zu verdienen. Rolf-Jürgen Otto wäre bei einer solchen Mauer nicht in den Osten gekommen und hätte nicht das Unheil, das er bei Dynamo Dresden angerichtet hat, verzapfen können. Man darf nicht vergessen: Dynamo war der Vorzeigeverein, der moderner aufgestellt war als viele andere Ostvereine. Es gab zwar eine marode Infrastruktur – wenn man sich die Trainingsbedingungen in den 90ern in Dresden anschaut, war das katastrophal. Aber sie hatten ein funktionierendes Stadion, tolle Fanstrukturen, und sie haben ihre Europapokalspiele als Eventspieltage ausgerichtet: mit Musikern in der Halbzeit und vor dem Spiel, mit einer eigenen Stadion-Show. Darin waren sie vielen Vereinen im Osten weit voraus. Und so waren sie folgerichtig sportlich gut aufgestellt, sodass sie in der Bundesliga ihren Platz hätten einnehmen können. Dann kam aber jemand, der vollkommen unseriös war, vollkommen überfordert, sehr selbstherrlich – und der dann wahnsinnig kompromisslos diesen Verein zugrunde gewirtschaftet hat.
Umso erstaunlicher, wie gut Dresden heute dasteht. Für mich sind viele Ostvereine irgendwie Stehaufmännchen. Ich bin selbst Fan von Fortuna Düsseldorf und weiß, wie tief ein Verein sinken kann: Wir sind von der ersten Liga in die vierte Liga abgerauscht, aber dann auch wieder hochgekommen. Dabei bin ich immer wieder mit vielen Ostvereinen in Berührung gekommen – Rot-Weiß Erfurt, Hansa Rostock, 1. FC Magdeburg, Erzgebirge Aue –, die auch mal eine Fanfreundschaft mit uns hatten. Viele dieser Vereine haben eine tolle Mentalität: erstens natürlich durch die Fans, aber auch darin, wie sie es trotz dieser damals schwierigen Situation und Ausgangslage immer noch geschafft haben, eigentlich relativ gut dazustehen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Mathias Liebing: Mittlerweile ist das, was in den Neunzigerjahren gefehlt hat, voll da. Damals hatte ja selbst Dresden Probleme, das Stadion voll zu bekommen, weil die Leute im neuen System ganz andere Themen hatten. Die einen haben ihren Arbeitsplatz verloren, die anderen haben fürs erste West-Auto gespart oder für den ersten Urlaub in Italien. Und dann haben sie sich diese Tickets für die Bundesligaspiele bei Dynamo Dresden eben gespart und sind ein Stück weit auf Distanz gegangen. Das ist das eine. An anderen Standorten – nehmen wir Stahl Brandenburg – war es noch viel dramatischer, weil die Stadt sich da einfach geleert hat.
Da gab es ja damals dieses legendäre Spiel gegen Bayer Uerdingen, der absolute Skandal mit zig roten Karten für Stahl.
Mathias Liebing: Das waren wirklich verrückte Geschichten, die hat der Fußball geschrieben. Mittlerweile ist es so, dass der Fußball wieder zur regionalen Kultur zählt, sodass sich auch die junge Generation wieder ganz anders orientiert. Zu meiner Zeit – das schreibe ich auch im Buch – war es vollkommen untypisch und außergewöhnlich, wenn jemand ein Trikot des Halleschen FC oder des 1. FC Magdeburg getragen hätte. Ich kann mich an niemanden erinnern. Da gab es Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen. Heute ist das anders: Heute teilt sich meine sachsen-anhaltinische Heimat, das Mansfelder Land, in Blau und Rot auf. Darüber hinaus gibt es dann vielleicht den einen oder anderen, der zu einem anderen großen Verein hält: Dortmund oder Bayern oder mittlerweile RB Leipzig. Das ist inzwischen ein ganz großes Thema in den Regionen – auch in Sachsen-Anhalt, aber eben auch Halle und Magdeburg. Das hat sich stark verändert, und das ist auch ein großes Faustpfand für die Ostvereine. Da muss ich nur vor meine Haustür schauen, hier in Leipzig, wo ich mittlerweile lebe. Wir haben hier einen sehr interessanten Fußballstandort: Rasenballsport, mittlerweile im höchsten Regal des deutschen Fußballs…
Da muss ich einmal kurz einhaken: RB Leipzig sehe ich natürlich auch aus der Sicht hier im Westen. Fortuna Düsseldorf hatte damals auch dieses Angebot von Red Bull – und das wollte hier natürlich keiner machen, Stichwort Traditionsverein und so weiter. Aber ich habe das Gefühl, dass Red Bull Leipzig oder Rasenballsport Leipzig, wie sie offiziell heißen, langsam in der Wahrnehmung gestiegen sind – auch hier im Westen. Der Club wird nicht mehr nur negativ gesehen. Eine Zeit lang musste man nur „RB Leipzig“ sagen, und alle haben sich angeekelt abgewendet. Mittlerweile hat das einen anderen Anstrich. Sie beschreiben in Ihrem Buch dieses Pokalspiel zwischen Energie Cottbus und RB Leipzig, bei dem sich dann auch die Fans annähern.
