Ungewöhnliche Kindheit

Kirsten Nehberg: "Glaub an das Unmögliche"

29.06.2026, 02.00 Uhr
Kirsten Nehberg schildert in ihrem neuen Buch die Abenteuer und Herausforderungen, die sie als Tochter des bekannten Survival-Experten Rüdiger Nehberg erlebte. Von ABBA-Besuchen bis hin zu monatelangen Reisen: Ein Leben am Rande der Norm.

Kirsten Nehberg, Tochter des Abenteurers und Survival-Experten Ruediger Nehberg, hat ein Buch über ihre außergewöhnliche Kindheit geschrieben. Im Gespräch erzählt sie von einem Vater, der Grenzen neu definierte – und davon, wie sie das Aufwachsen an seiner Seite für das Leben geprägt hat.

prisma: Ihr Vater Rüdiger Nehberg, bekannt als „Sir Vival“, ist mir zum ersten Mal als Kind begegnet – in Kindersendungen, wo er Würmer gegessen hat. Mein erster Eindruck war: Das ist jemand, der auf Augenhöhe mit Kindern ist. Bestätigt Ihr Buch, das Ihr Leben mit Ihrem Vater thematisiert, dieses Bild?

Kirsten Nehberg: Ja, absolut. Er war wirklich für jeden Unsinn zu haben. Man muss sich vorstellen, dass er auf Vortragsreisen war, hunderte Kilometer am Stück gefahren ist, alles alleine gemacht hat. Und trotzdem ist er mitten in der Nacht bei Glatteis aus Hannover nach Hause gekommen, um mit mir im Schnee zu spielen. Das hat er getan, weil mir das wichtig war. Rückblickend ist mir klar, wie viel ihm Zeit bedeutet hat – und dass er sich diese Zeit trotzdem freigeschaufelt hat, rechne ich ihm hoch an. 

Ihr Vater war regelmäßig monatelang unterwegs. 

Kirsten Nehberg: Drei bis sechs Monate im Schnitt. Er hatte seine Planungen, sagte, wie lange er ungefähr wegbleiben würde – aber das lässt sich natürlich nicht immer genau abschätzen. Wenn man in Gefangenschaft gerät, zum Beispiel, verschiebt sich alles. Er war mit zwei Freunden in Jordanien in fünf verschiedenen Gefängnissen. Man hielt sie für Spione. Zunächst hieß es, sie müssten ein Jahr bleiben. Sie hatten bereits überlegt, auszubrechen, wenn das Gericht das bestätigen würde. Am Ende waren sie 42 Tage dort. Die Anekdote, die mich dabei am meisten beschäftigt: Die drei Bäcker haben sich im Gefängnis gelangweilt und kurzerhand angefangen unter anderem die Gefängnisküche zu putzen – deutsche Gründlichkeit eben.

Welchen Stellenwert hatte Zeit für ihn?

Kirsten Nehberg: Für ihn war Zeit unglaublich wertvoll. Er war immer voll in seine eigenen Projekte vertieft. Ich habe das als Kind nicht so wahrgenommen, aber im Rückblick weiß ich es zu schätzen: Er 
hat sich für unsere gemeinsame Fahrradtour durch Schweden – um ABBA zu besuchen – komplett sechs Wochen freigehalten – Fahrradfahren und Campen machten ihm natürlich auch selbst Spaß. An der Tür von Björn Ulvaeus zu klingeln wollte er aber nicht, weil es ihm peinlich war. Trotzdem hat er mir diese Reise ermöglicht. Das 
rechne ich ihm hoch an. 

Ihr Vater hat Ihnen viel zugetraut. Wurden Sie dadurch schneller selbstständig?

Kirsten Nehberg: Ich musste. Meine Eltern haben beide gearbeitet, und ich musste mich von klein auf um vieles selbst kümmern. Ich habe mich zum Beispiel mit fünf Jahren alleine im Krankenhaus für eine Operation angemeldet – Nabel- und Leistenbruch. Das war einfach so, weil meine Eltern arbeiteten. Es war Normalität. Ich habe dadurch keinerlei Probleme damit, irgendwo hinzufahren und mich alleine zurechtzufinden – in einer Großstadt, in einer fremden Situation. Manche Freunde sagen: „Oh, nach Indien alleine?“ – solche Gedanken kenne ich gar nicht.

Sehen Sie das heute im Rückblick kritisch?

Kirsten Nehberg: Ich habe Phasen gehabt, in denen ich dachte: Das war ja nicht immer leicht. Aber das Schreiben des Buches hat mir geholfen, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Und wenn ich meine Kindheit mit dem vergleiche, was Kinder in Kriegsgebieten erleben – oder was im Yanomami-Gebiet in Brasilien passiert –, dann war bei mir im Grunde genommen alles noch in Maßen. Ich hatte sehr viel Glück.

