Tülin Sezgin, die ihren Durchbruch mit ihrem Kanal „Conny from the Block“ feierte, spricht im prisma-Interview über die neue Serie „Nine to Five – Das Amt“.
prisma: Wie findest du es, wenn man dich als „Amtsinfluencerin“ bezeichnet?
Tülin Sezgin: Die Bezeichnung hat sich lange gedeckt mit dem, was ich gemacht habe. Seit gut einem Jahr habe ich mein Portfolio vergrößert. Die alten Figuren sind weiterhin existent, aber ich habe das Spektrum an Settings und Figuren außerhalb des Amts-Kosmos erweitert, damit ich noch mehr künstlerische Freiheit genießen kann.
War für dich Beamtin mal ein Traumjob?
Absolut nicht, nein (lacht). Ich bin da eher mit Logik und Verstand herangegangen, nicht mit Emotionalität. Ich kam aus der Hotellerie und habe mich gefragt, was ich studieren könnte, um für die nächsten 30 Jahre planen zu können. Mir ging es mehr um Sicherheit und Work-Life-Balance. Ich wollte nicht mehr jede Woche meine Zahlen abliefern müssen, sondern auch mal freie Wochenenden haben. Gleichzeitig dachte ich, dadurch etwas für die Gesellschaft leisten zu können.
Was hat dich dazu veranlasst, einen Social-Media-Kanal mit Parodien des Beamtenwesens zu starten?
Das hat im Corona-Lockdown angefangen. Wir waren größtenteils im Homeoffice, weil nicht zu viele Leute gleichzeitig im Büro sein durften. Gleichzeitig haben Laptops gefehlt und aus Datenschutzgründen durfte man keine Akten mit nach Hause nehmen. Aus Langeweile habe ich dann auf meinem privaten Instagram-Account Videos mit Filtern hochgeladen. Meine Freunde fanden das dann so lustig, dass sie meinten, ich müsste das doch öffentlich teilen. Und so wurde es immer größer. Irgendwann war ich nur noch in Teilzeit beschäftigt, weil ich sonst nicht geschafft hätte, Content zu kreieren. Es folgte ein Angebot vom dtv-Verlag, ein Buch über die ganzen Figuren zu schreiben, und 2023 habe ich das Amt somit endgültig verlassen.
Als Content Creatorin hast du jetzt aber wieder weniger Work-Life-Balance und Sicherheit.
Das ist natürlich komplett konträr zu dem, was ich mir eigentlich gewünscht habe. Aber ich muss dazu sagen, dass ich versucht habe, meinen Charakter in ein Korsett zu zwängen, in das er nicht hereingepasst hat. Das habe ich fünf Jahre lang ausgehalten. Nun bin ich selbst die Erschafferin von allem, was ich vermarkten kann. Das bringt einen anderen Druck mit sich. Sollte es irgendwann nicht mehr für mich funktionieren, habe ich weiterhin meine ganzen Bildungsabschlüsse und kann mich, wenn alle Stricke reißen, wieder woanders bewerben.
Haben sich deine ehemaligen Kollegen durch die Parodien angegriffen gefühlt?
Ich habe niemanden aus dem Amt konkret persifliert. Jede Figur ist ein Mix aus ganz vielen Erfahrungen. Zum Teil auch aus Gästen, die ich mal im Hotel betreut habe. Ich habe ganz lange auch von der Führungsebene viel Unterstützung dafür bekommen, weil ich ja unbewusst Werbung für den öffentlichen Dienst gemacht habe. Außerdem mache ich mich nie über die Figuren an sich lustig, sondern über die Zustände in den Behörden. Bei meinen Shows sind oft ganz viele Beamtinnen und Beamten im Publikum, da sitzen Vertreter der absurdesten Behörden nebeneinander und lachen sich tot, weil sie alle die gleichen Probleme im Büroalltag haben.
Wer ist deine Lieblingsfigur aus dem Conny-Kosmos?
Es ist sehr schwer, sich für eine Figur zu entscheiden. Das konnte ich nie gut. Ich habe jetzt auch noch ganz viele andere Figuren, die mit dem Amt nichts zu tun haben. Also wenn ich mich jetzt für eine entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich Gegen-alles-Gisela. Sie hat diese ganz harte Schale, ist eine Ostdeutsche, was für mich aktuell echt ein großes Thema ist, und ist gleichzeitig eine verletzliche Person. Was die alles durchgemacht haben muss, um so zu sein… Und ich liebe an Gisela, dass sie ganz viel sagen darf, ohne dass man es ihr übelnimmt (lacht).
Wie kamst du eigentlich auf den Namen Conny from the Block?
