„Immer wenn ich Kopfschmerzen bekomme, habe ich Angst vor einem Hirntumor. Und sobald ich Druck auf der Brust spüre, denke ich an einen Herzinfarkt. Meine Ärzte sagen, ich sei gesund – aber mein Körper scheint etwas anderes zu erzählen. Was stimmt denn nun?“, fragte mich kürzlich eine 35-jährige Patientin. Und sie ist mit ihrer Sorge nicht allein. Viele Menschen beobachten ihren Körper heute genauer denn je, denn Smartwatch, Fitness-Tracker und Gesundheits-Apps liefern rund um die Uhr Daten. Gleichzeitig scheint das Vertrauen in die eigenen Körperempfindungen abzunehmen. Ein kleiner Schmerz wird schnell zur Katastrophe, ein Herzstolpern zum drohenden Infarkt.
Dabei besitzt jeder von uns ein faszinierendes Sinnesorgan, das kaum jemand kennt: die Interozeption. Sie beschreibt die Fähigkeit unseres Gehirns, Signale aus dem Körperinneren wahrzunehmen und zu verarbeiten. Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Hunger oder Durst – all diese Informationen werden ständig ans Gehirn weitergeleitet. Eine zentrale Schaltstelle ist die sogenannte Insula. Dort werden Körpersignale mit Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen verknüpft. So entsteht das Gefühl: Mir geht es gut. Oder eben: Irgendetwas stimmt nicht. Unser Gehirn arbeitet dabei nicht wie ein Computer. Es bewertet Körpersignale anhand dessen, was wir erlebt haben und erwarten. Wer etwa einen Herzinfarkt im Familienkreis erlebt hat oder ständig Berichte über schwere Erkrankungen liest, interpretiert ein harmloses Ziehen in der Brust oft anders als andere. Neurowissenschaftler sprechen deshalb davon, dass das Gehirn ständig Vorhersagen trifft. Und manchmal liegt es daneben. Das bedeutet nicht, dass Beschwerden eingebildet sind. Der Druck auf der Brust oder der Kopfschmerz sind real. Entscheidend ist, welche Bedeutung unser Gehirn ihnen gibt. Eine gut ausgeprägte Interozeption kann sogar hilfreich sein: Leistungssportler erkennen früh ihre Belastungsgrenze, Menschen mit Diabetes spüren oft Unterzuckerungen rechtzeitig. Problematisch wird es jedoch, wenn jede Körperempfindung ständig überprüft wird. Aufmerksamkeit verstärkt die Wahrnehmung, die Sorge nimmt zu, Angst erhöht Puls und Muskelspannung und genau diese Veränderungen werden erneut registriert. So entsteht ein Teufelskreis.
Haben wir also verlernt, unseren Körper richtig zu deuten? Zum Teil ja. Früher gehörte es zum Alltag, dass der Körper auch einmal zwickte. Heute liefert eine Internetsuche innerhalb von Sekunden harmlose ebenso wie lebensbedrohliche Erklärungen – unser Gehirn merkt sich vor allem die dramatischen. Natürlich gilt: Anhaltende, starke oder neu auftretende Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt. Genauso wichtig ist aber das Vertrauen in den eigenen Körper. Die meisten Signale wollen uns nicht erschrecken, sondern helfen. Zwischen sorgloser Ignoranz und ständiger Angst liegt ein gesunder Mittelweg und genau dort fühlt sich unser Körper meist am wohlsten.