Wir haben es eben schon einmal angerissen: Ihr Vater war für drei bis sechs Monate auf langen Reisen. Wussten Sie als Kind, wie gefährlich diese waren?

Kirsten Nehberg: Nein, das wusste ich als Kind nicht. Für mich war es Alltag: Er fährt weg, dann kommt er wieder, oder wir holen ihn ab und verbinden das mit einem Urlaub. Mir wurde die Gefährlichkeit erst bewusst, als Michael Teichmann, Kameramann der Blauer-Nil-Exepedition 1975 von Rebellen erschossen wurde. Das hat mich traumatisiert. Ich habe danach jeden Tag in der Schule angefangen zu weinen, weil ich überzeugt war, dass mein Vater ebenfalls – just in diesem Augenblick – erschossen worden sei. Wenn meine Klassenlehrerin nach Hause kam und ihr Mann sie fragte: Wie war's heute? Dann meinte sie: Ja, Dramaqueen hat wieder Drama gemacht. Das war schon schwierig, aber gut, das gehört ebenfalls zum Leben. Andererseits kann ich die Lehrerin auch verstehen, das ist schon anstrengend und herausfordernd, da jeden Tag ein heulendes Kind sitzen zu haben.

Wie hat Ihr Vater auf Ihre Angst reagiert?

Kirsten Nehberg: Er hat es direkt angesprochen und mir gesagt, ich solle damit aufhören, das sei ja peinlich. Das klingt hart, aber er war nun einmal nicht der Typ für psychologische Gespräche. Er ist selbst im Krieg aufgewachsen, sein Bruder ist im Krieg gestorben. Empathie war durchaus vorhanden, aber sie zeigte sich nicht auf diese Weise. Er musste als Kind selbst funktionieren – und das hat er eben ein Stück weit so an mich weitergegeben. Trotzdem: Nachdem er es angesprochen hatte, konnte ich mich tatsächlich zusammenreißen.

Wurde Ihr Name als Kind auch zum Problem?

Kirsten Nehberg: Von meinen Klassenkameraden nicht – für die war mein Vater eben mein Vater. Aber von Fremden wurde ich schon angegangen, bis hin zum Bespucken. Deswegen habe ich meinen Nachnamen jahrelang nie genannt. Ich habe wirklich erst vor zwei Jahren, als wir die Dokumentation „Tatucana Nara und die Toten im Dschungel“ gedreht haben, offen dazu gestanden: Das ist mein Leben, das gehört zu meinem Weg. Seitdem stehe ich dazu.

Hat er von der Aufmerksamkeit, die sein Name erzeugte, auch profitiert?

Kirsten Nehberg: Natürlich, er hat Tausende von Vorträgen gehalten und dadurch seine Bücher verkauft. Das Bild des „Würmerfressers“ war für die Presse natürlich eine tolle Geschichte – und er hat das selbst so einkalkuliert. Gleichzeitig war es für ihn keine Show: Er hat das wirklich gemacht, weil er wissen wollte, ob er überleben kann. Für seine Expeditionen in Brasilien war es wichtig. Und natürlich wollte er auch, dass ich weiß, wie Regenwürmer schmecken – nämlich nach Erde und Sand, Mehlwürmer nach fast nichts.

Sie sind dann auch wirklich mit ihm auf solche Trips gegangen?

Kirsten Nehberg:  Nein, wir haben ihn nur im Nachgang abgeholt. 

Berühmt ist auch sein Film über den Deutschland-Marsch. Der ist heute noch auf YouTube zu sehen. Da ist er ohne Geld 1000 Kilometer durch das Land gelaufen, hat sich dann von allem ernährt, was er finden konnte. Da waren dann auch mal tote Tiere am Wegesrand dabei. 

Kirsten Nehberg: So etwas hat er mir nicht zugemutet, darauf wäre er nie gekommen. Diese Tour war eine Vorbereitung für seine Brasilien-Reise. Da hat er sich filmen lassen, um das auch verwerten zu können: Buch, Film, seine Vorträge. Einfach, damit er Geld verdienen und dann wiederum seine Projekte finanzieren konnte. Mein Vater wollte immer alles selber finanzieren. Für ihn war es wichtig, das ohne mich alleine zu machen. Ich wäre Ballast gewesen, gerade als schwächere Person. 

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie als Zwölfjährige bei ABBA geklingelt haben. Wie kam es dazu?

