Reise-Influencer Simon Hegewald (bekannt als Hegefire) zeigt in seinem zweiten Buch, welche Wanderwege und Ausflugsziele besonders sehenswert sind. Im prisma-Interview spricht er über seine Lieblingsorte in Deutschland und verrät, wie die Chancen auf ein drittes Buch stehen.
prisma: Seit 2020 ist Reisen quasi dein Beruf. War das schon immer dein Plan?
Simon Hegewald: Es war nie mein Plan, der große Wander-Influencer zu werden, sondern das war eigentlich mein Corona-Projekt, das sich verselbstständigt hat. Ich hatte gedacht, dass sich das Interesse nach der Corona-Zeit legt, weil die Leute wieder weiter wegreisen können. Aber ich habe einfach damit weiter gemacht, und die Kanäle sind immer weitergewachsen. Mittlerweile mache ich das wirklich hauptberuflich und lebe meinen Traum, weil ich meine drei Hobbys miteinander verbinden kann: Social Media, Wandern und Schreiben.
Du konzentrierst dich hauptsächlich auf deutsche Ziele. Lag das an der Corona-Zeit?
Genau, also ich habe 2020 für mich das Wandern wiederentdeckt. Es war natürlich schon angelegt bei mir, weil ich aus der Sächsischen Schweiz komme und diese immer auch Teil von Familienausflügen war. Wir sind immer wandern gegangen, nur irgendwann findet man das als Teenager total doof. Und in seinen Zwanzigern hat man andere Sachen zu tun, als irgendwelche „Rentnerurlaube“ zu machen. Mit Anfang 30 habe ich das Wandern wieder für mich entdeckt und gemerkt, dass es mir einfach guttut und mich bei all dem Alltagsstress runterbringt. Und ich habe gemerkt, dass viele Deutschland eigentlich gar nicht richtig kennen. Klar, man kennt die urbanen Großregionen – Frankfurt, das Ruhrgebiet, NRW, Berlin, Hamburg, München und so. Aber die ganzen kleinen Perlen, die es gerade im Mittelgebirgsbereich gibt, die sagen keinem etwas. Auch jetzt nach sechs Jahren habe ich unter meinen Beiträgen immer noch ganz viele Kommentare von Leuten, die nicht glauben können, dass das überhaupt in Deutschland ist.
Und wie findest du diese Orte?
Das ist so ein bisschen meine Marvel-Avengers-Superkraft. Erst letztens habe ich den Schuh des Manitu im Harz gefunden, der also wirklich wie so ein Mokassin aussieht. So etwas passiert vor allen Dingen auch dank meiner Follower. Wenn ich etwas hochlade, kriege ich direkt eine Rückmeldung. Die Leute schreiben „ja schön, dass du da warst, aber kennst du auch das und das“ – so verselbstständigt sich das Ganze dann immer.
Hast du manchmal Angst, dass die „Geheimtipps“, die du weitergibst, irgendwann vom Massentourismus eingeholt werden könnten?
Ja, also grundsätzlich hat man natürlich mit so einer hohen Reichweite eine gewisse Verantwortung. Welche Orte zeige ich? Ich halte mich an ein paar Grundsätze, die auch in Nationalparks gelten. Ich bleibe auf den Wegen, ich zeige nur Spots, die man von den Wegen aus wirklich betreten kann und wo man offiziell hindarf. Das heißt, ich mache keine Lost Places oder so. Ich gucke, dass ich selbst ein gutes Vorbild bin. Trotzdem habe ich immer wieder Kommentare, gerade aus dem alpinen Raum, die ich auch gut nachvollziehen kann. Wenn Bauern mir zum Beispiel schreiben, dass sie überrannt werden und die Leute Gatter von Weiden auflassen. Das ist einfach too much. Ich habe auch schon mal ein, zwei Videos runtergenommen. Aber wo ich die Kritik überhaupt nicht verstehen kann, ist, wenn es um die deutschen Mittelgebirge geht. Also um den Harz, die Sächsische Schweiz oder den Pfälzerwald. Das sind seit dem 19. Jahrhundert Tourismusregionen, und die Gastwirte dort freuen sich über Urlauber. Dass ich durch ein bestimmtes Video im Pfälzerwald den absoluten Influencer-Hyper-Tourismus auslöse – diese Chance sehe ich auch als relativ gering an, weil man für meine Spots tatsächlich eine Ecke wandern muss und die eben nicht so einfach zu erreichen sind wie zum Beispiel in den Alpen.
