Zweiter Weltkrieg

Filmkritik zu “Pressure“ mit Brendan Fraser und Andrew Scott: Das richtige Wetter für den D-Day

23.09.2026, 10.12 Uhr
Was geschah in den Tagen vor dem D-Day und welche Rolle spielte das Wetter? Damit beschäftigt sich das Historiendrama “Pressure“, das besonders mit Spannung, Dramatik und Witz punkten kann.
Brendan Fraser im Film "Pressure"
"Pressure" läuft seit dem 17. September in den deutschen Kinos.  Fotoquelle: picture alliance / Focus Features via AP | Alex Bailey

Die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg, bietet Stoff für Unmengen an Dokumentationen, Büchern und Spielfilmen. Gleichzeitig kann es so erscheinen, als wäre angesichts der Flut an Veröffentlichungen und Produktionen längst jedes Detail dieses Kriegs und der NS-Zeit ausgiebig beleuchtet worden. In eine Lücke, die vermutlich kaum jemand bislang wahrgenommen hat, stößt nun das britisch-französische Historiendrama “Pressure“. Die Handlung des Films und des zugrundeliegenden Bühnenstücks widmet sich wiederum selbst einer Lücke – der Lücke in einem gewaltigen Unwetter, das im Juni 1944 über dem Nordatlantik tobt.

Diesen passenden Moment auszumachen ist die Aufgabe des britischen Chefmeteorologen Captain James Stagg (Andrew Scott). Wenige Tage vor dem sogenannten D-Day – der Landung in der Normandie – erwarten die Streitkräfte der Alliierten unter dem Kommando von US General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) von Stagg eine ebenso präzise wie verlässliche Wettervorhersage. Sie drängen auf grünes Licht für die größte Seeinvasion der Menschheitsgeschichte, die wesentlich über den Ausgang des Zweiten Weltkriegs entscheiden wird.

“Pressure“: Der unvergleichliche Druck vor dem D-Day

Ein tosender Sturm braut sich also nicht nur über dem Atlantik zusammen, er tobt auch in den Besprechungsräumen des Southwick House. In dem Herrenhaus im südenglischen Hampshire befindet sich das provisorische Hauptquartier der alliierten Streitkräfte. Ein Großteil der Filmhandlung spielt sich dort ab; zwischen Planungssitzungen, meteorologischer Arbeit und internen Machtkämpfen um persönliches Ansehen und Deutungshoheit kommt nicht ein Funken Langeweile auf.

Das verdankt der Film dem namensgebenden Druck, der auf allen Beteiligten lastet. Die militärische Führung und auch das Meteorologen-Team sind sich der enormen Bedeutung der “Operation Overlord“ bewusst: Einerseits darf die Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie unter keinen Umständen scheitern, andererseits wird die Zeit zunehmend knapp. Denn mit jedem Tag steigt die Gefahr, dass das Deutsche Reich von den exakten Plänen Wind bekommt. “Pressure“ gelingt es ausgezeichnet, diesen Konflikt zu vermitteln und schafft es, dass sich der Druck auf das Publikum überträgt.

Dafür sorgen die fesselnd geschriebenen Dialoge in Kooperation mit dem eindringlichen Schauspiel von allen voran Andrew Scott und Brendan Fraser. Dialoge, Schauspiel und der kammerspielartige Schauplatz erwecken zusammen immer wieder den Eindruck, als würde man das Bühnenstück verfolgen, wodurch ein intensives Seherlebnis entsteht. Hilfreich war sicherlich auch, dass mit David Haig der Autor des Theaterdramas auch am Filmdrehbuch beteiligt war.

Humor in düsteren Zeiten: Fesselnde Wortgefechte in “Pressure“

Regisseur Anthony Maras (u. a. “Hotel Mumbai“), der sich noch fernab des Rampenlichts bewegt, ist mit “Pressure“ ein mitreißend-dramatischer Historienfilm gelungen, der diesem sensiblen Thema gerecht wird. Und zwar auch deshalb, weil man überdramatisierenden Pathos und US-amerikanischen Patriotismus vergebens sucht. Anders, als es der Trailer hatte vermuten lassen, handelt es sich bei “Pressure“ eben nicht um ein hollywoodartiges Filmdrama, für das sich mit Großbritannien und Frankreich lediglich andere Produktionsländer verantwortlich zeigen, welches ansonsten aber kaum von einem US-Historienfilm zu unterscheiden wäre.

