Die Loveparade war mehr als ein Musikevent – sie war ein kulturelles Phänomen, das Berlin in den 1990er-Jahren neu erfand und Millionen Menschen bewegte. Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh haben die Geschichte weitergeschrieben: Mit „Rave the Planet“ feiern sie am 15. August bereits die fünfte Auflage – als Demonstration für Technokultur, gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Recht auf freien Ausdruck. Ein Gespräch über Neuanfänge, UNESCO-Kulturerbe und die Frage, was Techno wirklich bedeutet.
prisma: Einer der ersten Sätze, der in der Dokumentation fällt, lautet sinngemäß: „Wir fangen wieder bei null an.“ Hat sich das wirklich so angefühlt – als ob eine ganz neue Geschichte beginnt?
Dr. Motte: Ja und nein. Ja, weil wir eine neue gemeinnützige GmbH gegründet haben, weil wir die Geschichte weiterzählen wollen und weil wir uns vorgenommen haben, nicht einfach nur die Parade zu machen, sondern etwas viel Bedeutenderes anzugehen. Uns war von Anfang an wichtig, die Berliner Technokultur als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen. Dafür haben wir zwei Jahre lang geschrieben und eingereicht – und im März 2024 kam dann die E-Mail von der UNESCO Deutschland: Herzlichen Glückwunsch. Das war also auch in gewisser Weise etwas ganz Neues. Wir hatten am Anfang gute Unterstützer und eine solide Anschubfinanzierung. Irgendwann haben wir uns dann selbstständig gemacht – das war so 2021/2022. Heute sind wir ein sehr gutes Team, das sich mit vielen Freiwilligen weiterentwickelt hat.
Rave the Planet geht am 15. August in die fünfte Auflage. Ist das Ding jetzt etabliert, fest im Kalender – und läuft es?
Dr. Motte: Es ist immer wahnsinnig viel Arbeit. Wir sind wirklich nur eine Handvoll Leute – sagen wir zwei Hände voll –, dazu ein paar externe Helfer. Ellen schläft nachts mit dem Laptop ein und wacht damit auf. 2022, beim allerersten Mal, war das genauso. Danach haben wir zwei Monate gebraucht, um uns zu erholen. Das war ein krasser Kraftakt.
Ellen Dosch-Roeingh: Wir haben das komplette Event 2022 innerhalb von drei Monaten auf die Beine gestellt – weil bis zuletzt unklar war, ob wir es wegen möglicher Corona-Auflagen überhaupt durchziehen können. Dann haben wir gesagt: Der CSD hat 2021 stattgefunden, zwar unter Auflagen, aber er hat stattgefunden. Also machen wir das jetzt auch. Wir waren schlicht mit unserer Geduld am Ende. Wir ziehen es durch – notfalls mit Masken.
Dr. Motte: Wobei wir lange gezögert haben, weil wir dachten: Ein echter Rave mit Masken geht nicht. Aber irgendwann war auch klar, dass es an frischer Luft keine relevanten Übertragungsrisiken gibt.
War das gutes Timing – ausgerechnet dann zu starten, als Corona zu Ende war und die Leute endlich wieder raus wollten?
Dr. Motte: Ich würde es so sehen: Zwei Jahre Ausfall haben der Kultur enormen Schaden zugefügt. Viele Künstler hatten Depressionen, weil die Auftrittsmöglichkeiten weggebrochen waren. Die Livestreams waren kein Ersatz – es gibt keinen Ersatz für Clubs, für kuratierte Programme, für eine gute Soundanlage, für das gemeinsame Erleben von Musik und Tanz. Unsere Kultur hat ihre Wurzeln womöglich bis in die Sechzigerjahre. Seitdem hat sich der Sound verändert, die Technologie hat sich entwickelt – aber das gemeinsame Tanzen lässt sich nicht digitalisieren.
Ellen Dosch-Roeingh: Ich bin davon überzeugt, dass es 2020 genauso fantastisch geworden wäre – die Szene hatte Bock auf diese Parade, das haben wir vorher in Umfragen klar gespürt. Corona hat uns eher ausgebremst. Und ehrlich gesagt glaube ich sogar, dass 2022 noch größer hätte sein können, wenn nicht so viele Leute noch Angst gehabt hätten. Einige sind gekommen, weil es endlich wieder losging – viele sind aber auch zu Hause geblieben. Das hält sich die Waage.
Dr. Motte: Wir hatten ja schon früh gezeigt, wie viel Rückhalt da ist: Bei unserer Pressekonferenz haben wir ein Modell der Paradestrecke aufgebaut und für jede Spende eine kleine Figur hinzugefügt. Das lief im März 2020 sehr gut an – und dann kam die Pandemie und hat alles einbrechen lassen.
