Puppenspielkunst

Martin Reinl: „Die Sesamstraße ist für jede Generation etwas anderes“

28.09.2026, 02.00 Uhr
Martin Reinl, bekannt als Stimme von Elmo und Grobi, gibt Einblicke in seine Arbeit als Puppenspieler und sein neues Buch über die Geschichte der Sesamstraße. Zusammen mit Julian Schlichting beleuchtet er die facettenreiche Welt der Puppen und die Herausforderungen der Produktion.

Martin Reinl ist Puppenspieler, Autor, Regisseur und Produzent. Für die deutsche Sesamstraße spielt und spricht er unter anderem Elmo und Grobi. Gemeinsam mit dem Sesamstraßen-Experten und Podcaster Julian Schlichting hat er „Die Sesamstraße – Der Bildband“ veröffentlicht. Das Buch blickt auf mehr als 50 Jahre Sesamstraße zurück und erzählt von bekannten und vergessenen Figuren, den Menschen hinter den Puppen und der Arbeit, die in einer solchen Produktion steckt.

Im Gespräch geht es um die Idee hinter dem Buch, Jim Henson als Vorbild, Elmo, Grobi, den Wolf aus „Eine Möhre für zwei“ sowie Reinls Arbeit bei „Jan & Henry“, „Woozle Goozle“ und „Zimmer frei!“. 

prisma: Bevor wir über das Buch sprechen: Ich soll Sie schön von meiner Frau grüßen. Sie ist ein großer Fan von den Erdmännchen – noch mehr als unsere Söhne. Die Figuren begleiten uns zu Hause schon seit 2015, seit mein ältester Sohn ungefähr ein Jahr alt war. Da fingen „Jan & Henry“, die „Sesamstraße“ und die ganzen anderen Sendungen bei uns an.

Martin Reinl: Ach, danke. Das freut mich sehr.

Und jetzt habe ich hier dieses schwere Buch von Ihnen vor mir.

Ja, 1,2 Kilogramm. Ich habe es extra noch einmal mit meiner Küchenwaage nachgewogen (lacht). Das ist schon ein ziemlich schwerer Brocken.

Das passt aber auch ganz gut, weil sehr viel drinsteckt, auch über die Anfänge in den USA mit Jim Henson. Ich habe mir gerade erst die Dokumentation über ihn bei Disney+ angeschaut. Die ist wirklich grandios. Da waren auch Informationen dabei, die ich noch gar nicht kannte – zum Beispiel, wie er damals von den Machern der Sesamstraße engagiert wurde. Das erklären Sie auch. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu machen?

Unser Ehrgeiz war, ein Buch zu machen, das einerseits das Nerd-Herz ein bisschen aufblitzen lässt, andererseits aber auch die sogenannten normalen Menschen abholt. Also Leute, die nicht so tief in der Materie drin sind, sollen trotzdem Spaß daran haben. Wir mussten versuchen, da einen Mittelweg zu finden. Wie wir da hineingekommen sind, war tatsächlich ein purer Zufall. Ich war immer Fan von solchen Büchern. Making-of-Bücher gibt es meistens aus den USA. Auf Deutsch findet man davon gar nicht so viele – vielleicht auch, weil es in Deutschland nicht so viele Produktionen gibt, die ein Making-of wert sind. Ich habe immer gedacht: So etwas würde ich gerne mal zu Themen machen, die mich interessieren – zum Beispiel zur deutschen Sesamstraße. Dann bekam ich durch Zufall mit, dass die Verantwortlichen beziehungsweise die Inhaber der „Sesamstraße“ gerne ein solches Buch machen würden. Die hatten diese Idee, aber noch niemanden, der das umsetzt. Da habe ich mich ein bisschen eingemischt und gesagt: „Ihr braucht gar nicht mehr zu suchen. Ihr habt schon jemanden, der euch das schreibt. Das habe ich alles schon in meinem Gehirn.“ Julian Schlichting, mein Kollege, war auch dabei. Wir mussten das eigentlich nur noch aufschreiben. Die waren froh, dass sie niemanden mehr suchen mussten, und ich war glücklich, dass ich so etwas einmal machen durfte.

