Neu im Kino

Die Herausforderung des Loslassens: Filmkritik zu “Geister“ von Fatih Akin

04.11.2026, 12.55 Uhr
Nach der Aufstiegsstory “Rheingold“ (2022) und dem Historiendrama “Amrum“ (2025) erzählt Regisseur Fatih Akin in “Geister“ eine tragische Liebesgeschichte. Während die Tragik deutlich wird, bleibt die Romantik dahinter zurück.
Eren M. Güvercin, Fatih Akin und Mariam Dawoud stehen nebeneinander.
“Geister“ von Fatih Akin läuft ab dem 5. November 2026 in den deutschen Kinos.  Fotoquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress | Clemens Niehaus

Was wäre gewesen, wenn? Das ist eine der Fragen, die wir uns im Leben immer wieder stellen – besonders in der Liebe: Was wäre gewesen, wenn wir uns damals nicht getrennt hätten? Wenn wir uns nur früher kennengelernt hätten? Wenn nur eine scheinbare Kleinigkeit anders verlaufen wäre? Vor so einer Was-wäre-wenn-Frage stehen Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) in Fatih Akins neuem Kinofilm "Geister". Obwohl der kurz nach Halloween startet, sind besagte Geister nicht gruselig, sondern Ausdruck von Trauer und Sehnsucht.

Farasha und Faris begegnen sich mit 20 Jahren auf einer Abi-Party in Hamburg, wo es sofort knistert. Es ist eine dieser Begegnungen, die sich beinahe schicksalshaft anfühlen. Eben noch waren sie Unbekannte, plötzlich zeichnet sich am Horizont eine große Liebesgeschichte ab. Ein schlimmes Unglück verwehrt Faris und Farasha jedoch diese verheißungsvolle Zukunftsversion: Bei einem gemeinsamen Autounfall stirbt Farasha noch am selben Abend.

"Geister" von Fatih Akin: Warum es dem romantischen Drama an Romantik mangelt

Der Unfall bedeutet jedoch nicht automatisch das Aus für die sich anbahnende Beziehung, denn als Geist kann Farasha in Faris' Träumen erscheinen. Erst jetzt bekommen die beiden Verliebten Gelegenheit dazu, sich tatsächlich kennenzulernen. Was Faris und Farasha in den wenigen gemeinsamen Stunden vor dem Unfall nicht vergönnt gewesen war, ließe sich nun theoretisch nachholen. Leider nutzt das Drehbuch (von Regisseur Fatih Akin und Ruth Toma) die Treffen der beiden jungen Menschen nicht, um deren Beziehung sonderlich mehr Tiefe zu verleihen.

Die gemeinsame Zeit besteht zu einem großen Teil aus Spaziergängen, in denen sie meist oberflächliche Gespräche über Alltagsthemen führen. Ein Wir entsteht dadurch allerdings nicht, ebenso wenig eine echte Nähe. Romantik will deshalb nicht so recht aufkommen, obwohl Akin seine beiden Protagonisten schön in Szene setzt und die Musik große Gefühle suggeriert. Auch in den Blicken von insbesondere Farasha-Darstellerin Mariam Dawoud lassen sich Sehnsucht und Zuneigung erkennen. All das wird jedoch von der Oberflächlichkeit der Dialoge torpediert.

Und so gelangt man wieder zur Ausgangsfrage: Was wäre gewesen, wenn? Wie emotional ergreifend wäre "Geister" geworden, wenn Akin und Toma den Dialogen mehr Gehalt gegeben hätten? Wie sehr hätte uns dieses Paar verzaubern und gleichzeitig zu Tränen rühren können, wenn sich gewisse Entwicklungen nicht übereilt abspielen würden? Die Antworten darauf lassen sich nur erahnen. Eines scheint klar: In "Geister" hätte weitaus mehr Potenzial gesteckt, als letztlich auf der großen Leinwand zu sehen ist.

