Robert Stadlober spricht den von Harry Potter verhassten Lehrer Severus Snape in der neuen Hörspielreihe „Harry Potter: Die Hörbücher mit voller Besetzung“, die Pottermore Publishing gemeinsam mit Audible veröffentlicht.
Sind Sie ein Harry Potter-Fan?
Robert Stadlober: Fan wäre jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Ich glaube, ich bin aus der Zwischengeneration. Als Harry Potter herauskam, war ich Anfang 20 und habe andere Sachen gelesen. Als gerade erwachsen gewordener Mensch interessiert man sich mehr für das Reale in der Welt und das, was man selbst gerade erlebt. Meine Fantasy-Zeit hatte ich da hinter mir gelassen. Aber über meine Kinder habe ich vor einiger Zeit tatsächlich angefangen, Harry Potter zu entdecken, und war dann schon fasziniert. Ich lese meinen Kindern logischerweise viel vor. Das ist erstens eine gute Übung, zweitens fällt es mir sehr leicht und drittens macht es Spaß.
Haben Sie auch die Filme geschaut?
Die habe ich in der Zwischenzeit auch nachgeholt, wobei ich sagen muss, wir sind mit der Reihe noch nicht am Ende, weil die Filme sukzessiv düsterer werden. Meine kleine Tochter ist noch nicht in dem Alter dafür und daher warte ich, bis wir die alle zusammen weiterschauen können.
Haben Sie einen Lieblingscharakter aus dem Potter-Universum?
Klar, deswegen habe ich ja für diesen Charakter vorgesprochen und bei dem hat es auch geklappt. Snape war die Figur, die mich am meisten interessiert hat und die ich auch jetzt durch die Arbeit von allen Figuren aus dem ganzen Universum am faszinierendsten finde.
Wieso?
Wegen dieser Ambivalenz. Er ist vordergründig böse konnotiert. Und erst mit der Zeit merkt man, wie viel mehr in ihm steckt: Die Doppelagenten-Tätigkeit, seine Verletzlichkeit und dieser lebenslange Schmerz, der ihm durch Harrys Vater zugefügt wurde, bestimmen sein Dasein. Snape ist eine wahnsinnig interessante Figur, weil er so menschlich ist. Ich glaube ja nicht an diesen Typus, den es in vielen Fantasy-Geschichten gibt: den Bösen, der alles zerstören will, und den Guten, der die Welt retten muss – und nichts dazwischen. Snape ist eben beides, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist.
Hätten Sie sich auch eine andere Rolle vorstellen können?
Na ja, vorstellen kann man sich viel und als Schauspieler kann man ja auch viele Sachen nachmachen. Aber die Figur, die ich am ehesten verstanden habe und auf die ich auch Lust hatte, sie stimmig zu gestalten, das war schon eigentlich ausschließlich Snape.
Was macht Snape aus, was Sie als Sprecher herausarbeiten wollten?
Oberflächlich betrachtet ist er ein richtig zynischer, autoritärer Lehrer. Das interessiert mich schon mal sehr, weil ich in meiner Schulzeit durchaus Konflikte mit Lehrern hatte – vor allem mit Lehrern, die so aufgetreten sind wie Snape. Und dann gibt's eben irgendwann diese Momente, in denen man merkt, dass dieser Zynismus, diese autoritäre Haltung und dieses tatsächlich Gemeine, die Freude am quälen bestimmter Kinder, dass das irgendwo eine Wurzel hat – nämlich in der eigenen Kindheit. Und ab da wird es für mich als Schauspieler psychologisch spannend. Denn wie fängt man an, diesen Zwiespalt stimmlich darzustellen? Du musst die Leute auf die falsche Fährte führen, damit es überraschend wirkt. Der Balanceakt besteht vor allem darin, dass am Ende alles glaubwürdig ist. In einem Film hat man sein Gesicht zur Verfügung, um das Gesagte beispielsweise mit Blicken zu konterkarieren. Bei einem Hörspiel kannst du das nicht machen. Da musst du die ganze Ambivalenz in einen Satz reinpacken.
Sie haben schon unzählige Rollen synchronisiert, unter anderem T.J. in „Disneys Große Pause“ und die Hauptfigur in „Der Schatzplanet“. Inwiefern ist diese Rolle dennoch besonders?