Es ist wirklich ein Fanboy-Buch, würde ich sagen – aber eines, das nicht nur an der Oberfläche bleibt. Ich bekomme durch meinen Beruf viele Bücher zugeschickt. Was mich in Zeiten von Wikipedia und Internet oft stört: Man hat das Gefühl, es wird alles nur kurz zusammengefasst, aber man erfährt nicht wirklich etwas Neues. Bei Ihnen ist es anders. Schon die Geschichte mit dem ersten Bibo, die Sie im Buch zeigen, ist so ein Fall. Ich habe das danach selbst im Internet recherchiert – und es ist gar nicht so einfach, das herauszufinden.

Nein, das war auch eine kleine Schatzsuche und viel Puzzlearbeit. Natürlich hatten wir eine Menge Nerdwissen schon im Kopf. Aber dann war es eben auch genau das, was Sie sagen: Man kratzt oft nur an der Oberfläche. Als die Sesamstraße vor ein paar Jahren 50 Jahre alt wurde, gab es sehr viele Berichte und tolle Sachen. Aber auch da wurde oft nur auf die Anfänge geschaut: auf die amerikanische „Sesame Street“ und auf Lilo Pulver. Danach ging es dann gleich in die heutige Zeit. Alles, was dazwischen passiert ist, wurde oft ein bisschen stiefmütterlich behandelt oder gar nicht erzählt. Wir haben deshalb gesagt: Das müssen wir natürlich auch einmal beleuchten. Was war denn da noch los? Zwischen 1981 und 2011 ist ja noch ein bisschen mehr passiert. Unser Ehrgeiz war außerdem, Bilder zu zeigen, die nicht immer wieder verwendet werden. Es gibt eine Handvoll Bilder, die ständig in der Rotation sind. Die sind zum Teil natürlich auch in unserem Buch, weil wir an die Rechte ganz gut herankamen. Aber wir wollten auch Sachen zeigen, die man vielleicht noch nie gesehen hat. Dafür sind wir wirklich auf Entdeckungsreise gegangen und haben mit den unterschiedlichsten Quellen gesucht. Dabei haben wir tolles Material bekommen.

Wenn man sich die ersten Jahre anschaut, fällt auch auf, dass die amerikanische „Sesamstraße“ zunächst ins Deutsche übersetzt und synchronisiert wurde. Dafür wurden richtig gute deutsche Schauspieler engagiert.

Ja, das waren richtig gute Leute, richtig gute Schauspieler. In den ersten Jahren wurde die originale amerikanische „Sesamstraße“ ins Deutsche übersetzt und mit diesen klassischen deutschen Stimmen versehen. Das kam bei den Kindern, glaube ich, auch gut an. Irgendwann kamen die Sender aber zu dem Punkt und sagten: Das passt so nicht mehr. Das war schon eine Zäsur, teilweise wirklich von heute auf morgen. 

Warum war die Sendung bei den Sendern so umstritten?

Das war damals immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Der Bayerische Rundfunk fand die Sesamstraße von Anfang an ganz schrecklich und wollte sie gar nicht haben. Sie haben dann zunächst als Kontrastprogramm das „Feuerrote Spielmobil“ erfunden. Der Rest war geteilter Meinung. Man sah schon, dass da eine interessante Nummer aus Amerika kam und dass das irgendwie spannend war. Aber es war ein Konstrukt, das es in Deutschland so noch nicht gab: Mit Spaß und lustigen Puppen sollte man Kindern etwas beibringen. Dafür gab es keine Blaupause. Viele Bedenkenträger sagten: Das geht nicht, so kann man Kindern nichts beibringen. Selbst bei den Sendern, die die Sesamstraße ausstrahlten, war das anfangs ein bisschen kritisch.

