prisma: Dein neues Album trägt den Titel „Rebellen und Helden“. Was steckt dahinter?
Henry Rauhbein: Das ist für mich eine Betrachtung zweier Lebensabschnitte. In jungen Jahren wollte ich der Rebell sein – auf dem Land, mit langen Haaren und Schlangenleder-Cowboystiefeln. Das war nicht unbedingt das Bild eines angepassten jungen Mannes. Diese Phase hatte ich durchaus inne. Und dann musste ich – und durfte ich auch – mein eigener Held werden. Das ist so ein bisschen der Übergang, den das Album beschreibt.
Du bist in einem kleinen Ort in Nordhessen geboren und aufgewachsen. Hast Du das Dorf je wirklich verlassen?
So oft hat es mich gar nicht weggezogen, wie man vielleicht denken würde. Ein paarmal schon, zur Ausbildung und dann zum Arbeiten. Aber ich bin immer wieder mit großer Freude nach Hause zurückgekehrt. Der Bürgermeister ist übrigens stolz darauf, wie er selbst sagt, jetzt einen „Weltstar" in seiner kleinen Kommune zu haben (lacht).
Du hast einen Song über die Ortschaft geschrieben, nennst es darin “Mein Kaff”. Was hat Dich dazu bewogen?
In erster Linie die Liebe zu meinem Heimatort – und natürlich die vielen wahnsinnigen und ulkigen Geschichten, die das Leben auf dem Land so schreibt. Dazu kommt ein Augenzwinkern und das bewusste Spielen mit Klischees und manchmal vielleicht auch gar nicht so falschen Sichtweisen auf die ländliche Lebensweise. Es ist eine liebevolle Betrachtung.
Schreibst Du generell autobiografisch?
Fast immer. Ich ordne mich selbst keiner Schublade zu und denke mir selten etwas aus, das völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Wenn ich über den Tod schreibe, dann steckt da etwas dahinter, das mich dazu getrieben hat. Wenn ich über den Rausch schreibe, hat das ebenfalls autobiografische Hintergründe. Das ist meine Art zu arbeiten.
Das neue Album klingt an einigen Stellen etwas rauer als frühere Werke, manchmal aggressiver. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich ordne mich selbst nicht ein – das überlasse ich anderen. Aggressionen sind allerdings keine dabei, wenn dann unterschwellige. Und die entstehen nicht aus dem Nichts, sondern weil die Songs autobiografisch sind und echte Erlebnisse widerspiegeln. Ich möchte mich nicht selbst einengen – ich brauche keine Schublade.
Deine andere große Leidenschaft neben der Musik ist Irland. Was zieht Dich dorthin?
Die Mentalität, die Herangehensweise ans Leben, die Irland ausmacht. Die Leute wissen einfach zu feiern und das Leben zu nehmen, wie es ist. Das vermisse ich hier manchmal. Irland hat ein ganz eigenes Flair – wobei man auch viele andere Länder nennen könnte, die ähnlich bereichernde Erfahrungen bieten. Südfrankreich zum Beispiel schätze ich sehr.
Man erzählt sich, dass Du in Irland eine Menge Kneipenkonzerte gespielt und Dein Handwerk dort geschärft hast.
Das war nicht ganz so lang, wie man es sich vorstellt. Die Reise fand nach meinem Arbeitsunfall 2018 statt – ich war danach nicht mehr derselbe wie vorher. Ich habe die Zeit genutzt, um mich neu zu orientieren, den Kopf freizubekommen, weg von Krankenhaus, Operationen und Reha. Eskapismus ist eine feine Sache, aber die Probleme reisen immer mit. Man kann so weit und so schnell rennen, wie man will, sie holen einen immer wieder ein. Gott sei Dank ist mir die Neuorientierung über die Musik gelungen.
Wann bist Du danach wieder mit der Musik durchgestartet?
In den Corona-Jahren 2020/2021 haben wir angefangen, das Album zu produzieren. Die erste Single „Komm mit uns“ erschien im November 2021. Das war der Beginn eines neuen Kapitels.
Du bist auch bekennender Eishockeyfan der Kassel Huskies, für die Du sogar die Stadionhymne gemacht hast. Wie kam es dazu?
