„Tatort“-Fans kennen Dietmar Bär vor allem als Freddy Schenk. In „Rosamunde Pilcher: Die Glücksbringerin“ spielt er nun einen Handwerker mit Zukunftssorgen – eine Figur, zu der der Schauspieler überraschend viele persönliche Bezüge findet.
Sie sind jetzt erstmals in der Rosamunde-Pilcher-Reihe zu sehen. Wie ist es dazu gekommen?
Dietmar Bär: Ich kenne den Produzenten Michal Smeaton schon viele Jahre, aber zeitlich hat es vorher nie gepasst. Diesmal stimmte es. Was ich an der Reihe interessant finde, ist das wechselnde Ensemble: Es werden junge Leute besetzt, aber bei den älteren Gastrollen auch immer wieder bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen – wie beispielsweise Lina Wendel, in der Rolle der Jessica, und ich. Und für mich passte vor allem das Buch. Ich fand die Vater-Tochter-Geschichte schön, dazu entwickelt sich später noch diese Liebesgeschichte mit Jessica. Auch die Zusammenarbeit war sehr angenehm und professionell. Viele denken bei solchen Filmen vielleicht: Ach ja, so ein Filmchen. Aber das ist genauso viel Arbeit wie andere TV-Aufträge auch.
Hat sich mit Ihrer Erfahrung verändert, welche Rollen Sie annehmen oder ablehnen?
Da gibt es schon einen ersten Filter durch meine Agentur, mit der ich seit vielen Jahrzehnten zusammenarbeite. Und dann kommt mein Bauchgefühl. Ich bekomme ein Drehbuch, lese ein paar Seiten und entweder lese ich weiter oder ich merke ziemlich schnell: Das ist nichts für mich. Mittlerweile gönne ich mir dann auch den Luxus, es wegzulegen und zu sagen: Da müsst ihr weitersuchen, ich bin nicht dabei. Bei diesem Buch hatte ich dagegen sofort das Gefühl, dass die Vater-Tochter-Geschichte und auch dieser spätere "Silver-Love-Effekt" gut zusammenpassen.
Ihre Figur Daniel Ridley steckt beruflich in Schwierigkeiten. Was hat Sie an ihm interessiert?
Ich bin selbst der Sohn eines Metzgergesellen, also eines Handwerkers. Mein Vater hat immer großen Wert darauf gelegt zu sagen, dass er Handwerker und kein Arbeiter ist. Deshalb ist mir diese Welt nicht fremd. Ich hatte auch das Gefühl, dass das vielleicht den einen oder anderen männlichen Zuschauer in unserem Land mitnimmt. Wir wissen ja alle, wie es um das Handwerk bestellt ist und dass es Personalprobleme gibt. Mit Daniel zeigt der Film jemanden, der mit einer bestimmten Technik und Arbeitsweise vertraut ist und nun mit einer jüngeren Generation und dem Fortschritt konfrontiert wird. Da gibt es ja diese Gegenfigur, die meiner Tochter nachstellt und ihm mit eher zwielichtigen Methoden Konkurrenz macht.
Gleichzeitig ist Daniel in einem Alter, in dem er sich sicherlich Gedanken darüber macht, wie lange er diesen körperlich anstrengenden Beruf noch ausüben kann. Ein Heizungsbauer ist meiner Meinung nach mindestens genauso körperlich belastet wie jemand auf dem Bau oder der berühmte Dachdecker, der in der Rentendiskussion immer wieder herangezogen wird. Im Film gibt es ja diese schöne Vorstellung, dass er sich irgendwann vielleicht nur noch in seiner Werkstatt um die tollen alten Kamine kümmert.
Gleichzeitig beschäftigt ihn nicht nur seine eigene Zukunft.
Genau. Er sieht, dass seine Tochter ihren Weg weitergehen wird. Und dann trifft er auf Jessica und erkennt, dass bei ihr nicht nur etwas am Kamin repariert werden muss, sondern dass sie noch in einer Trauerschleife steckt. Indem er versucht, ihr da herauszuhelfen, therapiert er sich vielleicht ein Stück weit auch selbst.
Das mochte ich an der Geschichte. Ich fand interessant, dass in so einem Film eine sehr existenzielle Thematik steckt. Da ist jemand mit seinem alten Handwerksauto und seinem alten Beruf, und ein Jüngerer, den er sogar selbst ausgebildet hat, versucht ihm mit dubiosen Methoden das Wasser abzugraben.
Apropos altes Auto: Haben Sie bei Ihren Rollen eigentlich Einfluss darauf, mit welchem Wagen Sie unterwegs sind?
Um Gottes willen, ich suche mir das nicht einfach selbst aus. Aber durch die Erfahrung der vergangenen Jahre arbeitet man da schon Hand in Hand. Beim Kölner "Tatort" können wir zum Beispiel schauen, was vorhanden ist.
Es haben sich sogar schon Leute bei uns gemeldet und gesagt: Der Kölner Kommissar fährt doch immer alte Autos, ich hätte da noch eines. Das ist natürlich nett. Manche sehen allerdings toll aus und funktionieren nicht mehr wirklich - das ist bei alten Autos manchmal so.
Und bei diesem Film wurde es ein Morris Minor.
Die Idee, Daniels Figur auch über das Auto zu erzählen, habe ich im allerersten Gespräch mit der Regisseurin Karola Meeder hinterlegt. Ich sagte ihr, dass ich Daniel in der Geschichte auch gegenüber dem jungen Mann in einem älteren Wagen sehe.