Mathias Liebing: Rasenballsport Leipzig hat mittlerweile wirklich Fans – gar nicht wenige, und auch solche, die es ernst meinen. Dazu holen sie diejenigen ab, die hochklassigen Fußball sehen wollen, also eine große Riege von Event-Fans, gerade auch in Leipzig oder in der mitteldeutschen Region. Das ist wirklich eine nennenswerte Menge an Zuschauern. Zur Wahrheit gehört aber auch: Man möchte bei Rasenballsport Leipzig wahrscheinlich keinen Abstiegskampf sehen. Dann bekäme man womöglich das gleiche Phänomen wie in Wolfsburg. Ich weiß nicht, wie fest die Strukturen geworden sind. Gleichzeitig ist es ein Angebot, das gemacht wird. Das wird weitestgehend gut angenommen, auch wenn es natürlich Probleme gibt mit der „No-Show-Quote“: wenn es angeblich ein ausverkauftes Haus gibt und trotzdem 10.000 Sitzplätze frei sind. Aber das ist ein Problem, das RB Leipzig nicht exklusiv hat, da muss man ehrlich sein. Beim FC Heidenheim sehe ich in der Bundesliga auch recht viele freie Sitzschalen in ihrem kleinen Stadion – und das in einer absoluten Abstiegskampfsaison.
Oder in Hoffenheim.
Mathias Liebing: Absolut. Das sind, glaube ich, zukünftige Probleme, die der Profi-Fußball abseits der großen Traditionsstandorte haben wird. Aber bleiben wir in meiner Wahlheimat: Leipzig ist eine Stadt, die mit Lok Leipzig und Chemie Leipzig noch zwei weitere Vereine hat. Wenn ich mir Chemie anschaue, macht es in dieser Saison nicht unbedingt nur Spaß, sich dort den Fußball anzugucken: vierte Liga, Abstiegszone – das sieht nicht gut aus. Aber trotzdem: Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sie spielen würden, sind da 4999 Zuschauer. Das finde ich schon eine relevante Größe, eine relevante Anzahl an Fans. Das sind drei Clubs in einer Stadt, und dort hat sich diese große Wut und große Abneigung zwischen den Vereinen – und insbesondere gegenüber RB Leipzig – wirklich gelegt. Die Situation hat sich normalisiert, das Verhältnis der Vereinsverantwortlichen untereinander ohnehin. Darüber hinaus auch zwischen den Vereinen: Die kommen schon ganz gut klar miteinander, die Felder sind abgesteckt, die Stadt und das Umland sind groß genug, damit alle irgendwie etwas davon haben. RB Leipzig braucht auch dringend einen stabilen Zweitligisten in der Nähe, um seine Talente zu parken, damit die sich ein, zwei Jahre austoben können.
Zurück zu Ihrem Buch: Interessant fand ich Ihre Ausführungen über Walter Toussaint, den Sportfunktionär, der eigentlich aus einem ganz anderen Bereich kam – aus dem Volleyball –, und der dann ab Mitte der 80er den Fußball nach vorne bringen sollte. Sie beschreiben ein Treffen zwischen ihm, Vertretern des DFB und Sponsoren kurz nach der Wende. Da sagte ihm ein West-Vertreter, dass die DDR eigentlich die besseren Konzepte in Sachen Fußball hätte. Trotzdem ist er abgeblitzt mit seinen Plänen. Das ist interessant, denn allgemein hat der Sport in Deutschland nach der Wende ja noch sehr von der DDR-Kaderschmiede profitiert – wenn ich an Olympia 1992 denke, an Wintersport oder Leichtathletik. Sie hatten eindeutig die besseren Konzepte. Wieso glauben Sie, war das beim Fußball nicht so der Fall?