Trotzdem wurden von Anfang an deutsche Beiträge eingebaut.

Ja, obwohl es zunächst die synchronisierten amerikanischen Sachen waren, hat man von Anfang an auch deutsche Beiträge eingepflegt. Bumfidel zum Beispiel. Es war damals aber auch nicht immer einfach in der Zusammenarbeit mit den Amerikanern. Die hatten nach wie vor ein Auge darauf, was in Deutschland passierte. Es gab sogar einmal das Gerücht, dass die Amerikaner am liebsten wieder aus der Kooperation ausgestiegen wären, weil Deutschland Anfang der 1980er-Jahre eine ganz eigene Richtung eingeschlagen hatte.

Im Buch gibt es auch das Kapitel über „neue deutsche Filme“ und die „nackte Wahrheit“. Das ist interessant, weil manche Leute die amerikanischen Beiträge als zu progressiv abgelehnt haben, während in deutschen Beiträgen dann plötzlich Menschen sogar nackt herumgelaufen sind.

Ja, total. Das war wahrscheinlich damals in der Zusammenarbeit mit den Amerikanern nicht immer einfach. Es passte teilweise wirklich nicht zusammen: Die amerikanischen Sachen waren manchen zu progressiv, aber in Deutschland ging man an anderer Stelle mit Körperlichkeit und Nacktheit sehr offen um. Heute hört man immer wieder die Frage: Warum werden die alten Sachen nicht mehr gezeigt? Warum sendet das keiner? Warum kommt das nicht auf DVD heraus? Das hat natürlich hauptsächlich rechtliche Gründe. Ich habe aber ein paar Quellen und sehr viel Einblick in diese alten Sendungen. Wenn ich die heute sehe, denke ich: Es gibt auch noch ein paar andere Gründe, warum es vielleicht gar nicht so verkehrt ist, manche Sachen nicht mehr zu zeigen (lacht). So wird da einmal live eine Geburt gezeigt. Es gibt sehr viel Nacktheit. In einem Beitrag geht es zum Beispiel ausschließlich um die Frage, warum Kinder ihre Eltern nicht nackt sehen dürfen. Um das zu demonstrieren, werden erst einmal die Eltern nackt gezeigt. Wenn man das heute mit einem komödiantischen Auge betrachtet, ist das natürlich wahnsinnig komisch. Aber ich würde das heute vielleicht auch nicht mehr im Kinderprogramm präsentieren. 

Trotzdem funktionieren vor allem die alten Jim-Henson-Sachen bis heute. Viele Gags sind zeitlos. Bei anderen alten Kindergeschichten denkt man eher: Das ist heute schon ein bisschen eigenartig.

Ja, die Sachen von Jim Henson sind wirklich zeitlos.

Wie war Ihre eigene Beziehung zur „Sesamstraße“? Sie sind Jahrgang 1975 und vermutlich ganz klassisch damit aufgewachsen.

Genau. Ich bin am 15. Oktober 1975 um 23 Uhr geboren. Das heißt: Die erste Folge hätte ich am 16. Oktober sehen können. Wahrscheinlich war ich da aber noch nicht ganz aufnahmefähig (lacht). Ich hatte als Kind drei wichtige Programme: „Die Biene Maja“, die „Muppet Show“ und die „Sesamstraße“. Wenn eine davon verpasst wurde, wurde bei uns zu Hause laut geheult und Drama gemacht. Wenn man um 18 Uhr nicht zu Hause war, war das ein Problem. Das musste man sehen.

Ihre Faszination für Puppen kommt also auch durch Jim Henson. War er ein Vorbild für Sie?

