Im Interview

Ann-Kathrin Kramer über "Amore Mio": "Irgendwann lernt man, sich besser zu verstehen"

07.10.2026, 12.13 Uhr
Ann-Kathrin Kramer erzählt im Interview, wie die Dreharbeiten zu "Amore Mio" in Sizilien ihr Bild von Edda und ihrer eigenen Sehnsucht geprägt haben. Sie spricht über die Bedeutung von Lebensphasen und die Notwendigkeit, weibliche Geschichten neu zu erzählen.
Edda (Ann-Kathrin Kramer) und ihre Tochter Poppy (Hannah Schiller) sitzen am Meer.
Edda (Ann-Kathrin Kramer) und ihre Tochter Poppy (Hannah Schiller) tauchen in die Vergangenheit ein. Fotoquelle: ZDF & Stephan Rabold

prisma: "Amore Mio" lebt stark von seinen Bildern aus Sizilien. Waren Sie vor den Dreharbeiten schon einmal dort?

Ann-Kathrin Kramer: Tatsächlich nicht, obwohl ich schon lange unbedingt einmal hinwollte. Sizilien ist ein ganz eigener Sehnsuchtsort – vielleicht auch, weil man doch eher schon einmal in Venedig war als auf Sizilien. Für mich war der Dreh deshalb eine tolle Gelegenheit.

Konnten Sie den Ort trotz der Dreharbeiten auch wirklich erleben?

Ja, das konnten wir. Wir haben mitten in Palermo gewohnt und waren dadurch wirklich mittendrin im Trubel der Stadt. Das liebe ich am Drehen an anderen Orten: Man kommt an Plätze, die man sonst vielleicht gar nicht kennenlernen würde. Und auch während der Arbeit nimmt man die Umgebung wahr. Wo man sich befindet und mit wem, ist für eine Schauspielerin enorm wichtig. Das fließt in die Szene ein.

Der Film zeigt Edda als junge Frau – und dann viele Jahre später nach dem Tod ihres Mannes. Was versteht man über sie erst, wenn man beide Lebensphasen kennt?

Ich glaube, sie muss selbst erst einmal sortieren, wer sie eigentlich ist: Ist sie die Frau, die sie damals war, oder die Frau, die sie heute ist? Auf ihrer Reise nach Italien passiert aber etwas sehr Schönes: Man versteht plötzlich, dass Menschen, die wir nur in einem bestimmten Alter kennen, nicht immer so waren. Eine Mutter war nicht immer eine Mutter – sie war auch einmal eine junge Frau mit Flausen im Kopf und Freiheitssinn. Das vergessen wir oft.

Auch Poppy sieht ihre Mutter später mit anderen Augen – aber erst einmal reagiert sie aus ihrer eigenen Verletzung heraus.

Ja. Wir beziehen vieles erst einmal auf uns selbst, das ist etwas sehr Menschliches. Wenn man aber bereit ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, kann man irgendwann auch das Gegenüber besser verstehen und eine Situation nicht mehr nur aus der eigenen Perspektive betrachten. Genau das geschieht zwischen den beiden. Durch diese gemeinsame Erfahrung begegnen sich Mutter und Tochter emotional an einem ganz anderen Punkt.

Sie sagen, wir vergessen oft, dass eine Mutter auch einmal eine junge Frau war. Warum werden Frauen in einem bestimmten Alter im Film so selten mit ihren eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten erzählt?

Ich glaube, das hängt mit sehr alten Erzählmustern zusammen, an denen wir immer noch festhalten. Frauen werden dabei oft als junge Frauen erzählt, die sich verlieben, vielleicht noch als Mutterfigur und dann erst wieder als „lustige Alte“. Dazwischen fehlt unglaublich viel. Es wäre wirklich Zeit, diese Erzählformen aufzubrechen, denn dadurch gehen uns viele tolle Geschichten durch die Lappen.