Seit ich 14 bin, war ich regelmäßig in der Kasseler Eissporthalle, damals beim ECK. Irgendwann – ich glaube, es war in Wacken – sah ich während unseres Auftritts eine große Fahne meines Vereins aus dem Publikum aufsteigen. Da hatte ich einen Klos im Hals, dass da Leute aus meiner Heimat da sind, sich zum Kasseler Eishockey bekennen. Die haben mich fast zum Heulen gebracht auf der Bühne. Hinterher stellte sich heraus: Das waren dieselben Leute, mit denen ich vor 30 Jahren auf dem Heuboden gestanden haben. Und dann hat sich eines zum anderen gefügt. Der jetzige Besitzer der Probonio-Arena und der Kassel Huskies ist ein alter Weggefährte. Er fragte mich, ob ich eine neue Hymne schreiben würde – die alte war 30 Jahre alt. „Blau und Weiß“ hat keine halbe Stunde gedauert.
Wie war die Reaktion?
Wir haben das als Demo aufgenommen, uns in der Eissporthalle getroffen – alle: Inhaber, Manager und ich. Und alle hatten Tränen in den Augen. Seitdem läuft der Song vor jedem Heimspiel mit Video. Wir sind sogar noch nach Skandinavien geflogen, um mit einem Schlittenhundegespann ein Musikvideo zu drehen. Das war eines der Highlights meiner Karriere.
Wie ist Dein Verhältnis zur Folk- und Mittelalterszene, der man Euch manchmal zurechnet?
Ich habe mich noch in keiner Schublade, in die man mich gesteckt hat, unwohl gefühlt. Aber ich selbst positioniere mich nicht. Die Alben zeigen, wie vielseitig die Einflüsse sind – im Songwriting wie in den Kompositionen. Wenn du meinen „Kaff“-Song hörst und du bist ein alter AC/DC-Fan, dann macht dieses Riffing etwas mit dir. Oder früher Punk, den kann man auch raushören. Frühe Hosen, frühe Ärzte, damals war ich ja auch schon Teenager, als die angefangen haben. Aber ich schließe auch nicht aus, dass mich morgen etwas ganz anderes inspiriert. Ich will mich nicht einengen.
Ihr spielt auf sehr unterschiedlichen Festivals. Funktioniert das wirklich überall?
Ich hatte beim ersten Wave-Gothic-Auftritt eine Wette laufen, dass wir ausgebuht werden würden. Die habe ich verloren. Es hat funktioniert. Und auf dem Burning-Pants-Festival funktioniert es genauso – übrigens ein in sich geschlossenes Konstrukt, bei dem ich selten so ein ausgelassenes, friedfertiges und respektvolles Publikum erlebt habe. Auch auf dem Rockharz oder Wacken hat es mehrfach funktioniert. Das macht großen Spaß.
Was hast Du früher als Rebell erlebt, was heute so nicht mehr möglich wäre?
Ich durfte keinen Mofa- oder Motorradschein machen – meine Eltern und Großeltern waren da sehr ängstlich. Also musste das alles illegal stattfinden, was irgendwann Konsequenzen hatte. Aber das Interessante ist: Auch wenn ich damals auf dem Dorf ein Aufsässiger war, gab es immer eine respektvolle Ebene. Man hat sich vielleicht nicht gemocht, aber man hat sich arrangiert. Das verhärtet sich heute leider ein bisschen – vor allem, seitdem das Rebellentum nur noch im Internet stattfindet. Wenn man jemandem etwas Unangenehmes ins Gesicht sagen wollte, musste man früher aufstehen und ihm in die Augen schauen. Je nachdem, wer da vor einem stand, überlegte man es sich zweimal. Das ist heute durch die Anonymität im Internet weggefallen.
Was würdest Du jungen Menschen mitgeben, die heute eine Band gründen wollen?
Einfach machen. Keine einzige Sekunde zweifeln. Machen, probieren, so lange auf die Nase fallen, bis irgendwann ein zufriedenstellendes Ergebnis eintritt. Hätte ich als junger Mensch gewusst, wie oft ich scheitern würde, um an diesen Punkt zu gelangen – ich würde meinem jüngeren Ich trotzdem genau dasselbe sagen: Egal, wie oft du auf die Nase fällst. Aufstehen. Nochmal.
Wie geht es mit Rauhbein jetzt weiter?
Wir gehen in den Festivalsommer – es stehen einige echte Highlights an. Zum Release-Wochenende spielen wir auf dem Rock-Hard-Festival, dann folgt Ende des Jahres die „Rebellen- und Heldentour“. Darauf freue ich mich sehr. Auch was die Bühnentechnik und Produktion angeht, wachsen wir weiter. Das ist für mich als Musiker immer schön zu erleben – wenn die Entwicklung nach oben geht. Und zum Jahresabschluss gibt es wieder unsere Jahresabschlussshows, die mittlerweile zu einem lokalen Highlight geworden sind.