Ja, das kann man natürlich nicht verleugnen. Wenn man sich meine eigenen Sachen anschaut, die ich kreiere und produziere, dann ist da diese Handschrift. Ich bin davon natürlich am stärksten beeinflusst. Grundsätzlich war ich immer von Animationen inspiriert – egal, in welcher Form: Puppen, Trickfilme und solche Sachen. Aber gerade dieses Puppenspiel hat mich wahnsinnig interessiert. Die Muppets und die Sesamstraße haben mich am intensivsten geprägt. Als Kind hatte ich eine Kermit-Handpuppe und habe natürlich alles nachgespielt, was ich im Fernsehen gesehen habe. Ich wusste schon damals: Das muss der tollste Beruf der Welt sein.

Haben Sie als Kind schon verstanden, wie viel Aufwand hinter den Puppen steckt? Im Buch sieht man zum Beispiel, dass das Schlafzimmer von Ernie und Bert auf der Höhe erwachsener Männer gebaut ist, die darunter stehen und die Puppen spielen.

Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich darüber tatsächlich schon nachgedacht. Ich habe alte Kinderzeichnungen von mir gefunden. Meine Mutter hat erfreulicherweise alles aufgehoben, was ich als Kind gekritzelt habe. Da waren Zeichnungen dabei, auf denen ich mit sechs oder sieben Jahren dargestellt habe, wie ich mir vorstelle, dass das wohl gemacht wird. Das war tatsächlich relativ deckungsgleich mit der Wahrheit. Ich wusste schon, dass da unten Leute dranhängen. Eigentlich ist es ja auch ziemlich einfach. Bei Ernie sieht man manchmal ein Stück der Schulter des Puppenspielers. Bei Bert, Krümelmonster oder Grobi gibt es Stäbe an den Armen. Daraus wurde auch kein großes Geheimnis gemacht. Ich habe mich als Kind einerseits bescheißen lassen – also ich habe diese Figuren geglaubt und sie als echte Charaktere angenommen. Gleichzeitig wusste ich, dass da Menschen darunter hängen. Das war ein bisschen wie beim Weihnachtsmann: Den hat man als Kind auch geglaubt, aber man wusste gleichzeitig, dass es irgendwie nicht ganz so sein kann (lacht). Vielleicht wollte man sich als Kind auch ein bisschen verarschen lassen. Man wollte diesen Figuren glauben.

Bei manchen Figuren war neben der Freude auch eine gewisse Faszination oder sogar Angst dabei. Graf Zahl oder Herr von Bödefeld konnten einen schon verstören. Sie sind Puppenentwickler und Puppenbauer. Viele Ihrer Figuren sind ebenfalls nicht nur niedlich und süß. Wie entscheidet man, was passt?

Das ist einerseits eine intuitive Geschichte. Andererseits schaut man natürlich, dass man Kontraste herstellt. Das war auch der Grund, warum Herr von Bödefeld irgendwann dazukam. Am Anfang gab es in der ersten deutschen Version nur Samson und Tiffy. Das war alles sehr lieb. Samson war der große, aufregende Bär, den man die ganze Zeit knuddeln wollte. Es herrschte eine ziemliche Harmonie. Im Grunde war das ein Familienkonstrukt: Lilo Pulver als Mutter, Henning Venske als Vater, Samson und Tiffy als Kinder. Aber es passierte nicht besonders viel. Das waren Geschichten wie: Tiffy geht zum Friseur oder Samson bringt jemanden zum Bahnhof. Da fehlte ein bisschen Pfeffer. Die Sesamstraße hatte deshalb eigentlich immer mindestens einen, der gegen den Strich gebürstet war. Ganz am Anfang war es Oskar in der Mülltonne, dann war es Herr von Bödefeld, später gab es Rumpel in der Tonne. Bei uns in „Eine Möhre für zwei“ war es der Wolf. Den habe ich gespielt – da war ich dann das Arschloch (lacht). Das Interessante ist: Manche Leute finden diese Figuren lustig und toll, andere lehnen sie völlig ab oder haben sogar Angst davor. 