Was ist dein Lieblingsort in Deutschland?
Da spielt Lokalkolorit eine Rolle, denn für mich ist das die Sächsische Schweiz. Ich begründe auch immer gerne, warum es eine der schönsten Regionen in Deutschland ist. Wenn man in einer anderen Region ist, hat man so ein, zwei Berge, wo alle hingehen. In der Sächsischen Schweiz, auch wenn die jetzt gerade im Sommer recht überlaufen ist, verteilt sich das trotzdem ganz gut, Man hat dort so viele Tafelberge, so viele Gipfel, so viele Gratwege, die teilweise über Aufstiege, die fünf Minuten lang sind, zu erreichen sind. In der Sächsischen Schweiz gibt es für alle etwas – vom fortgeschrittenen Alpinisten bis zum „Flip-Flop-Touisten“. Auch Familien mit Kindern haben dort ihren Spaß.
Und welcher Spot hat dich am meisten enttäuscht?
Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mir nicht die nächsten Kooperationen verbaue. (lacht) Also es gibt, natürlich Regionen in Deutschland, die sind nicht so gesegnet wie andere sind. Wenn man natürlich jetzt die Einheimischen fragt, dann sagen die das ist der Himmel auf Erden, warum kommst du nicht zu uns? Um mal eine Region zu nennen, die für mich so eine Hass-Liebe ist – wobei Liebe mittlerweile überwiegt – ist der Harz. Zu Schulzeiten ist man oft in den Harz gefahren. Viele haben da keine guten Erinnerungen dran. Und heute gibt es wegen der Borkenkäfer echt viele unschöne abgeholzte Mondlandschaften. Ich habe tatsächlich vier Jahre gebraucht, um mir die wirklich geilen Spots im Harz wie die Teufelsmauer zu erschließen. Wenn man nicht genau weiß, wo die schönen Orte sind, kann man vom Harz arg enttäuscht werden.
Wie kommt es, dass du einen zweiten Teil von „Entdecke wo du lebst“ veröffentlich hast?
Das erste Buch ist ein absoluter Erfolg geworden, mit dem eigentlich niemand gerechnet hat. Wenn man in einer Buchhandlung in die Wander- und Reiseabteilung geht, da steht alles voll mit Deutschland hier, Deutschland da. Das heißt, mir wurden eigentlich gerade beim ersten Buch nicht so unbedingt die Chancen ausgerechnet, dass das der große Bestseller wird. Es ist aber ein absoluter Bestseller geworden. Und das liegt vermutlich daran, dass ich einfach anders an Deutschland herangehe. Ich versuche Analogien zu schaffen. Ich spiele immer gerne mit Fantasy-Landschaften. So nach dem Motto „das sieht ein bisschen aus wie Game of Thrones, das sieht ein bisschen aus wie Herr der Ringe“. Ich habe mir Reiseführer angeguckt, in denen die Autoren ihre Rouladen fotografiert haben, die sie unterwegs gegessen haben. Das ist eben keine Art, wie die jungen Leute an Wanderungen rangehen. Und dann ist natürlich genau der gleiche Effekt eingetreten, wie auch bei meinen Videos: Die Leser haben sich das Buch gekauft, angeguckt und mir geschrieben, ob ich nicht auch mal in xy vorbeigeschaut habe. Insofern wurde mir recht schnell Unvollständigkeit unterstellt, wobei man sagen muss, dass man Deutschland sowieso nicht in einem Buch ganz abbilden kann. Aber es musste ein zweiter Band her. Ich bin bei Weitem noch nicht durch, ich war beispielsweise noch nicht im Erzgebirge. Aber das verzeihen mir meine Follower glaube ich, da ich das quasi mit ihnen gemeinsam erkunde. Wir sind gemeinsam im gleichen Prozess drin.
Inwiefern unterscheiden sich die beiden Bücher? Was ist – abseits natürlich der neuen Tipps – anders?