Mathias Liebing: Dieses Profitieren gab es beim Fußball erst später. In der direkten Nachwendephase gab es zunächst dieses Ausbluten. Die 150 Spieler, die gewechselt sind, sind nur der eine Teil – das sind die, die man kennt. Hinzu kommt eine Heerschar an jungen Talenten, die im jugendlichen Alter mit ihren Familien dann beispielsweise nach Uerdingen gewechselt sind. Das Beispiel gebe ich ja auch: Uwe Dern vom FC Carl Zeiss Jena erzählte uns, dass Talente nach Uerdingen gelockt wurden, weil es dort ein Nachwuchsinternat gäbe. Er sagt: Das gab es nicht. Da wurde auf Asche gespielt, während es in Jena 12 Rasenplätze gab.
Trotzdem ist aus heutiger Sicht unverständlich, warum die Expertise aus der DDR nicht stärker genutzt wurde.
Mathias Liebing: Man darf es auch nicht romantisieren: Die DDR-Oberliga hatte Ende der 80er ebenfalls ihre Schwierigkeiten. Sie hatten auf europäischer Ebene ein Stück weit den Kontakt verloren; da gab es nur noch Dynamo Dresden, die da noch richtig mitspielen konnten. Sie hatten aber Pläne in der Schublade – und auch schon in der Umsetzung. Ich fand es herzergreifend, wie mir Walter Toussaint mit Mitte 80 in seiner Wohnung erzählte, die Wende wäre drei Jahre zu früh gekommen. Es hätte noch funktioniert, sagt er. Seine Leidenschaft und Passion sind wirklich bemerkenswert. Letztlich war es ja auch diese junge Generation – diese Sammers, Kirstens, Dolls, Thoms, wie sie alle heißen. Die hätten auch in der DDR ihren Weg gemacht, aber der DDR-Fußball war schwierig aufgestellt. Sie haben anders trainiert. Norbert Nachtweih hat mir gesagt, dass er die ersten zwei, drei Jahre in Frankfurt nicht geschwitzt hat, weil er im Osten anders trainiert hat. Gleichzeitig haben sie in der DDR aber Taktik und Individualität ein bisschen vernachlässigt.
Also eher das Körperliche – sodass die Spieler sehr fit waren, während die Spielidee eher hintenanstand?
Mathias Liebing: Exakt. . Es hat eine Weile gedauert, bis das Beste aus beiden Welten zusammengefunden hat. Im Prinzip hat es bis zur WM 2006 gedauert, als mit der Personalie Matthias Sammer als Sportmanager die Veränderungen beim Deutschen Fußballbund kamen. Er hat da viel verändert und viel von seiner Sozialisation, seinem Wissen und seiner Art der Wissensvermittlung mit eingebracht. Er hat beim DFB zum ersten Mal wirklich etwas verändert.
Komischerweise fällt sein Name den meisten Fußballfans gar nicht so ein, wenn man über diese Zeit spricht. Da denkt man an Klinsmann, Löw – aber dass Sammer auch einen großen Beitrag geleistet hat, geht ein wenig unter.
Mathias Liebing: Definitiv. Er hat viele Zweikämpfe auf dem Flur in der Otto-Fleck-Schneise gewonnen. Ralf Minge hat das schön formuliert: Einige hätten, wenn Sammer in Frankfurt über den Flur gegangen ist, ihre Büros abgeschlossen – von innen (lacht).
Wir kennen Matthias Sammer ja alle: ein ganz besonderer Typ.
Mathias Liebing: Er hat wirklich viel verändert, viel getan. Allerdings ist das ja ein Hybrid. Wenn man sich heute die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten anschaut, muss man auch nicht alles gut finden. Die haben auch viele Fehler gemacht. Aber das ist ein System wie in der DDR mit den Kinder- und Jugendsportschulen. Das war die Grundlage – und davon hat der Westen erst spät profitiert. Persönlich muss ich sagen: Theo Zwanziger, der damalige DFB-Präsident, war einer, der es wirklich ernst gemeint hat.
Vorher wurde aus westlicher Sicht vieles verschlafen, oder?
Mathias Liebing: Es gibt diese schöne Geschichte von Frank Engel, der lange für den Nachwuchsbereich der DDR verantwortlich war und dem wir Sammer, Kirsten und Doll mit zu verdanken haben. Er war bei einem Trainerkongress auf Sylt. Dort traf er auf die Verantwortlichen der Landesverbände und stellte seine Konzepte vor. Die DDR hatte in den späten 80ern an der Deutschen Hochschule für Körperkultur der DHfK in Leipzig quasi ein Scoutingsystem entwickelt, das hochmodern war – viel moderner als das, was es in der Bundesliga gab. Die Antwort der westdeutschen Kollegen am Biertisch fiel dann recht ruppig aus: „Lieber Herr Engel, wer ist denn 1990 im Sommer Weltmeister geworden – Sie oder wir?“ Und damit war das Thema erledigt.
