Wenn du heute auf den Start von "Der König der Löwen" in Hamburg im Jahr 2001 zurückblickst: Was war damals das Besondere?
Joachim Benoit: Das war alles riesig aufgezogen, mit internationalen Gästen und enormer medialer Begleitung. Auch die Proben wurden schon vom Fernsehen begleitet. Und das Theater musste für die Show erst richtig umgebaut werden; das war ein Riesenaufwand.
Wenn man sich heute das Bühnenbild ansieht, wirkt es immer noch enorm aufwendig. Ist im Kern tatsächlich noch vieles wie damals?
Unser Pride Rock fährt von unten aus der Bühne heraus. Dafür brauchst du mehrere Meter Tiefe unter der Bühne, und das haben nicht alle Theater, in denen "Der König der Löwen" gespielt wird – in Hamburg wurde die Bühne extra dafür gebaut. Natürlich wurde die Technik über die Jahre modernisiert, etwa bei Licht, Ton und Mikrofonen. Aber die Grundidee der Show ist geblieben.
Auch die Kostüme sehen nach 25 Jahren erstaunlich zeitlos aus.
Von außen betrachtet finde ich sie nach wie vor großartig. Als Darsteller sieht man natürlich auch die andere Seite: In meinem Kostüm bin ich so gut eingepackt, damit könnte ich Skifahren gehen. Dazu kommt das Make-up: Ich sitze jeden Tag 40 bis 45 Minuten in der Maske und werde bis in die Ohren blau geschminkt. Für uns ist das also auch ein ziemlicher Aufwand.
Trotzdem hörst du dich immer noch begeistert an.
Das bin ich auch. Es gibt diese Ästhetik, diese Masken, Farben und Materialien. Und mit den Materialien wird erzählt: Bei der Löwenjagd zum Beispiel tragen die Tänzerinnen die Maske zunächst auf dem Kopf. In bestimmten Bewegungen nehmen sie sie vor das Gesicht, der seidige Stoff bläht sich im Wind auf und plötzlich entsteht die Silhouette einer jagenden Löwin. Da muss man erst einmal draufkommen! Aber obwohl die Show opulent ist, ist vieles eigentlich nur angedeutet. Etwas Gras, ein Felsen – und trotzdem versteht man das Bild sofort. Ich finde das immer noch genauso schön wie vor 25 Jahren.
Was ist dir aus der Anfangszeit 2001 besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich habe darüber gerade erst wieder nachgedacht. Ich hatte mich damals wahnsinnig auf den Probenbeginn gefreut, auf die Arbeit mit Disney. Und wenige Tage vorher sitzen wir vor dem Fernseher und sehen am 11. September die Türme einstürzen. Wir wussten: Unser Team kommt aus Amerika. Das war ein ganz bedrückendes Gefühl in einem Moment, in dem wir gleichzeitig voller Freude diese große Show aufbauen wollten.
Und trotzdem habt ihr angefangen.
Alle sind gekommen, wir haben die Show aufgebaut, und die Welt ist in diesen 25 Jahren nicht untergegangen. Wir haben Menschen unterhalten, ihnen vielleicht für ein paar Stunden Ablenkung vom Alltag und vom Weltgeschehen gegeben. Wenn ich heute Nachrichten sehe und vieles mich bedrückt, denke ich manchmal daran zurück. Damals fühlte sich die Situation ebenfalls unglaublich bedrohlich an, und trotzdem ging es weiter. Gerade deshalb müssen wir Live-Theater machen.
Was kann Live-Theater gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, was Technik nicht ersetzen kann?
Mein Vogel mit KI? Keine Chance. Da muss schon ein Schauspieler ran. Theater müssen Menschen für Menschen auf der Bühne machen, sonst ist es kein Theater mehr.
Gehört zu diesem Live-Erlebnis für dich auch, dass auf der Bühne etwas schiefgehen kann?
Wenn du einem Jongleur zuschaust, weißt du: Die Bälle könnten runterfallen. Und wenn sie tatsächlich herunterfallen und er sie wieder aufhebt, ist das Publikum gar nicht böse. Im Gegenteil, man empfindet Respekt für den mutigen Jongleur, der sich diesem Risiko immer aufs Neue stellt. Das ist echt.
Nach 25 Jahren dürfte dich bei Zazu nicht mehr viel aus der Ruhe bringen. Was kann trotzdem noch schiefgehen?
Meine Puppe ist technisch sehr filigran. Da kann theoretisch immer mal etwas klemmen oder reißen. Das passiert selten, weil die Puppen täglich gewartet werden. Früher hat mich so etwas trotzdem viel nervöser gemacht. Ich ließ mir zum Beispiel meinen Hut mit unzähligen Nadeln feststecken, weil ich Angst hatte, dass er herunterfällt. Heute weiß ich: Wenn er fällt, finde ich eben einen Weg, ihn wieder aufzusetzen. Das ist die Routine.
Das ist sicher anders, wenn du die Vertretung für Timon übernimmst.
Timon spiele ich nicht jeden Tag, also muss ich mich vorher noch einmal mit dem Text beschäftigen. Außerdem ist es viel stärker ein Zusammenspiel mit Pumbaa. Ich mag das, weil ich dadurch immer wieder in eine Situation komme, in der mir ein bisschen die Drüse geht. Timon unterbricht meine Zazu-Routine.
Bei Timon ist es die fehlende Routine – worin liegt bei Zazu heute noch die Herausforderung?
Die Figur ist sehr dynamisch, schnell, aufgedreht, fast hysterisch. Viel Bewegung, viel Schreien, immer ein hoher Beat. Diese Energie musst du über die ganze Vorstellung halten. Das ist schon ein Kraftakt.
Und du machst es nach all den Jahren trotzdem noch gerne?
Ja. Wenn du merkst, bei dieser Show stimmt alles, dann ist das wie ein Kunstwerk. Und du erlebst jeden Abend, was sie mit den Menschen macht. Da sitzen ungefähr 2000 Zuschauer und du bekommst teilweise einen Applaus wie bei einem Rockkonzert. Wir sehen die Gesichter, wir sehen die Begeisterung. Manche Menschen wissen vorher gar nicht genau, was sie erwartet, und sind am Ende völlig überwältigt. Das treibt einen immer wieder an.
Hat sich das Publikum in diesen 25 Jahren verändert?
Die grundsätzliche Reaktion eigentlich nicht. Aber mittags sitzen zum Beispiel viel mehr Kinder im Publikum, und die reagieren natürlich anders als Erwachsene. Besonders sind auch unsere Relaxed Performances, bei denen bestimmte Effekte etwas abgefedert werden. Dadurch können Menschen ins Theater kommen, für die eine normale Vorstellung schwieriger wäre.
In den vielen Jahren ist bei dir doch sicherlich auch mal etwas anders gelaufen als geplant.
Ich erinnere mich an eine Probe von "Circle of Life". Ich war bei einem Einsatz einmal nicht ganz genau, und der Regisseur stoppte die Probe und nahm mich als Beispiel, um den Neuen zu erklären: So kann eine Person die ganze Show durcheinanderbringen. Er kannte mich gut und wusste, dass ich das aushalte. Aber offenbar hat das in meinem Unterbewusstsein weitergearbeitet.
Was ist passiert?
Etwa zwei Wochen später bin ich dann bei einer Vorstellung in genau dieser Szene vor dem Publikum auf alle viere gefallen wie ein Käfer. Da lag ich also mitten in der Nummer – und habe sie tatsächlich zerstört (lacht).
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