Ich war als Kind bei Herrn von Bödefeld ein bisschen verstört. Der war schon fies, hat gelogen und falsche Sachen erzählt. 

Ich bin ich ein großer Fan von ihm, gerade weil er so gegen den Strich ist.

Graf Zahl hatte etwas Manisches. Wenn er seine Zahlen heruntergerattert hat und von hinten der Donner kam, war das als Kind nicht ganz geheuer. 

Angst hatte ich vor ihm nicht unbedingt, aber ein bisschen verstörend war er schon.

Sie haben zunächst Puppen gemacht, die sich eher an Erwachsene richteten, wie Wiwaldi bei „Zimmer frei“. Dann kamen Sie zur Sesamstraße. War es schwierig, eine Figur wie Elmo zu übernehmen, die schon so stark vorgegeben ist, die schon ein gewisses Korsett mitbringt?

„Korsett“ klingt immer so streng. Es ist schon eine Art Korsett, aber nicht unbedingt etwas Negatives. Es ist einfach eine andere Herangehensweise, weil man eine Figur übernimmt, die es bereits gibt und für die es eine klare Vorlage gibt. Am Anfang habe ich den Originalspieler Kevin Clash getroffen. Der hat mir erklärt, wie Elmo sich bewegen und wie er sprechen muss. Zunächst ging es darum, das zu imitieren, was er gemacht hat. Im Laufe der Jahre schleicht sich aber immer auch etwas von einem selbst in die Figur ein. Das macht jeder Puppenspieler. Auch der amerikanische Spieler bringt etwas Eigenes in die Figur ein. Trotzdem versucht man natürlich, dem Original treu zu bleiben. Das ist eine andere Herangehensweise als beim Wolf in „Eine Möhre für zwei“. Für den gab es überhaupt keine Vorlage. Da gab es nur die Puppe, und ich konnte ihr eine eigene Stimme und einen eigenen Charakter geben.

Bei vielen Ihrer Figuren hört man ein bisschen heraus, dass Sie es sind. Elmo ist aber eine ganz andere Stimmlage.

Elmo war eine Stimme, die ich überhaupt nicht im Repertoire hatte. Ich hatte eine gewisse Bandbreite – tiefe Stimmen, pfiffige Stimmen und verschiedene andere Varianten. Elmo lag außerhalb dieser Spielbreite. Diese Stimme musste ich mir wirklich erarbeiten. Kevin Clash hat mir Sätze vorgegeben. Die musste ich nachsprechen oder nachkichern. Später, bei den ersten deutschen Aufnahmen mit Elmo, gab es noch einen Stimmcoach, der darauf geachtet hat, dass das möglichst dicht am Original bleibt. Nach ungefähr einem Jahr wusste ich ungefähr, wie das funktioniert. Man justiert sich in eine Figur hinein. Irgendwann weiß man, wo sie liegt und wie man sie wieder abruft.

Elmo polarisiert auch. Es gibt Sesamstraßen-Fans, die ihn wirklich nicht mögen.

Ganz am Anfang hatte ich selbst überhaupt keine Beziehung zu Elmo. Das lag daran, dass ich mit dieser Figur nicht aufgewachsen bin. Es gab ihn zwar schon in meiner Kindheit, aber damals war er eher ein Hintergrundmonster ohne weiteren Charakter. Optisch war er mir natürlich präsent. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren habe ich die Sesamstraße aber nicht mehr so oft gesehen. In dieser Zeit wurde Elmo groß. Ich habe ihn wahrgenommen, aber nicht mit großen Emotionen – weder nach oben noch nach unten. Als die Anfrage kam, ob ich ihn übernehmen wollte, habe ich mich erst einmal mit ihm beschäftigt. Heute ist die Figur natürlich ein Teil von mir, aber am Anfang war das nicht so.