Das ist eine richtig peinliche Geschichte. Also es war Corona, dann habe ich aus Corona Corinna gemacht, und aus Corinna ist Conny geworden. Das „from the Block“ entstand, weil ich in Berlin-Neukölln aufgewachsen bin und zu der Zeit noch in diesen Blocks gewohnt habe. Ich habe über den Namen damals meine 100 Follower bei Instagram abstimmen lassen und er kam gut an. Man kennt ja auch „Jenny from the Block“. Irgendwie ist es dann dabei geblieben.
Die Figuren aus dem „Conny from the Block“-Universum tauchen auch in der neuen Serie „Nine To Five“ auf. Wie ist die Serie entstanden?
Nachdem ich mein Buch veröffentlicht habe, sind mehrere Produktionsfirmen auf mich zugekommen. Ich habe dann geschaut, was zu meinen Vorstellungen am besten gepasst hat. Da ich ein großer „Discounter“-Fan bin, hatte ich Lust auf eine Workplace-Comedy mit Impro-Elementen, weil das den Figuren am ehesten gerecht wird. Ich wollte keine Hochglanz-Amts-Serie. Man sollte schon den Amts-Muff durch den Fernseher riechen können. Es sollte alles so aussehen, dass die Leute sagen: „Nee, so sieht das doch nicht in echt aus“. Denn genauso sieht es auf dem Amt aus!
Wie schafft es denn die Serie, den Muff vom Amt ins Wohnzimmer zu bringen?
Zunächst einmal liegt das an den tollen Schauspielerinnen und Schauspielern, die es wirklich geschafft haben, diese Figuren so zum Leben zu erwecken, dass man ihnen abkauft, dass sie auf dem Amt arbeiten. Das Szenenbild ist absolut genial. Das deckt sich mit ganz vielen Einsendungen, die ich aus echten Behörden bekommen habe – natürlich anonym. Wenn man mal hineinzoomt, dann sieht man viele kleine Zettel mit „Hier den Kaffee nicht auskippen.“ oder „Der Kühlschrank ist defekt.“. Als das Set fertiggebaut war, bin ich da durch gegangen und hab mir gedacht: Wahnsinn, das sieht genauso aus wie mein Arbeitsplatz damals (lacht). Alles ist ein bisschen bräunlich, gelblich, vergilbt und es riecht auch wie auf dem Amt.
Gibt es eigentlich auch Klischees, die sich deiner Erfahrung nach so gar nicht mit der Wirklichkeit decken?
Ein Vorurteil lautet immer, dass die Leute auf dem Amt nicht wirklich arbeiten. Das ist natürlich absoluter Quatsch, denn ein Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Behörden ist massiv überlastet – gerade in Berlin. Und in ein paar Jahren, das sage ich immer wieder, wird der Laden zur Hälfte leer sein, weil die meisten in Pension gehen. Es gibt bestimmt faule Beamte, um Gottes Willen, genau wie gemütlichere Büroangestellte oder Verkäuferinnen und Verkäufer. Aber auf dem Amt wird nicht nur zu den normalen Öffnungszeiten gearbeitet. Und auch der Spruch „Freitag ab eins macht jeder seins“ stimmt nur bedingt. Klar kannst du Freitag um 13 Uhr Schluss machen – wenn du Montag bis Donnerstag jeweils eine Stunde länger gearbeitet hast.
Vermisst du manchmal deine alte Arbeit?
Also was ich vermisse, sind meine alten Kolleginnen und Kollegen. Ich hatte ein schönes Team, mit dem ich sehr gerne zusammengearbeitet habe. Und ich vermisse den Feierabend. Das Gefühl, wenn man um sieben angefangen hat zu arbeiten und um 15.30 Uhr den Stift fallen lassen konnte und wirklich frei hatte. Jetzt arbeite ich gefühlt rund um die Uhr. Ich stehe morgens unter der Dusche, mein Kopf rattert, und ich habe schon die erste Idee für ein Video im Kopf, dass ich dann mit nassen Haaren plane.
Hast du zum Abschluss noch einen Streaming-Tipp für uns?
Wenn ich ein bisschen Eigenwerbung machen darf: Bald erscheint die fantastische ZDFneo-Serie „Ballz“, in der es um das unschöne Thema Hodenkrebs geht. Maximilian Mundt spielt darin einen Fitnesstrainer, der die Diagnose bekommt, und ich übernehme die Rolle der Arzthelferin. Das ist wirklich eine ganz tolle Serie, wo ich gesessen und lauthals gelacht habe, weil es einfach nicht wahr sein kann, dass wir so etwas im Fernsehen zeigen. Große Empfehlung!
„Nine to Five – Das Amt“ alle acht Folgen in der ZDF-Mediathek