Geister ohne Glaubwürdigkeit

Hinzu kommt, dass einzelne Szenen unglücklich und befremdlich wirken – und das, obwohl es sich bei dem vielfach ausgezeichneten Filmemacher Fatih Akin um einen Vollprofi handelt. Dennoch hat es zumindest eine Logiklücke in den fertigen Film geschafft (Zeichnung im Traum existiert plötzlich auch im realen Leben). Einer weiteren Szene zwischen Faris und Farashas bester Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) mangelt es dagegen an Glaubwürdigkeit; es ist nur schwer nachvollziehbar, dass Una einfach so akzeptiert hat, dass Farasha tatsächlich in Träumen geliebter Menschen mit diesen Kontakt aufnehmen kann.

Selbstverständlich lässt sich hier entgegnen, dass man doch keine vollkommene Logik in einem Film erwarten kann, der auf Übernatürliches zurückgreift. Hier wird jedoch gerne übersehen, wie wichtig es für eine Geschichte ist, in sich stimmig zu sein. Andernfalls leidet erst die Authentizität und in Konsequenz fällt es als Zuschauerin oder Zuschauer schwerer, emotional dabei zu bleiben. Noch schwerer wiegt allerdings das Problem der mangelnden Romantik.

Was "Geister" dennoch zu einer tränenreichen Tragödie macht

Während diese zu lieblos gestaltet wird, überzeugt "Geister" dafür mit seiner Tragik. Wenn ein so junger Mensch urplötzlich aus dem Leben gerissen wird, ist das zwangsläufig eine Tragödie. Noch schwermütiger wirkt dieser Schicksalsschlag durch die Verbindung der verunglückten Farasha zu Faris. Eine Verbindung, die im realen Leben nicht mehr ausgelebt werden kann. Gemeinsame Erlebnisse, Beziehungsmeilensteine, Geburtstage und Ähnliches werden es außerhalb der Traumwelt nicht mehr geben.

Diese ohnehin zutiefst bedrückende Erkenntnis gewinnt durch das Spiel der Protagonisten noch mehr an Intensität. Eren M. Güvercin (bekannt aus den Serien "Druck" und "Euphorie") wirkt in manchen Momenten zwar etwas ungelenk, stellt jedoch die Trauer des jungen Faris überaus mitreißend dar. Nicht nur Farasha selbst, auch Faris muss dieses Unglück akzeptieren.

Verständlicherweise fällt das umso schwerer wegen des Hochgefühls kurz vor dem Unfall: Völlig unverhofft lernen sich die beiden kennen; es fühlt sich nach Schicksal an. Vor ihnen scheint – auch angesichts des Abis in der Tasche – eine vielversprechende Zukunft zu liegen. Während Farashas Leben ein jähes Ende gefunden hat, verhindert die niederschmetternde Trauer, dass Faris seines einfach so weiterleben kann.

Trauer, Loslassen und die Zahl 40 in Fatih Akins "Geister"

Dass Farasha Faris in dessen Träumen besuchen kann, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bekommen sie die wertvolle Chance dazu, sich doch noch voneinander zu verabschieden. Andererseits ist es nur allzu verlockend, den Prozess des Loslassens nach hinten zu verschieben oder sogar gänzlich auszublenden und stattdessen so viel Zeit wie möglich miteinander in dieser Traumwelt zu verbringen. Zudem gibt es einen Haken: Nur für 40 Nächte ist es Farasha gestattet, Faris zu besuchen.

Die Wahl der Zahl 40 durch Fatih Akin und seine Co-Autorin Ruth Toma ist keineswegs zufällig. Nicht nur im Christentum, auch für das Judentum und den Islam ist die Zahl von großer Bedeutung. So kamen etwa am 40. Tag nach einem Todesfall im Verwandten- und Freundeskreis Musliminnen und Muslime zusammen, um den Verstorbenen zu ehren.

Geprägt haben den Film "Geister" auch Todesfälle im Umfeld Akins, wie dieser in einem Interview mit dem NDR Ende September verriet. Filmemachen sei für ihn eine Möglichkeit, die Allgegenwärtigkeit des Todes zu verarbeiten. Dabei müsse er vermitteln, wie es den Charakteren tatsächlich geht, erklärte der Regisseur in dem Gespräch. Das ist ihm mit "Geister" zweifellos gelungen, der trotz seiner Schwächen berührt und nachdenklich stimmt.

"Geister" von Fatih Akin läuft ab dem 5. November 2026 in den deutschen Kinos.

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