Synchronisiert habe ich schon ziemlich lange nicht mehr. Das habe ich als Kind gemacht. Synchronisation bedeutet ja eigentlich meistens, dass man versucht, im besten Sinne dem Kollegen, der das in Wirklichkeit gespielt hat, gerecht zu werden. Im Hörspiel hat man einen wesentlich größeren Interpretationsrahmen. Es macht total Spaß, wenn man sich voll in eine Situation hineinbegeben und zwei bis drei Seiten am Stück eine dialogische Szene spielen kann. Denn die gängige Art, Hörspiele zu machen, besteht mittlerweile darin, dass man nur Satz für Satz aufnimmt.
Hatten Sie beim Einsprechen Alan Rickman im Kopf?
Also die langen Haare, auch wenn ich sie nicht habe – ich habe sie gespürt. (lacht) Alan Rickman hat den Snape, wie er in den Büchern beschrieben wird, einfach unfassbar gut verkörpert. Das ist nichts, von dem ich mich abgrenzen muss, sondern eher etwas, dass ich als Orientierung nehme.
Haben Sie die Sorge, dass eingefleischte Fans mit Ihrer Interpretation nicht zufrieden sind?
Die Gefahr gibt's bei solchen Figuren natürlich immer. Gerade in Deutschland haben wir auch nochmal die Sondersituation, dass Rufus Beck schon einen Klassiker dieser Reihe im Hörbuch-Genre geschaffen hat. Auch die Interpretation von Felix von Manteuffel ist unfassbar gut. Jetzt bringen wir eben das dritte Angebot auf den Markt. Letztlich sind es drei tolle Reihen, die man hintereinander wegbingen kann. Unsere natürlich zuerst. (lacht)
Snape ist Lehrer für Zaubertränke und Verteidigung gegen die Dunklen Künste an der Zauberschule Hogwarts. Fänden Sie die Fächer auch am spannendsten oder würden Sie lieber anderen Unterricht besuchen?
Also Zaubertränke reizt mich gar nicht so sehr. Was Verteidigung gegen die Dunklen Künste angeht: Ich möchte nicht unbedingt lernen, wie ich andere manipulieren kann, sondern vielmehr, wie ich mich gegen Manipulationen schützen kann. Wir wissen alle, dass wir gerade ziemlich vielen dunklen Künsten ausgesetzt sind, da könnte ich ein bisschen mehr Verteidigungskraft durchaus gebrauchen.
Wie stehen Sie zur Kritik an J.K. Rowling?
Ich finde, dass Harry Potter mittlerweile volksgeschichtliches Allgemeingut ist, fast schon wie Grimms Märchen. Und wenn man jetzt anfängt, das irgendwie an der politischen Haltung der ursprünglichen Feder festzumachen, nimmt man, glaube ich, den Menschen ganz schön viel. Mir geht es mehr darum, Freude in die Welt zu bringen als einen weiteren Zwiespalt. Und ich glaube, man kann sich als Einzelperson ziemlich deutlich für eine Art zu leben äußern, statt permanent gegen die Auffassung anderer anzureden. Für mich ist klar: trans rights are human rights.
Hören Sie privat auch gerne Hörbücher?
Das ist ein bisschen eine gemeine Frage, denn ich kann ja jetzt nicht mein eigenes Berufsfeld torpedieren. Aber ich lese tatsächlich lieber selbst. Es gibt jedoch Kollegen, denen höre ich sehr gerne zu. Ich war zum Beispiel mit Otto Sander befreundet und habe einige von Ottos Hörbüchern auf CD geerbt. Otto ist der König des gelesenen Wortes gewesen. Seine Hörbücher höre ich sehr gerne, aber gar nicht mal, um mich abzulenken, sondern um zu lernen.
Werden Sie die neuen Harry Potter-Hörbücher mit Ihren Kindern hören?
Ich glaube, die Hörspielreihe kann man im Gegensatz zu den Filmen auch schon in jüngerem Alter durchaus hören. Sie ist zwar spannend und gruselig, aber vieles passiert eher in der eigenen Vorstellungskraft als durch irgendwelche Kreaturen, die einen später in Albträumen heimsuchen. Ich werde mich aber nicht mit meinen Kindern hinsetzen, die Reihe durchhören und schauen, wie sie auf meine Leistung reagieren. Das sollen sie mal schön für sich allein in ihren Zimmern hören.
Aber wie ist es für Ihre Kinder, dass ihr Papa jetzt Snape ist?
Großartig. Das ist wahrscheinlich auch etwas, womit sie dann bei Klassenkameraden ein wenig angeben können.
„Harry Potter: Die Hörbücher mit voller Besetzung“ ab Dienstag, 10. November bei Audible