Im Nachhinein völlig blind. Natürlich ist das auch aus der Euphorie geboren, aber dass man da nicht früher viel mehr von der Expertise profitiert hat, ist im Nachhinein schwer zu verstehen.
Mathias Liebing: Das Zitat von Franz Beckenbauer? „Wir sind auf Jahre unschlagbar.“ Das hat man ihm um die Ohren geschlagen.
Im Nachhinein war das ein wenig unfair, weil Franz Beckenbauer ja auch für solche Bonmots bekannt war.
Mathias Liebing: Ich glaube, dass er das gut gemeint hat. Er war jemand, der dieses System wirklich verstanden hat, der sich auch dafür interessiert hat. Da kommt auch wieder Norbert Nachtweih ins Spiel: Er war ein Lieblingsspieler von Franz Beckenbauer. Beckenbauer hat sich viel mit ihm unterhalten, viel gefragt und wusste, dass Kleinigkeiten entscheidend sind – etwa eine beidfüßige Ausbildung. Die war in der DDR einfach weit verbreitet, darauf haben die Trainer geachtet. Man hatte festangestellte Jugendtrainer, die sehr engagiert gearbeitet haben. All diese Dinge brauchten eine ganze Weile, bis sie im gesamtdeutschen Fußball angekommen sind.
Was glauben Sie: Was hätte damals passieren müssen, damit ostdeutsche Klubs besser mitgenommen worden wären? Denn obwohl das für die Clubs im Osten schlecht gelaufen ist, gab es eben diese kapitalistischen Regeln, den freien Markt – nach dem Motto: Der Markt regelt alles. Das war ja lange ein Credo. Hätte man dem etwas entgegensetzen müssen?
Mathias Liebing: Das Wesentliche ist, dass die ostdeutschen Entscheidungsträger einfach keine Ahnung vom Markt, also dem Business Profi-Fußball, hatten. Die DDR war ein Land, in dem es kein Marketing, keine Öffentlichkeitsarbeit, kein Sponsoring in dem Sinne gegeben hat. Und man kann es den Leuten, den Verantwortungsträgern, finde ich, bis in die Nullerjahre hinein nicht vorwerfen, dass diejenigen, die so sozialisiert worden sind, davon keine Ahnung hatten. 2006 habe ich es beim FC Carl Zeiss Jena erlebt: Da hätte man sich vielleicht besser beraten lassen müssen. Das sind eben auch die Fehler, die im Ostfußball in den Nullerjahren und Zehnerjahren gemacht worden sind – dass man diesen Wissenstransfer, der eigentlich in den Neunzigerjahren vom Deutschen Fußballbund hätte erfolgen müssen, dann selbst hätte organisieren müssen. Das war zu wenig, das war eher eine Hauruckaktion. In Jena habe ich es erlebt: engagierte Leute, eigentlich auch ein Verein, der auch von der wirtschaftlichen Geschichte her etwas zu bieten hat.
Also eigentlich die richtigen Voraussetzungen.
Mathias Liebing: Allerdings nur im Prinzip. In den Jahren nach der Wende etablierte sich der Verein zumindest in der zweiten Bundesliga, aber spätestens, als sich der Carl-Zeiss-Konzern wirtschaftlich wiedervereinigt hat und die Zentrale nach Oberkochen in Baden-Württemberg abgewandert ist, wurde es schwierig. Mittlerweile ist Jena aber ein Positivbeispiel – auch wenn es in dieser Saison offenkundig wieder nicht mit dem Aufstieg in die dritte Liga klappt. Dort entstehen Strukturen. Da ist ein Stadion, das erstligatauglich ist.
Das ganze Konstrukt, von der vierten in die dritte Liga aufzusteigen, ist aber auch eine Katastrophe – zumindest im Osten. Das ist ein Nadelöhr, durch das viele Ostvereine einfach nicht kommen.
Mathias Liebing: Die Entscheidungen, die dort in den vergangenen Jahrzehnten getroffen worden sind, sind völlig überholt. Viele Vertreter der Landesverbände wehren sich gegen eine Aufstiegsreform. Es ist ja nicht nachvollziehbar, dass der Südwesten und der Westen jeweils einen festen Aufsteiger hat und dann noch der Zweite in die Relegation darf. Wo ist da eine Gleichgewichtung? Aber das sind verkrustete Verbandsstrukturen, die bis heute verteidigt werden.
Aber abgesehen davon hat sich auch vieles verbessert.
