Madeline Juno veröffentlicht Ende Juli ihr neues Album „Anomalie Pt. 2“. Mit prisma sprach die Sängerin, die im Sommer Mutter wird, über ihre Songtexte und ihre kurze Bühnenpause.
2025 ist „Anomalie Pt. 1“ erschienen. Hattest du da schon das zweite Album fertig?
Madeline Juno: Ja, das könnte man so sagen, auch wenn ich eigentlich nie den Plan hatte, ein Doppelalbum zu machen. Aber ich war so fleißig, dass ich 22 Songs fertig hatte. Mir fiel die Entscheidung, welche Songs auf „Anomalie Pt. 1“ kommen, nicht leicht. Es gab Leute um mich herum, die unbedingt das eine Lied draufhaben wollten, andere waren wiederum der Meinung, ein anderes Lied könnte gehen. So wurde aus einer Schnapsidee dann ein Doppelalbum. Das klingt vielleicht lapidar, ist aber nicht einfach in der Umsetzung. Denn man hat das gleiche Budget für beide Alben und muss davon alles bezahlen – von den Fotos bis hin zur Musikproduktion. Das war eine lange Reise, die allmählich ihr Ende findet.
Was ist deiner Meinung nach der größte Unterschied zwischen den Alben?
„Anomalie Pt. 2“ ist ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit. Das Album bewegt sich in Fahrwassern, die man schon ein wenig von früher kennt. Die Grundidee des Doppelalbums bestand darin, eine Soundwelt zu erschaffen, die zum Song „Anomalie“ passt, und quasi musikalische Geschwister für das Lied zu basteln. Und das alles mit einem elektronischeren Sound. „Anomalie Pt. 2“ ist nicht so gewagt und viel breiter aufgestellt. Mit echten Drums und wesentlich organischer. Ich glaube, es klingt ein bisschen mehr nach der Musik, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe.
Was ist dein persönlicher Lieblingssong vom neuen Album?
„Frieden im Herzen“. Das Lied ist wie die Schwester von „Butterfly Effect“ auf dem ersten Album. Es handelt davon, dass alles, was einem im Leben so passiert, einen zu dem Punkt führt, an dem man jetzt steht. Die Botschaft ist, dass alles irgendwie etwas Gutes hat und man so seinen Frieden mit der Vergangenheit finden kann. In den vergangenen zehn Jahren habe ich sehr viel erlebt und selbst die dunkelsten Momente haben mich dahin gebracht, wo ich heute stehe. Das Lied macht mich einfach glücklich.
Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Als sehr lyric-heavy – also textlastig. Ich mag lange und verkopfte Texte. Wenn Leute über mich sagen, dass man meine Songs nicht so leicht versteht, nehme ich das als Kompliment auf. Letztendlich ist es Pop-Musik, aber ich lasse in meinen Liedern gerne tiefblicken und schreibe ganz viel autobiografisch. Ich liebe es experimentell, mag es auch mal groß und laut, aber es müssen immer echte Instrumente, echte Texte und echte Gefühle sein. Das macht meine Musik aus.
Wer sind deine musikalischen Vorbilder?
Ich bin vom Hause her sehr stark durch Singer-Songwriter geprägt. Zu meinen größten Vorbildern aus dem Pop-Bereich gehört definitiv Taylor Swift. Ich habe einfach einen riesigen Respekt vor ihr und ihrem Lebenswerk. Aber auch Paramore aus dem Alternative Rock gehören zu meinen Einflüssen. Und aus dem Folk-Bereich hat mich „City and Colour“ in jungen Jahren sehr inspiriert.
Wo schreibst du am liebsten deine Songs?
Früher habe ich ganz viel Tagebuch geschrieben. Mittlerweile komme ich im Trubel des Alltags weniger dazu. Auch gehe ich nicht mehr so oft ins Studio. Dafür fahre ich ein- bis zweimal im Jahr mit meinem kleinen Team bestehend aus Joschka, Wanja und Wieland weg, um neue Songs zu schreiben. Wir wohnen alle in Berlin und der Tapetenwechsel tut uns allen wahnsinnig gut. Wir waren auch gerade erst noch einmal weg, weil ich ja im August zum ersten Mal Mama werde. Ich bin froh, dass wir das vorher noch geschafft haben.