In der Dokumentation sieht man Dich, Dr. Motte, auf dem Wagen beim ersten Rave 2022 – mit Tränen in den Augen. Was hat Dich in diesem Moment so bewegt?
Dr. Motte: Da geht es gar nicht um mich. Ich bin nur der Vermittler, der Kanal – durch mich ist die Idee geflossen, aber die Idee gehört allen. Ich sehe mich als ganz normalen DJ, der eine Idee hatte, die sich zur Kultur entwickelt hat. Was mich bewegt hat: dass wir einfach fortgesetzt haben, was unser ureigenes Ding ist – den Vibe, den Spirit, die Kultur. In meiner Rede wollte ich den Leuten erklären, worum es wirklich geht: Menschen kommen zusammen, lassen den Alltag los, tanzen frei – ohne Pflichten, ohne Erwartungen. Sie nehmen danach mehr Energie mit. Das ist keine Downbeat-Sache – das ist Musik, die nach oben trägt, die befreit.
Ellen Dosch-Roeingh: Ich kann das gut nachvollziehen. Wir standen oben auf dem Wagen, hatten noch so viel zu tun – und draußen wurden es immer mehr Menschen. Als wir vom Brandenburger Tor auf die Straße des 17. Juni einfuhren und die war einfach voll – ich habe Gänsehaut bis zu den Knöcheln bekommen. Ich habe den Kopf rausgestreckt, die Straße runtergeschaut zur Siegessäule: alles voll. Ich habe angefangen zu weinen. So etwas gibt es einfach nicht. Es war unfassbar.
Wie wichtig ist es für Euch, dass Rave the Planet als Demonstration angemeldet ist – und nicht als kommerzielle Veranstaltung?
Ellen Dosch-Roeingh: Das ist für uns grundlegend wichtig. Das Versammlungsrecht ist durch Artikel 8 des Grundgesetzes geschützt. Und nirgendwo steht geschrieben, dass eine Demonstration mit ernstem Gesicht und Bannern stattfinden muss. Wir demonstrieren für etwas – für Technokultur, für gesellschaftlichen Zusammenhalt, für das Recht auf freien Ausdruck. Das kann auch nonverbal geschehen, mit Freude, mit Tanz. Die Love Parade hat diese besondere Form der Demonstration erfunden. Daran halten wir fest.
Dr. Motte: Das wird auch von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gestützt. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat im Zusammenhang mit dem sogenannten Brokdorf-Urteil auf den weit gefassten Begriff von Versammlung hingewiesen: Es genügt die körperliche Anwesenheit von Menschen, die ein gemeinsames Thema unterstützen. Und das ist es, was bei Rave the Planet passiert: Menschen kommen zusammen – egal welche Hautfarbe, welche Herkunft, welcher Status. Wir kommen als Menschen in Freundschaft zusammen.
In der Dokumentation wird deutlich, dass der Verlust des Demonstrationsstatus die Loveparade stark beschädigt hat – weil dann die Kommerzialisierung kommen musste. Seht Ihr das auch so?
Ellen Dosch-Roeingh: Das ist sehr verkürzt – es gehören viele Facetten dazu. Auslöser war ein juristisches Problem im Jahr 2001: Auf unserer angemeldeten Strecke hatte eine kleine Gegendemo bereits ihr Datum eingetragen – und war schneller als wir. Die Stadt Berlin entschied nach dem Prinzip „First come, first serve“. Das würde heute wohl anders gehandhabt. Wir haben dann versucht, unser Recht einzuklagen – und haben durch alle Instanzen verloren: Verwaltungsgericht Berlin, Oberverwaltungsgericht Leipzig, schließlich Karlsruhe. Wobei im abschließenden Urteil explizit festgehalten wurde, dass eine nonverbale Versammlung dieser Art grundsätzlich möglich sein muss. Da wurde also bewusst ein Schlupfloch offengelassen.
Dr. Motte: Wir hatten es damals mit dem CDU-geführten Berliner Innensenator Wertebach zu tun, der schlicht nicht mit uns geredet hat. Wir haben Pressekonferenzen gemacht, Erklärungen veröffentlicht – ohne Wirkung. Was dann folgte, war ein großer Schaden für Berlin: 2004 gab es kein Geld mehr, die Stadt hat keine Unterstützung gewährt. Dabei haben wir für Berlin etwas Einzigartiges entwickelt: junge Kreativität in eine Stadt gebracht, die nach dem Zweiten Weltkrieg kaum internationale Strahlkraft hatte. Wir haben einen echten Imagewandel bewirkt.