Kirsten Nehberg: Das war die Fahrradtour durch Schweden, von der ich schon erzählt habe. Wir sind nach Schweden gefahren, um ABBA zu suchen und zu besuchen. Bei uns zu Hause war es an der Tagesordnung, dass Leute klingelten und wir sie reingelassen haben, wenn wir Zeit hatten. Deswegen bin ich als Zwölfjährige ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass das bei ABBA genauso funktioniert. Und es hat funktioniert. Ich war damals zwölf – man denkt noch nicht so viel nach. Björn Ulvaeus hat mir die Tür geöffnet und mich hereingebeten. 

Würde das heute noch funktionieren?

Kirsten Nehberg: Ich glaube eher weniger. Heute würde man bei einem Megastar eher nicht mehr so einfach hereingelassen werden. Aber damals war es unkomplizierter. Und ich finde es bis heute schön, dass er das gemacht hat – wobei er später in einem Interview erwähnte, dass er es manchmal auch anstrengend fand, wenn Fans einfach klingelten.

Ihr Vater hat noch miterlebt, wie Survival-Formate im Fernsehen ein Massenphänomen wurden. Was hat er dazu gesagt?

Kirsten Nehberg: Man hat ihn beim ersten Dschungelcamp gefragt, ob er die Kandidaten trainieren möchte. Er hat abgelehnt. Er meinte, das interessiere ihn nicht, und: „Ich habe keine Zeit für so einen Quatsch.“ Er war einfach immer ausgelastet – Projekt für Projekt, dazu noch seine Tätigkeit als Bäcker. Morgens aufstehen, arbeiten, nach Hause, sich eine halbe Stunde auf Ohr hauen, Kaffee trinken, dann los mit seinen Projekten. 

Sein moralischer Kompass war manchmal sehr direkt – zum Beispiel bei der Geschichte mit der Schuhputzmaschine im Hotel, von der Sie erzählen. Da hat er quasi als Rache auf eine schlechte Behandlung Teile des Hotel-Inventars – sagen wir mal – außer Gefecht gesetzt. 

Kirsten Nehberg (lacht): Ja, er hat einfach das Kabel durchgeschnitten – neben noch anderen Dingen, weil es am Morgen einen Konflikt beim Frühstück gab. Meine Mutter hat das in diesem konkreten Fall ebenso gesehen. Aber er hat nie einen Filter gehabt – so wie er in Brasilien oder in der Danakil-Wüste war, so war er auch zu Hause. Komplett authentisch, direkt, ohne Kalkül. Wenn ihn etwas geärgert hat, hat er es gesagt. Auch wenn ein Fan mal genervt hat, dann hat er das auch mitgeteilt. Das ist einerseits eine tolle Charaktereigenschaft – man eckt damit aber manchmal auch.

Was würde Ihr Vater zu Ihrem Buch sagen?

Kirsten Nehberg: Er würde es total unterstützen. Er würde sagen: „Mach, mach – und das musst du noch reinschreiben, und das auch noch!“ Er hätte wahrscheinlich auf einige Geschichten gedrängt, die ich bewusst weggelassen habe, weil ich dachte, das bewegt sich zu stark in der Grauzone. Es gibt noch weit härtere Episoden – der Verlag war da auch achtsam. Er selbst hat ja immer sehr alles rausgehauen.  

Wie laufen Ihre Lesungen bisher?

Kirsten Nehberg: Sehr gut, das sind schöne Veranstaltungen. Was mich besonders bewegt: Die Menschen, die kommen, kennen meinen Vater alle persönlich und haben ihre eigene Geschichte mit ihm. Bei einer Lesung in Tostedt zum Beispiel war die Tochter eines Mannes dabei, der meinem Vater damals die Terrarien gebaut hatte, die in unserem Schlangenraum standen, und von denen ich im Buch erzähle. Und es waren zwei Gäste aus dieser Zeit anwesend, die wirklich bei uns im Schlangenraum gewesen sind. So kommen plötzlich Erinnerungen zusammen, die ich gar nicht kannte.

Was möchten Sie, dass die Leser über Ihren Vater mitnehmen?

Kirsten Nehberg: Vor allem die Antwort auf die Frage, die mir am häufigsten gestellt wurde: Hattest du Angst um ihn? Wie war das, als seine Tochter aufzuwachsen? Was hast du von ihm gelernt? Ich hoffe, das Buch gibt den Menschen einen ehrlichen Einblick. Und darüber hinaus möchte ich die Botschaft mitgeben, die auch mein Vater gelebt hat: Glaub immer an das Unmögliche. Wer an Möglichkeiten glaubt, entdeckt neue Wege.