Wenn wir uns im normalen Leben umschauen, sehen wir doch jede Menge Frauen, die in einem bestimmten Alter noch einmal ganz andere Dinge machen: Sie verlassen ihre Männer, gründen Firmen oder gestalten ihr Leben neu. Das sind Geschichten wie Schätze, die man heben könnte. Und diese Geschichten sind nicht nur für Frauen dieses Alters interessant. Ich kenne viele junge Frauen, die sagen, sie wüssten gar nicht, was sie später im Leben erwartet, weil sie es in Filmen nicht sehen. Da hören die Geschichten häufig damit auf, dass eine Frau einen Mann findet oder heiratet. Aber was passiert jenseits der 35?

Da fehlen also ganze Lebensphasen. Hat sich daran inzwischen etwas verändert?

Es gibt eine andere öffentliche Wahrnehmung, und das Thema wird häufiger diskutiert – aber das ist noch ein ganz zartes Pflänzchen. Mir geht es gar nicht darum, dass Frauen in einem bestimmten Alter nun immer die Hauptrollen bekommen müssen. Entscheidend ist, wie sie erzählt werden. Wie geschlechtslos, leidenschaftslos und bieder Frauen teilweise dargestellt werden, hat mit der Realität oft wenig zu tun. Manchmal hat das fast etwas von einem Frauenbild aus den 50er-Jahren – da hängt noch ganz schön viel alter Staub dran.

Ihr Mann hat Edda damals die Möglichkeit genommen, selbst zu entscheiden. Hat sie aus Ihrer Sicht trotzdem das richtige Leben geführt?

Das kann man nicht eindeutig beantworten. Vielleicht hätte sie sich damals trotzdem nicht für Matteo entschieden. Aber dann hätte sie es wenigstens selbst entschieden. Stattdessen ist sie mit einem Mann verbunden geblieben, der vieles in ihr nicht zum Klingen gebracht hat. Er hat sie geliebt und es vermutlich gut gemeint. Trotzdem hat er für sie entschieden und ihr damit diese Freiheit genommen.

Gleichzeitig wird Eddas Leben mit ihrem Mann ja nicht als grundsätzlich unglücklich erzählt.

Nein. Die beiden sind zusammengeblieben, und dieses Leben war auch gut und schön – und zwar nicht nur, weil sie eine tolle Tochter haben. Edda hat damit ihren Frieden gemacht.

Und was bedeutet Matteo für sie nach all den Jahren: tatsächlich die große verlorene Liebe oder eher die Vorstellung eines anderen Lebens?

Ich glaube, das weiß Edda selbst nicht genau. Sie hat sich in ihrem Leben in Deutschland durchaus wohlgefühlt. Das andere lag wie in einem kleinen Schatzkästchen in ihr. Hin und wieder hat sie hineingeschaut und es dann wieder verschlossen – als Erinnerung an eine Zeit, in der sie sich sehr lebendig gefühlt hat.

Vielleicht konnte Matteo auch deshalb zu so einem Sehnsuchtsort werden, weil diese Beziehung nie im Alltag angekommen ist.

Genau. Viele kennen vielleicht dieses Gefühl einer Urlaubsliebe. In der Euphorie denkt man, man könnte alles über Bord werfen, umziehen, das Land oder sogar den Kontinent wechseln. Im Alltag kommt dann irgendwann die Ernüchterung, und die Sache entzaubert sich. Wenn diese Entzauberung aber nie stattfindet, bleibt eine Sehnsucht. Man hat einen kleinen Sehnsuchtsort, an den man sich gedanklich flüchten kann: "Ach, hätte ich damals mal ..." Das Schöne daran ist: Man muss die Entscheidung nicht treffen. Es reicht schon, die Idee zu haben.

Vielleicht merkt man gerade daran, wie viel von der jungen Edda noch in ihr steckt.

Genau diese Ambivalenz macht Edda für mich aus: dieses "Vielleicht hätte ich, vielleicht aber auch nicht." Edda kommt an diesen Punkt noch einmal zurück und kann ihrer Tochter zeigen: Ich war einmal wie du – und in manchen Dingen bin ich es immer noch. Ich weiß heute genauso wenig wie damals, wie ich mich entscheiden würde.