Ellen Dosch-Roeingh: Die Loveparade war die vielleicht wirkungsvollste Imagekampagne, die sich Berlin je hätte wünschen können – und sie ist ohne politisches Zutun entstanden. Keine staatliche Kampagne hat auch nur annähernd das geschafft, was die Love Parade für das Bild Berlins und Deutschlands in der Welt geleistet hat. Dafür hätte sie Anerkennung verdient. Zum Glück hat sich das inzwischen geändert.
War der Vorwurf der Kommerzialisierung überhaupt fair? Wie soll man ein Event dieser Größe ohne Sponsoren finanzieren?
Dr. Motte: Das sehe ich genauso wie damals: Wenn wir etwas tun, das nachhaltig für alle ist, sollte die Industrie dazu beitragen. Aktuelle Studien zeigen, dass jeder in Kultur investierte Euro mindestens 3,50 Euro zurückbringt. Ein kanadischer Forscher hat auf der Berliner Konferenz „Stadt nach 8“ deutlich gemacht: Die Gesamtheit der Kultur ist für Berlin die stärkste und bundesweit die zweitwichtigste Wirtschaftskraft nach der Automobilindustrie. Der jährliche Umsatz allein in Berlin liegt im Milliardenbereich.
Ellen Dosch-Roeingh: Man muss irgendeinen Weg finden, das Ganze zu finanzieren – sonst ist Kultur schlicht nicht möglich. Wir sind sehr dankbar, dass die Stadt Berlin erkannt hat, dass Rave the Planet einen Mehrwert bedeutet und uns entsprechend unterstützt.
Was bedeutet die Anerkennung der Berliner Clubkultur als immaterielles UNESCO-Kulturerbe konkret?
Dr. Motte: Es ist zunächst eine schöne und wichtige Anerkennung: Sie bestätigt, dass Technokultur eine echte Kultur ist – mit informeller Weitergabe von Generation zu Generation, mit eigenen Codes. Gleichzeitig: Es ist keine automatische Gesetzesänderung. Es schützt Clubs nicht von selbst. Die UNESCO betont dabei ausdrücklich den Begriff des Living Heritage – lebendiges Kulturerbe. Es soll nicht nur dokumentiert werden, wie Techno angefangen hat, sondern muss erfahrbar und erlebbar bleiben.
Ellen Dosch-Roeingh: Das UNESCO-Siegel gibt uns in politischen Debatten ein zusätzliches Argument – etwa wenn es um Abwägungen zwischen Lärmschutz und Denkmalschutz geht. Im Bundestag gibt es bereits den Beschluss, Clubkulturstätten als Kulturstätten einzustufen und nicht mehr als reine Vergnügungsstätten. Es fehlt bisher an der Umsetzung. Das UNESCO-Label stärkt unsere Position. Es geht auch darum, in der breiten Bevölkerung Anerkennung zu schaffen: dafür, dass Techno kein beliebiges Party-Festchen ist, sondern eine Kultur mit kuratierten Programmen, eigener Ästhetik und künstlerischer Tiefe – genauso wie die Oper.
Dr. Motte: Konkret geht es um Veränderungen im Bau-, Gewerbe- und Steuerrecht. Berlin ist da schon etwas weiter: Ein Gericht hat nach einer Klage des Berghain festgestellt, dass für Clubs – ob Veranstaltung oder DJ-Abend – grundsätzlich der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent gilt. Das ist eine wichtige Anerkennung.
Hat die UNESCO-Anerkennung der Szene geholfen? Merkt Ihr einen Unterschied – gerade mit Blick auf die Gentrifizierung?
Ellen Dosch-Roeingh: In politischen Diskussionen merken wir deutlich, dass wir jetzt mehr Gehör finden. Es wird noch dauern, bis das wirklich zum Tragen kommt – aber die Kommunikation hat sich verändert. Aktuell sind viele Clubs bedroht: das RAW-Gelände in Friedrichshain-Kreuzberg, oder Kulturstätten entlang der geplanten Verlängerung der A 100, die eigentlich niemand braucht. Da muss man klar sagen: Entweder stoppt man den Autobahnbau – oder man sorgt für vollwertigen Ersatz. Nach den nächsten Berliner Wahlen hoffe ich auf konkrete Gespräche.
Dr. Motte: Wenn man sieht, was gerade am Alexanderplatz passiert – vier neue Hochhäuser gleichzeitig –, macht mir das ehrlich gesagt Angst. Berlin hatte die Traufhöhe als Leitlinie, aber das interessiert Investoren nicht. Und für Neubauten gibt es keinen verpflichtenden Kulturanteil. Das wäre wichtig: mindestens zehn Prozent Kulturnutzung bei jedem größeren Neubau. Nur so bleibt Berlin eine lebenswerte Stadt.