Vermisst du es, auf Englisch zu singen?
Ich vermisse es sehr. Ich schreibe auch ab und zu noch auf Englisch, dann aber für andere Projekte oder befreundete Künstlerinnen und Künstler. Ich habe schon drüber nachgedacht, noch eine Band zu gründen oder mir ein Alter Ego zuzulegen, denn es fehlt mir schon sehr.
Aber du könntest dich doch jeder Zeit wieder dafür entscheiden, auf Englisch zu singen…
Das stimmt, aber es gab damals jede Menge Gegenwind, als ich von der englischen zur deutschen Sprache gewechselt bin. Wahrscheinlich wäre das jetzt wieder genauso. Ich habe zwei Alben auf Englisch herausgebracht, fünf auf Deutsch – also der Einwand wäre berechtigt.
Du bist damals dank YouTube bekannt geworden. Glaubst du, dass man heute noch einen ähnlichen Karrierestart hinlegen kann oder gibt es ein Überangebot wegen der ganzen sozialen Medien?
Ich bin da zwiegespalten. Es gibt mehr Möglichkeiten denn je, präsent zu sein. Auf der anderen Seite gibt es so viele Leute, die das Gleiche machen und mit denen man konkurriert. Hinzu kommen noch die ganzen Möglichkeiten durch KI. Ich beneide keinen Newcomer darum, jetzt in dieser Zeit durchstarten zu wollen, und bin froh, dass ich damals die „goldene Zeit“ von YouTube miterleben durfte. Wobei man sagen muss, dass eigentlich genug Platz für alle da ist. Und es gibt immer wieder Ausnahmekünstler, die es trotz allem schaffen. Jede Generation bringt ihren Justin Bieber oder Cro hervor, die herausstechen und dann auch bleiben – als jüngstes Beispiel haben wir da Nina Chuba.
Das neue Album ist nicht der einzige Höhepunkt für dich im Sommer. Du wirst außerdem zum ersten Mal Mama. Wie aufgeregt bist du?
Ich bin sehr aufgeregt, freue mich aber genauso! Ich weiß nicht, ob es jemals den richtigen Zeitpunkt dafür gibt. Vor allem, wenn man einen kreativen Beruf hat. Man könnte immer noch mal warten und noch die Tour im Sommer spielen… Aber für mich fühlt es sich gerade perfekt an. Ich habe jahrelang Zeit in meine Karriere gesteckt, jetzt freue ich mich auf das nächste Kapitel. Das heißt aber nicht, dass ich eine lange Pause plane. Im Gegenteil: Ab Februar möchte ich mit dem neuen Album auf der Bühne stehen. Ich bin sehr optimistisch, dass das klappen wird. Wir sind immerhin nicht die ersten Musiker, die Eltern werden.
Wirst du die Bühne vermissen, auch wenn die Zeit nur kurz ist?
Man muss das mal so sehen: Es ist die erste Pause überhaupt. Ich mache seit zwölf Jahren öffentlich Musik. Es ist ein ewiger Kreis: Album schreiben, Album aufnehmen, promoten, Tour spielen, neues Album schreiben… Zwischendurch dann noch Festivals. Ich freue mich auf die Auszeit bis Februar, aber auch darauf, danach mein Privatleben und mein Leben als Musikerin zu vereinbaren.
Freust du dich darauf, deinem Kind deine Musik zu zeigen?
Ja schon. Wobei ich mich auch frage, ob wir nicht später vielleicht in seinen Augen total uncool sind mit dem, was wir machen. Oder vielleicht möchte es auch selbst mal was in die Richtung werden – wer weiß.
Welches Lied soll dein Baby als Erstes hören?
Auf „Anomalie Pt. 1“ gibt es ein Lied namens „Mediocre“, das sogar mit der Zeile „Ich wäre gern Mutter“ beginnt. Es handelt von ganz vielen Ängsten und intrinsischen Gedanken: Bin ich gut genug? Werde ich je gut genug sein? Habe ich alles gegeben? Wenn mein Kind in dem Alter ist, dass es den Text versteht, würde ich ihm das Lied gerne zeigen. Wahrscheinlich denke ich dann auch nochmal anders über diese ganzen Themen nach.
„Anomalie Pt. 2“ von Madeline Juno ist ab dem 31. Juli erhältlich.