Mireille Mathieu: "Die Begegnung mit dem Publikum wird mir fehlen"
Am 22. Juli feiern Sie Ihren 80. Geburtstag, und im Herbst werden Sie zahlreiche Konzerte in Deutschland geben. Ist die Musik Ihr persönlicher Jungbrunnen?
Mireille Mathieu: Ich glaube, dass die Musik vor allem ein Geschenk ist, das ich vom Leben erhalten habe. Sie begleitet mich jetzt seit meiner Jugend in Avignon, und sie gibt mir immer noch unendlich viel Energie. Wenn ich auf die Bühne komme und das Publikum sehe, ist es für mich immer noch so emotional wie ganz zu Beginn. Diese erwiderte Liebe ist ganz bestimmt der schönste Jungbrunnen. So lange man von Herzen singt, bleibt man im Geiste jung.
Wie kann man es schaffen, so viele Jahrzehnte lang ganz oben zu stehen?
Ich habe immer versucht, mir selbst, meinen Werten und dem Publikum treu zu bleiben. Ich habe Fans, die mich seit meinen Anfängen begleiten. Das Singen habe ich nie als Beruf angesehen, sondern als Berufung. Und ich habe das große Glück, meine Leidenschaft leben zu können. Ich habe mich in meiner Karriere immer leiten lassen von Arbeit, Disziplin, Respekt und Dankbarkeit gegenüber dem Publikum, das meine Karriere begleitet hat. Man darf nichts als gegeben hinnehmen. Jedes Konzert ist ein neuer Beweis für das Vertrauen, das mir das Publikum entgegenbringt. Mit meinem Publikum verbindet mich nun seit mehr als 60 Jahren eine echte Liebesgeschichte.
Welches Konzert oder welcher Auftritt hat bei Ihnen die schönste Erinnerung hinterlassen?
Es waren so viele Konzerte! Ich bin in meiner Karriere mehr als 3.500 Mal aufgetreten. Aus jedem Land habe ich unvergessliche Erinnerungen. Ich hatte das Glück, vor ganz unterschiedlichen Menschen auftreten zu dürfen. Und immer haben mir alle viel Liebe gegeben. Oft denke ich an meine ersten großen Konzerte im Olympia, die für meine Karriere entscheidend waren. Aber auch meine zahlreichen Tourneen durch Deutschland, wo ich seit 60 Jahren vom Publikum mit außerordentlicher Treue und Zuneigung empfangen werde, sind für mich eine ganz besonders schöne Erinnerung.
Sie haben mit vielen internationalen Stars im Duett gesungen. Mit wem haben Sie am liebsten gesungen - und weshalb?
Ich hatte das große Glück, herausragende Künstler kennenlernen zu dürfen. Jedes Duett ist ja zunächst einmal eine Begegnung zwischen zwei Menschen. Ich denke insbesondere an Tom Jones, Dean Martin, Charles Aznavour, Plácido Domingo, Peter Alexander, Florian Silbereisen und auch Patrick Duffy. Mit allen war die Begegnung sehr wertvoll. Aber ich habe daraus auch etwas gelernt, nämlich dass die größten Künstler häufig die genügsamsten und bescheidensten Menschen sind.
Sie haben in sehr vielen Sprachen gesungen. Wie haben Sie das geschafft, und welche Sprache war die schwierigste für Sie?
Ich bin an jede neue Sprache mit viel Respekt herangegangen. Für die Aussprache habe ich mit Lehrern gearbeitet, manchmal Wort für Wort, bis ich alle Silben richtig aussprechen konnte. In der Sprache des Publikums zu singen, ist ein Zeichen von Respekt. Und jede Sprache hat ihre eigene Melodie.
In manche Sprachen wie Japanisch und Finnisch musste ich mich richtig hineinknien. Es war harte Arbeit, die mich aber auch enorm bereichert hat.
Wird Ihnen die Bühne fehlen?
Ich stehe nun schon so lange auf der Bühne, dass es nur schwer vorstellbar ist, ohne Auftritte zu leben. Was mir am meisten fehlen wird, sind die Begegnungen mit dem Publikum. Das sind einzigartige Momente, wenn zwischen dem Publikum und dem Künstler eine gefühlvolle Verbindung entsteht. Aber ich bin sehr dankbar für alles, was das Leben mir bietet.
Jedes Konzert ist ein Fest, und so lange ich die Menschen mit meiner Stimme noch erreiche, werde ich fröhlich weitersingen, immer weitersingen.
Welche Art von Musik hören Sie privat?
Ich liebe die großartigen Sängerinnen und Sänger und die schönen Melodien. Sehr gerne höre ich französische Chansons, Opern, klassische Musik und auch die wunderbaren internationalen Interpreten. Maria Callas, Charles Aznavour, Tom Jones, Queen, Abba, Dalida, Luciano Pavarotti und Barbara Streisand haben mich immer stark inspiriert. Musik kennt keine Grenzen: Wenn Sie aufrichtig ist, berührt sie das Herz, ganz gleich in welcher Sprache.
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