War Elmo der Türöffner für Ihre Arbeit in diesem Sesamstraßen-Kosmos?

Eigentlich war es der Wolf. Bei der Sesamstraße fängt man erst einmal klein an und darf im Hintergrund irgendetwas spielen. Mein erster Einsatz war als Huhn, das Annette Frier beim Umzug geholfen hat (lacht). Danach war ich mal ein Pinguin, mal ein Krabbelkäfer, ein Ringelwurm oder irgendein anderes Wesen, das durchs Bild flattern musste. Dann kam das Spin-off „Eine Möhre für zwei“. Dort wurde der Wolf als Antagonist eingeführt. Das war meine erste feste Figur. Ein paar Jahre später kam Elmo dazu und Grobi noch einmal einige Jahre später.

„Eine Möhre für zwei“ war für mich damals ziemlich besonders – auch wegen der sprechenden Toilette.

Ja, da fragt man besser auch nicht genau nach, warum es diese Toilette gab (lacht). Aber das ist schon eine anarchische Geschichte und passt zu anderen Sachen, die ich mache.

Die Toilette wurde, meine ich, sogar in den USA übernommen oder adaptiert.

Das Klo haben sie, glaube ich, nicht adaptiert. Das ist mir neu. 

Wie ist das körperlich und mental, wenn Sie mit den menschlichen Schauspielern drehen? Im Buch sieht man, dass die Puppenspieler oft unter der Kulisse oder wie Sie im Fall von Elmo in einem Sofa sitzen. Sie sehen das Gegenüber der Puppe dann über einen Monitor.

Wir arbeiten tatsächlich immer noch mit Monitoren. Ohne Monitor geht es gar nicht. Im Sofa steht ein kleiner Bildschirm. Da sehe ich alles und darüber steuere ich die Figur. Ich weiß genau: Da sitzt jetzt Elmo, daneben sitzt ein Mensch oder eine andere Figur. Dann kann ich die Person anschauen, auf sie reagieren oder eben nicht. Es ist schön, einen Beruf zu haben, bei dem man den ganzen Tag Fernsehen gucken kann (lacht). Leider läuft immer nur dasselbe Programm. Körperlich muss man ein bisschen fit und beweglich bleiben. Ich hatte einmal eine Situation bei einem Dreh mit Elmo. Es gab eine Umbaupause, Licht und Requisite mussten verändert werden. Ich bin aber mit der Figur oben geblieben und habe noch ein bisschen herumgealbert, weil die Kameras weiterliefen. Eine Kollegin saß neben mir und hat mich irgendwann von der Seite angesehen. Dann sagte sie ganz leise: „Ich habe das jetzt genau beobachtet. Du hast jetzt seit 20 Minuten den Arm oben.“ In dem Moment dachte ich: Ja, stimmt, ich habe den Arm wirklich schon die ganze Zeit oben. Und ab dann ging es nicht mehr. Danach konnte ich nicht mehr weitermachen. Das ist wirklich das Geheimnis: Man muss das Gehirn ausschalten und nicht darüber nachdenken. Dann klappt es.

Bei „Jan & Henry“ arbeiten Sie mit absoluten Profis wie Michael Kessler, Ute Willing und Petra Nadolny zusammen, die perfekt passen. Gibt es Schauspieler, die erst lernen müssen, mit Puppen zu interagieren?