Dann kam das Foto von diesem Morris Minor. Vom englischen Team habe ich gelernt, dass das dort ungefähr so ein Klassiker ist wie bei uns der VW Käfer. Viele sagten: So einen hatte ich auch mal, oder mein Vater hatte einen. Und ich fand, das passt wunderbar zu Daniel: die alte Werkstatt, das alte Auto - und er kommt noch selbst vorbei. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Der Film erzählt neben der jungen Liebesgeschichte auch eine etwas reifere zwischen Daniel und Jessica. Was gefällt Ihnen daran?
Dass sie nicht von Anfang an offensichtlich ist. Das wäre mir zu aufgesetzt gewesen. Bei Clare und ihrer alten Liebe versteht man relativ schnell, in welche Richtung sich das entwickelt. Pilcher-erfahrene Zuschauer wissen wahrscheinlich sowieso: Wenn ich um kurz vor zehn wieder einschalte, wird sich das schon geklärt haben. Bei Daniel und Jessica ist das anders. Zunächst sieht man einfach einen Mann, der jemandem aus seiner Generation helfen will. Er möchte Jessica zeigen: Das Leben geht weiter. Erst langsam merkt man, dass da mehr entsteht. Ich glaube, Daniel selbst begreift erst ziemlich spät, dass ihn da etwas erwischt hat. Genau diese Entwicklung mochte ich, aber auch Lina Wendel, an dem Buch.
Gedreht wurde in Cornwall. Was hat der Ort mit Ihnen gemacht?
Ich habe sofort beim WDR gefragt, ob wir mit dem "Tatort" nicht auch mal Richtung England fahren können (lacht).
Spaß beiseite. Ich war vorher noch nie in Cornwall und hatte mit England überhaupt nicht viel Erfahrung - zweimal London, zweimal Schottland, das war es. Und dann erlebt man dort plötzlich diese Landschaft. Ich bin privat eher ein Mensch des Meeres als des Gebirges, deshalb hat mich der Atlantik in seiner Wucht sehr beeindruckt. Dazu diese Natur mit ihrer unfassbaren Flora, was dank des Klimas möglich ist, und die entspannte Mentalität der Menschen.
Man wird durch die Motivsuche natürlich an wunderschöne Orte gebracht. Das Haus von Jessica fand ich zum Beispiel traumhaft. Auch die Gegend um unsere Werkstatt, Newquay, hat mich beeindruckt. Das ist eine größere, berühmte Anlage, wo auch Besichtigungen angeboten werden. Da sind schon viele auch historische Filme gedreht worden. Und die Arbeit mit dem internationalen Team war einfach eine sehr gute Zeit.
Hat sich Cornwall damit auch als privates Reiseziel empfohlen?
Auf jeden Fall. Nur an das Autofahren auf der anderen Seite müsste ich mich noch gewöhnen. Beim Dreh hatte ich zum Glück nur kurze Strecken.
Sie haben selbst schon über Existenzängste im Schauspielberuf gesprochen. Gibt es da eine Verbindung zu Daniel?
Daniels Situation als Handwerker ist zunächst eine andere. Er ist ein alter Handwerksmeister, der jetzt sieht, dass eine neue Zeit anbricht, dass die Kundschaft sich ändert und vielleicht auch die Ansprüche an seine Produkte.
Als freischaffender Schauspieler bin ich darauf angewiesen, dass Rollen kommen. Ich habe vor 29 Jahren diesen wunderbaren, goldenen Arbeitsplatz in Köln, und das ist ein großes Glück. Trotzdem weiß man: Solange ich arbeiten kann und mir eine Rolle gefällt, habe ich die Möglichkeit, damit mein Geld zu verdienen. Irgendwann kann das anders sein – und darauf muss ich mich vorbereiten.
Diese Unsicherheit bleibt trotz Ihrer langen Karriere?
Ja. Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, bei denen man von außen sagen würde: Die müssen sich doch überhaupt keine Sorgen machen. Aber das sind die Gesetzmäßigkeiten unserer Branche. Man ist frei, man arbeitet frei, und es kann passieren, dass man in einem Jahr noch sehr gefragt ist und plötzlich die Rollen weniger werden. Gerade bei Kolleginnen sieht man das ab einem bestimmten Alter immer wieder. Viele Zuschauer und Leser glauben vielleicht, wir würden alle in Beverly Hills wohnen. Tun wir aber nicht. Wir arbeiten hier in Deutschland beim Fernsehen. Deshalb halte ich solche Existenzängste für etwas sehr Reales in unserer Branche.
Dabei gibt es heute durch Streaming und andere Angebote gefühlt immer mehr Inhalte.
Das denkt man, weil es so viele Angebote gibt. Ich habe aber gerade erst mit meiner Agentur darüber gesprochen, dass quantitativ im Moment erstaunlich wenig produziert wird. Gleichzeitig kommen viele junge Kolleginnen und Kollegen nach. Und unser Beruf ist nicht geschützt. Auch am Theater bedeutet ein festes Engagement nicht automatisch dauerhafte Sicherheit. Ein Intendant wechselt, die Karten werden neu gemischt, und plötzlich kann eine Familie vor einer völlig neuen Situation stehen. Diese Unsicherheit gehört zu unserem Beruf.
Zum Schluss noch etwas anderes: Was würden Sie sagen, wenn "Let's Dance" anfragt?
Nein, bei „Let’s Dance“ bin ich raus. Das ist nicht meins.
"The Masked Singer" finde ich von der Idee her dagegen spannend. Ich habe es zwar noch nie gesehen, aber Kollegen haben mir davon erzählt. Da würde ich mich schon eher sehen.
„Rosamunde Pilcher: Die Glücksbringerin“
Sonntag, 6. September, 20.15 Uhr, ZDF
ab 29. August in der ZDF-Mediathek