Mathias Liebing: Mittlerweile ist eine annähernde Chancengleichheit da, und das ist mir auch ganz wichtig. Die Intention des Verlags war die Aufarbeitung dieser frühen Wendephase, um sie in Erinnerung zu rufen. Das muss auch einmal so erzählt werden. Andererseits gibt es aber auch diese zweite Phase, die 15 Jahre zurückliegt: diese selbstverschuldete Inkompetenz der Ostvereine. Auf der anderen Seite ist jetzt eine Phase erreicht, in der ganz viel funktioniert. Schauen wir uns Standorte wie Chemnitz, Erfurt oder Dresden an, wo innovative Unternehmen entstehen, die dann als Sponsoren auftreten. In Jena gibt es etwa eine gemeinsame Vermarktung des Fußballvereins zusammen mit dem Frauenfußballclub und dem Basketballverein. Da wird ein kulturelles Freizeitangebot geschaffen – das funktioniert extrem gut.
Hier im Westen gibt es auch viele Vereine, die sportlich abgesackt sind. Manche wie Duisburg, Aachen oder Essen berappeln sich wieder, andere sind verschwunden. Da könnte der Osten sogar beispielhaft sein.
Mathias Liebing: Diese Transformationsprozesse mussten in Ostdeutschland einfach auf die harte Tour gelernt werden. Die Vereine dort haben jetzt durchaus einen Erkenntnisvorsprung. Schauen wir uns Vereine wie den Chemnitzer FC an, der über Jahrzehnte hinweg unheimliche Probleme in seiner Kurve hatte: Die haben es auf die harte Tour lernen müssen, dass es so nicht funktioniert. Und dann gibt es Leute, die das Ruder herumreißen wollen – ob es erfolgreich ist, muss man sehen. Chemnitz ist eine wirtschaftlich sehr innovative Stadt: viele Start-ups, viele Tech-Firmen. Im sportlichen Bereich gibt es dort Bundesliga-Vereine, die dem Chemnitzer FC einiges vormachen. Der Chemnitzer Basketballverein ist dort einfach eine Riesennummer geworden. Oder meine Lieblingssportart Floorball: Da sind dann 800 bis 1000 Zuschauer bei ihren Event-Spieltagen. Die erreichen Familien, die erreichen junge Leute – das ist weltoffen, das ist nach vorn gedacht, das ist innovativ. Und da steht so ein traditionsreicher Fußballverein wie der CFC unter Leistungsdruck: Die müssen auch liefern. Schön ist, dass sich da etwas tut.
Eine letzte Frage dreht sich noch um Union Berlin. Union war in der DDR ein Verein, der nicht vergleichbar war mit anderen Vereinen. Ist es vielleicht auch deshalb kein Zufall, dass gerade die heute so gut dastehen?
Mathias Liebing: Union war kein Spitzenverein im Osten. Sie sind immer ihren eigenen Weg gegangen, und letztlich haben sie sich wirklich „empowert“, wie man heute sagen würde. Da sind Leute in Verantwortung getreten, die wussten, wie es wirtschaftlich geht, die ihre ersten erfolgreichen Meter in ihrem Unternehmen gemacht haben. Dirk Zingler und seine Leute machen das bis heute. Sie sind in die Verantwortung gegangen, haben mutige Entscheidungen getroffen und wurden belohnt. Damit macht der Verein wirklich etwas. Es geht wirklich darum – Dirk Zingler hat mir das anschaulich beschrieben –, dass es im Trainerzimmer und beim Sportdirektor um Kompetenzen geht, die man austauschen kann, um neue Wege, die sich mit neuen Personen verbinden. Aber in sein Forsthaus kommen Leute aus Köpenick und aus der Umgebung, und da hat auch kein Fußballer etwas zu suchen, außer er ist speziell ausgebildet. Im wirtschaftlichen Bereich arbeitet dort ein ehemaliger Torhüter – das ist der Einzige, der früher einmal die Fußballschuhe anhatte. Er sagt: Wir brauchen Expertise, wir brauchen lokale Verbundenheit, und wir müssen wissen, wie die Leute hier bei uns ticken. Und das machen viele Vereine – nicht nur in Ostdeutschland – falsch: Damit geht viel Identität verloren und eine ganze Menge Potenzial. In dieser Hinsicht ist Union absolut besonders.
Auch die Geschichte mit dem Stadion, das die Fans mitgebaut haben – das war damals fast zu schön, um wahr zu sein.
Mathias Liebing: Absolut romantisch. Jetzt stehen da die großen Bauunternehmen und bauen das Jugendinternat – das machen die Fans jetzt nicht mehr selbst (lacht).
„Plattgemacht – Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“ erscheint bei Edel Sports.