Bei den Genannten hat das super geklappt. Einmal mit Ute Willing zusammenzuarbeiten, da ist für mich ein Kindheitstraum wahr geworden, weil sie aus meiner Sesamstraße stammt. Mein Kollege Carsten Haffke, der Henry spielt, kannte Ute privat und hat das vermittelt. Eigentlich war sie nur für eine Episode vorgesehen. Dann haben wir uns kennengelernt und uns direkt gut verstanden. Und jetzt ist sie schon seit zehn Jahren bei uns. So kann das manchmal passieren. Natürlich gibt es auch Schauspieler, die mit den Puppen erst einmal fremdeln. Manche schauen anfangs immer wieder zu uns Puppenspielern hinunter. Aber wir haben ein ganz gutes Bauchgefühl dafür, wen wir auswählen. Man merkt oft, ob das funktionieren kann oder nicht. Am meisten Spaß macht es, wenn die Darsteller die Puppen ernst nehmen – nicht todernst, sondern als wirkliche Spielpartner. Sie sollen nicht denken: Ich bin jetzt in einer lustigen Puppensendung im Kinderprogramm. Wenn sie richtig mit uns und den Figuren schauspielern, ist das eine große Freude.

Das ist auch das Tolle an Ihren Sendungen: Erwachsene fühlen sich ebenfalls abgeholt. Es gibt manchmal doppeldeutige Gags.

Manchmal. Natürlich. Es gibt drei Gründe, warum man so etwas macht. Der erste Grund ist die eigentliche Zielgruppe: Wir machen das für Kinder und wollen sie unterhalten. Dann sitzen aber vielleicht die Eltern oder Großeltern dabei. Die sollen sich auch ein bisschen amüsieren. Und dann gibt es noch die dritte Zielgruppe – das sind wir selbst: mein Kollege, mein Team und ich. Wir versuchen auch, selbst Spaß an der Arbeit zu haben und uns während der Produktion eine schöne Zeit zu machen. Deshalb bauen wir manchmal Gags ein, die die Kinder noch nicht verstehen. Die wissen zum Beispiel nicht, wer Michael Kessler ist oder Henning Baum. Solche Leute laden wir manchmal für uns oder für die Eltern ein. Wir finden es einfach toll, wenn sie dann mit den Puppen albernen Quatsch machen.

Lilo Pulver kannten die Kinder zuerst nur aus der Sesamstraße. Sie war in den 50er- und 60er-Jahren der absolute Filmstar in Deutschland.

Ich kannte Lilo Pulver zunächst auch nur aus der Sesamstraße, bis meine Mutter mir irgendwann erzählt hat, dass sie eine berühmte Schauspielerin ist. Da wurde ich neugierig und habe mir angeschaut, was sie in ihrem Leben gemacht und welche Filme sie gedreht hat. So bin ich an die alten Filme aus den 1950er- und 1960er-Jahren geraten. Das war eine spannende Entdeckung.

Bei all Ihren Aktivitäten hat Ihre Woche aber weiterhin nur sieben Tage. Wie schaffen Sie das alles – und nehmen Sie sich auch Auszeiten?

Grundsätzlich ist das ein Tetris-Spiel mit dem Kalender. Man muss immer schauen, dass man alles irgendwie koordiniert bekommt. Das Gute ist, dass ich das einfach sehr gerne mache. Ich weiß, dass es manchmal sehr viel ist. Das zweite Problem ist, dass ich sehr schlecht Nein sagen kann. Wenn mir jemand etwas anbietet oder mich fragt, ob ich Lust auf etwas habe, und ich finde es spannend, dann mache ich das auch irgendwie oder versuche, es möglich zu machen.

Da wäre ja auch noch „Woozle Goozle“ bei Toggo, den Sie machen, zunächst mit Beni, nun mit Simón. Der musste dann auch in große Fußstapfen treten als Beni weg war, hat das aber super gemacht.