Hat sich das Publikum verändert im Vergleich zur Loveparade-Zeit?
Ellen Dosch-Roeingh: Eine Szene ist etwas Lebendiges – sie verändert sich mit jeder Generation, und das ist gut so. Living Heritage eben. Wir wollen nichts konservieren, sondern weiterentwickeln. Was ich beobachte: Früher gab es mehr Hands-on-Mentalität. Die Szene ist aus sich selbst herausgewachsen, weil unzählige Menschen einfach Bock hatten, etwas zu machen. Bei Rave the Planet schreiben wir das Wort Teilhabe groß: Jeder kann sich einbringen, ob inhaltlich oder organisatorisch.
Dr. Motte: Was einen wirklich großen Unterschied macht, ist Social Media. Die Pandemie hat dazu geführt, dass eine ganze Generation die Kultur nicht mehr informell erleben und weitergeben konnte. Stattdessen kaufen sich heute internationale Großkonzerne in die Szene ein – es geht nicht mehr um die Verbindung zwischen Menschen und Sound, sondern nur noch um Reichweite, Fame, Rendite. Man sieht das an den Events: mehr Handys als tanzende Menschen. Dabei ist Techno entstanden, weil es eine Musikinnovation war: ein monophoner Synthesizer, eine Drum-Machine. Dieser Sound kam aus Chicago und Detroit, traf auf Musik aus Belgien und Berlin – das hat den Sound der Stadt geprägt. Da war der DJ Teil des Gesamtkonzepts, kein Performancestar.
Ellen Dosch-Roeingh: Ich sehe das etwas differenzierter. Es gibt immer noch die kleinen Clubs, wo die Leute wirklich neuen Sound entdecken wollen. Und ja, es gibt auch die Revival-Events – was schön ist, weil man damit die Wurzeln feiert. Motte ist als Künstler rigoroser, ich sehe es offener: Alles hat seine Daseinsberechtigung, solange es aus der Szene heraus entstanden ist. Was schwierig ist, ist der Druck durch internationale Großkonzerne wie KKR, die Teile der Szene aufkaufen. Das spüren wir auch bei Rave the Planet: Auflagen kosten Geld, ein professioneller Sanitätsdienst allein ist enorm teuer. Man ist ein Stück weit gezwungen, kommerziell zu agieren – sonst wäre das alles gar nicht möglich.
Möchtet ihr wieder dahin, dass 1,5 Millionen Menschen kommen – oder ist die Zahl egal?
Ellen Dosch-Roeingh: Es geht nicht um Zahlen. Wir tragen die Höher-Schneller-Weiter-Mentalität nicht mit. Uns ist wichtig, dass das, was da ist, authentisch ist. Letztes Jahr war es wegen Regens etwas weniger besucht.
Dr. Motte: Aber der Vibe war großartig – eine Atmosphäre der Freundlichkeit und des Miteinanders. Das ist es, was zählt. Die 1,5 Millionen bei der Loveparade haben sich übrigens ohne Social Media entwickelt, allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Weil der Spaß und die Innovation die Menschen so berührt haben. Diese Jugendkultur hatte bis dahin gefehlt – und sie hat sich dann manifestiert.
Was sollen Besucher mitnehmen, die zum ersten Mal bei Rave the Planet dabei sind?
Ellen Dosch-Roeingh: Das Gefühl, dass ein besseres Miteinander in dieser Welt möglich ist. Auf dem Dancefloor sind wir alle gleich – ob Banker oder Supermarktkassiererin, der Beat macht uns gleich. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Dieses Gefühl von gesellschaftlichem Zusammenhalt – das können die Menschen mitnehmen. Praktisch gesehen, sollen sie Ohrschutz und Wasser mitbringen (lacht).
Dr. Motte: Mir haben früher viele Menschen erzählt, das sei der schönste Tag ihres Lebens gewesen. Das sagt alles. Und noch etwas: Das hier ist etwas zutiefst Friedensförderndes. Wir kloppen nicht aufeinander – wir tanzen miteinander. Über Musik und Bewegung kommen wir einander näher, entdecken Andersartigkeit und finden Gemeinsamkeiten. Deshalb sagt Dimitri Hegemann vom Tresor-Klub: Techno ist Frieden.
Ellen Dosch-Roeingh: Es geht auch um Wertschätzung für das, was man noch nicht kennt. Musik kann Trauer transformieren, Depressionen lindern, Negativität auflösen – weil man von so viel Freude umgeben ist, dass das Leben neu anfängt.
„Love is Stronger“, ARD-Mediathek
Tipp: Für die „Rave the Planet Afterparty“ gibt es noch wenige Resttickets.
Infos: www.ravetheplanet.com