Zum Erfolgsrezept gehört etwas unerwartet auch der Humor, mit dem das Historiendrama gekonnt ins Schwarze trifft. In den Besprechungsräumen des aristokratischen Herrenhauses prallen große Egos mit teils viel Temperament aufeinander. Nicht bloß mit Militärvertretern liefert sich der britische Chef-Meteorologe Stagg fesselnde Wortgefechte, sondern auch mit einem Konkurrenten innerhalb seines Teams, dem US-Amerikaner Irving P. Krick (Chris Messina). Transportiert wird der Humor oft trocken und nüchtern, wobei er trotz der ernsten Situation nie fehl am Platz oder erzwungen wirkt.

Die wortgewandten Sprüche scheinen nämlich nicht vordergründig den Zweck zu verfolgen, die angespannte Stimmung aufzulockern, um dem Publikum nicht zu viel zuzumuten. Vielmehr gewinnt die Drucksituation, in der sich die Charaktere befinden, an Authentizität und damit letztlich auch die Figuren selbst. Humor ist schließlich auch ein Ventil, um mit so einem Druck klarzukommen. Darüber hinaus sind die gegenseitigen Spottattacken aber auch Ausdruck des Machtkampfes zwischen diesen Männern, der in diesem Kontext nun mal rhetorisch ausgetragen wird.

Historische Korrektheit und dramaturgische Freiheiten in “Pressure“

Nicht zuletzt wegen dieser zwischenmenschlichen Dynamiken ist der Weg zur Entscheidung für den 6. Juni 1944 als D-Day hochspannend. Das wird auch nicht durch das Wissen geschmälert, dass die Landung in der Normandie an diesem Tag und nicht am 5. oder 18. Juni erfolgte – zwei Termine, die im Film ebenfalls diskutiert werden. Mit zunehmender Laufzeit gewinnen zudem die Charaktere, vor allem James Stagg, sein Konkurrent Irving P. Krick, aber auch Eisenhower sowie seine persönliche Sekretärin Kay Summersby (Kerry Condon) an Tiefe.

Geschichtsfans dürfen sich außerdem über ein solides Maß an historischer Korrektheit freuen. So gab es auch die beiden Meteorologen Stagg und Krick tatsächlich, das Wetter war wirklich ein entscheidender Faktor für die Mission und auch der Konflikt zwischen verschiedenen Wetterprognosen beruht auf realen Begebenheiten. Dieser wird aus dramaturgischen Gründen jedoch vereinfacht und zugespitzt. In “Pressure“ konzentriert er sich stark auf den Briten Stagg und den US-Amerikaner Krick, der Konflikt wird damit sehr persönlich. In der Realität existierten drei getrennte Wetterzentren, die ihre Prognosen erstellten und anschließend telefonisch miteinander abglichen.

“Pressure“ und seine Liebeserklärung an die Wissenschaft

Diese Zuspitzung ist jedoch nachvollziehbar und ein Grund dafür, warum das Drama über die Laufzeit von rund 100 Minuten so sehr in den Bann zieht. Gleiches gilt für die Darstellung, dass Stagg nicht von vornherein Eisenhowers Vertrauen genossen hätte. In Wahrheit war Stagg schon seit Monaten als leitender Meteorologe Teil des Teams, war etabliert und geschätzt, und stieß nicht erst wenige Tage vor dem D-Day hinzu. Der Druck und die Unsicherheit bezüglich einer verlässlichen Wetterprognose sind jedoch real – und genau das ist das Kernelement von “Pressure“.

Der D-Day ist vermutlich den meisten Erwachsenen ein Begriff. Welche Rolle das Wetter spielte, dürfte dagegen häufig eher unbekannt sein. In der Masse an Historienfilmen über den Zweiten Weltkrieg schließt “Pressure“ damit eine Lücke, setzt zeitlich unmittelbar vor Klassikern wie beispielsweise Steven Spielbergs “Der Soldat James Ryan“ (1998) an, der anfangs direkt am D-Day spielt.

Zu guter Letzt ist “Pressure“ auch eine Liebeserklärung an die Wissenschaft, ein Bekenntnis zu mess- und belegbaren Fakten und deren Wert. Das ist gerade jetzt sehr willkommen, in einer Zeit, in der viele Menschen nur noch das glauben, was sie glauben wollen. Wetter und Klima scheren sich jedoch nicht um unsere Gefühle; man kann mit ihnen nicht diskutieren – unbeeindruckt davon, wie sehr es manche dennoch versuchen.

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