Wenn ein Wechsel stattfindet, ist es immer so: Für uns als Kinder ist das, womit wir aufgewachsen sind, das einzig Wahre. Das ist bei der Sesamstraße genauso. Vielleicht sind Sie und ich mit der Lilo-Pulver-Sesamstraße groß geworden. Für uns ist das die einzig wahre Sesamstraße. Wenn dann plötzlich jemand Neues kommt oder sich das Umfeld verändert, denkt man erst einmal: Wer ist das denn? Den wollen wir nicht. Was hat der da zu suchen? Und wenn dann plötzlich Schorsch seinen Fahrradladen in der Sesamstraße eröffnet, dann denken wir erst mal, wer ist das denn? Die Generation, die nach uns kommt, wächst aber damit auf und findet es ganz toll. Mein Kollege Julian Schlichting ist ein „Schorsch-Kind“ und ist in einer späteren Sesamstraßen-Generation groß geworden. Er hat das alles geguckt und deshalb auch die entsprechenden Kapitel im Buch geschrieben. Bei „Woozle Goozle“ war es ähnlich. Da gab es am Anfang auch einen Aufschrei: Warum ist Beni weg? Wer ist dieser Neue? Den wollen wir nicht. Ich habe zu Simón immer gesagt: Warte ein oder zwei Jahre ab, dann sind die alten Zuschauer herausgewachsen und die neuen mit Dir nachgewachsen. Das ist unser Vorteil: Wir verlieren unser Publikum irgendwann, aber es wächst immer wieder ein neues nach. Deshalb kann jede Generation etwas in dem Buch finden. Für Kinder ist vielleicht der hintere Teil interessanter, für Erwachsene der vordere. Es ist für alle etwas dabei.

Zum Schluss noch einmal zu Ihren Anfängen: Sie haben bei „Zimmer frei!“ mit dem Hund Wiwaldi gearbeitet. Der war ja durchaus dafür angelegt, den Gästen ein bisschen auf die Nerven zu gehen. Wie waren die Reaktionen auf ihn?

Das war mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ich habe bei „Zimmer frei!“ sehr gut gelernt, wie das mit Prominenten und Gästen funktioniert. Wiwaldi war eine Guerilla-Nummer. Es war nichts geprobt oder geschrieben. Ich hatte mir vielleicht ein oder zwei Gags überlegt, die ich gerne bringen wollte, aber mit den Gästen war nichts abgesprochen. Für mich war das jedes Mal ein Drahtseilakt: Was passiert jetzt? Wie reagieren die? Einige konnte man ein bisschen einschätzen. Die meisten kannte man aber nur aus dem Fernsehen. Man wusste nicht: Sind die wirklich so? Sind die lustig und spontan? Man merkte manchmal, dass Leute damit überhaupt nichts anfangen konnten. Gerade bei der Spontaneität gibt es große Unterschiede. Es gibt Schauspieler, Künstler und andere Leute, die brauchen Text. Andere sind viel freier. Für mich war es spannend, ein bisschen auszureizen, wie weit ich gehen kann und wann Schluss ist.

Bei Götz Alsmann wussten Sie wahrscheinlich, dass er mit so etwas umgehen kann. Auch die Nummer mit der „Buchstabensuppe“ von ihm ist ja vielen im Gedächtnis geblieben.

„Zimmer frei!“ war eine gute Schule für mich. Die haben einen ausprobieren lassen. Da war nicht dieser Druck: Wenn der Hund rauskommt, muss die Quotenkurve sofort nach oben gehen. Es hieß eher: Komm, probier doch einmal aus, was passiert. Und dann hat man sich im Lauf der Jahre selbst zu optimieren versucht.

Sie haben auch mit Oliver Pocher gearbeitet und viele andere Formate ausprobiert.

Ja, ich kann schlecht Nein sagen. Wenn jemand fragt: „Hast du Lust, in einer Late-Night-Show als Sidekick dabei zu sein?“, denke ich erst einmal: Ja, toll, eine Late-Night-Show. Ich war auch schon in sehr schlimmen und schlechten Sendungen. Aber ich habe immer gedacht: Solange man mir innerhalb dieser schlimmen Sendung drei oder vier Minuten gibt, die ich schön ausschmücken kann, reicht mir das. Dann kann ich versuchen, dieses kleine Fenster nett zu gestalten, damit zumindest dieser Teil Spaß macht. Ich war immer offen dafür, etwas auszuprobieren.