Es sind zehn Ziele weniger als im ersten Buch, was erstmal wie ein Nachteil klingt. Für mich ist es ein Vorteil, weil ich tatsächlich – das haben sich auch die Leser des ersten Buches gewünscht – ein bisschen konkreter bei den einzelnen Tipps werde. Ich konnte auf lustige Sagen am Wegesrand eingehen und von meinen persönlichen Erfahrungen an den jeweiligen Orten berichten. Das zweite Buch ist definitiv persönlicher. Trotzdem sind es 130 neue Auskunftsziele in einem Buch, also das Preis-Leistungs-Verhältnis ist top. Und es gibt zwei neue Icons im Buch: das Icon Filmfans und das Icon Stopover. Das haben sich viele gewünscht. Ich bin so ein kleiner Location Hunter, das heißt, ich gucke gerne, wo in Deutschland Filme gedreht wurden, speziell Hollywood-Filme. Und mit dem Icon Filmfans findet man eben zum Beispiel in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal, wo „Tribute von Panem“ gedreht wurde. Auf das Stopover-Icon bin ich auch recht stolz, weil diese Orte aus dem ersten Buch komplett rausgefallen sind. Es gibt ganz viele Orte in Deutschland, bei denen es sich lohnt, auf einem Roadtrip einfach nur mal kurz anzuhalten. Das Label zeigt einem Orte, die wirklich nur als kleiner Zwischenstopp gedacht sind, zum Beispiel die Donauversickerung.
Kannst du dir vorstellen, noch ein drittes Buch herauszubringen, oder gibt Deutschland dann irgendwann nicht mehr genug her?
Ich schaue erst einmal, wie der zweite Band läuft. Ein Buch bedeutet mörderische Arbeit. Also das Schreiben hat mir total Spaß gemacht. Der Lektoratsprozess ist wiederum echt nervig. Man muss kürzen, dann passt ein Bild nicht, ein anderes kann nicht lizenziert werden… Wenn der zweite Band genauso gut ankommt, wie der erste, bin ich mir sicher, dass es noch genügend weiße Flecken in Deutschland, dass es sich lohnen würde, die Trilogie voll zu machen.
Sind die Bilder eigentlich alle von dir?
Ja, also 85 Prozent sind von mir. Das ist mir auch wichtig. Ich habe einen gewissen Stil in meinen Videos und den wünsche ich mir auch für mein Buch. Aber bei manchen Sachen fährt man zur falschen Jahreszeit hin oder kann keine Luftaufnahmen machen, weil das in Deutschland mit Drohnen so eine Sache ist… Deswegen würde ich sagen, gut zehn Prozent sind lizenzierte Bilder. Die restlichen fünf Prozent sind von meiner Mutter oder befreundeten Fotografen.
Hast du vielleicht einen guten Tipp, wie man schöne Fotos unterwegs machen kann?
Bei Landschaftsfotografie sind natürlich nach oben hin keine Grenzen gesetzt. Klar, ich könnte mir mit 10.000 Euro die super-duper Ausrüstung kaufen. Mittlerweile, wenn ich eine Kooperation habe, sind die Tourismusverbände immer arg enttäuscht, wenn ich da ankomme, weil ich einfach nur mein Handy dabeihabe. (lacht) Das heißt, viele Fotos im Buch sind einfach wirklich Handy-Schnappschüsse. Teilweise sind es sogar Screenshots aus meinen Videos. Und das ist, glaube ich, für die Leserinnen und Leser auch eine Botschaft, die ich mitgeben kann. Die Technik spielt nicht die größte Rolle. Man braucht ein gutes Auge. Ob man ein guter oder ein schlechter Fotograf ist, sieht man am Bildausschnitt. Und das Zweite, was man wirklich beeinflussen kann, ist das Licht. Da hilft es, sich einfach an Grundsätze zu halten: Von zehn bis drei hat der Fotograf frei. Das heißt, entweder ich gehe früh zum Ort oder ich gehe halt wirklich in den späten Nachmittagsstunden bis zur goldenen oder zur blauen Stunde. Gutes Licht ist schon die halbe Miete. Wenn ich natürlich um zwölf Uhr zur Mittagssonne ein Foto mache, dann wird es flach, dann wird es grell, dann werden auch Porträts nicht schön.
Wohin geht deine nächste Reise?
Das Nächste, was jetzt im Sommer geplant ist, ist tatsächlich mal nicht in Deutschland, sondern Wandern in Griechenland. Es gibt dort wunderschöne Wandertrails auch auf dem Festland. Ansonsten bin ich im August aber auch wieder in der Lüneburger Heide unterwegs.
Du sagtest, du bist ein großer Film-Fan. Hast du noch einen Streaming-Tipp für unsere Leser?
Wenn man bei Filmen bleiben will, in denen man ein bisschen was von Deutschland sieht, dann schaut euch gerne mal „Grand Budapest Hotel“ oder „Monuments Men“ an.
„Entdecke wo du lebst! Neue Touren auf alten Pfaden“
von Simon Hegewald, Belser, 176 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-7630-2931-0